"Die besten Bilder werden nach und nach seine Facebook- und Instagram-Profile füllen. Die Werbeagentur soll aus ihm eine unverwechselbare Marke machen. Das Problem ist nur, İlkay Gündoğan hat bereits seit über drei Jahren ein Image: das des dauerverletzten Fußballers. [..] Der Junior Strategy Consultant sagt, das derzeitige Image Gündoğans sei "ein riesiges Problem: Normalerweise", da ist es wieder, dieses Wort, "geht es darum, das Image eines Fußballers zu erweitern", etwa seine private Seite zu zeigen. Bei İlkay Gündoğan ist das aber durch die Verletzungen schwer möglich. Der Fußballer interessiert sich sehr für Mode, liebt den klassischen Auftritt. Heute trägt er ein schwarzes, kragenloses Hemd. Sein Auftreten unterscheidet ihn von anderen Fußballern, die oft aussehen wie einem Hip-Hop-Video entsprungen. "Wir würden İlkay gern mal zu Modeveranstaltungen schicken, ihn mit einem anderen Kontext aufladen", sagt der Consultant. "Das kann man aber schlecht zu einer Zeit, in der er Monate raus ist und alle Leute sagen: Wie wäre es, wenn du mal wieder Fußball spielen würdest?" [..] Zwei Spielzeiten lang will ihn Guardiola nach München lotsen, ihm gefällt, dass Gündoğan nicht nur die Bälle messerscharf verteilen kann, sondern dass er mit Tempo auf die Verteidiger zuläuft. Davon gebe es nur ganz wenige, habe Guardiola später zu ihm gesagt, die meisten offensiven Mittelfeldspieler drehten eher vor den Verteidigern ab und passten dann auf die Flügelspieler. Er sei einer, der einem Spiel eine entscheidende Wendung geben könne, ein "Gamechanger". [..] "Die Vereinspsychologen würden gern mit uns verletzten Spielern reden. Aber viele sind nicht offen dafür. Ich auch nicht, und ich finde es generell nicht notwendig, über meine Probleme zu sprechen. Obwohl es vielleicht besser wäre", sagt er. [..] Auf dem Feld pfeift der Schiedsrichter die Partie an. "Das ist der schlimmste Moment das ganzen Spiels", sagt İlkay Gündoğan. [..] Heute ist İlkan nur für seinen Cousin da. Sie leben gemeinsam in Manchester, in den City Suites, einem 16-stöckigen Gebäude aus schwarzem Glas im Zentrum der Stadt. Sie teilen sich fünf Hotelzimmer, weil ihre Wohnung im gleichen Gebäude nicht fertig wird. In ihrer Freizeit spielen sie oft stundenlang Fifa auf der Playstation, ein Koch bereitet jeden Abend gesunde Gerichte für sie zu. [..] Fußballer sind Mannschaftsportler, sie essen, reisen, erringen Siege und verarbeiten Niederlage zusammen. İlkay Gündoğan kämpft die meiste Zeit allein. Sein Team besteht aus seinem Operateur in Barcelona, zwei Mannschaftsärzten in Manchester, zwei Physiotherapeuten und zwei Fitnesstrainern des Vereins sowie einem privat engagierten Physiotherapeuten und einem Fitnesstrainer aus Deutschland, mit denen er abends oft Extraschichten im Fitnessstudio seines Hochhauses einlegt. [..] Er sagt, er freue sich zwar, wenn Leroy Sané sich, wie in den letzten Monaten, in die Nationalelf spielt oder wenn er sehe, dass dessen Konterfei auf den Bussen der Stadt Manchester spazieren fährt. Andererseits: "Etwas im Inneren sagt mir, ich hätte das auch gern. Wobei das mit dem Neid schlimmer ist bei Leuten, die die gleiche Position wie ich spielen." [..] Er sieht Toni Kroos den WM-Pokal in die Luft strecken und drei Mal die Champions-League-Trophäe. "Ich