Eigentlich wollte ich nur 1-2 Stunden mitlaufen und die Zahl der Teilnehmer aufpeppen. Was das genau für eine politische Aussagekraft haben sollte… einen Tag danach ist mir das etwas unangenehm.
Ich tu mich etwas schwer mit Blockupy, weil´s ein Sammelbecken unterschiedlichster Strömungen und Forderungen ist. Einige davon halte ich für weltfremd, andere für gefährlich, wieder andere sind mir durchaus sympathisch.
An einer Demo teilzunehmen scheint mir dabei ein wirksameres Mittel zu sein als irgendwelche albernen Aufrufe auf Facebook zu sharen oder die tausendste Petition zu unterschreiben. Gott weiß daß ich kein Straßenkämpfer bin… Demos, die sich primär gegen etwas richten, kann ich meist nicht ernst nehmen, wenn sie nicht gleichzeitig einen Lösungsansatz mitbringen. Das find ich nicht zielführend. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber in einigen Dingen zieh ich mit Blockupy am selben Strang und räume der Bewegung da durchaus Chancen ein, etwas anzustoßen.
Immer weniger Leute verstehen zum Beispiel, wer das Ruder in Europa in der Hand hält. Kaum jemand kennt die Gesichter der Bürokraten in Brüssel und Strassbourg. Was jedoch viele wissen: wir haben sie nicht gewählt. Im Zweifelsfall vertreten sie nicht meine Interessen. Bekannt ist jedoch, daß sich allein in Brüssel 20.000 Lobbyisten tummeln. Und die kümmern sich sehr wohl um ihre Interessen, die als Vorlage für die ein oder andere Gesetzesvorlagen dienen. Auch ich habe den Eindruck, diese Verflechtung von Staat und Wirtschaft handelt an mir vorbei. Im Zweifelsfall auf meine Kosten.
Ich will gar nicht mal sagen, daß hier die Guten und dort die Bösen stehen – so einfach ist die Welt einfach schon lange nicht mehr. Aber es gibt kein demokratisches Gegengewicht zu diesem Konstrukt und es wird Zeit, das gerade zu rücken. Die Art, wie diese Verflechtungen zu Tage getragen werden, wirken immer obszöner.
Eigentlich wollte ich nur ein Foto schießen von der Spitze der Demo. Die Tatsache allein, daß ich mich als Semi-Beteiligter so nah herangetraut hatte, sollte Indiz genug dafür sein, daß die Aggressionen sich in Grenzen hielten. Ich würde mich nicht einmal bei einem Prodigy Konzert in die erste Reihe stellen.
Bis ca. 12:30 war das ganze für mich eine große Demonstrantengruppe – ein recht bunter Haufen. Schwarz mit Sonnenbrille und Kapuze gehörten zwar auch zum Spektrum, mit geschätzten 50 Leuten jedoch keineswegs vorherrschend.
Das es so etwas wie den Anti-Kapitalistischen Block gibt, war mir bis dahin gänzlich unbekannt. Genauso die Tatsache, daß ich mich mittendrin befand. Weit vorne fuhr ein Lautsprecherwagen, vor ihm nur die maximal 200 Teilnehmer starke Spitze des Zuges, die aussah wie eine römische Schildkrötenformation: an den Seiten Transparente und darüber aufgespannte Regenschirme.
Letztenendes Grund genug für die Polizei, die Demonstration hier und jetzt zu stoppen, um dieser Vermummung Einhalt zu gebieten.
Die Wilhelm-Leuschner-Straße ist ein langer Schlauch mit relativ schmalen Seitenstraßen, die sich gut kontrollieren lassen. Direkt am Ende der Straße öffnet sich das Gelände. Größere Straßen kreuzen und die zwei angrenzenden Parks sind nur mit sehr viel höherem Personal- und Koordinationsaufwand kontrollierbar.
Die letzten Teilnehmer waren am Baseler Platz noch gar nicht gestartet, da wurde der Zug noch vor Ende der Straße gestoppt. Und das ging sehr schnell. Ich sehe eine Gruppe von Polizisten von rechts direkt vor den Kopf des Zuges laufen – im Laufen sprühen einige von Ihnen Pfefferspray auf die Demonstranten. Dicht. Einen direkten Grund für die Abriegelung konnte ich nicht erkennen.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich mich eher als Beobachter mit Sympathien für die Demonstration gefühlt, hab meine Fotos geschossen, bin von hier nach dort gelaufen, habe mich weder mit Transparenten noch mit Parolen beteiligt. Aber auf einmal war ich eingekesselt und ziemlich verdutzt im Angesicht der polizeilichen Härte, die ich mir nicht rational erklären konnte. Hätte ich sie mir erklären können, weil zum Beispiel eine große Gruppe vermummter die Polizei angegriffen und ihren Eingriff legitimiert, ich hätte mich zurückgezogen.
