SOS aus der Vergangenheit.
Schreiben und Inszenieren der dokumentarischen Dramaserie „Krieg der Träume –18“ im deutsch-französischen Duo.
Foto: Die Autoren und Regisseure Jan Peter (Leipzig) und Frédéric Goupil (Paris) im Gespräch auf dem STUDIOCANAL Berlinale Empfang 2016 (c) Christian Schulz.
Erinnerst Du Dich noch, Jan, an einen Abend in Kanada während der Dreharbeiten zu „14“? Du hast zu mir gesagt, „Wenn Du ein Projekt hast, dann werde ich Dir helfen, es zu realisieren.“
Ich habe irgendwas geantwortet, ich weiß nicht mehr, die Müdigkeit am Ende eines Drehs halt, ich wusste nicht genau, was Du damit sagen wolltest. Aber inzwischen ist mir klar geworden: Es war eigentlich die Frage „und wenn wir weiterhin gemeinsam Dinge tun würden? Einer mit dem anderen, einer für den anderen, wenn wir unsere Zusammenarbeit fortsetzen würden, einfach um zu sehen, wohin uns das bringt, wozu wir gemeinsam noch fähig sind.“
„18“ ist bereits auf dem Weg. Und nun sind wir „Co-Regisseure“ und deine Vision vom deutsch-französischen Duo trägt bereits erste Früchte, oder?
Es geht ja beim Filme machen nicht so sehr um Sentimentalität – oder besser gesagt, ich versuche mich vor dieser, wie ich finde schwierigen Gefühlsregung in Acht zu nehmen. Und so war auch die Frage damals nicht so sehr ein Ausdruck von Dankbarkeit (obwohl ich immer sehr dankbar war, Dich an meiner Seite zu wissen in den kanadischen Schützengräben, zwischen Gewitter, Hurrikan und Gluthitze), als vielmehr von einer größeren Vision. Ich habe bei „14“ ja sehr schnell gemerkt, dass eine einseitig nationale Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts einfach nicht mehr machbar ist. Nicht so sehr moralisch, nein ganz praktisch.
Wenn Geschichte als eine filmische Story funktionieren soll, muss sie gebrochen, subjektiv und multi-perspektivisch sein. Wir dürfen uns dabei ebenso wenig auf eine Sicht der Dinge festlegen wie auf eine einzige Sprache - selbst wenn diese uns weißen Männern mittleren Alters noch so sehr selbst gefällt. Und diese Vielsprachigkeit, ja die Mehrdimensionalität, die wir mit den Darstellern bei „14“ erschaffen haben, die wollte ich auch ins Schreiben, ins Erschaffen und in die Inszenierung holen. Es ist diese Vielsprachigkeit auf so vielen verschiedenen Ebenen – auditiv und visuell, emotional und intellektuell – die mich gereizt hat, mit Dir zu arbeiten.
Es geht mir bei der Weiterentwicklung um eine Art Chorus, wie in unserer Serie: Miteinander verwobene Stimmen, von denen jede einzelne wahr und real ist und die doch in ihrer Summe etwas Größeres ausdrücken. Eine „innere Wahrheit der Dinge“, eine Strömung unter der Oberfläche der Ereignisse. Diese Tiefenströmung ist es, die Geschichte formt, die Spannung aufbaut, die Menschen treibt und von Menschen angetrieben wird. Und durch was lässt sich etwas so Tiefgründiges, kaum Sagbares besser einfangen als durch das Mittel des Films, in dem derart viele Ebenen miteinander und gleichzeitig erzählt werden können?
Du hast Recht, diese Idee von der „inneren Wahrheit der Dinge“ bringt das alles zum Ausdruck, worum es beim Arbeiten mit historischen Stoffen geht. Was haben diese Menschen wirklich erlebt, die wir zum Leben erwecken? Wie können wir die Löcher in ihren Biographien, ihren Geschichten auffüllen? Indem wir eintauchen in die Persönlichkeit all unserer Protagonisten, in die Tiefe gehen und versuchen, die Antworten zu geben, die sie gegeben hätten, in dieser oder jener Situation. Aber Du kennst das Prinzip, „14“ hat ja bereits genau so funktioniert. Und jetzt versuchen wir mit „18“ dieses Rezept zu verfeinern, zu ergänzen und zu verbessern…
Im Mutterland der modernen Serie, in den USA heißt es ja: „It’s the2nd season that seperates luck from talent.“ Mit „14“ haben wir in einer wirklich großen Kraftanstrengung ein neues Format erschaffen: Serielles Erzählen in einer neuen hybriden Form, dazu das übergangslose Verweben von Archiv und Fiction. Nun bauen wir darauf auf und wollen gemeinsam weitergehen.
