Ich stand auf dem Balkon uns sah auf die stark befahrene Straße unter mir. Mein Magen fühlte sich schwer an, seit ich ihn eingeladen hatte. Besorgt kaute ich auf meiner Lippe rum. So viel könnte heute schiefgehen. Ich seufzte laut. Eine Hand legte sich auf meine Schulter und riss mich aus meinen Gedanken. Ich zuckte zusammen und drehte meinen Kopf.
"Ich gehe. Du schaffst das alleine oder Dado?" fragte Fabian mich besorgt. Ich nickte abwesend, dann versuchte ich ihn beruhigend anzugrinsen. Bei dem Blick den er mir warf sah es scheinbar nicht sehr überzeugend aus, "ich hoffe einfach, dass alles gut läuft. Ich kann mein Brüderchen einfach nicht traurig sehen," sagte er grinsend, nahm mich nochmal in den Arm und verließ dann meine Wohnung. Ich sah weiter auf die Straße. Sah meinen Freund durch die Haustüre auf den Bürgersteig treten. Bevor er in sein Auto vor der Haustüre stieg, drehte er sich nochmal zu mir und winkte.
"Osaft!" rief ich, ein letztes Mal, ein leichtes zögernd. Er kam näher und grinste mir entgegen, "danke! Für alles!" rief ich ihm aus dem dritten Stock zu. Er zwinkerte und ich lächelte zu ihm hinunter. Dann hob er die Hand nochmal zum Abschied, stieg in sein Auto. Ich sah seinem Auto hinterher und wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis ich wieder Besuch hatte. Ich drehte mich zur Tür und betrat meine Wohnung.
Noch ein paar Stunden, dann würde er hier stehen. Vor mir. Dann würde ich ihm mein Herz ausschütten und ihm sagen, was mich schon so lange beschäftigte. Ich nahm einen letzten tiefen Atemzug und machte mich bestimmt an die letzten Vorbereitungen, bei denen mir mein bester Freund, fast schon Bruder, nicht hatte helfen können. Denn es musste von mir kommen. Von Herzen kommen.
Wenige Stunden später, alles war bereit für seinen Besuch, stand ich wieder auf der Terrasse, als ich seinen Nachtblauen VW Corrado vorfahren sah. Ich biss mir wieder auf der Lippe herum und konnte es nicht abwarten, bis er endlich vor mir stand. Ich hatte ihn schon zu lange nicht mehr gesehen. Sein Seminar hatte ihn einfach viel zu lange weggehalten.
Als er ausstieg sah er als erstes in Richtung unserer Wohnung und als er mich auf unserer kleinen Terrasse sah, breitete sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht aus und winkte mir ausladend froh.zu. Ich winkte zurück. Dann schnappte er sich seine Tasche vom Beifahrersitz und lief schnellen Schrittes auf die Türe zu. Ich rannte durch das Wohnzimmer, der Vorhang zu meiner Terrasse hinter mir flatterte, durch meine Wohnungstüre und wir trafen uns im Hausflur, wo er die Treppen hochgesprintet zu sein schien und ich ihm in die Arme sprang.
Mein Bauch kribbelte, als ich ihn näher zog. Wir hatten uns so lange schon nicht gesehen. Zu lange, wenn es nach mir ging. Ich spürte, wie mein Freund sich an mich klammerte. Langsam löste ich mich von ihm nach was mir vorkam wie eine viel zu kurze Zeit. Er lächelte mich sanft an. Ich nahm ihn bei der Hand.
"Dario ich muss dir was zeigen."
Er zog misstrauisch eine Augenbraue hoch, doch wie immer folgte er mir ohne ein Wort. In der Tür zu meinem Wohnzimmer blieb er wie angewurzelt stehen, als er sah, was ich vorbereitet hatte.
Teelichter, zu einem Herz aufgestellt waren da, wo eigentlich das Sofa und der Tisch standen. Diese waren an die Wand gerückt. Überall Rosenblätter. Und ich wusste, wie kitschig das war, aber heute sollte der beste Tag unseres Lebens werden. Ich ging weiter in den Raum und stellte mich mitten in das Herz. Ich wurde nur von dem Schein der Kerzen erleuchtet, das einzige Licht in dem Raum.
