Willkommen im NON
„Konzeptkunstscheiß“ im Alten Volksbad
Die NON-Lesung von und mit Johannes Thies findet am 23.03.2015 im Barbereich des Alten Volksbads statt. Man hat Sitzreihen aus niedrigen, schwarzen Holzbänken aufgestellt und die schummrige Beleuchtung sorgt für eine loungige Atmosphäre. Die Stimmung im gut besuchten, aber nicht zu vollgestopften Raum ist angenehm locker. Johannes Thies hat einige Bekannte mitgebracht. Das eintreffende Publikum begrüßt er mit: „Willkommen im NON“, „Happy NON“ oder „Frohes NON“. Die einleitende Erklärung zu Lesung lautet NON sei „Konzeptkunstscheiß“. Obwohl es vom Wortlaut so klinge, wolle das NON nicht negieren, sondern es sei immer „AUCH“, deswegen sei die NON-Lesung eine „AUCH-Lesung“: In den folgenden zwei Stunden werden deshalb nicht nur Texte vorgetragen, sondern es wird auch viel kommuniziert und interagiert. Zunächst richtet man auf Laptops via Skype zwei Liveschaltungen ein. Zum einen nach Hamburg zu Kai Erdmann aka Bobbi Fleisch, dem „NON-Guru“, zum anderen nach Düsseldorf zu Florian Kuhlmann, genannt „die Lanze“, mit seinem kleinen Sohn, den er im Laufe des Abends ins Bett bringt und die Lesung anschließend aus dem Kinderzimmer weiter verfolgt. Angelehnt an frühere Veranstaltungen läuft dies unter dem Arbeitstitel „Äthertalk“. Der Laptop mit dem Videochat nach Düsseldorf wird anfangs durchs Publikum gereicht, um Gelegenheit zum Austausch zu geben. Technische Probleme führen später zu wiederholten Unterbrechungen der Liveschaltungen, was aber der Stimmigkeit des Events keinen Abbruch tut. Zufall und Spontanität sorgen für NON-gerechte Dynamik und Absurdität.
Das NON und die Metamoderne
Die Vorsilbe “Meta” stammt aus dem altgriechischen und kann mehrere Bedeutungen haben, zum Beispiel zwischen, zugleich oder danach. All diese Definitionen haben etwas mit der Metamoderne zu tun: das Pendeln zwischen verschiedenen Polen, das Zugleich von Widersprüchen und das Nachfolgende der Postmoderne. Der Begriff wurde von den niederländischen Kulturtheoretikern Timotheus Vermeulen und Robin van den Akker im Jahr 2010 durch ihr Essay “Notes on Metamodernism” eingeführt. Dem folgten eine Webseite mit dem selben Titel, ein Forschungsprojekt, sowie eine Anzahl von Symposien und Ausstellungen, zu denen sich bisher eine Reihe von Akademikern, Schriftstellern und Künstlern aus der ganzen Welt geäußert haben. Die Metamoderne kann als die kulturelle Logik der jetzigen Generation und als Versuch, eine die Postmoderne überwindende Antwort auf unsere krisengeschüttelte Gegenwart zu finden, aufgefasst werden. Sie beschreibt die Merkmale einer bestimmten, neuen Entwicklungsstufe der Moderne. Der Kulturwissenschaftler Raymon William spricht in „Marxism and Literature“ 1977 von einer „gewissen Qualität der sozialen Erfahrung, die sich historisch von anderen Qualitäten abgrenzt und so das Empfinden einer Generation oder einer Zeit ausdrückt“. Dieser Zeitgeist zeigt sich in Form der vorherrschenden kulturellen Praktiken und dem ästhetischen Empfinden der Jetztzeit. Dabei hat die Postmoderne ihren Tod überlebt und spukt, ebenso wie die Moderne, noch als Gespenst in unserer zeitgenössischen Kultur umher. Das Gefühl der Metamoderne gleicht einer Schwingung zwischen dem modernen Wunsch nach Sinn und dem postmodernen Zweifel, zwischen einer modernen Aufrichtigkeit und einer postmodernen Ironie, zwischen Hoffnung und Melancholie, Empathie und Apathie, Einheit und Vielheit, Naivität und Wissen, Pragmatismus und Utopie, und bewirkt so die Aufhebung von Widersprüchen. Es ist diese Dynamik, in der sich die Metamoderne ausdrückt. Neben der Dauerschwingung zwischen an Moderne und Postmoderne erinnernden Elementen tauchen aber auch Erscheinungen auf, die darüber hinaus gehen. Das gedachte Pendel schwingt nicht zwischen zwei oder drei, sondern einer Vielzahl von Polen hin und her. Dadurch entsteht eine Unschärfe, die es schwer macht, die Metamoderne zu beschreiben. Nichtsdestotrotz scheinen die Angehörigen unserer Generation – damit sind jene gemeint, die in den 80er und 90er Jahren aufgewachsenen sind – sie intuitiv zu erkennen.
