Mai 2021
Ich verkaufe mein Leben an die Marktforschung (im Querformat)
Seit einigen Monaten besitze ich ein Elektroauto, und wie sich das als sehr digitaler Mensch über 30 gehört, bin ich schon seit der Zeit lange vor der Kaufentscheidung Mitglied verschiedener Facebook-Gruppen für Support und Austausch zu genau diesem Modell. Immer wieder einmal werden dort Aufrufe, sich an Studien von Marktforschungsunternehmen zu beteiligen, geteilt, anscheinend sind Menschen mit Elektroautos eine heiße Zielgruppe, was nicht überrascht, da der Markt dafür gerade enorm wächst und im Übergang von Early Adoptern zur Massengängigkeit ist. Bei einer Studie wird für meine Verhältnisse viel Geld für die Teilnahme versprochen, man solle sich per E-Mail melden.
Ich melde mich per Mail. Irgendwann kommt ein Anruf aus München und ich werde telefonisch umfangreich vorinterviewt. Dann bin ich anscheinend akzeptiert und es heißt, ich bekäme eine Mail. Ich kann auch noch andere Elektroauto-Besitzer:innen zur Studie empfehlen, und mache das. Das Ganze zieht sich, irgendwann noch mehr Telefonate, ich glaube schon nicht mehr dran, aber dann kommt die Mail, nämlich als Einladung zur Anmeldung bei einer Feldstudien-Software, wozu ich eine App auf meinem Smartphone installieren muss. Interessanterweise ist die Firma, die die App-Studie macht, nicht die Firma, die mich akquiriert hat, sondern wird von dieser als »Kunde« bezeichnet, wir sprechen hier also von einer Marktforschungsagentur, die Testpersonen für eine andere Agentur anwirbt und screent. Diese ganze Branche ist offensichtlich sehr arbeitsteilig organisiert.
Diese App liefert mir nach Anmeldung mit dem gelieferten Code ein Einführungsvideo und eine ganze Reihe von »Tasks«, die ich lesen, bearbeiten und dann als abgeschlossen markieren soll. Zur Beantwortung der relativ umfangreichen Fragen soll man in der Regel Selfie-Videos im Querformat aufnehmen (Hochformat wird durch die Software verhindert) oder Gegenstände fotografieren. Unter anderem soll ich meine Persönlichkeit beschreiben, Fotos machen, die meine Hobbys charakterisieren, und sehr viel über das Auto erzählen. Die Usability des Ganzen ist fragwürdig, weil man nicht gleichzeitig filmen und die umfangreichen Fragestellungen lesen kann – in der Anleitung wird daher empfohlen, die Fragen auszudrucken oder gleichzeitig zwei Endgeräte zu benutzen (!). Ich sehe das nicht ein, ich bin zu jung zum Ausdrucken und zu alt für zwei Handys. Ich mache mir vor jedem Video Notizen auf einem Zettel. Der Upload der Videos dauert leider immer ewig. Die Angabe der Frist für das Erledigen der Aufgaben ist falsch und die Deadline wird auch im Laufe der Studie nochmals verlängert – irgendwie tröstlich, dass auch in diesem Wirtschaftszweig die Fristen rutschen.
Das Beantworten der Fragen ist für jemanden, der seit fast 20 Jahren in sozialen Medien aktiv ist, quasi geschenkt. Wenn es irgendwas gibt, was meine »Generation« kann, ist es, in kompakter Form über sich und ihre Präferenzen zu reden und dazu passende Fotos zu machen. Einmal nenne ich versehentlich meinen Nachnamen, was ich nicht darf, weil alles anonym sein soll.
Irgendwann dann wieder ein Anruf aus München: Der Kunde sei, Zitat, »fasziniert« von meinen Antworten und ich werde in die nächste Phase der Studie durchgereicht, ein zweistündiges Einzelinterview, das wiederum relativ fürstlich vergütet wird. Bring it on, Marktforschungsindustrie, mein Leben gehört euch.
(Matthias Warkus)
















