Eine nicht ganz überzeugende Argumentation gegen Open Access. In Acta Physiologica.
Eine Notiz zu
Pontus B. Persson: Open access: infatuation or love at first sight? In: Acta Physiologica, Volume 221, Number 1, 1 September 2017, S. 6-7 DOI: 10.1111/apha.12741
von Ben Kaden (@bkaden)
Gemeinhin wird behauptet, dass die meisten wissenschaftlichen Autorinnen und Autoren der Idee des Open Access prinzipiell aufgeschlossen gegenüber stehen. Auch betont ein ganz überwiegender und fast zu großer Teil des einschlägigen Publikationsaufkommens zum Thema die Chancen, Vorteile und positiven Aspekte des Ansatzes. Insofern ist es mehr als bemerkenswert und hoch interessant, wenn man auf eine Position wie die des Mediziners Pontus B. Persson stößt, der in einem Editorial für Acta Physiologica unter der Überschrift Open access: infatuation or love at first sight? erläutert, warum Open Access nur ein verklärtes Strohfeuer sein kann.
Auffällig ist zunächst, dass Sci-Hub, diskursiv personifiziert in Alexandra Elbakyan aktuell erstaunlich oft als rhetorische Größe in die Debatten zu Open Access und dem wissenschaftlichen Publizieren eingeführt wird. So auch hier. Pontus Persson stellt sie auf eine Ebene bzw. in eine Ecke mit Kim Dotcom. Beide, so irgendwie seine Argumentation, begehen Urheberrechtsverletzungen. („She has made sure that, while you are reading this sentence, thousands of scientific articles are made available to all.“) Und für beide ersuchen die Behörden der USA eine Auslieferung. Und schließlich kochen bei beiden Fällen in der Öffentlichkeit die Emotionen hoch. Persson belegt das nicht weiter, sondern erklärt lieber die Idee hinter Open Access in der denkbar simpelsten Form, dem so genannten Steuerzahlerargument:
„Many scientists, politicians and institutions feel that – unlike music – scientific articles need to be free, because research is often government (and thus tax) funded. Thus, society is entitled to the results, straightaway and at no cost. For these opinion leaders, open access is love at first sight.”
Das ist an sich nicht verkehrt, auch wenn es vom Differenzierungsgehalt mehr in ein Lehrbuch für die Mittelschule passte als in eine wissenschaftliche Zeitschrift. Problematisch ist eventuell die Andeutung, dass die „Meinungsführer“ (also eine Art Wissenschaftselite?) hier nicht rational entscheiden, sondern sich von einer Scheinevidenz verführen lassen. Er ignoriert freilich, dass seit etwa zwei Jahrzehnten diverse Argumente, Spielarten und Interpretationen von Open Access aufeinandertreffen und das Steuerzahlerargument mehr ein rhetorischer Hebel der 2000er Jahre war, heute aber in der Debatte, die längst eher Richtung Realpolitik strebt, eher in den Hintergrund gerückt ist. Persson scheint dies weniger relevant, denn er hat ohnehin seine eigene Definition von Open Access: „Open access simply means that the scientists doing the research, and not the readers, pay the bill for publishing.” Es ist offensichtlich nur Gold in seinen Augen und die Sorge vom Qualitätsverlust. Denn wo Bibliothekare nicht mehr gezwungen sind, die Qualität eine Zeitschrift vor der Akquise zu prüfen, sprießt ein Geschäftsfeld finsterer Glücksritter („free sinister fortune seekers“), als der Predatory Journals. An der Oberfläche, so seine Sicht, scheint Open Access philantrophisch und moralisch überlegen. Aber eigentlich erreicht es das Gegenteil von dem, was auf den Fahnen steht: „[Th]e pay-to-publish policy of all open-access journals has the potential to effectively shut out several countries from actively participating in science.” Gerade also das informationsethische Argument des freien Zugangs würde umgekehrt.
Zweifellos besteht die Gefahr, dass Gold-OA die Publikationsoptionen für all diejenigen sehr beschneidet, die nicht über entsprechende Fonds und Mittel für Article Processing Charges (APC) und ähnliche Gebühren verfügen. Das Problem ist allerdings auch und gerade bei allen, die sich mit Open Access professionell befassen, hoch präsent und in der Diskussion und oft bereits auf der Lösungsebene - man denke an APC-Waiver für bestimmte Weltregionen und Einzelfälle. Niemand, der sich „at first sight“ oder auch aus Einsicht für die Idee des Open Access erwärmt, hegt dagegen irgendeine Sympathie für die Raubjournale, gerade weil diese für die Wissenschaft und ihre Kommunikation extrem schädlich sind.
