Digitales Kastenwesen
Ich hatte das Glück, eine Einladung für das Polytechnik Kolleg 2013 (Chancen und Risiken der Netzgesellschaft) zu ergattern.
Nach der Eröffnungsrede hatte ich mich gefragt, ob das Kolleg die Netzgesellschaft im Jahr 2013 repräsentieren kann. Zu meiner eigenen Überraschung muß ich sagen: vermutlich schon.
Wahrscheinlich weist der Gesellschaftsschnitt eine geringere Zahl Berufspädagogen auf. Gleichzeitig war es aber auch lange nicht mehr so wichtig, dass wir unserer pädagogischen Verantwortung beim Thema Medien allesamt mehr Gewicht beimessen. Was selbst dann keine leichte Aufgabe ist, wenn man den neuen Medien aufgeschlossen gegenübersteht.
Insbesondere der Anteil derjenigen, die Netzwerktechnologien intensiv nutzen, scheint mir im Nachhinein repräsentativ niedrig. In der medialen und ihrer Selbstwahrnehmung wird das Gewicht dieser Gruppe überhöht und maßlos überschätzt.
Beispiel gefällig? Die Enthüllungen von Edward Snowden wurden im Bundestagswahlkampf fast vollständig ausgeklammert. Wäre die Twitter-/Facebook-Community in Deutschland nur halb so bedeutsam wie sie in Wirklichkeit ist, keiner der Kontrahenten hätte ihre Meinung ignorieren können. Dass selbst die Diskussion um eine PKW-Maut höheren Stellenwert einnahm, war eine schallende Ohrfeige für die ach so wichtige Community.
Ihre Bedeutung liegt wohl weniger im großen Einfluss auf deutsche Politik als in der Innenperspektive, die sie in eine Diskussion um Medienkompetenz einbringen kann. Und muß.
Innerhalb und außerhalb
So banal es mir zunächst auch erschien, das Internet mithilfe eines reellen Netzes zu erklären – wie Prof. Grundwald das im Eröffnungsbeitrag tat – so tiefgründig wird der Vergleich, wenn ich über das »innerhalb« und »außerhalb« nachdenke.
Mir war nicht klar, daß man sich dem Netz immer noch so stark entziehen kann, daß man es aus der Distanz beäugen kann. Eine der Erkenntnisse von jemandem, der sich »innerhalb« wähnt und darüber fast vergessen hat, daß ein »außerhalb« überhaupt existiert. Gleichzeitig war es aber auch die Stärke dieser Veranstaltung, diese beiden Welten aufeinander prallen zu lassen und so den gewaltigen Wahrnehmungsunterschied zwischen innerhalb und außerhalb offenbaren.
Die Außenstehenden nehmen das Netz als Fremdkörper wahr, der ein kaum zu übersehender Teil ihrer Umgebung geworden ist. Sie fühlen sich getrieben oder überrannt, versuchen zu relativieren und zu bewahren, warnen vor dem umfassenden Heilsanspruch der Technik. Oft vielleicht auch mit der latenten Sorge, ihr Wissen könnte obsolet geworden sein. Völlig zurecht merkt Prof. Armin Grunwald an, daß Technik per se neutral ist. Man müsse sich vor dem Trugschluss in Acht nehmen, dass wir alte Kommunikationstechnik einfach durch neue ersetzen. Das Internet ist kein blosses Update. Wir müssen uns anpassen. Doch so revolutionär die Technik auch sein mag: Gespräche sind es nicht. Und deshalb sind auch die Regeln, die wir für Gespräche aufgestellt haben, nicht auf einmal ungültig.
Diejenigen, die sich »innerhalb« befinden und das Netz bis zum Punkt völliger Selbstverständlichkeit in ihr Leben integriert haben, sind mit seiner Allgegenwärtigkeit wesentlich direkter konfrontiert, dadurch jedoch nicht weniger überfordert.
Eigentlich brauchen den digitalen Mittelstand, der die Graustufen zwischen Schwarz und Weiß definiert. Ein seltsames Kastenwesen hat sich gebildet. Die strikte Trennung zwischen außerhalb und innerhalb hat dazu geführt, daß »Digital Observers« und »Digital Natives« parallel einen nahezu gleichwertigen Erkenntnisstand hervorgebracht und dabei verpasst haben, sich darüber auszutauschen.
