Die Sache mit dem Reisen
Kurzerhand ne Dienstreise angenommen: Zwei Tage Osnabrück mit einer Übernachtung. Ich war noch nie alleine so weit verreist, deshalb sah ich den Aufenthalt als kleinen Einstieg in zukünftige Single-Aufenthalte. Ich hab mir vorgenommen, Osnabrücker Typen kennenzulernen. Deshalb gleich mal mein Romeo-Profil auf Osnabrück eingerichtet - der Köder ist also ausgeworfen.
Die Hinreise war schon etwas schlauchend mit zwei Mal S-Bahn, ein Mal Flugzeug und ein Mal Zug. Dafür war ich aber auch kurz in Hannover, zumindest in Bahnhofsnähe. Dort schaut’s übrigens auch aus wie im Mostviertel, landschaftsmäßig. Heimatgefühle ole! Mein Romeoprofil ist gefragt unter den Osnabrückern - Messages trudeln ein. Ich halt mir natürlich alle Optionen offen und sag niemanden fix zu. Eigentlich ziemlich ungut, aber dort gibts auch keinen Ruf zu verlieren.
In Osnabrück hab ich mir ein sehr billiges Hotel gesucht, das dafür nicht ganz so zentral lag. Als Begrüßung schmetterte mir die Hotelbedienstete ein zu freundliches “Hast ein Problem?” entgegen. Liebe auf den ersten Blick. Sie hat mich außerdem in ein Zimmer mit Gay-Graffiti verfrachtet. Mein Name eilt mir wohl voraus. Nach kurzer Dusche im Etagen-Badezimmer dann auf zum Meeting. 5 Stunden Besprechung mit neuen Inspirationen und nen Haufen Arbeitsaufträgen, ja so mag ich das. Danach etwas müde nochmal zurück ins Hotel. Ich muss mich entscheiden, wen ich als Date auserkore. Zwei Typen kommen noch in die engere Wahl, wobei einer letztendlich durch seinen Humor (und sein gutes Aussehen) besticht.
Auf dem Heimweg vom Hotel bin ich an einem Lokal namens Trash vorbeigezogen. Sah unaufgeregt aber speziell auf, deshalb hab ich das gleich mal vorgeschlagen. Und siehe da, der Gentleman holt mich sogar vom Hotel ab. Mein Fenster liegt straßenseitig, deshalb wurde als Signal ein Dreier-Pfiff ausgemacht, der mich aus dem Zimmer locken soll.
Der Dreier-Pfiff ertönt nicht, dafür ne Whatsapp-Nachricht mit nem elektronischen Pfiff. Scheint wohl eher schüchtern zu sein. Unten angekommen erfahr ich auch seinen allzu deutschen Namen - immerhin gibt’s nen kleinen Videogame-Bezug darin. Man kann sich alles Schönreden. Er wirkt bodenständig, nicht mehr so jung wie auf seinen Fotos und die Haare trägt er auch anders. Seine Stimme ist ruhig, tief aber nicht zu tief und er ist etwas größer als ich. Insgesamt ein sehr ansehnliches Paket.
Im Trash angekommen setzen wir uns in die letzte Ecke. Alternative-Rock schallt durchs Lokal, und das viel zu laut. Unsere ersten Gesprächsfetzen kommen deshalb nicht ganz verständlich beim anderen an, und so ernten wir gegenseitig absurde Antworten und überraschte Blicke. Ich muss näher an ihn rücken, damit wir uns verstehen (netter Schmäh für alle Osnabrücker um dem Schwarm näher zu kommen --> ab ins Trash mit euch). Nach einer gefühlten Ewigkeit noch immer keine Bedienung gekommen. Aber dann kommt so ein Typ, Marke Eigenbrödler und Weirdo, die Stiege rauf und geht bei uns vorbei. Fragt kurz ob alles okay bei uns ist, und ich als Gegenfrage ob er die Bedienung ist. “Was glaubste denn warum ich euch frage ob alles okay ist bei euch?!” Fettnäpfchen hurray! Ich zeig mich mal wieder von meiner intelligentesten und souveränsten Seite - scheint aber auch irgendwie beim Date anzukommen. Der lächelt nämlich.
Wir wechseln 2 Mal den Platz um vor den Boxen zu flüchten, jedesmal ohne Erfolg. Dabei berühren sich immer wieder mal unsere Knie oder auch mal die Schultern. Schon lange nicht mehr gehabt. Der Eisbrecher sind die Gespräche über Filme und Musik, wir kennen zwar die wenigsten der empfohlenen Schmankerln, aber dennoch verbinden uns die Themen. Leider bricht nach dem Biertrinken etwas die Müdigkeit des langen Tages über mich herein, und so schlag ich vor zu zahlen.
