Die Deutsche Nationalbibliothek arbeitet am Verschwinden des Buches. Meint Thomas Thiel in der FAZ.
Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden)
zu: Thomas Thiel: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 30.11.2016, S.9
Da wir uns die Mittwoche, Wissenschaftstage in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, nicht vollends mit morgendlicher Unruhe verbringen wollen, lesen wir die FAZ mittlerweile lieber am Dienstagabend. Was sich dieses Mal zunächst ein bisschen Enttäuschung versprach, nämlich die Abwesenheit eines Artikels über den Angriff auf Wissenschaft, intellektuelles Leben und kleine Verlage sowieso, wie es ihn in den vergangenen Wochen gefühlt immer gab, löste in beruhigender Weise diesmal das Feuilleton ein.
Nachdem Tilman Spreckelsen unlängst das Geschäume des besorgten Feuilleton-Kolumnisten Jochen Hieber (Zwangsdigitalisiert[!!])über neue Benutzungsregeln der Deutschen Nationalbibliothek mit etwas gesundem Menschenverstand ausbügelte und versöhnlich betonte:
“Die DNB ist - wie die Nationalbibliotheken anderer Länder auch - der Ort, an dem jedes Buch mit Referenzexemplaren bewahrt werden soll, selbst wenn es nirgendwo sonst mehr anzutreffen wäre. Wenn man so will, ein Reservat. Das ist Grund genug, etwas Mühsal in Kauf zu nehmen.”
darf am Mittwoch nun der zu diesem Thema einschlägig bekannte Thomas Thiel zeigen, dass man in Frankfurt das Digitale nur dann wirklich schätzt, wenn man es als FAZ+ auf die Tablets drücken darf.
Entsprechend interessiert lesen wir also einen frischen Aufguss dessen, was Roland Reuss und Uwe Jochum in der jüngeren und auch schon älteren Vergangenheit aufbrühten, ohne ihrer Argumentation freilich irgendeine frische Note hinzuzufügen. Seit dem Heidelberger Appell, also nun siebeneinhalb Jahren, gibt es dasselbe für Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalisten gleichermaßen bestürzend simple Anrufen gegen eine Art höhere Verschwörung unter der schwarzen Fahne des Open Access, die Thomas Thiel nun wieder einmal mit ausrollt, weil die Deutsche Nationalbibliothek das Digitale jetzt auch im Lesesaal anbietet. Und zwar, Skandal, mit Vorrang vor den für die Ewigkeit zu archivierenden gedruckten Exemplaren.
Wie hier zwanghaft der Bogen gespannt wird, um die Mär von der Open-Access-Verschwörung des George Soros (vgl. auch FAZ vom 23.11. - hier ein Kommentar im LIBREAS-Weblog) nach der hohen Schule dessen, was man aktuell als fakenews beschreibt, vermutlich so lange zu streuen, bis sie irgendjemand auch noch unter dem Stichwort Open Access in die Wikipedia hineineditiert, ist schon außergewöhnlich:
“Politik und Wissenschaftsorganisationen folgen blind einer kleinen, aber gut vernetzten Aktivistengruppe, die sich, getrieben von einem veritablen Verlegervernichtungshass, zu nützlichen Idioten von Großinvestoren macht, die wiederum Bibliotheken und Wissenschaftler gegeneinander ausspielen. Kein Zufall, dass die Open-Science-Bewegung von dem Finanzinvestor George Soros mitbegründet wurde. Der Open-Access-Datenschatz wird schließlich zwei Zwecken zugeführt: einer neopositivistischen Big-Data-Wissenschaft und den Konten der Datenhändler. “
Wer den Diskurs eine Weile beobachtet, sieht im Gegensatz zu Thomas Thiel eine andere kleine und gut vernetzte Aktivistengruppe als Treiber und es ist bedauerlich, dass sich eine renommierte Zeitung wie die Frankfurter Allgemeine so beliebig als Verkündungsorgan einer sehr grenzwertigen Gegenwartswahrnehmung etabliert. “Veritabler Verlegervernichtungshass” - darauf muss man erst einmal kommen.