Ich räusperte mich: "Dario. Ich hab‘ lange nachgedacht," kurz zögerte ich und sah, wie Tränen in seine Augen stiegen. Und ich wusste in diesem Moment, wie der Abend heute endete.
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Dario wusste, was jetzt kommen würde. Es fiel ihm schwer sich zurück zu halten und seinem Freund nicht sofort um den Hals zu fallen. Er sah seinen Freund ein letztes Mal schlucken und einen tiefen Atemzug nehmen. Dann zog er die Schachtel aus seiner Hosentasche. Die Kerzen warfen ein sachtes Licht auf die beiden und machten den jeweils anderen in den eigenen Augen nochmal schöner, als es schon der Fall war. Obwohl beide dies für unmöglich gehalten hatten.
"Dario. Ich liebe dich nun schon so lange. Und ich weiß, dass du mich liebst,“ fuhr Maudado mit Überzeugung in seiner Stimme fort, „deshalb halte ich hier und jetzt um deine Hand an."
Nun konnte Dario die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Komm her," sagte er mit gebrochener Stimme. Maudado folge dieser Aufforderung und schloss seinen Freund in die Arme. Dieser vergrub sich in der Schulter des anderen. Sein "Ja, mehr als alles andere" verstand Maudado zwar nur leise und spärlich, aber Darios Reaktion sprach Bände. Und eines wussten sie beide. Mehr brauchten sie nicht. Nur den anderen an ihrer Seite.
Ich stand hier, mitten im Getümmel. Meine Zuschauer um mich herum. Ich weigerte mich immer noch sie Fans zu nennen. Immerhin war ich kein Star, nur ein kleiner Webvideo-Produzent. Und ja gut... die Kurzfilme waren gerade nicht gerade schlecht. Und eigentlich hatte ich auch auf Events wie diesen einen klaren Kopf. Immerhin stand hier nicht nur mein Wohl, sondern auch das meiner Fans.
Und doch konnte ich gerade keinen klaren Gedanken fassen. Diese lagen bei einem alten Freund. Okay. So alt jetzt auch nicht.
Ich hatte ihn über YouTube kennengelernt. Oft stehen wir im Streit, aber das ist natürlich nur gespielt, aber mittlerweile hat es sich etabliert, dass wir erbitterte Gegenspieler sind.
Ich auf der Seite der Guten, Manu auf der… nicht mal auf Seite des Bösen. Er hatte mehr so seine eigene Seite. Ich beschloss es auch dabei zu belassen. Es gibt die gute Seite, das bin meistens ich, die böse Seite... und dann gab es noch Manu.
Ja, das klang ganz korrekt. Aber der Grund, warum ich gerade an ihn dachte waren nicht etwa unsere Rollen, sondern die Tatsache, dass Manu es machen könnte wie Tim und Stegi und keiner würde wissen, dass er da war. Sich von uns fernhalten, wenn wir draußen waren, mit uns abhängen, wenn wir im Pressebereich waren. Immerhin ließen sich nur wenigen eine solche Chance entgehen. Außer Zombey vielleicht.
Ich seufzte und Max stieß mir leicht mit dem Ellenbogen in die Seite. Er hatte bemerkt, wie geistesabwesend ich war.
"Alles okay Bergi? Du wirkst so abwesend."
Ich nickte nur stumm, denn eigentlich war ja alles auch gut. Ich grinste in das nächste Smartphone welches eine junge Zuschauerin in der Hand hielt und grinste. Es war ja auch alles okay. Es stimmte, dass meine Gedanken nicht ganz bei den Zuschauern, die noch hier waren, lagen, doch sie lagen bei einem meiner besten Freunde. Einer, welchen ich mir her wünschte. Vielleicht nicht jetzt genau an meine Seite. Aber in den VIP Bereich wo er mit einem leckeren Becher Kaffee auf mich warten würde, wenn das Community-Treffen vorbei war. Ein Freund, der mich immer schaffe aufzuheitern, auch als Marie mich verlassen hatte, nach so vielen Jahren. Einen Freund, in den ich mich verliebt hatte.
