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Musculus Subclavius
Weil ich immer noch nicht angefangen habe zu arbeiten und meine Freizeit erfreulich wenig mit Medizin zu tun hat, muss ich diese Woche wieder auf eine lustige Geschichte aus meinem Studium zurückgreifen. Wer errät, wann sie mir passiert ist?
<dramaturgische Pause>
Richtig! Sie kommt wieder aus dem Anatomiesemester, einem viel häufiger als gemeinhin bekannt unfreiwillig komischen Semester. Diesmal ist der Hauptdarsteller aber nicht ein frei erfundener Muskel, mit dem wir Zahnärzte verwirren… Nein, nein. Diesmal geht es um einen real existierenden Muskel im Menschlichen Körper, wenn auch um einen, der sonst eher als Nebendarsteller im Abspann steht. Die Rede ist vom Musculus Subclavius, der bei vielen (nicht allen) Menschen unter dem Schlüsselbein sitzt. Er tut da irgendwie Knochen stabilisieren, aber es geht zur Not auch ohne. Kennen und lernen mussten wir ihn natürlich trotzdem, weswegen eines schönen Tages einem Präparierkollegen von mir beim Aufdecken seines Arbeitsfeldes mit schrägem Blick auffiel: - "Äh, Leute… Mein Subclavius ist weg?!" - "Häh?", frage ich. "Wie kann der weg sein? Den hast du doch gestern stundenlang freizippeln müssen, weil Du-Weißt-Schon-Wer* so miese Laune hatte. - "Oh Leute!", ruft er. "Der killt mich, wenn ich ihm heute diesen Muskel nicht zeigen kann! Ihr habt doch gestern die Leiche gewendet, um nochmal Rückenmuskel zu lernen… Ist der vielleicht dabei… Weggekommen?" - "Das ist ein Präpariertisch. Da kommt nicht einfach irgendwas weg." Nach zehn schrecklichen Minuten haben wir den Muskel dann gefunden. Er war zur Seite geklappt und ist wieder aufgetaucht, kurz bevor Ihr-Wisst-Schon-Wer zum Probetestat wieder da war. Kurioserweise fing seine Odyssee dann aber erst an.
Wir haben uns das nie erklären können, bis zur letzten Prüfung nicht. Aber der Muskel ist kurz darauf wieder verschwunden, als wir einen anderen Teil unseres Körperspenders präparierten. Und nach einigen Wochen wieder aufgetaucht. Das Ganze drei Mal. Zum letzten Mal aufgetaucht ist er am letzten Kurstag, als wir die sterblichen Überreste unseres Körperspenders für die Beisetzung vorbereitet haben.
Weswegen ich euch das erzähle? Weil wir in diesem Semester eine ganz wichtige Lektion fürs Leben gelernt haben: Respekt und Achtung vor etwas kann in vielen Arten und Weisen daherkommen. Man muss nicht betreten auf den Boden schauen, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist. Nicht immer - aber öfter, als man es sich traut… Ist es besser und gesünder, aufrecht nach vorn zu schauen und in den Abgrund zu lachen. Manchmal lacht er dann zurück und wirkt plötzlich nicht mehr ganz so bedrohlich.
* So haben wir unseren 24/7 schlecht gelaunten, stehts unter Strom stehenden Präparier-Assistenten ab der zweiten Kurswoche genannt.