Er bringt mich noch ins Hotel; wir gehen durch dunkle Gassen, sind die einzigen Fußgänger. Vor dem Hotel dann noch eine Umarmung und während ich die Stiegen hinaufgehe kommt etwas Wehmut bei mir auf. Jetzt bin ich weiter verreist, und das erste Date das ich in dieser Stadt hatte, hatte mehr Potential als die Dates im letzten Jahr in Wien. Ich frage mich, woran das liegt.
Zum einen ist da der Kontext der fernen Stadt, die Anonymität und der Neuanfang. Hier bin ich ein unbeschriebenes Blatt, kenne die Typen nicht und auch nicht die Lebensweise. Ich bin ein Freigeist, der sich alles erlauben kann. Ich kann offen sein, Fehler machen, und keiner wird es mir vorhalten, am wenigsten ich selbst. Der Zeitfaktor spielt natürlich auch mit, es ist im Vorhinein klar, dass ich am nächsten Tag wieder weg sein werde. Das angefangene Buch wird nicht zu Ende gelesen, sondern einfach wieder ins Regal gestellt. Geh auf’s Ganze, heute hast du nichts zu Verlieren. Du kommst, nimmst, und gehst. Mehr ist es nicht. Ich kann außerdem davon ausgehen, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit niemanden daten werde, der mich über maximal 2 Ecken kennt. Keine Hinterrücksgeschichten und keine Vorinformationen. Und dann noch die Qual der Wahl, alle Typen sind neu. Ich kenne niemanden. Ich kann mir die Creme de la Creme aussuchen. Das Daten von “Vielleicht-Typen”, also jene, bei denen ich mir unsicher bin, ob Sympathie überhaupt herrscht, und die ich dennoch in Wien gedatet habe, um zumindest die kleinste Chance noch zu ergreifen, bleibt mir erspart.
Aber da ist natürlich auch die eigene Einstellung zur Liebe, zu Beziehungen. Durch den klaren zukünftigen Abschied von der Stadt ist klar, dass sich hier nichts Festes entwickeln kann. Man ist sich bewusst, dass man hier wirklich nur rein hedonistisch datet. Und das bewirkt bei mir ein sehr selbstsicheres Gefühl. Ich passe mich diesmal mutigerweise nicht an den anderen an, gebe mich authentisch und glänze mit schwierigen Seiten an mir. Die Parole lautet integer zu sein. Aber blickt man weiter dahinter, dann steckt hinter dem temporären Kontakt auch die automatische Entscheidung gegen eine gemeinsame Zukunft. Ich erspare es mir, mir ein Urteil über das gemeinsame Potential mit dem Typen zu bilden. Es ist bereits klar, dass wir morgen wieder auseinander gehen werden. Und noch weiter dahinter könnte auch noch die Bindungsangst per se stehen. Die Angst, jemanden wirklich an sich heran zu lassen. Die Furcht, dass diese Nähe im Endeffekt zurückgewiesen wird und man alleine und verletzt stehen bleibt. Die Feigheit, sich für jemanden zu entscheiden, um nicht auf alle anderen verzichten zu müssen.
Ich bin in Osnabrück, in meinem Hotelzimmer, und halte mein Handy in der Hand. Ich tippe an ihn, dass ich es schade finde, nicht hier zu wohnen. Ich hätte ihn sonst mit rauf eingeladen, um noch einen Schlummertrunk zu nehmen. “Stürme mir hinterher! Es gibt Schampus und Bier.” kam zurück. Und ich packte mich nochmal zusammen, und stürmte hinterher. Als wir uns sahen war es erst richtig aufregend, die Nervosität war spürbar. Wieder durch die dunklen Gassen hindurch schlenderten wir zu seiner Wohnung. Er entschuldigt sich, wie sich das gehört, im Vorhinein für die Unordnung in seiner Wohnung.
Wir trinken gemeinsam das Bier, reden und reden. Ich stöbere durch seine Regale. Aber dennoch manövrieren wir uns irgendwie in eine Sackgasse. Keiner wagt es, weiter zu gehen. Keiner versucht ein klares Zeichen zu setzen. Ich bin morgen wieder weg, ich hab nur heute. Wenn du jetzt nichts machst, dann wirst du dir das vorhalten. Also rutsch ich ganz eng an ihn ran, schau ihn an, und sage mit meinem plumpen Charme “Stört’s dich?”. Nein, alles okay. Und Sekunden später kam dann der Kuss. Und so kam es auch, dass ich die Nacht nicht mehr im Hotel verbracht habe, sondern wahrlich im Osnabrücker Leben. Noch mehr Realität geht nicht mehr, noch mehr Eintauchen in die Stadt auch nicht.