Es war mir schon vor wenigen Monaten klargeworden, was ich für meinen besten Freund und größten Gegenspieler empfand. Und manchmal, wenn wir alleine miteinander aufnahmen, bildete ich mir ein, eine gewisse Zuneigung in seiner Stimme zu hören. Aber wenn dem so war, lag es nur an mir.
Noch eine Stunde müssten wir hier in einem abgetrennten Bereich des Messegeländes stehen. Noch eine Stunde in der Sonne und Hitze. Immerhin war es Mitte August.
"Tim... Hey Tim," Dario kam in meine Richtung gesprintet. Er hatte die letzten Stunden mit Kedos bei ihrem eigenen Treffen in der Halle verbracht. Erfreut empfing ich meinen besten Freund mit einer Umarmung vor den vielen Augen der Fans, einige von denen awten und sich über diese „Berglay“ Situation freuten, auch wenn die Beziehung von Dario und Kedos schon seit wenigen Monaten publik war und vielleicht immer noch das größte Gesprächsthema. Und die am meisten verteidigte Beziehung die man auf YouTube kannte.
"Hey Dario. Was gibt’s neues?" ich grinste, denn es gab immer gute Neuigkeiten, wenn er so auf mich zukam. Das letzte Mal als er so aufgeregt war, hatte er mir von seinem und Kedos ersten Date erzählt. Ich hatte mich gefühlt, wie ein stolzer Vater.
"Ich muss dir was zeigen. Kommst du kurz mit?"
„Natürlich,“ gab ich als Antwort. Dario schien aufgeregt und ich konnte nicht umher zu grinsen.
„Papa Bergi!“ rief einer der Zuschauer und Dario begann zu lachen.
„Wir wissen doch alle, dass Tim mein Vater ist. Und wenn ich Kedos irgendwann heirate wird er mich zum Altar führen. Aber jetzt muss ich ihn euch erstmal stehlen,“ meinte Dario amüsiert und lautes Lachen und kreischen war aus der Menge zu hören, Max strahlte uns hinterher und wir verschwanden in dem Gebäude, uns sofort in den VIP-Bereich verziehend. Dort grenzten die Presseräume an. In einen der solchen führte Dario mich.
Der Raum war gemütlich eingerichtet mit Sitzpolstern, einem Tisch auf welchem ein Mac stand.
"Wo sind wir hier?" fragte ich verwirrt. Ich wusste nichts von einem Interview und nichts in diesem Raum deutete auf die Person hin, welche sich hier aufhielt.
"Wirst du gleich sehen, mein Lieber," meinte Dario lächelnd und verließ den Raum wieder durch die Türe, welche er hinter sich zuzog. Kaum war die Türe im Schloss, öffnete sich eine andere Türe an der anderen Wand und ein junger Mann betrat den Raum. Er musste nichts einmal anfangen zu sprechen, denn ich wusste schon an der Art wie er sich hielt wer er war. Seine langen, braunen Haare und grünen Augen waren schon beinahe sein Markenzeichen.
Er war blass und recht dünn. Genau wie ihn sich jeder vorstellte und dann doch nicht.
"Hey Tim."
Seine Stimme war unverkennbar.
"Manu...,“ sagte ich ungläubig, als er hier vor mir stand. Und ich schluckte. Ich wusste, wie GermanLetsPlay aussah. Er stand vor mir und lächelte mich an, als ich seinen Namen sagte. Eine Träne drohte sich aus meinen Augen zu lösen. Ich war überwältigt von diesen Gefühlen. Nie hätte ich gedacht, dass sich dieser Mann mir zeigen würde. Nie hätte ich gedacht, dass er heute wirklich hier war. Er war einfach wie sich jeder Manuel vorstellte. Und vielleicht noch viel schöner als jemand ihn beschreiben könnte.
"Ja. Genau der. Außer du kennst noch einen anderen Manu…,“ meinte er kurz spaßeshalber mit verstellter Stimme, „ich wollte mit dir reden… Dario hat mir geholfen unauffällig herzukommen… Ich wollte mich ich dir zeigen."
Ich schluckte.
„Aber warum mir?“
Manu lacht kurz auf.