Das war schon kurze Zeit später gar nicht mehr möglich, weil die Polizei auch einen Riegel hinter der Spitze des Zuges positioniert, die Demonstration in zwei Teile gespalten und mich mit einigen hundert Leuten eingekesselt hatte.
Hauptinformationsquelle waren die Ansagen aus dem Lautsprecherwagen, der die Ansagen der Polizei übertönte und auch bewusst störte. Da hieß es, daß die Route zur EZB am Vortag gerichtlich genehmigt sei und daß man die Polizei auffordere, den Weg frei zu machen.
Der Grund für den Stop seien gesetzeswidrige Vermummungen. Ich habe nicht allzu viele Vermummte gesehen. Viele trugen Sonnenbrillen. Ich auch (wie man hier ab Sekunde 14 sehen kann)… wegen der (Achtung!) Sonne. Und einige wenige trugen zudem Kapuzen und Schals vorm Gesicht. Ich würde sagen, maximal 50 Leute. Die Zahl der eingekesselten wurde von den einen auf 1000, von den anderen auf 400 geschätzt… irgendwo dazwischen liegt vermutlich die Wahrheit.
Eingesperrt mit hunderten, nach meinem Maßstab normalen Leuten, war ich auf einmal kein Beobachter mehr, sondern Teil einer unverhältnismässigen Repression. Mein bis dahin recht ausgeglichenes Verständnis sowohl für die Demonstranten als auch für die, die im Staat für Recht und Ordnung sorgen, fing an zu kippen.
Warum stoppt man nur diesen kleinen Teil der Demo? Wegen Vermummungen? Das ist doch absurd… fast die gesamte Phalanx der Polizei trägt Sturmhauben, Helme mit Visier und ist nur mit Nummern gekennzeichnet. Ihre Anzahl überschreitet für jedermann sichtbar die der vermummten Demonstranten um ein Vielfaches. Es gibt keinen für mich ersichtlichen Grund, zu prügeln oder Reizgas einzusetzen.
Das deckt sich alles nicht mit meinem Rechtsempfinden.
Stunden vergehen. Ich scanne #Blockupy auf Twitter und unterhalte mich mit Leuten von denen ich mir mehr Informationen erhoffe. Darüber lern ich Heike kennen, äußerlich für mich erkennbar als Mensch ohne übermässig radikale Ansichten. Keine Rastas, kein Hoodie, keine Parolen und kein Transparent. Ich häng mich an sie ran – irgendwie scheint sie einen guten Instinkt zu haben, wann es Zeit wird, zwei Meter zurück zu weichen.
Nach zwei Stunden gehen Gerüchte um, daß die Polizei Wasserwerfer auffährt. Gleichzeitig heißt es, die Polizei wolle von jedem einzelnen im Kessel die Personalien aufnehmen und einen Platzverweis erteilen.
Was? Ist das eine Zermürbungstaktik? Wie wollen die das machen? Das würde Stunden dauern. Und außerdem hab ich doch überhaupt nichts getan, was so eine Maßnahme rechtfertigen könnte.
Die Stimmung? Alles andere als aggressiv. Lethargisch würde es eher treffen. Ab und zu flammen mal ein paar Sprechchöre auf, halten sich aber nicht länger als eine Minute. Neben mir, an der Wand des Schauspielhauses, richten Frauen eine provisorische Toilette ein indem sie ein Transparent als Sichtschutz halten.
Gegen 15:30 fangen die Anwohner an, Plastikflaschen mit Wasser in den Kessel zu werfen. Aus dem Schauspielhaus werden unter tosendem Applaus Eimer mit Wasser, Schokolade und Keksen abgelassen. Für einen kurzen Moment herrscht Party-Atmosphäre.
Die Polizei wirkt auf seltsame Weise planlos. Einige hundert Leute sind eingekesselt, Polizisten verharren vorne wie hinten in ihrer Position, ohne das irgendetwas geschieht.
Genauer gesagt, kaum etwas. Nach der Ansage, daß man die Personalien jedes einzelnen im Kessel überprüfen und anschließend einen Platzverweis erteilen will, drückt die Polizei den Block in Schüben über Stunden immer weiter zusammen in Richtung des größeren, abgeschnittenen Teils der Demo. Ich bin jetzt kein Beobachter mehr. Das hier geht auf einmal auch direkt gegen mich.