Ich glaube, dass es für eine Weiterentwicklung drei wesentliche Punkte gibt: Die Qualität der Schauspielerinnen und Schauspieler; die Intensität und Radikalität der Interaktion von Drama und Archiv und- der wichtigste Schritt - weg vom Erklär-Fernsehen des 20. Jahrhunderts hin zum rein subjektiven Erzählen, auch und gerade in einer historischen Dokumentation. Wenn die Welt so viele Wahrheiten hat, wie es Menschen gibt und reale Menschen den Kern unserer Serie bilden, dann müssen wir eine Art Kaleidoskop aus Erzählperspektiven erschaffen. Also zum Beispiel den klassischen Erzähler so weit wie möglich reduzieren und verschiedene Ansichten der Welt parallel erzählen, ohne eine über die andere zu erheben und natürlich auch, ohne die Übersicht zu verlieren. Das ist aus meiner Sicht die größte Herausforderung bei unserer zweiten Staffel. Zugleich ist das eben auch spannender, unterhaltsamer und wahrhaftiger, für uns und die Zuschauer.
Ich finde, dass deine Idee, einen Erzähler nur in sehr eingeschränktem Maße einzusetzen, dem emotionalen Erleben noch mehr Raum gibt. Es ist nicht unsere Art, alles zu erklären. Damit man die Dinge versteht, braucht man keine Erklärungen, sondern Emotionen, vor allem, wenn man ein jüngeres Publikum erreichen will, das Emotionen gegenüber sehr offen ist. Das erscheint mir umso wichtiger, wenn man eine so ereignisreiche und komplizierte Zeit erzählen will.
Bei„14“ habe ich ja kurz vor dem Dreh beschlossen, die Darsteller/innen die realen Tagebuchtexte der historischen Personen ab und zu in die Kamerasprechen zu lassen. Das klingt jetzt beinahe schon etwas altmodisch,aber Anfang 2013 war das in unserem Genre noch ziemlich kühn. Du hast mich sehr bei dieser Idee unterstützt. Diese Blicke, diese Texte, das sei für Dich wie ein „SOS aus der Vergangenheit“. Diese Metapher hat mich sehr beeindruckt, weil es das Prinzip des subjektiven Erzählens von Vergangenheit für mich zusammenfasst.
Wir alle wissen nicht, was der morgige Tag, geschweige denn das kommende Jahr bringen wird. Geschichte entwickelt sich nicht linear und erst recht nicht entlang bestimmter Vorhersagen. Jede und jeder Einzelne von uns ist wie fest geklebt an ihrer oder seiner Realität. Und nun schauen uns Menschen an, die vor einhundert Jahren gelebt haben und wir erfahren, ganz emotional und unmittelbar, dass auch sie nicht wissen, wie ihre Geschichte ausgeht.
Den Blick in die Kamera werden wir also wieder sehen, wenn auch viel weniger oft, dafür überraschender und ab und zu in einer neuen Funktion. Wir haben ja diesmal eine ganz andere Aufgabe – nicht 4 Jahre Krieg gilt es zu erzählen, sondern 21 Jahre scheinbaren Friedens. Dabei ist dieser Frieden voller Gewalt, voller katastrophaler politischer Fehler und Verrat. Und vor allem: Es gibt ständig Entscheidungen zu treffen. Für Millionen von Europäern, für unsere Protagonisten. Es sind Entscheidungen, die uns selbst heute auf fast gespenstische Art und Weise nahe gerückt sind. Deswegen ist der Blick in die Kamera keine Spielerei, auch kein „SOS aus der Vergangenheit“ mehr, sondern eine Art Selbstbefragung. Was würdest du tun? Was WIRST du tun?
Mich würde schon interessieren, wie die Coen-Brüder oder die BrüderDardenne arbeiten, weißt Du? Wie tauschen sie ihre Ideen aus, wie kommunizieren sie an einem Set, ohne die Arbeitsabläufe zu behindern. All das müssen wir finden, werden wir finden.
Im Moment, für die Phase des Schreibens haben wir ein gutes Gleichgewicht erreicht: Wir erarbeiten gemeinsam eine Struktur, zusammen mit Eva (Dr. Eva-Maria Fahmüller, die Dramaturgin der Serie), Sandra und Regina, unseren Producerinnen (Sandra Naumann für FortisImaginatio, Dr. Regina Bouchehri für LOOKSFilm).
Wir sind ja auf Deine Anregung für drei Monate in die Prignitz gefahren, haben einen alten Gasthof gemietet, samt Mäusen und Ofenheizung. Der Winter in Brandenburg war für mich nicht leicht, das kannst Du mir glauben… Aber wir haben viel geschafft, waren intensiv zusammen, haben uns noch viel besser kennengelernt und – vor allem unsere Figuren wirklich intensiv erforscht. Alle veranstalten ja derzeit einen Writers Room, wir haben ja gleich ein Writers House daraus gemacht. Gunnar, Gerolf, Peter und Gerhard haben uns besucht, wir haben gemeinsam gekocht, getrunken, diskutiert und immer weiter geschrieben (Gunnar Dedio – Produzent LOOKS, Gerolf Karwath – federführender Redakteur SWR/ARTE, Peter Gottschalk – federführend für „18“ bei ARTE/G.E.I.E.Straßburg, Gerhard Jelinek - federführender Redakteur ORF).
In diesen Wochen haben wir uns auf eine Figurenauswahl geeinigt, die Plotlines der Episoden festgelegt und begonnen, zu schreiben. Damit ist der Ablauf im Jahr 2016 soweit klar: Wir werden schreiben, meist für eine Woche gemeinsam um die Struktur zu finden und dann einzeln an den Storylines.
Aber dann kommt der Dreh. Was werden wir da tun?