„Mensch, Tim. Du bist nach Dario und Zombey einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Die beiden sind meine besten Freunde und du bist einfach… du…“
„Was macht mich besonders?“ fragte ich grinsend und es war so surreal vor Manu zu stehen. Und ich konnte mir diese Zuneigung einfach nicht mehr nur Einbilden. Sie war so offensichtlich in Manus Blick, seiner Körpersprache. Man sagt Liebe macht blind doch mich macht sie nur mehr aufmerksam. Manus Stimme wie sie unsicher doch bestimmt durch den Raum hallte. Wie sein Körper Zurückhaltung und Entschlossenheit ausstrahlte.
"Du…," er schluckte und ich sah, wie der Mut aus seinen Augen verschwand und lächelte ihm aufmunternd zu, "ich mach‘s kurz, okay. Ich- Ich hab mich in dich verliebt... und...“ er atmete tief ein, „ich kenne dich. Du würdest... egal was ich tue oder sage.... niemandem sagen, wie ich aussehe. Oder mich jetzt hassen oder so. Oder?"
Der gesichtslose GermanLetsPlay hatte sich mir gezeigt. Und mir gesagt, dass er mich auch liebt. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Und ich konnte nicht anders als zu grinsen.
„Manu,“ sagte ich, ein gewisser Nachdruck in meiner Stimme, „ich liebe dich auch."
Ich trat einen Schritt auf ihn zu, nahm ich ihn am Arm und zog ihn zu mir, um sanft meine Lippen auf seine zu legen. Nur wenige Sekunden später erwiderte er den Kuss.
Als wir uns wieder lösten, grinste Manu mich breit an, seine Augen funkelten. Leise klopfte es an der Türe. Ich hielt Manu immer noch in meinen Armen umschlungen und sah zur Türe. Dario grinste mich an.
„Heißt das Manu ist jetzt mein Vater?“ meinte er keck und sein bester Freund streckte ihm nur die Zunge raus.
„Nein und jetzt verschwinde zu deinem Freund.“
„Der ist gerade unten bei den Zuschauern von Tim,“ meinte Dario grinsend und ich stöhnte auf.
„Verdammt. Ich hab meine Zuschauer vergessen.“
Und die andern beiden begannen zu lachen und Manu schlang seine Arme um meinen Oberkörper um sich näher an sich zu ziehen.
„Dann bleib einfach noch ein wenig hier,“ nuschelte er mir zu und ich höre Dario hinter mir aw’en.
„Klingt eigentlich gerade ganz gut,“ antwortete ich und Dario lachte leise.
„Na gut. Dann lasse ich euch erst einmal alleine und ich hole dich dann, wenn wir später auf die Bühne müssen. Immerhin dürfen wir pro Team einen Spieler über TeamSpeak von „Zuhause“ zuschalten,“ verabschiedete er sich dann und schloss die Türe hinter sich. Und ich drückte Manu näher an mich und mit einem zufriedenen Lächeln vergrub ich mein Gesicht in seinen langen Haaren.
Als mein Handy vibrierte lag ich gerade regungslos und nachdenklich in meinem Bett. Was war in einer Woche wie dieser sonst zu tun? Was tun, wenn der beste Freund sich schon seit Wochen nicht mehr bei einem meldete? Nachrichten ignoriert werden, Anrufe weggedrückt. Empfangen tat er Nachrichten, lesen tat er sie. Tobi war seit Wochen wie verschollen, nur ab und an ein paar kurze Tweets, aber sonst nichts. Nichts bei Tim, nicht bei Stegi, nicht bei mir. Nicht einmal bei einem der anderen gemeinsamen Bekannten. Auf eine Reaktion seinerseits zu warten, war vergeblich.
Träge griff ich nach meinem Handy und hoffte die Notifikation war eine Nachricht von ihm. Doch nichts. Jemand anderes hatte sich gemeldet. Instagram zeigte mir eine Nachricht von LegDay. Ein neuer Vorschlag, eine neue Trainingschallenge. 90 ganze Tage. Ohne cheaten. Ohne Pause.
Ich begann über den Vorschlag nachzudenken, auch wenn mir klar war, dass ich die Challenge nicht ausschlagen konnte. Die letzten 30 hatten immerhin eine Menge Spaß gemacht. Auch wenn ich nicht mehr in der Lage war den letzten Tag zu machen.