Immer wieder kommt es zu kleinen Übergriffen, am vorderen und auch am hinteren Riegel. Immer wieder werden Sanis gerufen und Leute mit verätztem Gesicht sitzen angelehnt am Schauspielhaus und halten sich wassergetränkte Tücher vor die Augen. Immer wieder Rufe aus dem Lautsprecherwagen, gefälligst die Demonstranten nicht zu schlagen und sie mit Pfefferspray zu traktieren.
Könnte ich einfach meinen Perso in die Luft halten und versuchen, hier raus zu kommen? Raus kann man nur an einer Stelle. Und das ist in Laufrichtung vorne links. Und da krachts ungefähr alle 10 Minuten, weil die Polizei angefangen hat, die Leute einzeln wegzutragen. Sehr viel später meint ein Polizist zu mir, daß ich doch zu jeder Zeit hätte gehen können. Nein. So sah das leider nicht aus.
Okay… Zeit für einen eigenen Plan. Was mach ich wenns soweit ist. Auf keinen Fall mach ich hier den Märthyrer und lass mich wegtragen. Auf keinen Fall gebe ich der Polizei einen Grund mich zu schlagen oder zu besprühen – wenn ichs mir aussuchen kann. Denn noch immer kann ich nicht verstehen, warum es trotzdem in Sichtweite wieder und wieder dazu kommt. Und das ist auf einmal alles so anonym und willkürlich wie ich mir das in Deutschland bis dahin gar nicht vorstellen konnte. Erst recht nicht in Frankfurt. Doch die harten Jungs unter den Polizisten kommen, genau wie der Großteil der eingeschlossenen, nicht aus Frankfurt. Vorne wie hinten wird der Block eingeschlossen von Polizei aus Nordrhein-Westfalen.
Mittlerweile stehe ich seit 7 Stunden auf einem ca. 100m langen Stück der Wilhelm-Leuschner-Straße Hofstraße und habe umgeschaltet auf bockig. Jetzt kommt für mich nicht einmal mehr in Frage, meinen Ausweis in die Luft zu halten und aktiv auf die Polizei zuzugehen, um das hier für mich zu beenden. Ich werde mich nicht zur Wehr setzen, aber ihr müsst mich schon holen.
Meinen radikalsten Moment habe ich bei einem weiteren Schub auf der rechten Seite des Lautsprecher-Trucks. Ich stehe in der vierten Reihe und drücke meine nahezu 100 Kilo gegen den Vordermann. Ein Polizist prügelt auf einen Demonstranten ein. Seinen Blick werde ich nie vergessen. Er hatte eine Art Grinsen im Gesicht. Nicht das verhöhnende Grinsen des übermächtigen, sondern eher das eines psychisch überforderten und erschöpften, der nichts zu verlieren hat, der nur noch sich selbst wahrnimmt, dessen Blick nur scheinbar fixiert ist, der durch dich hindurch sieht. Auf eine sehr gruselige Art erinnert mich der Mann an Private Paula in Full Metal Jacket, kurz bevor er sich die Rübe wegpustet.
Leute vor mir zeigen auf ihn und fordern die anderen Polizisten auf, ihn da rauszuholen. Und auch ich schreie jetzt mit ihnen… holt diesen verdammten Psycho da raus! Dem gehen die Sicherungen durch!
Die Reihen der Polizisten werden in regelmässigen Abständen abgelöst. Und auch Private Paula verschwindet irgendwann. Später sehe ich ihn wieder und wir starren uns für eine gefühlte Minute an. Er scheint sich gefangen zu haben. Ich beschließe trotzdem, auf die andere Seite der Straße zu wechseln, solange das möglich ist. Um ihm nicht irgendwann direkt gegenüber stehen zu müssen.
Während der ganzen Einkesselung erschienen mir Aufstellung und Handeln der Polizei überaus planlos. Gerade die Tatsache, daß niemand im Kessel wirklich aggressiv eingestuft werden konnte, ließ das Handeln der Polizei vollkommen überzogen erscheinen. Geschlossene Reihen und dutzende Filmkameras, aber keine Taktik. Selbst die Reihen an sich waren für mich in keinem erkennbaren Muster aufgestellt. Es lag die ganze Zeit in der Luft, daß auch nur der geringste Anlass zu Eskalation führen kann. Umso dankbarer war ich dafür, daß die immer kleiner werdende Gruppe von Demonstranten diesen Anlass nicht geliefert hat.
Nach 9 Stunden ist klar: das hier wird nicht mehr lange dauern. Zwischen den zwei Reihen Polizisten sind höchstens noch 10 Meter Platz. Zu dem Zeitpunkt gibt es kein vorne oder hinten mehr. Nur noch drinnen oder draußen. Kleine Gruppen von Polizisten stoßen an der immer selben Stelle aus der Reihe und greifen Einzelne heraus. Sie fragen jeden, ob er mitkommt. Ungeachtet der Antwort muß jeder mitkommen. Der Großteil wehrt sich. Andere gehen einfach mit.
