Dauerzustand Single - Teil I
Lukas, wir kommen hier einfach nicht voran. Streng dich doch an! So kann es nun wirklich nicht mehr weitergehen! Warum findest du denn keinen? Denkst du eigentlich überhaupt über dich und dein Liebesleben nach? Warum schaffen es alle anderen? Willst du denn überhaupt jemanden finden?
Introspektion - Hallo, Schwester!
Wie fängt man an, über einen Zustand nachzudenken? Und ja, ich bezeichne mein Single-Leben als Zustand, immerhin dauert er mittlerweile 3.5 Jahre an. Um die Gegenwart zu verstehen, muss man sich auch die Vergangenheit anschauen. Also starte ich mal mit der.
Vergangenheit
Meine letzte, und eigentlich auch einzige, “wirkliche” Beziehung dauerte 5 Jahre. Es war wie im Bilderbuch: Langer Onlinekontakt, zufällig beim Fortgehen getroffen. Sternchen, überall Sternchen. Eingeschlagen wie ne Atombombe, bloß mit weniger Toten. Zuerst war es eine Fernbeziehung, denn wir waren gerade mal 18 Jahre alt und beide noch in der Schule. Danach zogen wir zusammen, lebten glücklich miteinander. Wir hielten es lange miteinander aus. Es war mehr als aushalten....es war wirklich symbiotisch, voller Verständnis und Anziehung. Aber Symbiose ist gefährlich. Unsere Träume waren konservativ, unreflektiert und oberflächlich. Ein Haus, Haustiere und vielleicht sogar mal Kinder. Es war der Traum der heterosexuellen Gemeinschaft, in den wir uns aus Gewohnheit und Faulheit einfach verliebten. Und diese beiden Gründe sind gefährlich, sie schleichen sich ein und zerstören. Wenn man sich langsam verändert durch die neuen Lebensabschnitte, das soziale Netzwerk vernachlässigt wird, Hobbys auseinander gehen und Sinnfragen häufiger gestellt werden, wird es Zeit über die Beziehung nachzudenken. Das Ende war schmerzlich, von Egoismus geprägt und abrupt. Ich muss zugeben, dass ich damals einige Schrammen abbekommen habe.
Die Schrammen heilen, ich habe gelernt alleine auf den Beinen zu stehen und dabei sogar noch glücklich zu leben. Kontakt mit dem damaligen Freund besteht nicht, ich denke das liegt an einem gescheiterten Versuch eines Neustartes, den ich ziemlich kaltherzig zu Nichte gemacht habe. Da will man sich nicht unbedingt sehen, und auch die Wunden brannten, wenn man hörte, wie gut es dem anderen ging. Eigene Fehler werden nur allzu bewusst, und sich denen zu stellen, ist äußert herausfordernd. Mittlerweile kann ich gut über diese Dinge nachdenken, und ich spiele mit dem Gedanken, nachzufragen, wie es ihm geht, wie er so ist, was er so macht.
Ab wann hat man eine Beziehung wirklich verarbeitet? Geht das denn überhaupt? Ich möchte die Beziehung nicht missen, kann großteils auf glückliche Zeiten zurückblicken und sehe das Beziehungsende als Chance, nicht als Scheitern. Viele Lektionen hab ich gelernt. Ich hoffe, es geht ihm genauso. Ich habe das Gefühl, dass ich die Beziehung verarbeitet habe, aber um sie wirklich in eine schöne Erinnerungsbox im Herzen einzuschließen, fehlt noch etwas. Ich denke, das fehlende Puzzleteil ist ein gemeinsames, positives Zurückblicken und gleichzeitig ein aufrichtiger Wunsch an den anderen, dass sein Leben glücklich verlaufen wird: “Ich hoffe, es geht dir gut. Du bist ein toller Mensch. Ich wünsche dir alles erdenklich Gute auf deinem Weg.” Einfach das Gefühl, dass da 5 Jahre nicht einfach abgestorben sind, vom schwarzen Loch aufgesogen, unerreichbar sind, sondern lebendig in Erinnerungen aufbewahrt werden. Dass da wirklich tiefe Zuneigung war, die durch eine Beendigung der Beziehung selbst nicht vollkommen verschwindet, sondern in eine andere Form überführt werden kann.
Dieser Schritt fehlt noch; aber ist dieser Schritt so wichtig, so groß, dass er mich lähmt, eine neue Beziehung einzugehen? Ich denke, der Anteil ist eher gering. Eine Rolle spielen sicher auch die Beziehungen, die Menschen um einen führen - quasi Rollenmodelle. Meine Eltern ließen sich scheiden. Meine Schwester lebt den Famlientraum und mein Bruder seit kurzer Zeit auch. Meine Freunde sind eigentlich fast alle Single, oder erst kürzlich in einer Beziehung. Eher durchwachsenes Feld, wo viele Beziehungsformen und -Abbrüche zu finden waren und sind. Ich halte mich diesbezüglich eigentlich an keinem Modell fest, zumindest nicht absichtlich. Was ich mir mitnehme, ist, dass das Wichtigste in einer Beziehung der überwiegende Anteil positiver Momente ist. Dass man gemeinsame Ziele sowie separate Freiräume hat und man das soziale Umfeld keinesfalls vernachlässigen soll. Außerdem sehe ich ein Beziehungsende nicht mehr als ein Scheitern an, sondern als Veränderung, die manchmal notwendig wird, beziehungsweise einen positiven Beziehungsabschluss darstellen kann.
Die vergangenen Beziehung(en), Abenteuer und Liebeleien haben mich sicher stark geprägt. Sie entmutigen mich nicht, sondern geben mir Mut, mich wieder auf einen neuen Menschen einzulassen. Unterm Strich bleibt also ein positiver Bindungsgedanke, der allerdings durchaus auch mit einer kleinen Angst vor dem Verletztwerden begleitet wird. Ich fühle mich insgesamt bereit, meine Comfort-Zone zu verlassen, das Risiko einer Schramme einzugehen, um die Chance auf Geborgenheit und Zweisamkeit zu ergreifen. Ich möchte gerne jemanden Anteil an meinem Leben nehmen lassen, und auch selbst unterstützend und liebend Anteil am anderen nehmen.
Hausaufgabe für mich: Meinen damaligen Freund kontaktieren und ihm noch wichtige Einsichten und Wünsche mitteilen und einen kurzen Einblick in sein derzeitiges Leben erhalten.