Würde ich 90 Tage durchhalten? Vielleicht würde mich das Training ablenken.
Davon, dass Tobi sich von uns abkapselte, scheinbar nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Und auch, wenn es vielleicht irrational erschien, Tobi war einer meiner besten Freunde. Aber er war 18, bald schon 19 und konnte selbst auf sich aufpassen, konnte selbst entscheiden, wer seine Freunde sein sollten. Wenn wir – wenn ich – halt irgendwann nicht mehr dazugehören sollten, wenn er versuchte uns langsam und ohne viel Herzbrechen auseinander zu leben, dann war das halt so. Auch, wenn ich den Grund gerne wissen würde.
Ich starrte auf meinen Bauch hinab und zog eine Grimasse. Aufgestanden und vor dem Spiegel stehend sah ich deutlich die leichte Speckrolle am Bauch und insgesamt stellte ich weniger Muskeln wie noch vor ein paar Monaten fest. Ich grummelte und bemerkte nun über die Sorgen um Tobis und meine Freundschaft, wie unwohl ich mich fühlte. Fest entschlossen griff ich zu meinem Handy und schrieb zurück, dass ich die 90 Tage durchstehen wollte.
Somit war es beschlossene Sache. 90 Tage keine Cheats und Training.
Geschafft ließ ich mich wenige Tage später ins Bett fallen. Der erste Tag wieder ordentlich trainiert und es hatte sich gelohnt. Ich fühlte mich glücklich. Ausgelassen. Und vor allem hatte ich das erste Mal seit Wochen nicht an Tobi gedacht. Ich griff nach meinem Handy, bereit den heutigen Instagram-Post rauszuhauen, als ich das What‘s App Icon auf meinem Speerschirm. Ich öffnete die Nachricht und grinste, denn Stegi wollte Aufnehmen. War denn schon wieder Weihnachten? Ich rappelte mich auf und ließ mich vor meinen PC sinken. Der TeamSpeak war noch offen und ich jointe in Stegis Raum.
"Naaa", meinte ich vor mich hingrinsend zu ihm.
"Na der liebe Veni ist ja sehr gut drauf heute", lachte Stegi mich an.
"War das erste Mal seit gefühlten Jahren wieder ordentlich trainieren und es hat sich gelohnt. Ich fühle mich so gut fast nie die letzten Wochen. Solltest Du auch mal ausprobieren.“
"Nein... hat mir schon gereicht, als Tim mich dazu gebracht hat, mit ihm täglich Joggen zu gehen."
"Bis Du ihn mit Sexentzug gestraft hast?"
"Oh ja. Und es hat gewirkt", Stegi begann zu lachen und ich erinnerte mich gut, wie niedergeschlagen Tim in dieser Zeit gewesen ist. Es war wirklich amüsant gewesen. Auch, wenn ich viel Mitleid mit ihm hatte.
„Lass mich noch kurz meinen Insta-Post für heute raushauen, dann können wir loslegen“, meinte ich grinsend und drehte mich mit dem Rücken zu meinem PC und hielt die Kamera auf mich und meinen Bildschirm. Mit der Bildunterschrift „Der erste Trainingstag wird mit einer kleinen Aufnahme mit dem großen Stegi beendet“ lud ich das Bild hoch, bevor ich mich wieder meinem Gesprächspartner zuwandte.
„Na toll“, motzte dieser spaßeshalber, nachdem er scheinbar meinen Post gesehen hatte, “jetzt muss ich ja wirklich aufnehmen.“
„Bleibt dir wohl nichts Anderes übrig,“ erwiderte ich grinsend und startete Minecraft. Der Blonde überlegte laut, was wir wohl am besten zocken sollten, was sich wohl am besten für eine Runde eignen würde, bis er lautstark von Tim, der scheinbar im selben Zimmer saß, unterbrochen wurde mit dem Vorschlag einfach etwas Bedwars zu spielen und ihn endlich in Ruhe sein Buch lesen zu lassen. Stegi kicherte, als ich eine Tür knallen hörte.
