" Da aus dem Sport des kleinen Mannes ist lĂ€ngst ein milliardenschweres Marketingprodukt geworden ist, mussten Bier, dickbĂ€uchige MĂ€nner und altehrwĂŒrdige TribĂŒnen in den letzten Jahren zu groĂen Teilen weichen. Ersetzt wurden sie fast ĂŒberall durch Softdrinks, Touristen aus Fernost und standardisierte Multifunktionsarenen. [..] auch in Brentford hört man die Zeichen der Zeit: Um sportlich konkurrenzfĂ€hig zu bleiben, holten sich auch die Bees mit Matthew Benham 2006 einen milliardenschweren Investor ins Boot. Erst als kleiner Kreditgeber und seit 2012 als alleiniger Besitzer des Vereins. Eigentlich nicht weiter erwĂ€hnenswert, schlieĂlich gibt es auf der Insel kaum einen Klub, der nicht von einem Investor gefĂŒhrt wird â Benham aber ist nicht wie die Anderen. Als Chef der Firma Smart Odds, die anhand von unzĂ€hligen Statistiken Formeln fĂŒr die Wettquoten von FuĂballspielen aufstellt, ist Benham mehr als nur ein stiller Geldgeber. Mit seinen Ideen versucht der Statistik-Guru auch den FuĂball berechenbarer zu machen und ein stĂŒckweit zu revolutionieren. [..] das Klischee anhand von alten und simplen Statistiken die besten Spieler zu scouten, wĂ€re eine Beleidigung fĂŒr die akribische Arbeit der Datenexperten. Denn dabei geht es nicht etwa um gĂ€ngige Pass- oder Zweikampfquoten, sondern um Dinge wie AbschlĂŒsse im Strafraum, PĂ€sse, die Tore einleiten oder KopfbĂ€lle, die direkt Szenen bereinigen. [..] In der Praxis will er es so schaffen, Top-Spieler zu finden, die bislang unter dem Radar der groĂen Klubs geblieben sind â No-Names, die das Potential haben, zu Stars zu reifen. In der Hoffnung auf solche Transfer-Volltreffer gab es in Brentford in den letzten fĂŒnf Jahren unzĂ€hlige Verpflichtungen. Fast immer waren es Namen, die zuvor nicht ein einziger Fan aus West-London jemals gehört hatte und fast immer kamen die Spieler fĂŒr niedrige Ablösesummen, verglichen mit den Summen, die die Spitzenteams der Liga auf den Tisch legen. Einige Beispiele fĂŒr solche Top-Transfers sind Andre Gray (heute FC Watford), Scott Hogan (heute Aston Villa) oder Jota (heute Birmingham City). FĂŒr Gray zahlen die Bees 2014 etwa 620.000 Euro Ablöse, um ihn nur ein Jahr spĂ€ter fĂŒr 12,4 Millionen Euro nach Burnley zu verkaufen â das zwanzigfache der ursprĂŒnglichen Ablösesumme. Ăhnlich rosig sieht es auch bei Hogan aus: 2014 fĂŒr 950.000 Euro vom AFC Rochdale verpflichtet, strich Brentford im Januar 2017 10,5 Millionen Euro fĂŒr den MittelstĂŒrmer ein â ein Gewinn von mehr als neun Millionen Euro. [..] Dank dieser unglaublichen Gewinnspannen wies der Klub in den letzten drei Jahren stets eine positive Transferbilanz aus und investierte das Geld statt in teure NeuzugĂ€nge eher ins TrainingsgelĂ€nde oder den Bau des neuen Stadions. So werden die Spieler des FC Brentford auch im Training perfekt ĂŒberwacht und von Experten betreut, die selbst einige Premier-League-Klubs in den Schatten stellen. Speziell die medizinische Ăberwachung ist fast unheimlich. Vor und nach jedem Training gibt es in West-London Laktattests, Reaktionstests und sogar tĂ€gliche Urin-Proben. Anhand dieser Proben wird in erster Linie das Konsumverhalten der Sportler geprĂŒft, und es kann bestimmt werden, ob die Testperson beispielsweise genug getrunken hat. ZusĂ€tzlich arbeitet der Verein mit speziellen Schlaftrainern, um die Regeneration zu optimieren. [..] âDie meisten