61 Fenster für das Solothurner Kunstschaffen Nr. 9 – Nicolle Bussien
Aus Anlass der 37. Kantonalen Jahresausstellung der Solothurner Künstler*innen im Kunstmuseum Olten stellen wir Ihnen die beteiligten Kunstschaffenden und ihre Exponate vor.
Die Jahresausstellung der Solothurner Kunstschaffenden findet abwechselnd in Olten und Solothurn statt. 2021 wird sie vom Kunstverein Olten im Kunstmuseum Olten ausgerichtet.
Die Ausstellung gibt Einblick in die vielgestaltige und lebendige Solothurner Kunstszene und bietet eine wichtige Plattform für den Austausch mit und zwischen den Kunstschaffenden der Region.
Nicolle Bussien Réviser les lignes
In Nicolle Bussiens (*1991) Video-Essay wird der Fussballplatz zum politischen Spielfeld. «Réviser les lignes», so der Titel des zweikanaligen Werkes, «(de)konstruiert die Markierungs- und Begrenzungslinien von Fussballfeldern auf poetische Weise», wie die Künstlerin selbst sagt.
Abb. 2 Nicolle Bussien: Réviser les lignes (Videostill), 2020 Foto + © Nicolle Bussien
Gezeigt wird eine Rasenfläche, auf die mal von Hand mit Pinseln, mal mechanisch mit einem Markierwagen Linien gezogen werden. Eine Stimme aus dem Off kommentiert das Bild, versucht die Bedeutung der Linien zu erfassen und zu verorten, während eine andere von ihren Kindheitserinnerungen an den Fussballspiele auf dem Pausenhof berichtet.
«Die weissen Standartlinien», so die Künstlerin über ihre Arbeit, «beschwören die metaphorische Trennung und Abgrenzung.» Markierungen werden zu Grenzen, die Grenzen zu Abgrenzungen und die Abgrenzungen zur Ausgrenzung! Sie übernehmen die wortwörtliche Funktion der ‹Richtlinie› anhand derer vermeintlich Zugehörigkeit gemessen werden kann.
Abb. 3 Nicolle Bussien: Réviser les lignes (Videostill), 2020 Foto + © Nicolle Bussien
«Teilung, Weg, Barriere, Trennung, Frontlinie, Separation, Markierung» – die Wiesenfläche wird abgeschritten, abgemessen mit weisser Farbe fein säuberlich aufgegliedert. Ein Akt, der entfernt an die einstige Grenzziehung zwischen nordafrikanischen Ländern auf dem Reissbrett erinnert.
Die Linien in unsere Gesellschaft zu revidieren bedeutet, unser kategorisches, kategorisierend Trennen in ein «Wir» und ein «Andere» zu hinterfragen.
«Als wir klein waren, spielten wir Schweizer*innen gegen Ausländer*innen», berichtet die Stimme aus dem Off. «Wir waren alle am selben Ort. Wie kann also eine Person lokaler sein als eine andere?»
«Réviser les lignes», so Bussien weiter, «ist eine Reaktion auf politische Debatten um Migration und Zugehörigkeit, die regelmässig im Zusammenhang der postmigrantischen Schweizer Nationalmannschaft geführt wird.» (NZZ)
Abb. 4 Nicolle Bussien, Nina Jaun (Fashiondesignerin), Vanja Ivana Jelić (Grafiker) Themus, 2020 Fussballtrikots, je ca. 1.4 x 1.2 m Foto + © Nicolle Bussien
Fragen zu Diskriminierung, Inklusion und Exklusion unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen bilden das Leitmotiv in Nicolle Bussiens künstlerischem Schaffen. Ihre Arbeiten bilden oftmals Analogien zu tiefer liegenden Problematiken aus. So repräsentiert z. B. ein klassisches Studio für Bewerbungsfotos die strukturelle Diskriminierung von Migrant*innen bei der Arbeitssuche («Lights On», 2020). Ein Eintritts-Stempel eines Clubs tritt an die Stelle der Validierungsstempel amtlicher Dokumente («act privileged!», 2021) oder ein aus Trikos von verschiedenen regionalen Fussballklubs zusammengesetztes Fussballshirt verweist auf die Migrationsgesellschaft der Schweiz («Themus», 2020).
