Kalter Wind, Regen, braune Blätter. November...
Einmal hatte es schon geschneit.
Der Typ saß auf seinem rosa Damenrad, das monoton klapperte und fuhr am Fluss entlang Richtung Süden.
Er trug einen blauen Zaubererumhang mit goldenen Sternen, Monden und Sonnen darauf und auf dem Kopf saß ein rosa-grüner Blumenhut aus Plüsch, ziemlich verdreckt. Das Gesicht war von einer knöchernen Maske aus Gips verdeckt, Mund und Augen als einzige frei. Es Dienstag Vormittag. Nach Halloween.
Ich fuhr dem Typ schon eine Zeitlang hinterher. Einfach, weil er so aussah, wegen seines schrägen Aufzugs. Wir passierten die Glockenbachsuiten an der Frauenhoferstraße, hielten an der roten Ampel. -
Die Maske wandte sich in Richtung der weißen Fassade, die in letzter Zeit immer öfter mit Farbbomben beworfen wurde und die Existenz dieser Anlage führte zu regelmäßigen Tumulten Freitag abends. Die lange so langweilige, verspießte Stadt bekam Gegenwind von jungen Leuten, die nicht einsahen, dass die Preise für Wohnungen immer weiter stiegen, die Stadt, eine Stadt der Reichen werden sollte.
Wäre der Typ an so einem Abend in diesem Aufzug aufgetaucht, vielleicht einen brennenden Feuerwerkskörper in der Hand, der seine Maske schwach erleuchtete, das weiß weiß grell erstrahlen ließe, hätte er eine unheimlich-erschreckende Erscheinung geboten, ein Feuerteufel, Wesen der dunkelsten Nacht... Vielleicht war er ab und an da gewesen.
Er bog nach rechts ab, die Frauenhofer runter Richtung Sendlinger. Ich folgte ihm.
Ich hatte nichts zu tun. Es war Feiertag. Noch war es sonnig, doch von der anderen Seite des Flusses sah man schon erste Ausläufer grauer Wolkenmassive. Die anderen schliefen noch, da es bis in die frühen Morgenstunden gegangen war. Ich konnte noch nicht schlafen.
Er wirkte wie einer, der gerade von einem langen rauschhaften Fest zurückkam – und diese beiden Faktoren waren der Grund, dass ich ihm folgte.
Ich dachte mir, entweder ist er ein bisschen verrückt oder vollkommen durch den Wind. Oder beides.
In meinen Gedanken versunken, verlor ich ihn aus den Augen und sag ihn gerade noch um eine Ecke in eine Seitengasse einbiegen. Er hielt an einem Caféimbiss. Ich hielt, beobachtete wie er sein Fahrrad an die Wand stellte und – immer noch maskiert – eintrat.
Dann fuhr ich weiter, stellte mein Fahrrad neben seines und öffnete die Tür.
Eine ältere Frau hinter der Theke verkaufte ihm ein Bier. Er schob sich an mir vorbei und setzte sich an den Tisch vor der Tür. Ich nahm ebenfalls ein Bier aus dem Kühlschrank, legte einen Zwickel auf den Tresen, ging hinaus, die Maske starrte mich ausdruckslos an, frage: „Haste ´ne Kippe?“
„Danke. Bin schon wieder auf 180!“
Langsam, bedächtig drehte er. Ich setzte mich ihm gegenüber und drehte mir auch eine als er fertig war. Dann zündete ich unser beider Zigaretten an, öffnete die Bier mit dem Feuerzeug, so dass die Kronkorken klappernd wie Kastagnetten auf dem Gehweg landeten.
„So!“, sagte ich etwas dümmlich grinsend und wir stießen die Bierflaschen klirrend aneinander. Tranken. Ich dachte ein Lächeln unter der Maske zu erkennen. Dann blickte er auf die Straße, wirkte nachdenklich, wo Familien und Yuppiepärchen vorüber flanierten.
„Schau sie dir an“, sagte er.
Ich verstand, was er meinte.
Ich hätte nun anfangen können kontrovers zu diskutieren, doch eigentlich war ich seiner Meinung. Um genau zu sein, exakt seiner Meinung.
,Was für ein Haufen Scheiße.´
Dennoch sagt ich: „Kann man ihnen Schuld vorwerfen? Wissen sie
„Schuld? Schuld, verantwortlich; wie will man das eingrenzen? Es geht doch letztlich darum: ist man sich dessen bewusst... wenn ja, find´ ich das viel schlimmer.
Dieses Gefühl der Verachtung. Ich mochte es selbst nicht. Aber wenn sie einen abschätzig betrachteten, weil man Mittags ein Bier trinkt, sie aber während der Wiesn in Morgennebel gehüllt volltrunken vor den Zelten herumtorkeln... oder wenn man am Boden saß...
Manchmal machte ich den Fehler sie alle über einen Kamm zu scheren. Natürlich waren sie nicht alle so, aber viele von ihnen hatten was in ihrer Lebensart, ihrem Verständnis von Leben, Glück, Liebe, was ich abgrundtief verachtete.
