All jene Bilder in seinem Kopf von damals schienen nun glänzend
grell vom Glück jener vergangenen Tage, die nicht so froh gewesen
waren wie sie jetzt schienen. Doch die Erinnerung daran...
Die Bäume, die den Friedhof im Norden der Stadt bargen, jedoch nur
im Sommer, jetzt im Winter kahl und schwach wirkend, schwankten im
Ansturm der Böen. Es pfiff um seinen Kopf. Quietschen von Toren
und anderem dem der Wind seine Laute entlockte.
In der Nacht nach Allerheiligen hatten die Lichter einem Meer
gleich vom Friedhof herüber geleuchtet. Er hatte oben auf seiner
Fensterbank in der Nacht gesessen. Zigaretten geraucht und die
Grablichter angeblickt.
Trotz des Windes blendete ihn eine grelle Wintersonne als er über
die Straße schritt, nach entgegenkommenden Autos Ausschau hielt.
Jene Sonne, die im Winter in den Bergen vom Schnee reflektiert
wurde, einen blind werden ließ. Aber die monoflektierenden Bauten
der Großstadt in grau bildeten den Horizont auf dem Weg in den
Untergrund.
Grünes Licht. Tut – Tut – Tut. Die Tür öffnete sich. Er stieg ein.
Tut – Tut – Tut. Rotes Licht. Und die grell gleißende Schlange
stürzte sich in die Dunkelheit der Tunnel. Vorwärts, immer
vorwärts sauste er in ihr unter der Stadt dahin.
Schon zehn Minuten später verließ er dieses Lichtungetüm am
Bahnhof Sendlinger Tor und die Rolltreppe an die Oberfläche
versank in ihren unendlichen gespaltenen, metallischen Kreisen als
er in den strömenden Regen trat.
Der Himmel hatte sich das grau des Asphalts und Betons einverleibt
und brach in Tränen über seine einfältige Tat aus. Keine
Wintersonne – und der Schnee, die Berge versanken im Schatten
seiner Erinnerung als glänzend grelle Glücksstücke. Wechselhafter
Tag. Er fühlte sich seltsam. Abwesend. Nur halb da.
Seinem Weg durch die sich schnell verdüsternden Straßen folgten
das Keuchen der Motoren, das Ächzen der Lungenbläschen einer
Hausgeburt und der glücklich – schmerzvolle Schrei der Mutter, die
Bäume, die sich auf dem alten südlichen Friedhof sammelten,
seufzten das Lied derer über denen sie wachten.
Er strich mit der Hand am regennassen Backstein der Friedhofsmauer
entlang, bis er auf dessen Pfaden den Lichtern der Stadt für kurze
Zeit entschwand.
Seine Entrücktheit löste sich auch nicht als er zu den Freunden in
die etwas heruntergekommene Kneipe mit den Spielautomaten stieß.
Auch nicht nach dem ersten Bier, dem Zweiten.
Mira sprach ihn bei einer Zigarette an. Er mochte ihren Namen.
„Was ist los?“
„Keine Ahnung.“
Er hätte weit ausholen können, um irgendwie zu beschreiben, was in
seinem Kopf vorging. Aber er brachte es nie auf den Punkt. Hatte
keine Kraft. Wusste es selbst nicht wirklich. Konnte oder wollte
sich auf niemanden einlassen. Was sollte er schon sagen.
Neil lehnte seinen Kopf an Mira´s Schulter. Martin steckte sich
eine neue Zigarette an, während er auf Jan einredete.
Die anderen vier spielten Karten. Er saß in der zweiten Reihe. Der
Zuschauer.
Das dritte Bier. „Weißt du noch als wir damals in Italien waren
und du dann mitten in der Nacht meintest, als als der Typ vom
Campingplatz meinte, dass wir zu laut sind. ,Wir sind nicht zu
laut. Ihr seid zu leise!´“
Alle brachen in schallendes Gelächter aus.
„Schön, dass wir uns mal wieder sehen.“
Die Gläser stießen quer über de Tisch zusammen. Es wurde sich tief
währenddessen in die Augen geblickt. Bier schwappte hoch.
„Noch ein Bier“, sagte er zum Barkeeper, quälte sich zu einem
Lächeln, gab Trinkgeld. „Danke.“
„Is´ was?“, fragte Jan grinsend, als er zum Tisch zurückkam.
„Nee, nee. Passt alles.“
Es war schon viel später. Er wollte weg. Raus hier.
Er fühlte Tränen hochkommen. Ihm kams hoch, sie so glücklich zu
sehen. Was war nur los mit ihm?
Unter dem Vorwand eine Zigarette vor der Tür zu rauchen verschwand
er. Er weinte, die Straße schwankte.
Die eine Hand an der Backsteinmauer des Friedhofs ließ er seinem
Brechreiz freien Lauf. Magenflüssigket spritzte auf die Schuhe,
die Hose. Er ließ all das Ungesagte, die glänzend grell
verfälschten Erinnerungen die Straße kosten, ließ sie in die
Ritzen des Pflasters sickern, vergrub sie unter dem Asphalt der
Großstadt bei denen, die dort am alten südlichen Friedhof schon
lange, lange lagen.