Keine der beiden Gruppen ist dabei zu mehr brauchbaren Antworten gelangt als die jeweils andere. Nur die Fragen scheinen größtenteils die gleichen.
Wir haben den Geschwindigkeitsunterschied zwischen innerhalb und außerhalb zu groß werden lassen. Unsere Pädagogen und klassische Vordenker aus Wissenschaft und Forschung sind stellenweise zu Hinterherdenkern geworden, während die Digital Natives gleichermassen an der Praxis scheitern. Mir scheint, als könne momentan niemand einen berechtigten Führungsanspruch geltend machen.
Mit Regeln für adäquates und nutzbringendes Verhalten sind wir dadurch noch nicht sehr weit gekommen. Für alle Menschen scheint der Erkenntnisgewinn gleichermaßen qualvoll. Paradoxerweise muß in Zeiten omnipräsenter Information immer noch jeder bei Null anfangen, wenn es um die eigene Medienkompetenz geht: ausprobieren, scheitern, anpassen, beobachten. Und von vorn...
Was dabei auf der Strecke bleibt ist die Weitergabe von Wissen und, wie Prof. Petra Grell es nennt, das Aushandeln von Verhaltensweisen und Regeln fürs Miteinander:
wann ist welcher Kanal adäquat und (v)erträglich?
wie finde und bewerte ich Informationen?
wie trenne ich wichtig von unwichtig?
wie wandle ich Informationen zu Wissen?
wo trenne ich zwischen Nah- und Fernkommunikation?
wann ist Nah-, wann Fernkommunikation zulässig?
wie und wann schütze ich meine Informationen?
wie und wann teile ich meine Informationen?
…
Diejenigen, die der innerhalb- oder außerhalb-Kaste angehören, haben die Pflicht, an diesem Aushandeln aktiv teilzunehmen.
Medienpädagogik hat viel (zu wenig) bewegt
Defensive Töne aus dem Publikum (»An unserer Schule ist in dem letzten fünf Jahren so viel passiert«) sind da wenig hilfreich. Der Unterschied zwischen innerhalb und außerhalb beginnt schon bei der Wahrnehmung dessen, was genau sich in den letzten fünf Jahren geändert hat.
Zu behaupten, die Situation habe sich gebessert offenbart nur, daß man sich dabei an Untergrenzen orientiert. Besser orientiert sich an schlecht, weil wir es noch nicht geschafft haben, uns auf eine Definition von gut zu einigen.
Die heute 12- bis 19jährigen wachsen wie keine zweite Generation zuvor in einer stark von Medien geprägten Welt auf. Darum sind Untersuchungen wichtig, die sich mit den möglichen Veränderungen der Mediennutzung […] unter den sich sehr dynamisch verändernden Rahmenbedingungen beschäftigen. Nur so lassen sich Strategien und Ansatzpunkte für neue Konzepte entwickeln.
Das Zitat stammt aus der JIM-Studie von 1998. Fast ein Jahrzehnt bevor Facebook, Twitter und Whatsapp in Deutschland überhaupt zum Thema wurden. Ein Jahrzehnt, in der eine technische Unfassbarkeit von der nächsten abgelöst wurde. Wir können gerade mal mühsam den Kopf über Wasser halten – Schwimmen geht anders. Wer würde angesichts dessen noch behaupten, in der Medienpädagogik hätte sich viel getan?
Laut einer Wortmeldung aus dem Publikum gibt es in der Schulpädagogik den Grundsatz »Jede Stunde ist eine Deutschstunde«: es wird gelesen, gesprochen und geschrieben. Gleichermassen müsse jede Stunde auch eine »Medienstunde« sein. Um eine Sprache zu beherrschen muß man sie leben, sprechen, hören und schreiben. Und so muß auch der Umgang mit Medien ständig praktiziert und reflektiert werden.
Wir sollten offener mit unserer Inkompetenz umgehen und einsehen, daß die Technik uns nicht die Aufgabe abnimmt, einen Gemeinsinn zu entwickeln.
Wir sollten unsere Medienkompetenz jeden Tag an der Frage messen, ob wir vorbildlich mit Medien umgehen. Ob wir den Chancen positiv gegenüber stehen, ob wir die Risiken kennen und unser Wissen darüber weitergeben, ob wir Spielregeln über Bord werfen sollten, nur weil das Spielfeld größer geworden ist.