Die metamoderne Medienwelt ist gekennzeichnet von kreativen Amateuren, sozialen Netzwerken und lokal generierten Medien. Die Künstler verlassen die ästhetischen Stilelemente der Postmoderne, zu der Dekonstruktion, Widersprüchlichkeit und Imitation gehören, zugunsten Vorstellungen des Wiederaufbaus, des Mythos und des Vermittelnden. Die Postmoderne wird dadurch zwar überwunden, einige ihrer Merkmale werden aber beibehalten. Dabei geht es bei der Metamoderne weniger um die Klassifizierung einer bestimmten künstlerischen Stilrichtung - ihr Konzept erlaubt die Koexistenz vieler verschiedener untergeordneten Stilrichtungen. Sie definiert kein geschlossenes System des Denkens und diktiert keine konkreten ästhetischen Werte oder Methoden, sondern öffnet den Diskurs zu Visionen.
.„NON und Metamoderne gehören zusammen“ erläutert Thies, das NON sei so etwas wie der „Nukleus der Metamoderne“. Es habe ernsthafte und unsinnige Momente, wobei letzere überwiegen, aber der Ernst der Lage sei nicht zu verkennen. Das NON zu erforschen hat er sich, zusammen mit einer Gruppe von mehr oder weniger involvierten Menschen, zum Ziel gesetzt. Begonnen hat das Projekt mit einem nicht aufgezeichneten Interview und dem NON-Verteiler über Email, bis vor zwei Jahren in Berlin mit dem BERLINON zum ersten Mal ein einwöchiges Langzeitexperiment stattfand. Man reiste ohne Geld, Proviant und Plan an, um in einem Raum mit Schreibmaschine und Instrumenten zu sitzen, zu schreiben, Menschen zu treffen, mit ihnen zu reden und NON-Lyrik zu produzieren. Das Ergebnis ist ein 116 Seiten umfassender Katalog zum Event, der auch das NONifest – das Manifest des NON – enthält. Ebenso wurde die Errichtung eines Schreins für den NON-Guru dokumentiert, der neben einigen wenig appetitlichen Elementen wie einem Spuckebecher auch eine sogenannte „Erdifalle“ beinhaltete, bestehend aus in einer Plastiktüte aufgehängten Bierflaschen. Solche Fallen sind bei der Lesung im Alten Volksbad ebenfalls in dekorativer Weise eingerichtet, was der Guru wohlwollend zur Kenntnis nimmt.
Der Veranstaltung in Berlin folgten in den kommenden Jahren zwei NON-Experimente in Köln, die – auf 48 bzw. 60 Stunden reduziert – nach dem gleichem Schema aufgebaut waren und als #shitcologne eine Alternative zur Litcologne bieten sollten, da man auf letzterer aufgrund der Popularität des Events weder als Schriftsteller noch als Interessierter gute Chancen hat, einen Platz zu ergattern. Statt fanden die NON-Sitzungen im Kunstraum Tiefgarage, am – laut Florian Kuhlmann – „interessantesten Platz Deutschlands“, dem Ebertplatz, den die Experimentallyriker auch „Adolf-Hitler-Platz“ nennen, wie er zur Zeit des dritten Reichs hieß. Der Lesung im Rahmen des Jetztmusikfestivals ging die jüngste #shitcologe zeitlich direkt voraus, und die drei vorgetragenen Texte stammen von eben dieser. Teilweise keine 12 Stunden zuvor entstanden, hat nicht mal der Autor selbst sie gelesen, so dass man mit den Worten Erdmanns im wahrsten Sinne des Wortes von zeitgenössischer Kunst sprechen kann, gemäß dem Motto: Die Metamoderne ist jetzt!