„Der ist nur muffig, weil ich ihn an die Jogging-Aktion erinnert habe.“
„Sicher“, meinte ich ironisch.
„Ja. Sicher. Was sonst. Und jetzt los. Komm auf Gomme“, forderte er mich enthusiastisch auf und als ich endlich auf dem Server war, hatte ich direkt die Party-Einladung in meinem Chat zwischen allen „OMG! Veni Screen!“-Nachrichten.
Wir beide starteten unsere Aufnahmen, wobei ich schon bei der Einleitung nicht zu Wort kam, weil Stegi einmal die Geschichte zum Besten geben musste, wie wir Tim aus dem „Teamspeak“-Raum vertrieben haben mit unserer Aufnahme. Dann hatte auch die Runde schon begonnen und ich hatte die ersten Steine in der Hand, auf halbem Weg zur Mitte. Es kam soweit, dass wir am Ende der Runde nur noch ein weiteres Zweierteam gegen uns stehen hatten. Als einer der beiden unser Bett abgebaut hatte, hatte ich es geschafft mich an seinem Kollegen vorbei zu kämpfen, was dafür sorgte, dass der Endkampf fair werden würde.
„Fuck, fuck, fuck,“ begann Stegi zu Fluchen und ich sah, dass er aus der Welt gefallen und raus war, „der Spasti hat nen Bogen, pass auf.“
„Mach ich, danke,“ antwortete ich, als auch schon der erste Pfeil neben mir landete. Es war knapp und ich schaffte es, einen der beiden noch in seinen Tod zu stoßen, bevor mich ein Pfeil zu viel traf.
„Was ein Spasti!“ rief Stegi als alle entnickt wurden und wir sahen, dass das gegnerische Team aus Tim und Freddi bestand.
„Das war Tims Rache, dass du ihn vertrieben hast, Stegi,“ meinte ich grinsend und keine zwei Sekunden später meldete sich mein Teamspeak zweimal, um mitzuteilen, dass jemand beigetreten ist.
„Ha! Wir haben euch fertiggemacht,“ freute sich Sturmi und auch Tim kicherte.
„So ein Spasti. Seht ihr Leute, deshalb solltet ihr nicht mit Tim befreundet sein. Der ist immer ganz eifersüchtig, wenn ich mal nicht mit ihm aufnehme,“ meinte Stegi beleidigt.
„Und ich schau mal, vielleicht bekomme ich Tobi auch mal in eine Aufnahme und dann kann ich auch mal wieder mehr Videos bringen,“ gab ich noch in meine Aufnahme, bevor ich gleich meine Aufnahme beenden würde.
„Und vielleicht Parodiere ich auch mal wieder Sturmwaffel, wer weiß. Naja. Tschüssi“, verabschiedete Stegi sich und mit Sturmwaffels Protest beendete ich dann auch die Aufnahme.
„Hast du eigentlich Kontakt zu Tobi? Also mittlerweile wieder?“ kam plötzlich die Frage von mir an die anderen anwesenden.
„Nicht wirklich,“ gab Tim bedenklich als Antwort, „er hat Stegi geschrieben, dass er sich melden wird, wenn er endlich seine Gedanken wieder beisammenhat, aber es klang als würde das noch etwas dauern.“
„Was kann meinen Tobi denn nur so beschäftigen, wovon er mir nicht erzählen will?“, ich war verwirrt.
„Aber frag uns nicht. Wir haben keine Ahnung. Und ich glaube nicht, dass dir das jemand anderes beantworten kann. Der einzige, der vielleicht mehr wissen könnte, wärst du, aber da du auch nicht mehr weißt…,“ fuhr Stegi, unwissend meinem Gedanken, fort.
„Ich? Warum ich?“
„Alter Rafael. Du bist sein bester Freund. Wenn er mit jemandem redet, dann mit dir.“
„Ich hab‘ aber gar nichts von ihm gehört. Stegi, denkst du es hat etwas mit mir zu tun?“
Er blieb stumm.
„Tim?“
„Ich… ich weiß ja nicht mal, ob es stimmt. Ich kann auch nur vermuten,“ bekam ich als Antwort.
„Und was ‘vermutest‘ du?“ wollte ich nun endlich wissen.
