Manchmal schleichen sich die Bücher, die einen begeistern, ja ganz unverhofft an.
Ich brauchte eigentlich nur kurzfristig für einen längeren Spaziergang ein Hörbuch, auf das ich direkt zugreifen konnte (weil ich es natürlich wieder bis zur letzten Minute aufgeschoben habe). Da war bei Netgalley die Liste nicht so lang. Ich hab mich dann für "Das Geschenk" von Gaea Schoeters entschieden, weil ich noch gut im Kopf hatte, dass der Vorgänger "Die Trophäe" bei unseren Kunden echt beliebt war. Also hab ich es mir einfach mal angehört.
Der Plot? Als Reaktion auf ein verschärftes Gesetz zur Einfuhr von Elfenbein schenkt der Präsident von Botswana Deutschland 20.000 Elefanten. Die tauchen eines friedlichen Morgens einfach so in Berlin auf.
Ist tatsächlich (fast) so passiert - zumindest das Angebot gab es wohl schon mehrfach, auch an Deutschland, wenn westliche Länder sich zu sehr in den Umgang mit den über 100.000 in Botswana lebenden Elefanten und die Frage nach Jagd oder Abschüssen eingemischt haben.
Im Roman tauchen die Tiere nun wirklich in Berlin auf und was dann folgt, ist eine wirklich scharf beobachtete (und oft auch scharfzüngige) Politsatire. Der Bundeskanzler ist heillos überfordert, Krisenstäbe werden einberufen, die Politik verzweifelt und die Rechtspopulisten instrumentalisieren die Situation, wo sie nur können.
Und obwohl das Buch gnadenlos den Spiegel vor die Schwächen der deutschen Demokratie, ihrer Bürokratie, Vetternwirtschaft und auch vor ihren Umgang mit den rechten Kräften hält, obwohl auch das immer noch sehr koloniale Denken im Umgang mit afrikanischen Ländern ein Thema ist, ist es nicht düster und voller Schreckensbilder. Im Gegenteil, es lässt die Hoffnung, dass sich am Ende dann doch der gesunde Menschenverstand durchsetzt, und Gemeinschaften an Krisen nicht unbedingt scheitern müssen.
Und auf dem Weg dahin unterhält es einfach ganz grandios, auch wenn mir manches Lachen so ein bisschen schmerzhaft im Hals stecken geblieben ist.
Aber die Figur der weisen Bundeskanzlerin a.D., zu der der aktuelle Bundeskanzler auf der Suche nach Ratschlägen gerne mal geht, hat mich sehr zum Schmunzeln gebracht. 🤣
Ich werde jetzt auf jeden Fall auch noch "Die Trophäe" lesen.
Manchmal fühlt man sich von einem Buch einfach gesehen.
Auf jeden Fall scheint Benjamin Myers zu wissen, wie sich Einzelhandel manchmal anfühlt. 😆
"Dinah sah auf die Uhr. Ein Ed-Sheeran-Song klang aus der Lautsprecheranlage, und sie dachte an all die Arten, wie sie Russell am liebsten umbringen würde. Dann sah sie Wet Stephen, den Filialleiter, mit verzerrter Miene durch den Laden auf sie zukommen, und sie dachte an all die Arten, wie sie auch ihn umbringen könnte. Und Ed Sheeran. Es würde ein prächtiges Gemetzel werden, ein wunderschönes Massaker, um das fade Leben zu beenden. Sie stellte sich kurz vor, wie sie in all dem Blut ausrutschte und die Innereien tropfend aus ihren Händen hingen, während Kunden und Angestellte zusahen. Vielleicht würden ein paar sogar applaudieren.
Die Schicht dauerte noch zwei Stunden."
Benjamin Myers
Strandgut
Dumont Verlag
Ab 17.6.25
Lesetipp. Nicht ganz so wunderbar wie "Offene See", weil das schafft man nur einmal. Aber auf eine ganz andere Art und Weise richtig schön und lesenswert.