Freie Information für Alle
Nachdem Erdmann noch ein wenig Promotion für seine aktuelle Ausstellung gemacht und ein tätowiertes Mädchen im Hintergrund ihren Oberkörper entblößt hat, was Johannes mit den Worten: „Freie Information für Alle“ kommentiert, geht es dann endlich los mit der eigentlichen Lesung des ersten Stücks, die selbstverständlich nicht durchgehend, sondern unterbrochen von Konversation mit den Chatteilnehmern und dem Publikum verläuft. Visualisiert wird die NON-Lesung dabei mit einer Technik, bei der geäußerte Worte simultan aufgegriffen, in den Laptop getippt und in einer dynamischen Word-Cloud auf die Wand hinter dem Lesepult projiziert werden. Ein raffiniertes Element, welches das Wesen des NON und der Metamoderne widerspiegelt: Die Momentaufnahme und „free Information to everybody über das jetzt“ – so wie auch eine Passage des ersten vorgetragenen Texts lautet, der den Titel „Straßenabitur“ trägt. Wie auch die beiden folgenden Stücke handelt es sich um eine Beschreibung der erlebten Situation auf der #shitcologne, vermischt mit Gedankenfetzen, die dabei im Bewusstsein des Autors auftauchten. Das Straßenabitur, das sind die Lehren aus der Begegnung mit allerlei zwielichtigen Gestalten aus dem Untergrund: Obdachlose, Prostituierte, Asylanten…und im Mittelpunkt Prinz Pi, der seine private Philosophie zum Besten gibt. Auch der ominöse Blogsüchtige taucht in den Texten und Gesprächen immer wieder auf. Zwei Tumblr-Blogs betreibt er, aber einen davon darf man nicht sehen. Thies scheint dies etwas zu wurmen, schließlich ist er ja für jeden frei zugängliche Information. Die Aufzeichnung schließt mit einem der für ihn bedeutendsten Sätze, die auf der #shitcologne fielen: „Es gibt noch kleine, geile Städte in Deutschland, in denen das Scheitern gut funktioniert“.
Thies holt sich ein zweites Bier, bevor er mit der Lesung fortfährt. Manche Menschen leiden unter „Olfrygt“, erzählt er – das ist ein dänisches Wort, welches „die Angst vor der Bierknappheit“ bedeutet. Das literarische Werk Nummer zwei entstand zwischen 10 und 12 Uhr des aktuellen Tages, und trägt deswegen auch den Titel: „Die letzten zwei Stunden“. Es sind die letzten zwei Stunden eines Schreibmarathons über vier Tage, diesem „unerklärlichen Treiben. Man wird es niemals ganz und gar verstehen, und doch nicht vergessen“. Inhaltlich wird unter anderem noch einmal über das NON räsoniert. „Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“ lautet ein Zitat von Kierkegaard. Übertragen auf das NON müsse der Spruch lauten, dass das NON radikal vorwärts gelebt und überhaupt nicht verstanden werde. Wieder geht es um die anwesenden Menschen. Spuck Johnny Joke wird vorgestellt, ein französischer Marokkaner, der auf der #shitcologne dabei war. Man kann für 20 Euro einen Poster von ihm erwerben, es hängt an der Wand. Ein Interessent findet sich aber nicht, erst recht nicht, nachdem Thies fünf Euro Provision draufschlägt. Ein anderer Gast der #shitcologne schweigt die ganze Zeit. Für den Autor ist dieses Schweigen Kommunikation auf der Metaätherebene. Ein weiterer Kumpel behauptet, für ihn sei die Metamoderne sehr konkret, wenn man sie immer wieder wiederhole und ihn darauf hinweise: „Übertreibung bringt’s!“ Aber für Johannes sind Rätsel interessanter als die Antwort auf das, was NON sein mag. Man hat Schwierigkeiten mit der Technik, es wird versucht, die Skypeverbindungen wieder herzustellen, aber es klappt nicht recht. Da es sich hinzieht, weist der Autor darauf hin, dass es auch kein NON ohne Langeweile gebe. Nachdem der Guru dann wieder zugeschaltet ist, zeigt sich wieder, wie Alles mit Allem verbunden ist, und wie die zeitlichen Dimensionen des Jetzt ineinander verschwimmen: Erdmann war zum Zeitpunkt, als der zweite Lesungstext entstand, anwesend und kann sich auch noch dunkel an den abschließenden Satz erinnern: „Geschrieben auf einer Triumph“.