Völlig fragwürdig wird die Argumentation des Mediziners, wenn er die qualitative Überlegenheit von „non-open-access“ Zeitschriften betont und zugleich ausblendet, dass seriöse Gold-OA-Anbieter an ihre APC-finanzierten Publikationen die gleichen Bedingungen des Peer Review anlegen, wie man es von Subskriptionstiteln kennt. Aber Persson braucht diesen Kniff, um seine nächste Abwägung vorzubereiten:
„What is more, if non-open-access journals provide all handling and publishing free to the author, we may refer to them as free to publish or open publishing. What is morally superior, open access or open publishing? That is a difficult call.”
Ist es nicht, denn der Vergleich ist so unsinnig, wie die Einführung eines Konzepts des „open publishing“ ein Taschenspielertrick ist. Jede Publikation, die ohne Publikationsgebühren oder Druckkostenzuschüsse auskommt, fällt in diese Kategorie und es war über Jahrzehnte wenn nicht noch länger absolut, unnötig, dafür eine gesonderte Bezeichnung zu bemühen. Jetzt von “open publishing” zu schreiben, ist eigentlich ein mehr oder weniger dreistes Gegenbranding und unter bestimmten Umständen auch schlicht irreführend.
Die damit verbundene Frage nach der moralischen Überlegenheit mag abstrakt zulässig sein. Sie ist hier aber ein denkbar durchsichtiges Vehikel, das benötigt wird, um ein konstruiertes Szenario zu stützen, an dessen Ende die eigenwillige Schlussfolgerung steht:
„Paying for open access means that the scientists are paying the bill twice. Does our money for libraries return to the workbench when we publish open access? Probably not.”
An dieser Stelle zeigt sich nicht nur eine Blindheit des Autors für die Realität des Open-Access-Publizierens sondern auch für die Funktionsweise wissenschaftlichen Kapitals. Als Wissenschaftler legt Persson allerdings doch eine Art Beleg in Form von Erfahrungswissen nach, nachdem er sich ansonsten vor allem selbst zitiert. Die Zeitschrift Acta Physiologica bietet, so führt er aus, ihren Autorinnen und Autoren beide Optionen: das OA-Publizieren über Autorengebühren und das klassische Publizieren. Dass sich 95% der Autorinnen und Autoren für den klassischen, hier „free-to-publish track“, genannten Weg entscheiden, ist für ihn Beleg genug, dass Open Access nur aus der Warte der Lesenden und nicht aus der der Publizierenden gesehen wird und wir - er wechselt hier von scientists zu we - deshalb am Ende wieder zum traditionellen Modell zurückkehren müssen. Open Access ist eine eher schädliche Schwärmerei, so die Farbe des Editorials, und am Ende kehren alle sicher wieder auf den Pfad des Etablierten zurück.
Die Schwierigkeit mit dem sehr kurzen, nur eine Seite umfassenden Text, für den Nicht-Subskribenten für $43 einen Zugriff erwerben können, ist nicht, dass er Open Access kritisiert. Der Diskurs ist in der Tat immer noch von sehr viel Affirmation, Behauptungen und Wünschen durchsetzt. Sondern sie liegt darin, dass Persson dies mit einem denkbar groben Werkzeug und in der Argumentation sehr enttäuschend tut. Selbstredend ist es legitim, wenn gerade eine ausgesprochene etablierte Subskriptionszeitschrift und ihr Herausgeber 2017 einen derart konservativen Anspruch an das wissenschaftliche Publizieren stellen. Hier wird der Markt und werden die Erwerbsstrategien der Bibliotheken zeigen, was sich durchsetzt. Dies mit einer derart uninformierten und einseitigen und plumpen (was hat Kim Dotcom hier zu suchen?) Meinungsspalte so vorgebetet zu bekommen, sollte aber auch den Leserinnen und Lesern von Acta Physiologica erspart bleiben.
(Berlin, 13.09.2017)









