Landkarte der Seele.
Es geht wieder los. Ein neues Abenteuer, für uns, die Deutschen, den Franzosen, die Schwedin, den Holländer. Wir sitzen zusammen in einem Raum, sprechen miteinander in verschiedenen Sprachen und ringen um eine zweite Staffel, eine weitere achtteilige dokumentarische Dramaserie. Wir bahnen uns wie durch den Dschungel auf Papier einen Weg durch die Tagebücher und Briefe von vierzehn Frauen und Männern, um einen Sinn für uns zu finden und um sie zugleich wieder zum Leben zu erwecken. Es geht wieder los. Und es wird gegenwärtiger als je zuvor.
Als wir die “14 Tagebücher” begannen, dachten wir, dass es ein ungeheures und nahezu aussichtslosen Unterfangen sein würde, die ehemaligen Kriegsgegner Großbritannien, Frankreich, Russland und Italien auf der einen, Deutschland und Österreich auf der anderen Seite zu einer filmischen Erzählung zu vereinigen. Es stellte sich als euphorisierend einfach heraus.
Nun gehen wir seit einem Jahr daran, die Geschichte und das Leben europäischer Menschen von 1918-1939 weiter zu erzählen. Einfacher als Krieg, dachten wir. Weniger heikel als Krieg, dachten wir. Doch Europa hat sich in diesen wenigen Jahren radikaler verändert, als wir es ahnten. “Renationalisierung” raunt es in dem einen Sender. “Entlassungswelle” in dem anderem. Geschichte bleibt keine Geschichte mehr, sondern wird wieder (oder zumindest wieder offener) zum Kampfplatz von Ideologen und Ideologien. Das ist schockierend im ersten Moment und gut im zweiten. Denn die Beschäftigung mit Geschichte verliert so ihr Plüschiges, ihr Gemütlich Raunendes. Geschichte wird wieder als das wahrgenommen, was sie in Wahrheit immer war: Gefährlich.
Wir erzählen von der Vergangenheit, vom Versagen der Demokratien und dem Wiederaufstieg des Nationalismus, des Hasses auf alles Fremde, des Krieges. Und wir erleben dies in einer Gegenwart, die nicht mehr länger ein mehr oder weniger konstruierter Spiegel der Historie ist. Sondern ihre atemlose Entsprechung. Europa, so scheint es, geht vor die Hunde. Das gilt 1935. Und plötzlich auch 2015. Wir lesen von Horthy und Piłsudski und schauen auf die Monitore vor uns und da stehen andere Namen und doch ähnliche Lügen. Kleinkrimininelle werden Volksredner. Demokraten katzbuckeln vor Diktatoren. Austerität gilt als Religion. Schulden müssen bezahlt werden, um den Preis ganzer Völker. Der Krieg rückt näher. Hass gedeiht. Es steht nicht nur in Büchern, es lebt vor unseren Augen jeden Tag.
Nun ist es meine feste künstlerische Überzeugung, dass sich “Historie” nur als ständige Verwebung von Geschichte und Gegenwart, als Prozess von gegenseitiger Durchdringung und unauflöslicher Abhängigkeit darstellen lässt. Kostüme um der Kostüme willen wären mir zu banal. Es geht immer ums Heute. Aber nie war das so augenscheinlich wie bei diesem Projekt “18”.
So ist das Kartographieren der Leben und der Seelen unserer Protagonisten zugleich professioneller Prozess und ein Versuch, Geschichte begreifbar, erlebbar zu machen. Ein Film muss zuallererst gut gemacht sein, und gut gemeint zu sein hilft dabei selten. Aber diesmal geht es eben auch um das Vermessen von Alternativen, um das Ablegen des Fluches vom “Unvermeidlichen” der Geschichte. In jedem Moment gibt es Verästelungen, Möglichkeiten der Umkehr, des Widerstands. Nichts ist entschieden, bis zum Moment der Entscheidung. Die Zeit zwischen 1918 und 1939 war für ihre Akteure eben keine “Zwischenkriegszeit”, sondern ganz einfach ihr Leben, ihr Irren, ihr Kämpfen. Und lange, sehr lange hätten kleine Gesten des Mutes und der Staatsklugheit ausgereicht, um einen weiteren Krieg zu verhindern. Manchmal scheint es, hätte der Zeitgewinn von Monaten ausgereicht.
Nichts ist uns näher als die Vergangenheit. Das ist es, was wir in diesen Wochen des “Writers Room” erleben, als Deutsche, Franzosen, Schweden, Holländer. Als Europäer. Und zugleich ist nichts an dieser Vergangenheit mechanisch. Es lohnt sich zu kämpfen, bis zum letzen Moment. Für das Europa des Friedens, der vielen Sprachen, die miteinander und nicht gegeneinander reden.