spiele die gleiche Position wie Toni, ich bin genauso alt wie er, natürlich würde ich mir wünschen, meine letzten Jahre wären auch so verlaufen wie seine. Ich wäre an seiner Stelle, vom Ansehen her", sagt er. [..] Seine glücklichste Zeit sei in Nürnberg gewesen, sagt er, und sein Blick bekommt etwas Strahlendes. Er kam im Februar 2009 mit 18 neu in die Stadt, besuchte die elfte Klasse des Gymnasiums, stieg von der Zweiten in die Erste Bundesliga auf, verhinderte mit einem Tor den Wiederabstieg. Vor allem aber habe er sich aufgehoben gefühlt in einer Clique aus Mitspielern, jede Woche seien sie zusammen ins Kino gegangen. [..] "Je höher du kommst, desto weniger familiär ist es, desto weniger Freunde hast du", sagt sein Cousin. "Bei Clubs wie Manchester City machen die Spieler ihren Job, trainieren, gehen nach Hause." Und: "Fußball ist geil, aber nur 90 Minuten lang." Es sei "das dreckigste Geschäft überhaupt". [..] İlkay schweigt erst zu diesen Sätzen und spricht dann über allgemeine Dinge. Dass Vereine die Wünsche ihrer Trainer nicht erfüllten. Dass Gerüchte gestreut würden, um diese Transfers zu verhindern. Dass Trainer vom Verein Spieler vorgesetzt bekämen, die sie nicht wollten, obwohl den Spielern gesagt werde, sie seien wichtig in den Planungen des Vereins. Auch störe ihn das Image von Fußballern. Schreibe die Bild etwa über Kleidungsstil oder Autos bestimmter Kollegen, würden viele Menschen alle Fußballer in die gleiche Schublade stecken. Man kann an İlkay Gündoğan gut sehen, was der Preis für das Leben als Profifußballer ist: die mit Transfers verbundenen Ortswechsel, der Verlust von Bindungen und die Schwierigkeiten, neue aufzubauen. Auf die Frage, ob er sich oft allein fühlt, antwortet er: "Du verbringst halt wahnsinnig viel Zeit zu Hause." Und dass er hier in Manchester zwar schon Menschen kenne, aber "neue Freunde, das ist immer so eine Sache", er verbringe lieber Zeit mit İlkan und alten Freunden. Nach der Karriere wolle er deswegen zurück nach Deutschland. [..] Ich versuche meistens über Instagram, einen Menschen zu finden." Diese Art der Kontaktaufnahme zwischen Star und Followern sei inzwischen ganz normal unter Fußballprofis. [..] Manchester City hat knapp 250 Millionen Euro in seinen Kader investiert. Bei City spielen inzwischen die früheren Bundesliga-Profis Sané, Gündoğan, De Bruyne. Allesamt Spieler, die Pep Guardiola einst schon zu Bayern holen wollte. Gündoğan selbst glaubt, dass Guardiola die Bayern nie verlassen hätte, wenn er seine Wunschspieler damals hätte kaufen können. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass er viele seiner Informationen von Guardiola selbst haben dürfte. Ihre Wohnungstüren liegen nur vier Meter voneinander entfernt, man begegnet sich, im Flur, im Aufzug. [..] Kurz nach Mitternacht, die Massage ist gerade beendet, klingelt es. Leroy Sané, der Nachbar aus Stockwerk elf, ist gerade aus Island zurückgekehrt, er setzt sich zu den anderen aufs Sofa. Es riecht in der Wohnung nach Shisha, İlkan hat was aufgesetzt, läuft mit einer Kohlezange durch die Wohnung. İlkay bleibt abstinent. Dodo, der Fitnesstrainer, sagt, İlkay sei noch nie so fit gewesen wie derzeit. "Während andere Fußballer im Urlaub gesoffen und Party gemacht haben, war er im Gym."“