Altercatio: Mutter aller FAQs (Paris, 1651)
Diese bildlose Version der Altercatio zitiert Peter Goodrich in seinen Arbeiten. Legendre hatte zuvor in der modernen Bild- und Rechtswissenschaft die Aufmerksamkeit auf den Emblematik und Alciatio gelenkt. Goodrich greift dann eine Passage aus der altercatio auf und bringt sie sowohl mit Alciatio als auch der Emblematik in Verbindung. Legendre wiederum verweist gleich am Anfang von Gott im Spiegel auf Goodrichs Assoziationsarbeit. Legendre sagt dort, dass sei eine Formulierung oder Formel Alciatos.
Die meisten Publikationen von Legendre sind Vorlesungen, und wie Vorlesungsmitschriften oder Manuskripte sind sie in vielen Stellen in einem philologischen Sinne nicht voll durchgearbeitet. Sie leben noch von einer mündlichen Situation, in der einer spricht, der sich schriftliche Nachweise erstmal spart und in der andere auch nicht gleich nachhaken. Das kann einen manchmal ganz schön aufhalten. In den deutschen Übersetzungen wird es noch schlimmer, weil Legendre manchmal auf Seiten seiner eigenen Texte verweist und die deutschen Übersetzungen dieses Seitenzahlen übernehmen, obwohl sie sich in den deutschen Übersetzungen ändern. Hinzu kommt noch die verwirrende Zählung. Legendre zählt seine Vorlesungen, die deutsche Ausgabe zählt seine Schriften und sie macht das (bestimmt extra!) in anderer Reihenfolge.
2.
Legendre sagt wenig bis nichts über den Apparat, was seltsam ist, wo ihn doch der Apparat so interessiert. Goodrich arbeitet da schon anders. Er liefert also zu der Passage den Hinweis auf eine Edition und eine Seite, und das stimmt zumindest teilweise. In Paris wird 1651 ein Buch gedruckt, in dem man auf S. 190 man die Passage findet. Goodrich übernimmt die These von Legendre, dass Alciatio eine Bildvorstellung habe und er assoziiert die Passage Quid est pictura? Veritas falsa mit den Namen Alciatio. Er versieht die Passage mit einer Signatur, dem Namen eines Autors. Auf Seite 190 findet man Alciatios Namen nicht, weder der Text noch die Edition ist von ihm. Das ist Goodrichs Assoziation.
3.
Latour hat einmal darauf verwiesen, wie 'zittrig' Signaturen Namen mit Aussagen assoziieren. Aber abgesehen von der allgemeinen Frage, was Autorenschaft ausmacht , halte ich auch diese besondere Assoziation zwischen Namen und Passage für zu fragwürdig, um sie einfach so übernehmen zu können. Es ist schon seltsam, dass Goodrich die Pariser Ausgabe von 1651 zitiert und dann nicht nur diese eine Passage, sondern die ganze Edition Alciatio zuschreibt. Der ist schon 100 Jahre vorher gestorben, die Texte sind nicht von ihm (das ist Aktenmaterial aus römischen Kanzleien). Dann nimmt Goodrich ausgerechnet die Ausgabe, die keine Bilder hat. Und schließlich ist ja noch fraglich, was die altercatio überhaupt mit Bildern, Emblemen und Schildern zu tun hat? Dass sie einen Bildbegriff entwickelt, ist möglich. Aber zuerst halte ich die altercatio für eine Art dialektisches Trainingsformular. Es gibt eine Reihe von Sätzen, die sich wie Definitionen lesen, die aber dann mehrfach auftauchen und etwas in der Bestimmung austauchen. So taucht die Frage "Quid est homo?" viermal auf und sie wird mehr als vierfach beantwortet. Nach pictura wird direkt nur einmal gefragt, nur einmal geantwortet. Aber dann wird noch einmal nachgehakt: Wozu hast du das gesagt? Wir sehen die gemalten (bemalten?) Äpfel, Pflanzen, Tiere, Gold, Silber, und es ist nicht wahr.
Imago taucht noch einmal auf: Quid est somnus? Mortis imago. Auf diesen Teil geht, so weit ich das übersehe, weder Legendre noch Goodrich ein. Dann gibt es die Passage, in der gefragt wird, wozu man Venus nackt malt und in der dem Schreiber gleich ein paar Gründe einfallen. Goodrich und Legendre gehen aber auch auf diese Passage nicht mehr ein. Für die Frage, was veritas falsa denn heißt, sind diese anderen Passagen durchaus lesenwert. Im Warburgschen Sinne gilt das wohl auch die Fragen nach Sonne, Mond und Sterne, denn das sind alles Elemente von Sternbildern, die man imagines nennt. Sonne und Mond und Sterne sind nicht nur astrologische und astronomische Objekte, das sind auch bild- und rechtswissenschaftliche Objekte. Ich will nicht sagen, dass Legendre und Goodrich mit dem kurzen Rückgriff auf diese eine Passage und mit der nach wie vor fragwürdign dichten Assoziation mit dem Namen Alciatio irgendwas falsch oder nachlässig machen. Aber dass die ein Faß aufmachen, das würde ich schon sagen.
Quid est homo? Pomo similis ist mimologisch betrachtet zweigleisig toll.
Anders als die Edition von 1552 gliedert diese Ausgabe die altercatio nach Zeilen. Jede Frage bekommt eine Zeile. Schriftbild haben beide, die Ausgabe von 1651 setzt nur die Zeilen differenzierter und schärfer ein.














