Tagebucheintrag #3
Dienstag, 10. November 2015
Ein Besuch beim Proktologen - Teil 1: „Wer hat an der Uhr gedreht?“
Im Frühsommer dieses Jahres hatte der Bekannte einer Freundin des besten Freundes eines entfernten Verwandten meines Schwippschwagers Probleme rektaler Natur, weshalb er einen Proktologen aufsuchte, seines Zeichens Spezialist für den menschlichen Hintereingang oder vielmehr -ausgang - no homo.
Um nun aber nicht allzu viel Verwirrung zu stiften, und weil sich der geneigte Leser gemeinhin lieber mit einem Ich-Erzähler identifiziert, werde ich die folgende Geschichte aus meiner Sicht erzählen und so tun, als sei das Ganze mir persönlich widerfahren - auch wenn dies natürlich abwegiger ist als ein bewucherter Dschungelpfad.
Ich (eigentlich jemand völlig anderes) litt also vor einer Weile unter Magen-Darm-Beschwerden - im weitesten Sinne. Ich will euch nicht mit Details langweilen, sagen wir mal: Kacken war weniger gemütlich als sonst. Klar, so eine Geschichte ist vielleicht nicht der ideale Eisbrecher für das nächste Tinder-Date, aber handelt es sich deshalb gleich um ein Tabuthema?
Sind wir mal ehrlich: Jeder Hipster der Republik bindet dir in Sekundenbruchteilen, ungefragt und im Zuge einer ethischen Selbstbeweihräucherung seinen veganen Lebensstil auf die Nase, aber kaum hat mal einer Schmerzen im Anus und muss zum Arschdoktor, werden alle kleinlaut. Davon hört man nichts - in den Medien.
Das lässt sich natürlich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Fernab der eigentlichen Beschwerden kann ja bereits das „darüber Sprechen“ unangenehm sein. Geht man beispielsweise mit seiner Krankschreibung zum Chef und ist offensichtlich kurz vorm Grippetod oder hat sich den Arm gebrochen, wird der im Regelfall nix sagen. Kommt man aber vom Proktologen wirkt man auf den ersten Blick wie ein Simulant. Und wenn man dann vor versammelter Belegschaft gefragt wird, was man denn nun habe, ist man gezwungen, verstohlen nach links und nach rechts zu schauen. Und wenn man gewillt ist, sein Gesicht zu wahren, bleibt einem nichts anderes übrig, als seinem Vorgesetzten in leicht aggressivem Tonfall zu antworten: „Hämorrhoiden, du Wichser!“
An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass ich keineswegs Hämorrhoiden habe. Jedoch diagnostizierte man mir erst kürzlich einen zu langen Penis. Wir haben alle unser Päckchen zu tragen.
Wie dem auch sei. An einem herrlichen Maimorgen stand nun also ein Besuch beim “Arschäologen” in meinem Terminkalender. Als ich vor der Praxis stehe und zaghaft die Tür öffne, erscheint wie aus dem Nichts eine Frau hinter mir. Und ich meine nicht einfach „hinter mir“: Ich spüre ihren heißen und mich unangenehm benetzenden Atem im Nacken. So wie die alte Frau die Nüstern bläht, ist sie sicherlich gerade vor einer Horde wild um sich schießender IS-Kämpfer geflohen. In mir steigt der Wunsch nach einem Abstrich des mittlerweile auf meinem Hinterkopf angesammelten Sekrets.
Als Kavalier der alten Schule drehe ich mich um, grüße freundlich und halte der betagten Dame die Türe auf. Sie lässt sich davon weder beeindrucken noch beirren, vermeidet jeglichen Blickkontakt und sprintet in einem Affenzahn die Treppe hoch. Zu diesem Zeitpunkt bin ich mir bereits ziemlich sicher, dass sie es nicht so eilig hat, um der am oberen Ende der Treppe sitzenden Sprechstundenhilfe möglichst zeitnah mitzuteilen, dass ich eigentlich vor ihr da war.
Ich denke mir also: „Komm, was soll’s. Die paar Minuten. Dann geh halt vor, du Arschloch!“, und stell mich hinten an. Da aber bei dieser Sympathieträgerin Unhöflichkeit und Dummheit zwei sich bedingende Charaktereigenschaften zu sein scheinen, dauert es gut und gerne 20 Minuten, bevor die junge Dame an der Rezeption das erste Mal Notiz von mir nimmt.
Als ich endlich an der Reihe bin, fülle ich ein Formular aus und lese nebenbei auf einem Hinweisschild, dass die Sprechstundenhilfe nicht für eventuell auftretende längere Wartezeiten verantwortlich gemacht werden könne. Die heißt übrigens Bettina, ist ein Gerät sondergleichen und wird im Laufe des Tages Situationen erleben, die dieses Sprüchlein ad absurdum führen.
Ich nehme nach einem mittlerweile bereits halbstündigen Praxisaufenthalt artig im Wartezimmer Platz, wo ich die nächste Zeit mit dem olympiareifen Starren von Luftlöchern verbringen werde. Nach weiteren anderthalb Stunden nehme ich, nicht zuletzt aufgrund eines bedrohlich laut knurrenden und die Aufmerksamkeit anderer Patienten unwillkürlich auf sich ziehenden Magens, all meinen Mut zusammen, gehe zu Bettina und frage, ob sich eventuell abschätzen ließe, wie lange es denn vermutlich ungefähr noch so circa Pi mal Daumen dauern könnte, bis ich aufgerufen werde.
Mit der Gewissheit, dass ich auch die nächsten 30 Minuten mit Warten verbringen würde, verlasse ich nach nun mehr 2 Stunden die Praxis, um meinen dortigen Besuch lediglich zu unterbrechen und etwas zu Mittag zu essen. Eins steht fest: Gegenüber diesem Doktor rast die Deutsche Bahn mit dem Tempo des Millennium-Falken, ist der angegebenen Zeit voraus wie Marty McFly oder sogar weit davor wie der Urknall.
Fortsetzung folgt.











