Wo sächsischer Qualitätswein auf Brandenburger Sand gedeiht: ein Besuch in Schlieben
Es ist ein wenig wie eine Reise in eine andere (Wein-)Welt: ein Ausflug zum Schliebener Langen Berg in Südbrandenburg. Seit mehr als 20 Jahren werden dort wieder Rebstöcke kultiviert. Zum Bereich Elstertal gehörend, ist die Lage dem bestimmten Anbaugebiet Sachsen zugeordnet. Folglich darf dort auch Qualitätswein produziert werden. Schlieben selbst gehörte übrigens bis 1815 zu Sachsen - bis zum Wiener Kongress ...
Anette Engel ist die Vereinsvorsitzende der Schliebener Winzer.
Der Lange Berg wurde ab 1992 aufgerebt, erklärt Vereinsvorsitzende Anette Engel. Die Wiederbelebung des Weinbaus ist eigentlich aus einer Not heraus geboren worden. Als nach Wende und Wiedervereingung die Wirtschaft des strukturschwachen Landstrichs weitestgehend am Boden lag, wurde im Rahmen einer mit öffentlichen Geldern geförderten Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) der frühere Weinberg rekultiviert und bestockt. Zu erkennen waren seinerzeit nur noch die alten Terrassen, allerdings wurden sie zuletzt für Obstbau genutzt beziehungsweise lagen teilweise komplett brach. Allerdings haben auch einige alte Rebstöcke die Zeit überdauert. Sie wurden freigeschnitten und werden liebevoll gepflegt.
Weinbau mit DDR-Jargon: Hier hat der Brigadier noch das Sagen
Da ABM-Stellen in den 1990er-Jahren immer nur für kurze Zeit finanziert wurden, sollte ein Verein für Konstanz im wiederbegründeten Weinbau sorgen. Allerdings spiegelt sich im Schliebener Weinbauvereinsleben heute ein Problem der ganzen Region wider: Es gibt kaum junge Menschen. Die sind auf der Suche nach Arbeit oder wenigstens zeitgemäß bezahlten Jobs längst weggezogen. „Unsere Jugendbrigade ist zwischen 60 und 70 Jahre alt“, sagt Engel und schmunzelt tapfer. Im Schliebener Weinbau-Verein hat sich die eine oder andere Vokabel aus sozialistischer Vorwendezeit noch erhalten, generell geht es weniger etepetete zu als im sächsischen Weinbau an der Elbe. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Schliebener Hobbywinzer immer einer Meinung sind. Das Sagen hat der jeweilige Brigadier - in der Weinberg- und in der Service-Brigade für die Bewirtung der Gäste. Einmal in der Woche wird für mehrere Stunden im Weinberg gearbeitet.
Wenige alte Rebstöcke sind auf dem Langen Berg erhalten und werden heute liebevoll gehegt und gepflegt.
Weil selbst 80-Jährige noch voller Elan mit anpacken, gestalten sich die Arbeitsabläufe im für die Region vergleichsweise steilen Berg häufig nicht ganz einfach. Andererseits sind die Senioren auch fast ständig daheim im kleinen Städtchen und immer dann zur Stelle, wenn dringender Handlungsbedarf auf der Rebfläche besteht. Auf dem insgesamt einen Hektar des Langen Berges und kleinerer Flächen in Privatbesitz wachsen Bacchus, Müller-Thurgau und Regent. Der Boden besteht aus eiszeitlichen Sanden mit Lößeinschlüssen und Lehm in tieferen Schichten. Ohne Bewässerung geht es trotzdem kaum.
Gekeltert wird in Meißen
Nach rund 20 Jahren müssen die Hobbyweinbauern nun die Rebstöcke nach und nach ersetzen, da diese zunehmend unter Mauke litten, kündigt die Vereinschefin an. Den Weinbau haben sich die Schliebener überwiegend autodidaktisch beigebracht, anfangs unterstützt von der Winzergenossenschaft im sächsischen Meißen. Der Verein ist Mitglied dieser Winzergenossenschaft. So werden auch die Weine im knapp zwei Fahrstunden entfernten Meißen ausgebaut. Bei unterschiedlicher Reifezeit der Trauben steht der Verein alljährlich vor logistischen Herausforderungen, da aus Kostengründen nur maximal zwei Traubentouren geplant sind. Mitunter müssen die Freizeitwinzer Abstriche beim Mostgewicht oder Verluste durch Fäulnis überreifer Trauben in Kauf nehmen. Ein separater Ausbau ihrer Weine ist aus wirtschaftlicher Sicht nur dann möglich, wenn mindestens 1.000 Liter je Rebsorte gelesen werden. In guten Jahren gibt es 4.500 bis 5.000 Liter vom Schliebener Wein.
Sächsischer Qualitätswein mit dem Brandenburger Adler: Rebensaft aus Schlieben
Zisterzienser-Mönche des Klosters Doberlug und fränkische Siedler sollen ab dem 13. Jahrhundert die Weinkultur in die Region gebracht haben, die von Landwirten bis Anfang des 20. Jahrhunderts gepflegt wurde. Zeitweise waren 30 bis 40 Hektar Rebland ausgewiesen, um 1900 wurden noch sechs Hektar bewirtschaftet. Einfachere Zollregeln und der Ausbau der Eisenbahn - mit dem Zug konnten bessere Weine aus südlicheren Gefilden preiswert transportiert werden - führten zum Niedergang des Weinbaus. Zwar gab es auch in Schlieben 1880 eine Überwachungskommission zur Reblausbekämpfung. Allerdings soll es die Reblaus niemals bis Schlieben geschafft haben.
Keller mit Straßenzugang
Gelagert wurde der Wein früher übrigens zusammen mit Ackerfrüchten und Obst in alten Kellern, die von einer Straße aus senkrecht in einen Berg getrieben wurden und noch immer erhalten sind. Heute befinden sich in der legendären Kellerstraße 34 solcher Keller - teils in städtischem und teils in privatem Besitz. Auch der Weinbauverein schenkt in einem dieser Keller aus. Mitte des 16. Jahrhunderts sollen die Ursprünge dieser besonderen Lagerwirtschaft liegen.
In diesen Kellern haben die Bauern früher Ackerfrüchte, Obst und ihren Wein gelagert, 34 davon sind in Schlieben erhalten.
Repräsentiert wird der Schliebener Rebensaft übrigens nicht durch einer Weinkönigin, sondern durch eine Moie – eine Magd, die an die bäuerliche Tradition des Schliebener Landes erinnert. An diese Historie knüpft auch der jährliche Moien-Markt in der Kellerstraße an. Früher haben die Landwirte bei diesem Markt die Verträge mit ihren neuen Mägden und Knechten geschlossen. Heute wird dort vor allem Wein ausgeschenkt. Der Weinberg des Städtchens kann nach Voranmeldung besichtigt werden. Mehrere Hundert Menschen kommen jedes Jahr nach Schlieben, um sich bei Weinbergsführungen über Geschichte und Gegenwart des Weinbaus zu informieren und die in Meißen gekelterten Weine aus Schliebener Trauben zu verkosten.
Seit 2013 engagieren sich die Schliebener Hobbywinzer in der Fachgruppe Weinbau in Brandenburg, die sich als Netzwerk von Winzern und Weinbaubetrieben in der Region versteht. Seit 2014 gibt es auch eine gemeinsame Jungweinprobe - in diesem Jahr am 8. Mai ab 18 Uhr in Großräschen, wäre also nach der Großen Gemeinsamen Jungweinprobe in Dresden noch zu schaffen ...
Text/Fotos: Lars Müller