Im Zentrum ihres Interesses steht dabei die Multiperspektivität, mit der sie die vielschichtigen Lebensrealitäten aufzuzeigen und kategorische, kategorisierende Denkmuster zu reflektieren sucht. Ein Merkmal, was sich auch in ihrer kollaborativen und transdisziplinären Arbeitsweise widerspiegelt.
Abb. 5 Nicole Bussien: Nimm Platz, 2019 Installation (Stühle, Text auf Papier)
In ihrer Heimatstadt Olten hatte die Künstler ihr Ausstellungsdebut 2019, wo sie gleich an zwei Gruppenausstellungen gezeigt wurde. Neben der JKON (Junge Kunst Olten) nahm sie auch erstmals an der Kantonalen Jahresausstellung der Solothurner Künstler*innen teil. Mit ihrer Textarbeit «Nimm Platz» forderte sie Besucher*innen direkt dazu auf, sich für die Lektüre des Textes auf einem der zur Verfügung gestellten Klappstühle an einem Ort ihrer Wahl im Museumsraum gemütlich zu machen. Zu lesen bekam man eine Sammlung von Textfragmenten über unterschiedlichen Vorstellungen von Gemeinschaften und Platzverteilung.
Abb. 6 Portrait Nicolle Bussien © Nicolle Bussien
Biografisches
Die gebürtige Oltnerin absolvierte ihre künstlerische Ausbildung an den Kunsthochschulen von Zürich (ZHdK) und Bern (HKB). Letztere schloss sie 2015 mit dem Bachelor of Arts ab.
Seit 2011 ist die sie wiederholt in Solo- und Gruppenausstellungen in der Schweiz aber und darüber hinaus in Städten wie New York, Warschau, Berlin, London, Toronto, Vancouver oder Bogotá zu sehen.
Seit 2015 engagiert sich Bussien neben ihrer künstlerischen Tätigkeit stark in kultur- und sozialpolitischen Projekten. So war sie u. a. Mitbegründerin der Ateliergemeinschaft «Verein Schwobhaus» in Bern, wo sich auch ihr eigenes Atelier befindet. Weiter war sie Mitinitiatorin und -organisatorin der transdisziplinären Veranstaltungsreihe «Immer am Achten» (2015–2019) sowie der Diskussionsreihe «Über Texte sprechen» (2016). Seit 2019 wirkt sie beim «Institut Neue Schweiz» mit, ist seit 2020 Teil des Organisationsteams der Berner Werkgesprächsreihe «Freipass» und gehört zu den Gründer*innen des Berner Art Community Center «Living Room».
Für ihre Arbeit wurde sie wiederholt ausgezeichnet, 2020 etwa für «Lights On» mit dem Hauptpreis der Schweizer Stiftung Frauenkunstpreis.
Mehr erfahren
Nicolle Bussien im Künstlerhaus S11, Solothurn
Nicolle Bussien auf artfacts.ch
Frauenkunstpreis 2020
Alice Britschgi und Nicolle Bussien, Lights on – Werkschaubeitrag Nr. 24, Werkschau 2021 Werkbeiträge Bildende Kunst, Fachstelle Kultur Kanton Zürich
Abbildungen
Abb. 1 Nicolle Bussien Réviser les lignes, 2020 HD Video Installation, 9 min © Künstlerin
Abb. 2–7 Siehe Legenden unter den Abbildungen
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Ein Beitrag von Rani Magnani, Kunsthistorikerin Praktikantin Kunstmuseum Olten
Redaktion: Katja Herlach, stv. Direktorin Kunstmuseum Olten
Veröffentlicht am 25.1.2022

















