Januar 2021
Alles wie immer
Ich bin zur Geburtstagsparty von Kristin Kopf bei gather.town eingeladen. Davon erfahre ich nur, weil Mia Culpa mich am Vortag fragt, ob ich auch komme, denn die Einladung erging als Facebook-Event, und bei Facebook schaue ich inzwischen nur noch rein, wenn mir jemand sagt, dass ich das tun soll, also alle ein, zwei Monate.
Pünktlich zu Partybeginn erscheine ich im Eingangsbereich der gather.town-Landschaft und werde von Kristin begrüßt. Dann laufe ich erst mal ein bisschen herum und schaue mir alles an. Dabei fühle ich mich exakt so beklommen, wie es bei einer echten Party der Fall wäre. Theoretisch könnten mich ja alle dabei sehen, wie ich dumm herumlaufe, mich ab und zu (aus Neugier oder aus Versehen) einer Gruppe von Leuten nähere, dann merke, dass die sich alle über Linguistik unterhalten und ich sie gar nicht kenne, so dass ich lieber schnell weitergehe. Vielleicht finden sie das ja blöd, wenn ich mich einfach so dazustelle und zuhöre. Oder vielleicht finden sie es okay, aber ich müsste mich dann womöglich vorstellen oder mit diesen fremden Leuten reden. Dass es der neuartigen Partytechnik gelingt, dieses Unbehagen naturgetreu nachzubilden, finde ich gleichzeitig sehr gut.
Ich schaue mich draußen im Garten um, wo es einen Sandkasten und Schafe gibt. Genau wie bei einer echten Party schlafe ich dort erst mal ein (ich bin Narkoleptikerin). Kurze Zeit später wache ich wieder auf, weil ich jemanden an mir vorbeigehen höre. Ich beschließe, dass es so nicht weitergehen kann und schleiche in der Nähe von Techniktagebuch-Kollegin Tanja Braun herum in der Hoffnung, unauffällig herauszufinden, ob sie vielleicht mit mir reden will. Dieser Plan schlägt fehl, so dass ich Tanja schließlich in eine Ecke treiben und selbst ein Gespräch anfangen muss. Das ist dann sehr nett, denn wir haben uns wirklich schon lange nicht mehr gesehen. Allmählich kommen auch andere Techniktagebuchleute auf dem Partygelände an und stellen sich zu uns. Manche davon, zum Beispiel Mehmet Aydın, habe ich noch nie gesehen. Andere sehe ich auch hier nicht, weil sie ihre Kamera ausgeschaltet haben, genau wie ich. Es mag für die anderen ein bisschen blöder sein, sich mit einem schwarzen Rechteck zu unterhalten, aber für mich steigert es das Partyvergnügen, nicht darüber nachdenken zu müssen, was gerade hinter mir im Bild ist, wie ungewaschen meine Haare aussehen oder ob meine Kameraperspektive eine von denen ist, die Thomas Wiegold oder Drago Starcevic schrecklich finden.
Es ist schön auf der Party, aber nach zweieinhalb Stunden ist mein Soziallebensbedarf gedeckt. Ich bin mir nicht sicher, ob das an der mangelnden Übung in den letzten zehn Monaten liegt. Wahrscheinlicher ist, dass es schon immer so war und ich nur unter normalen Umständen halt jetzt zwei Bier getrunken hätte und auf einem Sofa säße, so dass mich die Schwerkraft noch eine Weile festhielte. So aber bin ich nüchtern und auf dem Sofa kann ich auch ohne Party einfach sitzenbleiben. Auf Veranstaltungen mit körperlicher Anwesenheit löst der Gehentschluss einer einzelnen Person manchmal eine ganze Verabschiedungswelle aus, und da sich in der letzten Vierteistunde schon einige andere unter Berufung auf Arbeit, Kinder oder “hab heute schon acht Stunden Zoom hinter mir” verabschiedet haben, schreibe ich nur unauffällig im Chat, dass ich jetzt gehe. Dann bewege ich meinen Avatar ordentlich zum Ausgang des Partygeländes und schließe erst dann das Browsertab. Einfach dort, wo ich stehe, zu verschwinden, kommt mir falsch vor.
Insgesamt war alles fast genau wie früher auch. Ich merke nur, dass ich mich schon kurze Zeit später überhaupt nicht mehr an den Inhalt der Partygespräche erinnern kann. Das wäre vielleicht anders, wenn ich sie an unterschiedlichen Orten geführt und mit meinem Avatar nicht den ganzen Abend in derselben Wohnzimmerecke herumgestanden hätte, beziehungsweise eben zu Hause auf demselben Sofa gesessen. So hat die Erinnerung wenig Gelegenheit, sich an Umgebungsdetails anzuheften. Aber was werden wir schon geredet haben – dasselbe wie immer vermutlich.
(Kathrin Passig)
















