Zwei Sprachen – eine Aussage!
Sprache ist ein unumgänglicher Alltagsgegenstand. Wir alle verwenden ihn tagtäglich um uns auszudrücken, jeder auf seine Weise. Aber ist eine Kultur nur auf eine Ausdrucksform festgelegt? Oder ist vielleicht heutzutage eine mehrsprachige Kultur von Vorteil?
Der „SAG’S MULTI “ Wettbewerb hat diese Fragen für sich beantwortet und sich ein Spiel im Zuge eines Wettbewerbs daraus gemacht. Der Gewinner des Wettbewerbs 2010/11 Bogdan Hrnjak erzählt von seinen Erfahrungen während des Wettbewerbs, seinem Leben hier in Wien in einer Multi-Kulti Gesellschaft und dem Stolz für seine Sprache.
Man stelle sich vor, jemand kommt zu dir her und fragt: Was ist für dich typisch Wien? Was wäre deine Antwort?
„Wien sind mehrere Städte in einer zusammengefasst. Wenn man durch verschiede Viertel schlendert, sieht man so viele verschiedene Facetten, verschiedene Gesichter, verschiedene Geschichten. Wien ist bunt, laut, grausig, intensiv, schön, entspannt und das alles gleichzeitig!“
Fast die Hälfte aller Wiener - exakt 49 Prozent - hat Migrationshintergrund. Die meisten Wiener_innen mit ausländischer Herkunft kommen aus Serbien, gefolgt von der Türkei und Deutschland. Der Kulturkreis hat sich in Österreich stark erweitert, dafür sind der Naschmarkt, der Brunnenmarkt und der Yppenplatz der augenscheinliche Beweis. Andere und neue Gepflogenheiten, Ansichts- du Lebensweisen finden sich in Wien überall. Schon im Mittelalter war Wien eine Migrationsstadt und die Einwohner kamen von ganz Europa in die gut gelegene Handelsstadt. Trotz dieser schon lang andauernden Einwanderungsgeschichte ist in Wien das Thema „Integration“ ein Problem. Gerade was Bildung betrifft, ist die Stimmung geladen und die Meinungen gespalten: Sprachliche Frühförderung ja/nein, Sprachliche Vielfältigkeitsförderung ja/nein, Umgangssprache an Schulen deutsch oder doch die Muttersprache als Hilfestellung. Über diese und noch viel mehr Punkte lässt sich beim Thema Bildung im Zusammenhang mit Migrationshintergrund lang und breit diskutieren.
Der 2009/2010 vom Verein Wirtschaft und Integration (VWFI) und EDUCULT – Denken und Handeln in Stand gesetzte Rede-Wettbewerb „SAG’S MULTI“ hat sich zur Aufgabe gemacht, die Mehrsprachigkeit von Kindern zu fördern und zu unterstützen. Der Wettbewerb steht Schülern ab der 7. Schulstufe mit oder ohne Migrationshintergrund offen. Diese zweite Sprache kann entweder eine andere Erst- bzw. Muttersprache als Deutsch oder eine Fremdsprache sein. Die meist vertretenen Sprachen sind Bosnisch, Serbisch, Türkisch und Englisch, knapp gefolgt von Französisch und Spanisch. Ein Leitthema wird von den Juroren jedes Jahr neu vergeben und zu diesem können die Teilnehmer ihre rhetorischen Stärken unter Beweis stellen.
Bogdan Hrnjak war Teilnehmer bei „SAG’S MULTI“ 2010/11 und ist bis heute Feuer und Flamme für die Initiative. Heute ist er Mitglied beim Alumni Club von „SAG’S MULTI“ und selbst sogar auch schon als Juror tätig gewesen.
Selbst zum Wettbewerb ist er durch eine sehr aufmerksame Deutschlehrerin am Schulschiff gekommen. Sie hat sein Potential erkannt und seine Neugierde für rhetorische Herausforderungen geweckt. Heute kann er sich gar nicht mehr vorstellen, wie es gewesen wäre ohne „SAG’S MULTI“. Bogdans prägendste Erinnerung an die Teilnahme vor fünf Jahren ist der Moment der Urkundenübergabe. Er kann sich an das taube Gefühl und den Schweißausbruch und das nicht aufhören wollende Zittern erinnern, als ob es letzte Woche passiert wäre. Und mit 15 Jahren auf der Bühne des Wiener Rathauses im Festsaal als Gewinner zu stehen, hat auch etwas unglaublich Überwältigendes. Es ging ja auch um viel! Der damalige Preis war eine Woche Moskau all inclusive mit allen Gewinnern des Wettbewerbs. In Moskau waren sie dann sogar am Wiener Ball eingeladen, bei welchem Bogdan sogar den Wiener Walzer mit Müh und Schweiß gelernt hat.