„Also… vielleicht… dass…,“ Stegi atmete tief durch, „dass Tobi in dich verliebt ist, so wie du in ihn.“
Kurz blieb mir die Luft weg.
„Woher~“
„Ich war in derselben Situation. Glaub mir, ich weiß, wie es sich anfühlt, wie man sich verhält. Und… ich bin mir halt recht sicher.“
Ich ließ meinen Kopf auf den Tisch sinken. Eigentlich wollte ich meine Gedanken ja von Tobi wegbekommen und nun wurden sie wieder, wie ein Formel1 Wagen mit vollem Tempo gegen die Wand aus Reifen, in Richtung Tobi geschleudert.
„Eigentlich wollte ich ihn aus meinem Kopf verbannen, Stegi- ich wollte meine Gedanken von ihm wegbekommen. Es tut weh, zu lange nichts von dem besten Freund zu hören. Und- und es tut noch mehr weh, diese Person zu lieben. Bitte Stegi– ich–„
„Rafi mach dir doch nicht zu viele Sorgen. Wie gesagt, ich kenn das. Du- Ihr schafft das, okay. Ich bin mir sicher, Rafael. Tobi wird eure Freundschaft für nichts auf der Welt gefährden. Ihr seid Venation. Das geilste YouTube Paar nach Stexpert,“ lachte der Blonde und ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Es stimmt. Wir waren Venation. Wir würden uns nicht trennen. Wir würden immer wieder zusammen finden. Wir waren unzertrennlich.
„Stegi und ich sollten jetzt auch so langsam mal ins Bett. Uni beginnt morgen extra früh. Man hört sich, Veni,“ meinte Tim plötzlich und Stegi rief mir und Freddie, welcher sich auch gleich verabschiedete, ein letztes Bye zu und beide verließen den TS. Und damit war ich wieder alleine. Hatte sich Tobi wirklich in mich verliebt? Immerhin wusste ich, dass Stegi so etwas nie zum Spaß sagen würde. Was hätte Stegi schon davon, mich anzulügen?
Ich ließ mich wieder auf mein Bett fallen und schloss die Augen. Vielleicht- vielleicht sollte ich das alles erstmal verdauen. Und eine Runde schlafen. Schlafen klang eigentlich ganz gut. Damit schloss ich die Augen und kuschelte mich in meine Decke. Und irgendwann, unter all den Gedanken in meinem Kopf schlief ich dann doch ein.
Dieses Muster zog sich durch einige Wochen. Morgens unterwegs, mittags Training und abends wurde dann, alleine oder mit anderen, jedoch nichtmehr mit einem der Stexperts, aufgenommen.
Gerade war Beginn der 6. Woche, beinahe Halbzeit hatte ich mit Stolz festgestellt, als ich mich nach einem besonders anstrengenden Tag in mein Bett fallen ließ und fast sofort einschlief.
Bis ein lautes Klingeln mich aus dem Schlaf riss.
„Wer klingelt denn jetzt?“ murrte ich und rappelte mich auf. Noch in den Klamotten in denen ich vor wenigen Stunden noch trainiert hatte ging ich zur Tür, jedoch checkte ich im Spiegel im Flur und richtete kurz meine Frisur. Dann öffnete ich die Tür.
Und erstarrte.
„Tobi? Was machst du denn hier?“ brachte ich nach einigen Minuten raus.
„Rafael, ich- ich wollte mit dir reden,“ er senkte den Kopf, starrte auf den Boden und ich öffnete die Tür weiter. Ein leichtes Grinsen legte sich auf meine Lippen als ich realisierte, dass er wirklich vor mir stand. Ich trat zur Seite und gab die Türe frei.
„Komm rein.“ Er betrat neben mir die Wohnung und sah mich dann kurz an. Dann senkte er seinen Blick wieder und er sah so unsicher aus, dass ich nervös wurde. Kurzerhand fasste ich einen Beschluss, um uns beide kurz Zeit zum Durchatmen zu geben.
„Machs dir bequem. Ich geh mich nur kurz umziehen,“ meinte ich und verschwand in mein Zimmer. Dort kramte ich schnell ein Shirt und eine Hose aus meinem Schrank und warf die alten Sachen in die Wäschetonne. Dann ging ich zurück zu Tobi, der verkrampft auf dem Sofa saß und auf mich wartete.