In der letzten halben Stunde hab ich heftige Bauchschmerzen bekommen. Heike habe ich schon vor Stunden verloren. Schätze sie ist schon draußen. Ich muß mich kurz hinknien. Kurz darauf steht ein Polizist vor mir. Ich gehe einfach mit.
Zwei Beamte greifen nach meinen Armen und biegen die Handgelenke nach unten. Das sei der sogenannte Hochzeitsgriff. "Klingt schwul" (1), antworte ich, "ich hoffe Sie wissen sich zu benehmen".
Die zwei sind von der Erfurter Polizei und scheinen recht entspannt und freundlich. Man kann normal mit ihnen reden. Wie es scheint, denken sie das auch von mir und lassen kurz später meine Arme los. Ob sie die Aktion hier verhältnismässig fanden und ob das so im großen Handbuch steht, will ich von ihnen wissen. Wenig überraschend sehen sie sich im Recht, sind aber interessiert an meinem Standpunkt. Das beruhigt mich irgendwie.
Außerhalb des Kessels bin ich verwundert über die STAN-mässige Organisation. So nah an der EZB – das sieht einfach nicht so aus, als hätte man hier je eine Demonstration in Erwägung gezogen.
Wir laufen die Untermainanlage hoch bis zum Willy-Brand-Platz. An einem gepanzerten Räumfahrzeug werde ich durchsucht. Man sagt mir, daß ich nix zu befürchten hätte, wenn ich nichts verbrochen hätte. Ich antworte, daß das ja wohl ein Witz sein soll nachdem man mich 9 Stunden eingekesselt hat, mir nun in den Schritt fasst und anschließend eine Verbrecherkartei von mir anlegt.
Ich stehe in Reihe mit den bereits abgeführten, auf jeder Seite einen meiner Erfurter Polizisten. Die ganze Friedensstraße ist eine einzige Verdächtigten-Abfertigung. Bei mir sei alles okay. Ich lande in einer Schlange für Leute, bei denen alles okay ist. Man prüft meinen Ausweis. Anschließend werde ich "videografiert". Das bedeutet, daß man mich von oben bis unten abfilmt. Man fragt mich, ob ich das Schild mit der Nummer Q3014 selbst halten möchte. "Unfassbar" sag ich, "ja, das will ich sogar unbedingt". Ich versuche, bei dieser letzten Demütigung einen Rest Würde und den in den letzten Stunden entstandenen Widerstandsdrang aufrecht zu erhalten, indem ich mir bei der Rückenaufnahme das Schild vor den Hintern halte.
Eine Frau zeigt mir die Stadtkarte mit rot eingegrenztem Bereich, in dem ich mich bis zum nächsten Tag um 7 nicht aufhalten dürfe – Platzverweis. Ob ich mir Stadtkarte jetzt einprägen müsse, frag ich sie genervt. Sie gibt mir ihre. "Wars das jetzt? Bin ich frei oder was?" "Ja. Da hinten können Sie durch die Absperrung" "Pff… Nummer Q3014 meldet sich ab".
Ich kam, um einer rechtsstaatlichen Selbstverständlichkeit beizuwohnen. 10 Stunden später ging ich als jemand, der sich zum ersten mal in seinem Leben der Willkür dieses Rechtsstaats ausgesetzt fühlte. Grundlos festgehalten und gedemütigt. Und dabei bin ich nur ein weißer, deutscher Mittelschichtler. Ich frage mich, was ein Nigerianer ohne Papiere von der deutschen Exekutive zu erwarten hat.
Der Tag hat mir eine völlig neue Perspektive eröffnet. In unserem System ist eben nicht alles so nachvollziehbar geregelt. Der Rechtsstaat, mit dem ich so selbstverständlich aufgewachsen bin, ist überhaupt nicht so selbstverständlich. Er ist eine Errungenschaft. Leute haben dafür über Jahrzehnte unter meist wesentlich heftigeren Umständen gerungen. Und diese Leute haben sich heute meinen ehrlichen Respekt verdient.
(1) Update 4. Juni 2013: völlig unnötiger und blödsinniger Spruch, zu meinem Bedauern aber das, was ich in dem Moment gesagt habe.
Update 7. Juni 2013: die Verlängerung der Wilhelm-Leuschner-Straße ist die Hofstraße
*Update 6. September 2013: Beitrag Webmontag (Danke @wmfra, @alipasha und @Seb666)