„Das NON als zeitgemäßes Dada“ – man weiß nie genau, welches eigene Gedanken des Autors sind, oder was er vor Ort aufgeschnappt und notiert hat. Jedenfalls wird es so auf der Website der Tiefgarage beworben und das war auch einer meiner ersten Eindrücke dazu. Zufall, Unsinnigkeit, Provokation und Sarkasmus sind nur einige Gemeinsamkeiten, die in beiden Ausdrucksformen zu finden sind. Auch die Präsentationsform hat dadaistische Züge: Im BERLINON-Katalog finden sich Bezüge zur Alltagsästhetik und experimenteller Typografie. Im Gegensatz zum Äther sind die maschinen- oder handgeschriebenen Texte aus dem Jetzt fixiert, man kann sie nicht mehr unbemerkt bearbeiten. Somit muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren, und kommt so zu einem originären Stil.
Das NON und die Quantenphysik
Wir erfahren, dass der zurückliegende, viertägige Schreibmarathon doch unterbrochen wurde: durch einen Ausflug auf einen Gastvortrag zum Thema Quantenphysik und Religion im Lectorium Rosicrucianum Zentrum Köln. Die Essenz sei gewesen, dass niemand Quantenphysik verstehe – und hier sieht Thies eindeutige Parallelen zum NON. Auch in der Quantenphysik gibt es unerklärliche Phänomene wie z.B. das Doppelspaltexperiment, in dem sich Licht abhängig davon, ob es beobachtet wird, entweder wie Teilchen oder Wellen verhält. „Das schönste Experiment aller Zeiten, Doppelspalt“, so lautet auch der Titel des NON-Gedichts des „Beatteufels“, des zuvor erwähnten Bloggers, welches das Publikum gegen Ende der Lesung nun doch endlich, auf vielfachen Wunsch hin, vorgespielt bekommt. Auch die nicht weniger suspekten Rosenkreuzer bieten mit ihrem Vortrag weitere Aspekte, unter denen sich das NON ergründen lässt: Johannes Thies erzählt uns vom Zeitbegriff des mittelalterlichen Philosophen Meister Eckhart. Hier taucht wieder der Begriff des „Jetzt“ oder „Nun“, welches rein sprachlich ja schon nach NON klingt, auf. Der alten Lehre nach ist dieses „Nun“ die im Augenblick beinhaltete Ewigkeit, die ins Nichts zerfallen würde, wenn sie nicht dynamisch wäre. In Anbetracht von spiritueller Philosophie und modernster Physik spürt man nun wirklich das tiefgründige Element des NON trotz seiner vordergründigen Albernheit. Vielleicht besteht somit der Sinn des Nonsens darin, aus all dieser spontanen Eingebung das herauszuziehen, was einem hilft, unser chaotisches, metamodernes Leben zu verstehen.
Das NON ist sicher nichts für jeden. Wer jedoch ein Fan von zeitgenössischer Kunst und Philosophie ist, und dazu einen Hang zu Laissez-faire hat, der wird daran bestimmt Freude haben. Auf den ersten Blick wirkte die Session fast wie eine Alltagsszene unter Freunden, die einfach herumsitzen, reden und Blödsinn machen. Wenn man aber die kulturwissenschaftlichen Hintergründe kennt und dazu in Bezug setzt, dann ist es eine äußerst faszinierende Angelegenheit. Ein ganzes Jahrhundert nach der Entstehung des Dadaismus sollte auch dem NON die Anerkennung als – soweit gewollt – ernst zu nehmende Kunst nicht verwehrt werden. Regina Rosemann









