Juristen fabrizieren/ Digmaschscheu
In Pierre Legendres und Gerard Caillats Film zu Fabrikation des abendländlichen Menschen, der ein Film zur Fabrikation von Juristen ist, wird folgendes nahegelegt: Man trage alle Gesetze in seiner Brust und ein Schildzeichen oder Digma (das ist ein Bild in Nachfolge der Bilderlisten aus der Notitia Dignitatum) auf der Brust. Mit diesem Digma meinen Legendre und Caillat unter anderem Trikotagen und ihre Montagen, die ausweisen, mit wem sich der Träger der Trikotage assoziiert. Sie meinen die T-Shirts, in denen die Leute durch die Stadt laufen und sich so ausweisen. Manche scannen ihre Augen und ihr Gesicht mit den Handy, der kleinen Tafel, und lassen sich von Unternehmen hiilfreich identifizieren, damit sie ihr Täfelchen nutzen können, aber das nur wenige. Sich mit einem Schild auf der Brust ausweisen, zeigen: das ist in der Stadt eher üblich. Das Schild oben hat drei Felder. Wie ein Emblem hat es eine Überschrift, dann ein Bildfeld, hier besteht es aus einer Bilderliste, die ein Bild noch zwei mal wiederholt. Auch das entspricht einem Muster der Notitia Dignitatum. Dann folgt, wie beim Emblemen üblich, kleiner: ein Schriftfeld, hier ist auch eine Liste mit Zeit- und Ortsangaben. Auch solche Listen mit Orten oder Zeitangaben kennt man den Bilderlisten römischen Recht, also von der Notitia Dignitatum und vom Chronographen 354. In den Graphien, den städtischen, emblematischen Trikotagemontagen lebt Antike nach. Aufsitzende und Ausschlagende Wesen weisen sich aus, sie führen ihre Tracht als Visa, Pass und mit einem Schuss Wasserzeichen ihrer Persönlichkeit mit sich. Sie nutzen das diplomatische Protokoll vogue, manche von ihnen machen es experimentell, manche innovativ, manche tragen immer dasselbe, andere immer anderes.
Es ist allerdings so, wie wenn man Autoren ins Seminar einlädt und sie sich zuerst für ihre Texte entschuldigen. Es heißt dann auffällig oft, das es schon sehr lang her sei, dass man diesen Text geschrieben hätte. Oder es wird gesagt, man habe damals nicht die Zeit und den Raum gehabt, sich mit dem Thema richtig zu befassen. Manche gehen so weit, erst etwas zu schreiben, schon bei der Einladung zu einer Präsentation ihres Textes aber leicht nervös zu wirken, auf jeden Fall dann zu sagen, sie würden sich eigentlich mit dem Thema nur am Rande befasst haben, sie würde sich ja eigentlich für ganz andere Dinge interessieren und könnten dazu gar nicht soviel sagen.
Unter dem Symptom so einer deutlich ausgespielten Autorenscheu und eines unbeständigen Distanzierungswunsches leiden auffällig oft diejenigen, deren Disziplin zu allem etwas zu sagen hat und der man darum an Universitäten ganze Fakultäten und Fachbereiche einrichtet. Da gibt es dann Wissenschaften, die bilden den Menschen, zumindest haben sie den Anspruch, das Menschenbild gleich so zu verfassen, dass es für den Staat, die Gesellschaft und das Subjekt, gleich für die Personen, Dinge und Handlungen gültig, effektiv und beschirmend, vom Schutz bis zur Gewährleistung reicht. Da kann einem als Autor schon einfallen, sich für einen Text über das Rechtsubjekt mit dem Argument zu rechtfertigen, man sei damals jung gewesen und habe das Geld dringend gebraucht. Oder: Ja, das sei ein Text über die Menschenwürde, aber man interessiere sich nur für die juristische Seite des Themas und die finde man in Karlsruhe und seinen wohl behüteten deutschen, nationalen Textgärtchen. Da stünde schon so viel, dass es einem genug sei. Das verstehe ich. Der Begriff des Rechts und der Begriff des Reichens, Reichenden oder Reiches sind schließlich affin bis verwandt, Recht reicht also immer, es ist ja auch ein Reich, egal wie groß das Gärtchen ist.
Ich habe den Träger auf das T-Shirt angesprochen. Ich habe ihm sogar gesagt, dass ich heute noch wüßte, wo ich stand (nämlich vor dem Klassenraum für den Physikunterricht), als mir M. mitteilte, The Smiths habe sich aufgelöst). Too much, too soon. Da zeigt er plötzlich mit seinem emblematisch ausgestalteten Digma eine deutlich ausgespielte Digmascheu. Ach, der Sänger sei ziemlich bekloppt und alle anderen Shirts seien in der Wäsche gewesen. Ob's ein Jurist war? Ob's kein Jurist war? Auf jeden Fall: keine Innerlichkeit ohne Äußerlichkeit, aber auch keine Exkarnation ohne Inkarnation.















