Heute, 17:00, Hamburg, Abaton Kino, Die Premiere "DIE GPS-JAGD"
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Heute, 17:00, Hamburg, Abaton Kino, Die Premiere "DIE GPS-JAGD"
Auf nach Ghana!
Es ist soweit: Morgen reisen wir unseren GPS-Fernsehern hinterher. Zunächst nach Ghana. Christian, Marcus und unser Kameramann Andrzej fliegen nach Accra und werden dort die Spur der Signale weiter verfolgen. Unterstützt werden wir vor Ort von dem Umweltjournalisten Mike Anane, der sich schon lange mit dem Thema Elektroschrott befasst. Es geht also quasi in die zweite Halbzeit unserer Recherche. Die erste Halbzeit, die Recherche in Deutschland, hat bisher super funktioniert - und war zugleich ein Fulltime-Job. Anfang März haben wir unsere trackbaren Fernseher ausgesetzt. Jetzt, zwei Monate später, können wir Euch die erste Veröffentlichung ankündigen: Am 13. Mai um 21:15 Uhr läuft unser erster Film bei Panorama3 im NDR-Fernsehen. Save the date!
Felix und Christian (hier im Schnitt beim NDR) haben über Wochen jede Station der Fernseher in und um Hamburg mit der Kamera aufgesucht. Das Ergebnis kann sich, wie wir finden, sehen lassen. Der Film wird Euch mit auf die Verfolgungsjagd nehmen, bis zu dem Punkt, an dem das Schiff mit TV3 nach Afrika ausläuft. Für später sind dann weitere Veröffentlichungen geplant: Multimedial im Internet, als große Reportage im Print und sogar für eine 30-Minuten-Doku im Fernsehen haben wir die Zusage. Wir werden Euch hier natürlich auch aus Afrika auf dem Laufenden halten. Also bleibt dabei. Ab morgen wird es nochmal spannend!
Signal aus Afrika!
Jetzt haben wir Gewissheit: Unsere Fernseher sind in Afrika gelandet! TV2 hat den Anfang gemacht und sich in eine Funkzelle im Hafen von Lagos in Nigeria eingeloggt:
TV3 folgte nur wenige Stunden später und meldete sich aus dem Hafen von Tema in Ghana:
Das bestätigt zunächst unsere Vermutung, dass TV2 den Hamburger Hafen auf der Grande Atlantico verlassen hat und dass TV3 auf der Buxlink in See gestochen ist. Denn jeweils kurz nach Einlaufen der Schiffe in die afrikanischen Häfen, meldeten sich unsere Fernseher von dort.
Es ist aber vor allem ein großer Schritt bei unserer Recherche. Denn damit haben wir konkret bewiesen: Deutscher Elektroschrott wird illegal nach Westafrika exportiert. Und wir können als erste überhaupt den exakten Weg von zwei kaputten Geräten bis dorthin nachzeichnen.
Nach über einem Jahr seit der ersten Idee, nach einem erfolgreichen Crowdfunding, nach der Suche nach Kooperationspartnern, nach dem Gewinn von Stipendien, nach Rückschlägen wie mit dem Testfernseher, nach Euphorie und Frust im steten Wechsel, kurzum: nach sehr, sehr viel Arbeit, freuen wir uns natürlich riesig über diese ersten Signale aus Afrika. Sie bestätigen uns darin, dass es richtig war, so viel Energie in dieses Projekt zu stecken.
Und die Reise ist damit keineswegs zu Ende. Schon bald werden wir aufbrechen, unseren Fernsehern hinterher. Wir wollen wissen: Was passiert mit meinem Schrottfernseher? Die Verfolgungsjagd geht weiter, ach was, eigentlich hat sie gerade erst richtig begonnen...
Jenseits von Afrika
Wir sind uns ziemlich sicher: Zwei unserer GPS-Fernseher sind mit zwei unterschiedlichen Schiffen auf dem Weg nach Afrika. TV2 schippert höchstwahrscheinlich mit der Grande Atlantico nach Süden und TV3 hat wohl ein Plätzchen auf der Buxlink ergattert. Wieso wir uns da so sicher sind? Erklären wir unten. Hier könnt Ihr beide Schiffe live tracken. (Die Karten kann man auszoomen.)
TV2 - Grande Atlantico
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TV3 - Buxlink
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Zunächst zu TV2: Dieser Fernseher hat uns, nachdem er die Billstraße durchlaufen hatte, zwischen dem 20. und 24. 03. eine Menge Signale geschickt. Dann war plötzlich Funkstille. Für uns ein Zeichen, dass unser Fernseher nun in einen Schiffsbauch gelangt sein könnte. Zwar bestanden die letzten Lebenszeichen von TV2 aus GSM-Signalen (also einer Peilung übers Handynetz) und nicht aus den exakteren GPS-Signalen. Aber die Funkmasten, in die TV2 sich über mehrere Tage eingewählt hat, verteilten sich rund um den Unikai im Hamburger Hafen. Dieser Terminal wird vor allem von der Reederei Grimaldi genutzt, die von dort einen Liniendienst nach Westafrika betreibt. Wir besorgten uns also den Fahrplan und stellten fest, dass eigentlich nur die Abfahrtszeiten eines Schiff zu den abgerissenen Funksignalen passten: die Grande Atlantico.