Am nächsten Tag hole ich meine Sachen aus dem Hotel, und besuche ihn nochmal in der Wohnung. Die Sympathie ist immer noch nicht verflogen. Seine Attraktivität strahlt aus mehreren Ebenen, und ich kann nicht anders, als flüchtige Gedanken an das Auseinandergehen zu verschwenden. Ich verdränge sie, genieße noch die letzten Stunden mit ihm. Es ist wie eine Insel. Eine Insel, auf der die Zeit kurz stehen bleibt und alles ringsherum verschwimmt. Es ist wie ein sicherer Ort, an dem alles gut zu sein scheint. Es ist genau das, was ich in Wien suche.
Der Abschied geht schnell, noch ein Kuss und eine Umarmung, ich kann und will mich nicht völlig darauf einlassen. Ich verschwinde Richtung Bahnhof, Richtung Heimat.
Es überollt mich ein bittersüßes Gefühl. Die Glückshormone schwirren immer noch im ganzen Körper, und ich bin so unendlich dankbar über das Erlebte. Seit Langem habe ich wieder erlebt, wie es ist, jemanden mit Haut und Haaren zu begehren. Jemanden kennen zu lernen, bei dem das Kribbeln einsetzt, und man das Gefühl hat, dass es noch so viele Facetten zu entdecken gibt. Einen Typen kennenzulernen, der mir optisch super gefällt, der Ecken und Kanten hat, und der noch dazu überraschenderweise noch eine herzallerliebste Ader hat. Ein kleiner Weltverbesserer, der an seinen eigenen Fronten kämpft. Und dann wird dieses Gefühl auch noch von ihm auf mich gespiegelt. Ich bekomme Komplimente, und wahrliche Nähe zu spüren. Eine Grundoffenheit, und eine Verletzlichkeit. Und genau dieser Mix ist es, der mich so berührt, und der mich zum Träumen bringt. Und das Erlebte kam dem Träumen gefährlich nah.
Und dann ist da dieses Gefühl, dass es eben nur eine Blase war. Ganz graziös, schwebend und im Vorhinein zum Auflösen bestimmt. Es ist das Gefühl, das auftaucht, wenn man sich etwas im Kopf ausmalt, das man unbedingt haben möchte. Etwas, an dem man sich festhält, es kann eine Erinnerung sein, oder auch ein Ziel. Ein Bild oder eine Geschichte, die man sich vorstellen kann. Und dieses Gefühl heißt Sehnsucht. Es ist die positive Verarbeitung von Trauer. In meinem Fall ist es die Zweisamkeit, die innige, die ernst zu nehmen ist, und die einen richtig stark verletzen kann. Die aber genauso intensive positive Erlebnisse erzeugt und für die ich bereit bin, Einschränkungen an anderen Enden meines Lebens in Kauf zu nehmen.
Er konnte mir aufzeigen, dass ich nicht abgestumpft bin. Dass ich immer noch fähig bin, mich verletzlich zu zeigen und Risiken einzugehen. Ich fühlte mich geborgen, verstanden und erfuhr große Zuneigung. Und das innerhalb von weniger als 24 Stunden.
Ich danke dir, für unsere gemeinsame Zeit.
Ich frage mich noch immer, welche Faktoren nun wirklich zu diesem Erlebnis geführt haben. Und es macht mir auch ein bisschen Angst, diese Frage aufzuklären. Wenn es wirklich nur der Kontext war, mit seinen temporären Möglichkeiten und vorbestimmten Entscheidungen, so bin ich überrascht über diese immense Auswirkung. Und gleichzeitig enttäuscht, wenn ich so stark von diesen Einflüssen gesteuert wurde. Und lag es wahrhaftig an ihm, an seinem Charakter, seinem Verhalten und seinen Gefühlen, zeigt es mir, wie stark Anziehung wirkt, wenn sie auftaucht. Dass man nicht verzweifelt danach suchen kann, sondern dass es passiert, wenn man auf die richtigen Personen trifft. Und gleichzeitig verbliebe dann die Traurigkeit darüber, dass das Hindernis einer gemeinsamen Zukunft zu groß sein könnte.
Was so eine kurze Reise alleine in eine neue Stadt bewirken kann.








