10. Oktober 2018
Ein kurzer Ausflug in die Schreibmaschinenzeit
Ich habe schon lange keine Übersetzung mehr abgegeben, die in echten alten Normseiten berechnet werden soll. Die Normseite ist ein Relikt aus der Schreibmaschinenzeit – damals konnte man die Länge eines Texts am einfachsten berechnen, indem man die getippten Seiten zählte. Das habe ich schon nicht mehr persönlich erlebt. Etwas später stellte man dann eben sein Textverarbeitungssystem so ein, dass die Darstellung der Schreibmaschinen-Normseite entsprach. So eine Normseite hat 30 Zeilen à 60 Zeichen, aber das entspricht in der Realität so gut wie nie 1800 Zeichen – die Seite enthält ja Leerzeilen, die Zeilen werden nicht ganz voll, vor allem, wenn Dialog enthalten ist, und getrennt wird traditionell auf einer Normseite auch nicht.
Deshalb hatte ich schon lange nur mit Auftraggebern zu tun, die mit einer an die aktuellen technischen Gegebenheiten angepassten Normseitendefinition arbeiten: Zeichenzahl geteilt durch 1500, denn 1500 Zeichen passten eben auf eine durchschnittliche Normseite, und die Gesamtzeichenzahl kann man sich in fast allen mir bekannten Editoren leicht anzeigen lassen.
Heute steht aber in der Mail vom Auftraggeber ausdrücklich “Normseite (1800 Zeichen)”. Ich will nicht den ganzen Text umformatieren und finde die Fake-Schreibmaschinen-Formatierung außerdem hässlich und wenig lesefreundlich. Sicher gibt es doch inzwischen Normseiten-Berechnungstools im Netz, die mir das Ergebnis auch ohne Umformatierungsgetue mitteilen können?
Aber alle Tools, die ich finde, dividieren einfach nur die Zeichenzahl durch 1800. Das wäre ein Geschäft zu meinen Ungunsten. Umkopieren in ein Textverarbeitungstool mit eingebauter Normseitenformatierung (ich vermute jedenfalls, dass es die inzwischen eingebaut gibt) kommt leider nicht in Frage, weil ich auf dem aktuellen Laptop weder Word noch Open Office habe, eventuell nicht einmal Pages. Letzteres weiß ich gar nicht genau, die Frage hat sich in den anderthalb Jahren, die ich den Laptop besitze, noch nicht gestellt.
Ich suche also nach Angaben, wie die Seitenränder, bei so einer Normseite einzustellen sind und formatiere mein Googledoc entsprechend um. Dazu muss ich die gefundenen Seitenrandangaben zuerst mit einem weiteren Tool von cm in Inch umrechnen, weil Google Docs an dieser Stelle nur Inch-Angaben akzeptiert oder ich nicht herausfinde, wie man das ändern könnte. Wie viele Zeichen in der Monospace-Schriftart Courier New in eine Zeile passen, kann ich direkt sehen, da auch bei Google Docs noch die alte Buchstabenzählhilfe existiert, die früher an der Schreibmaschine eingraviert war.
Meine alte Schreibmaschine, kurz vor ihrer Verschrottung fotografiert:
Bei Google Docs:
Eine Zeilenzahlanzeige gibt es aber nicht, und die ergoogelten, umgerechneten Zeilenränder führen nicht zur angestrebten 30-zeiligen Seite. Nachdem ich zum vierten Mal mühsam nachgezählt habe, verliere ich die Geduld, lege eine Nachzählhilfsseite an, die nur aus Zeilennummern besteht und ändere die Zeilenränder so lange im Trial&Error-Verfahren, bis die Seite genau 30 Zeilen enthält.
Ich speichere diese Version des Dokuments in der Versionsgeschichte unter dem Titel “Normseiten-Formatierung”, lasse mir die Seitenzahl anzeigen, subtrahiere die Hilfsseite, die nur die Zeilenzahlen enthält und stelle die ursprüngliche, schönere Formatierung des Dokuments wieder her. Dann teile ich dem Auftraggeber die Seitenzahl mit, schicke ihm den Link zum Googledoc und biete ihm an, die Normseitenformatierung bei Bedarf wiederherzustellen. Aber vielleicht möchte er ja auch gar nicht so dringend zurück zur Schreibmaschinenseite.
(Kathrin Passig)