Wir bemühen uns bekanntlich sehr regelmäßig und durchaus auch geduldig darum, dieses abwegige Narrativ auf eine diskursive Nachnutzbarkeit hin zu dekonstruieren (nachlesbar u.a. im LIBREAS-Weblog). Aber mehr, als darauf hinzuweisen, dass die Prämissen schon deshalb problematisch sind, weil beispielsweise
a) Rafael Ball eher ein unglücklicher Ausreißer mit Hang zur steilen These als ein Repräsentant des Bibliothekswesens ist (” Die Rede vom Ende des Buchs wird zur Karriereleiter für Bibliothekare, die keine Bibliothekare mehr sein wollen.”) und
b) die eigenen Ressentiments in einer Form, die schon 2005 steinalt wirkte ( “Das erwünschte Publikum ist der Aufmerksamkeitsökonom, der parallel zur „Kritik der Urteilskraft“ seine Newsfeeds checkt.”) als Maßstab herangezogen werden, an dem man dann alles so passend zusammenschneidet, dass es ja ein einfaches Weltbild ergibt, können wir nicht.
Wenn man so wie nun Thomas Thiel an die Sache geht, kann man eben auch behaupten, dass irgendjemand ernsthaft behauptet, der grüne Weg hätte ein ökologisches Versprechen, dass es als Lüge zu entlarven gibt. In das, was unlängst in der Süddeutschen Zeitung bei Norbert Frei schon in die Irre führte, darf Thomas Thiel hier noch einmal völlig belegfrei reinhaken:
“Nach jahrelangen Tiraden gegen das Umweltgift Buch mag die Einsicht schwerfallen, dass man heute aus ebendiesem Grund stromfressende Elektroschrottschleudern verurteilen müsste. Der ökologische Fußabdruck von Open Access ist jedenfalls der eines Riesen.”
Das Problem der Hochrechnung anekdotischen Wissens, wie es der Qualitätsjournalismus des FAZ-Feuilletons auch diesmal sehr engagiert einsetzt - “In einer spontanen, nichtrepräsentativen Umfrage unter hundert (mehr jungen als alten) Bibliotheksnutzern erfahren wir: Neunzig finden die neue Regel schlecht, acht ist sie egal, zwei begrüßen sie.” - hängt nicht nur an der Open-Access-Debatte dort als Übergewicht, wo lernende wechselseitige Verständigung das einzig konstruktive Ziel sein sollte.
Den irren Twist, das Buch als Umweltverschmutzung gegen digitale Medien auszuspielen, kennt man übrigens hauptsächlich von Verlagsvertretern aus der E-Book-Goldgräberei der späten 2000er Jahre. Hier sollte ein Produkt, für das wenig Bedarf bestand, mittels Greenwashing ein zusätzlichen Wert erhalten. Mit dem wissenschaftlichen Publizieren hatte das freilich nichts zu tun.
Man könnte jetzt also, wie wir es schon häufig getan haben, weitere einzelne Argumente aus dem Artikel aufgreifen und in einen Kontext namens Realität stellen, der den größten Teil ihres Gehaltes umgehend pulverisiert. Dann könnte man, wie wir es ebenfalls häufig getan haben, ein paar wichtige Kritikpunkte aufgreifen und betonen, dass man darüber unbedingt reden muss.
Andererseits kann man für heute auch einfach kurz festhalten, dass Thomas Thiel wenig von Bibliotheken und insbesondere der Rolle der Deutschen Nationalbibliothek als so genannte Gedächtniseinrichtung versteht oder verstehen will. Stattdessen führt er die FAZ-Leser aufs Eis und schreibt:
“Wir machen auch hier die Probe und versuchen, uns acht Bücher auszuleihen. An der Bücherausgabe werden wir an Stadtteilbibliotheken verwiesen. Kurios: Die DNB leiht ihr Privileg, alle Bücher an einem Ort zu bündeln, an Bibliotheken aus, die für ganz andere Zwecke erfunden wurden.”
Wer so halbwissend an seine Gegenstände tritt, versteht dann auch nicht, wo hier der Fehler liegt:
“Wir machen die Probe und bitten, uns Michael Hagners Monographie „Zur Sache des Buches“ auszuhändigen, das in der elektronischen Version keine Seitenzahlen hat und für die Wissenschaft so nicht zu gebrauchen ist.”
Nämlich nicht bei der DNB sondern beim Wallstein-Verlag, der offenbar nicht in der Lage ist, ein für wissenschaftliche Zwecke oder die des Thomas Thiel taugliches E-Book auszuliefern.
(Berlin, 29.11.2016)