„Alles okay? Was zu trinken?“ fragte ich höflich, als ich im Türrahmen stand und zu ihm sah, doch er schüttelte den Kopf. Dann ließ ich mich neben ihm nieder. Ich spürte, wie er sich neben mir kurz versteifte.
„Was ist denn los?“, kam ich gleich auf den Punkt, denn nun begann ich mir Sorgen zu machen und legte meine Hand auf seinen Oberschenkel. Ich dachte daran, was Stegi mir gesagt hatte. War Tobi wirklich verliebt in mich? Gerade war ich mir da nicht so sicher.
„Raf- ich-,“ ich spürte, wie er begann, sich unter meiner Berührung zu entspannen und beruhigte mich ein wenig, „ich- Stegi hat-,“ er atmete tief durch und schloss seine Augen. Ich drückte seinen Oberschenkel leicht und er sah zu mir, „ich habe eine Nachricht von Stegi bekommen. Er hat geschrieben, dass du dir Sorgen um mich machst. Und… und ich, egal was ist- ich solle mit dir reden. Du… es würde sicher alles gut gehen meinte er und ich dachte ich vertraue dir und ihm mal und- ich komme nicht auf den Punkt, oder?“ verzweifelt schlug er die Hände vors Gesicht.
„Nein tust du nicht,“ lachte ich leise und zog Tobi an der Schulter in eine Umarmung. Er schmiegte sich an mich und seufzte, bevor er leise weiterfuhr.
„Ich… versprichst du mir, nicht sauer zu sein?“
„Versprochen“, flüsterte ich in seine dunklen Haare.
„Okay, dann… Rafi, ich liebe dich,“ flüsterte er leise und vergrub sein Gesicht in meinem Shirt. Und ich begann leise zu lachen.
„Und davor hattest du so viel Angst? Na wenn es nichts Schlimmeres ist. Und ich hab es schon fast vermutet nach meinem Gespräch mich Stegi,“ meinte ich grinsend und zog ihn noch näher an mich.
„Was meinst du?“, wollte er verwirrt wissen und begann sich zu lösen, doch das wollte ich nicht zulassen und hielt dagegen. Gelobt sei Armtraining.
„Naja, Stegi meinte zu mir, du wärst in mich verliebt. Und irgendwie wollte ich es nicht glauben, weil ich Angst hatte, dass es an Ende doch nicht so ist. Ich habe einfach gehofft, dass wenn ich mich eines Tages traue dir was zu sagen, dass du es vielleicht doch erwiderst. Und ich mein, Stegi muss ja auch Mal recht haben.“
Verwirrt, sah er zu mir hinauf und ich grinste darüber wie süß er aussah.
„Stegi hat mit dir geredet darüber?“
„Und Tim. Ich war ganz schön verzweifelt. Ich hab mir Sorgen um dich gemacht und du hast dich einfach nicht gemeldet. Und ich wusste einfach nicht, was los war. Und… naja… dann habe ich halt irgendwie mit beiden darüber geredet – Sturmi war auch irgendwie dabei – und beide wussten ja auch, wie es bei ihnen war, wie es ist und so,“ ich grinste Tobi peinlich berührt an.
„Oh…“, kam nur nüchtern von ihm und ich zog ihn wieder an mich, wo er sich an meine Brust drückte und ließ mich nach hinten auf die Couch fallen, so, dass er auf mir lag.
„Du bist bequem“, nuschelte er in mein Shirt und ich grinste.
„Alles für dich.“
„Was ist eigentlich mit dem LegDay? Warum machst du das?“
„Mein Körper hat es gebraucht und ich hab das Training irgendwie vermisst. Kaum Zeit gehabt und so. UND ich hatte etwas Ablenkung von dir gebraucht – immerhin warst du fast zwei Monate wie verschollen,“ lachte ich und gab ihm einen Kuss auf seine Lippen, welchen er schnell erwiderte.
Und glücklich grinste ich, denn vielleicht durfte ich wenigstens die nächsten paar Tage vom Training kommen und meinen Tobi in die Arme schließen.