„Solange sie mich“, begann ich, „mein Verständnis von Leben ausleben lassen, kann ich sie ignorieren. Da gibt’s ein Lied. ,The only thing I hate/ is when people say/ what I have to do/ I can´t ignore them.´“
„So ne Band von hier. RentAK47 oder so...“
Wir tranken versonnen unser Bier, beide ein wenig verspult. Halloween hinterlässt immer seine Spuren. Ich hatte das Verlangen eine nach der anderen zu rauchen, wie es häufig vorkam nach einer wilden Nacht. Haltepunkt zur Realität.
Ich zündete mich eine Zigarette an, hing meinen Gedanken, Erinnerungsfetzen und dem warmen Wind nach.
Ich zuckte zusammen – hatte er was gesagt – und schaute auf. Er blickte mich direkt an und ich sah nur seine Pupillen und seine blau-grüne Iris und das Weiß seiner Augen.
„... bin Tommy Romero“, hörte ich noch Stimme wie Echo nachklingen. Ich sagte ihm sicherheitshalber meinen. Dann stand ich auf, nahm die leeren Biere und holte zwei Frische.
Immer wieder überkam mich Erschöpfung wie Wellenschlag, aber ich wusste, dass mein Tag noch nicht vorbei war. Und ich wollte (noch) nicht allein sein.
Ich sagte ihm das. Er fixierte mich.
„Geht mir genauso. Besser, dass wir nicht allein sind.“
„Wenn jetzt jemand zu Hause warten würde... Aber es ist leer und still.“
Ein weißer Porsche schoss schnell vorbei, ratterte über das Kopfsteinpflaster und der rasende Schlag war wie der Beat, der Bass der mich durch die Nacht gejagt, begleitet hatte; eine letzte Erinnerung an diese – dann langsam verhallend.
„Meinst du, das tut uns gut? Diese Lebensart, bis an die Grenze gehen, die sogenannte Jugend...“, frage ich ihn.
„Ich denke schon. Wir machen Erfahrungen, ziehen Schlüsse, erleben einmaliges, verrücktes. Nur muss man irgendwann begreifen, dass diese Zeit vorüber ist, die ugen nicht ewig dauert. In meiner Vorstellung ist es wie eine Droge, die man nicht zu lange nehmen sollte, denn sonst versinkt man darin.“
Die Sache ausreizen, an die gedachte Grenze gehen und übertreten? Den Horizont erweiter. Erfahrungen, die man selber nicht erlebt, gefühlt hatte, sollte man nicht beurteilen; kann man ja auch nicht. Also tu es oder lass es bleiben! Wie weit kann ich gehen?
Und wenn niemand mich hält, bin ich fort, suche Halt im Extremen, am Horizont und manchmal im Wald oder bei Sonnenaufgang, doch auch dann bin ich allein und allein kann ich auf Dauer auch nicht sein...
Und was tun, wenn die Einsamkeit unerträglich wird? Aus Staub ward Leben und Leben wird zu Staub und wer hat das Recht über den Zeitpunkt zu bestimmen und verdammt nochmal, warum ist niemand da, der mich in den Arm nimm; ach verfluchte Scheiße“
Mir gegenüber sackte er zusammen, zuckte und setzte sich aufrecht hin und blickte mich kurz verwirrt an ,der ihn anstarrte, die starre Maske weiß knöchern, die er jetzt plötzlich absetzte und den seltsamen Plüschhut und den Zauberermantel auszog und alles in seinen Fahrradkorb steckte.
Als er wieder mir gegenüber saß, sah ich seine bleiche Haut, leicht fahl, lila durchscheinende Augenringe wie Veilchen und wie ich ihn so betrachtete, wurde mir gewusst, dass ich genauso aussehen musste. Die Nacht hinterlässt gnadenlos ihre Spuren. Fürchte dich nicht, denn sie ist wunderbar, doch sei vorsichtig.
Textfetzen schwebten in meinem Kopf umher, wie Planktonschwärme in der trüben, endlosen Dunkelheit der Meere...
„Hast ´ne Uhrzeit?“, fragte er müde.
„Ich glaub´ spät genug...“
Die graue Wolkenwand, die ich vorher auf der anderen Seite des Flusses gesehen hatte, stand nun in ihrer ganzen Masse über uns und während ich noch eine letzte Zigarette rauchte, um kurz zu überdenken, was passiert war an einem dieser endlosen Tage, fielen die Tropfen, langsam dünnfadig, dann schneller, dicker, schwerer vom grauen Himmel, der mich manchmal so traurig machte, wenn er einen Sonntag der stillen Einsamkeit einläutete...
„Ich pack´s.“ Ich stand auf. Er nickte mir zu und erhob sich ebenfalls.
Ich drückte ihn kurz und fest.
„Schlaf gut“, sagte er noch als wir im strömenden Regen auseinander gingen. Dann wandte ich mich ab und schob mein Rad los. Das Wasser lief kühlend an mir herunter. Es war ein Nachmittag Anfang November – und Zeit zu gehen...