Mit vielen damaligen Teilnehmern und ehemaligen Gewinnern hat er heute noch Kontakt. Der vor zwei Jahren gegründete Alumni Club bietet ebenfalls die Möglichkeit, sich weiterhin auszutauschen und bei Projekten wie einem PubQuiz, Podiumsdiskussionen oder sogar eine Reise in die USA dabei zu sein.
Durch „SAG’S MULTI“ erfährt jeder Teilnehmer Respekt vor seiner vorgebrachten Sprache. Ehrgeiz und soziales Engagement wird gefördert und die Motivation ist spürbar.
Bogdan ist vor ein paar Jahren selbst Juror beim Wettbewerb gewesen, da der Serbisch Juror kurzfristig verhindert war. Für ihn war das eine sehr spannende, wenn auch irritierende Aufgabe, wenn man auf einmal beide Blickwinkel, die eines Teilnehmers und die, eines Jury Mitgliedes hat. Eine Besonderheit, die ihm durch diese Erfahrung aufgefallen ist, ist der Unterschied zwischen den Altersgruppen. Ein zwölf jähriges Kind schert sich nicht um politische Korrektheit. Es sagt das, was es sich denkt. Ein(e) 16 oder 17 Jährige(r) Jugendliche(r) wählt seine/ihre Worte eher mit Bedacht und spricht gewählter.
Bogdan ist selbst in Belgrad geboren und hat dort bis zu seinem sechsten Lebensjahr gewohnt. Seine Mutter hatte damals einen Urlaub zu Verwandten in Wien geplant und ist mit Bogdan und seiner Schwester Richtung Österreich aufgebrochen. Doch der als Urlaub angelegte Besuch wurde permanent. Die dreiköpfige Familie ist in Wien geblieben. Bogdan kam in eine Volksschule im 20. Bezirk, in welcher kein einziges Kind mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen ist. Er war schon immer ein aktives Kind, doch dem Unterricht konnte er nicht folgen. Seine Rettung waren andere serbisch sprachige Mitschüler, die ihm Teile des Unterrichts übersetzen konnten. Die Aggression und Frustration von damals spürt er immer noch. Heute allerdings würde man nicht mehr meinen können, Bogdans Muttersprache sei nicht deutsch. Er spricht flüssig, schnell und mit leichtem Wiener Dialekt. Bei ihnen zuhause wird allerdings kein Wort Deutsch gesprochen. Die Sorge vor einer Vermischung von Serbisch und Deutsch zu einem Sprachgewirr ist zu groß. Bogdan erinnert sich noch an seine ersten Jahre in Wien sehr genau. An die Herabwürdigung für die Mutter als leitende PR-Agentur Chefin in Belgrad zur Putzfrau in Wien, an die anfängliche Heimatlosigkeit und an die kleine Wohnung im 20. Bezirk. Heute arbeitet seine Mutter als Sozialarbeiterin für Frauen, die in der gleichen Situation sind wie sie damals und die Familie lebt im 2. Bezirk. Manchmal stellt er sich immer noch die Frage, wo seine Heimat liegt, doch seine Antwort heute ist, dass er zwei Heimaten hat: Wien und Belgrad. Es ist jedes Mal wie nach Hause kommen. Er selbst hatte allerdings nie das Gefühl ein Flüchtling zu sein. Er war Asylant, doch hatte er nie das Gefühl nicht nach Serbien zurückgehen zu können, wenn er das gewollt hätte. Durch seine Tätigkeiten im Alumni Club hat er viel Kontakt zu afghanischen Flüchtlingen und hört viele Geschichten. Ein kleiner Junge hat sich drei Stunden unten an einem Laster festgehalten, um irgendwie nach Österreich hineinzukommen. Diesen Kampf ums nackte Überleben hatte er als Kind nie.
Wien ist inzwischen durch und durch sein zuhause und das würde er sich auch nie nehmen lassen wollen. Wien ist allerdings nicht nur eine einzige Stadt für ihn, sondern viele Kulturkreise, die ineinander reichen. Jedes Grätzel ist anders und erzählt neue Geschichten. Das Beste ist, mit einem Döner durch die Viertel zu schlendern und alles wahrzunehmen und aufzusaugen.
Text: Amelie Wimmer