Fans stehen zwar hinter dem System, doch niemand versteht so richtig, was hinter den Kulissen unseres Vereins genau ablĂ€uftâ, erklĂ€rt mir der langjĂ€hrige Bees-Fan Jordan Nugaran. Was in den BĂŒrorĂ€umen von Benham und seinen Angestellten genau ablĂ€uft, ist Ă€uĂerst schwer zu durchdringen und wird vom Verein gehĂŒtet wie ein Staatsgeheimnis, schlieĂlich will man vermeiden, dass die Konkurrenz die eigene Strategie kopiert. [..] Nach den erfolgreichen Spielzeiten 2014 und 2015, in denen das Team beinahe von der drittklassigen League One in die Premier League durchmarschieren konnte, geriet der Motor ins Stocken und mehr als der Klassenerhalt in der Championship war nicht drin. Aktuell dĂŒmpelt das Team sogar am Tabellenende der Liga herum. [..] Die gröĂte menschliche Fehlerquelle ist allerdings der Trainer. Dieser muss sich dem benhamâschen System komplett unterordnen und ihm auch in schwierigen Situationen vertrauen. Dass es fĂŒr qualifizierte Trainer nicht einfach ist, teilweise zuwider ihren jahrelangen Erfahrungen zu handeln, zeigt der Fakt, dass seit 2011 mit Dean Smith der inzwischen siebte Trainer an der Seitenlinie steht. Es ist eine Tatsache, dass die komplizierten Berechnungen keinen Einfluss haben, wenn der Coach seinem eigenen Know-How vertraut und Spieler beispielsweise auf falschen Positionen einsetzen â nur durch diese Trainerentscheidungen entstehen sportliche Probleme. Doch sportliche Probleme sind nicht die einzige Baustelle in Brentford. Auch Teile der Fans sollten den Klubbossen Sorgen bereiten. Denn die tolle Arbeit der Finanzabteilung, die zur Folge hat, dass jĂ€hrlich die besten und beliebtesten Spieler des Vereins verkauft werden, geht in erster Linie auf Kosten der AnhĂ€nger. Obwohl die Strategie, Spieler zu entwickeln und hochpreisig zu verkaufen, offen kommuniziert wird, ist es gerade fĂŒr den kleinen Fan immer wieder ein schwerer Schlag, wenn Helden wie Gray, Hogan oder zuletzt Jota den Verein verlassen. Dinge wie Identifikation mit den Akteuren der eigenen Mannschaft gehören in Brentford deshalb der Vergangenheit an. [..] NatĂŒrlich war es die letzte Möglichkeit eine nennenswerte Ablöse einzustreichen, da die VertrĂ€ge der Spieler allesamt im kommenden Sommer auslaufen wĂŒrden, trotzdem zeigt dieser dreifach-Transfer, dass die Bosse allein die wirtschaftlichen Faktoren sehen und auf Fanbelange wenig RĂŒcksicht nehmen. Zur besseren Vermarktung wurde im Sommer zudem das Vereinslogo ĂŒberarbeitet. Zwar war es nicht die erste VerĂ€nderung des Wappens, doch das nun kreisrunde Emblem mit einer vierbeinigen Biene gefĂ€llt nur den wenigsten Fans. [..] das neue Stadion bringt dem Verein schlicht mehr Geld. Will man irgendwann in die Premier League aufsteigen, benötigt man gerade fĂŒr VIP-GĂ€ste und Presseleute andere RĂ€umlichkeiten, die der 1904 erbaute Griffin Park einfach nicht bieten kann. Wenn in der kommenden Saison dann tatsĂ€chlich in der charakterlosen Arena gespielt wird, stirbt in London ein weiteres StĂŒck FuĂballromantik, der die Idylle vom dickbĂ€uchigen alten Mann und seinem Bier zerstört. Keine StehplatztribĂŒne im mĂŒffelnden Stadion mehr, keine Pubs mehr hinter jeder TribĂŒne. Entwickelt sich der FuĂball weiterhin in diese Richtung, wird irgendwann der Tag kommen, an dem auch die Fans dem Sport den RĂŒcken kehren â egal ob in Brentford, bei Chelsea, Fulham oder West Ham United.â