Allerdings hatte unser Fernseher drei Tage zu lange aus Hamburg gefunkt. Also riefen wir bei Grimaldi an. Und tatsächlich hatte sich der Fahrplan verschoben. Wegen schlechten Wetters auf dem Atlantik sei die Grande Atlantico später in Hamburg ein- und ausgelaufen, nämlich genau drei Tage später. Volltreffer! Vor fünf Tagen meldete sich TV2 dann noch einmal, leicht nördlich von Antwerpen. Zu diesem Zeitpunkt schipperte die Grande Atlantico nach Auskunft von Grimaldi dort gerade aus dem Hafen...
Damit zu TV3: Wie bereits berichtet schickte der nach Durchlaufen der Billstraße Signale von dem Packgelände der Spedition TWS Deutschland in Hamburg Wilhelmsburg. Dann, am frühen Abend des 21. 03., weckte der Bewegungsmelder unseren Sender auf: Das TV-Gerät bewegte sich in Richtung Westen. Einen Tag später erhielten wir ein letztes GSM-Signal und zwar von einem Funkmasten in unmittelbarer Nähe des Containerterminals Altenwerder. Seitdem ist Funkstille. Wir schauten also, welche Afrika-Linien den Kai in Altenwerder anlaufen, und nur eine kam in Frage: Die wöchentliche North Europe-West Africa-Line, gemeinsam betrieben von den Reedereien MOL, Hapag-Lloyd und ZIM. Ein Blick in den Fahrplan zeigte uns: Zum Abreißen der Signale von TV3 zu dieser Zeit und an diesem Ort passt genau ein Schiff: Die Buxlink der Reederei MOL.
Wir haben also starke Indizien dafür, dass tatsächlich zwei unserer Schrottfernseher auf dem Weg nach Westafrika und damit illegal exportiert worden sind. Aber die letzte Sicherheit können uns nur Signale aus Afrika geben. Spätestens wenn die Grande Atlantico und die Buxlink wieder auf dem Rückweg sind, also Mitte April, rechnen wir mit Signalen von TV2 und TV3. Sollten sie sich melden, buchen wir unsere Flüge. Sollten sie sich nicht melden... ach, das wird schon nicht passieren. Drückt uns die Daumen!
Auf den Spuren von TV3
Drei GPS-Fernseher sind inzwischen auf der Reise. Sie alle liefern uns Daten für unsere Recherche. Aber einer liegt auf dem Weg nach Afrika ganz klar in Führung. Intern heißt er bei uns nur TV3. Inzwischen ist TV3 im Hafen angekommen. Wo genau, können wir erst verraten, wenn er wirklich sicher verschifft wurde. Aber wie er aus der Billstraße dorthin kam, können wir Euch schon sagen.
Das erste verlässliche Signal nach der Billstraße kam aus einem Industriegebiet in Hamburg-Wilhelmsburg (Satellitenaufnahme aus dem Jahr 2009). Christian, Felix und unser Kameramann Andrzej sind sofort hingefahren – und staunten nicht schlecht als die Straße plötzlich an einem Zaun endete, dahinter das Gelände, von dem TV3 sendete: Ein Areal groß wie zwei Fußballfelder, von außen hermetisch durch Container abgeschottet, auf denen teilweise noch alte Autos stehen, fast wie eine Trutzburg. Draußen überall Sperrmüll, Schrott und ausrangierte Autos, drinnen füllen junge Männer Dutzende Container mit allem, was in Afrika noch von Wert ist.
Das Gelände, so viel war nach kurzer Recherche klar, gehört der Deutschen Bahn. Die wiederum hat es vermietet. Das Gelände wird von der Spedition TWS Deutschland, eine Tochter des niederländischen Logistik-Konzerns van Uden, als Sammelplatz genutzt, auf dem ihre Kunden gemietete Container beladen. Lawal Adigun von TWS Deutschland erklärte sich bereit, uns ein Interview vor der Kamera zu geben.
Mit Adigun haben wir über das Geschäftsmodell von TWS Deutschland gesprochen, über die Besonderheiten einer Spedition, die nach Westafrika verschifft, und auch darüber, inwieweit seine Firma eine Mitverantwortung für illegale Elektroschrottexporte nach Afrika trägt. Er meint, die Kontrolle der ausgeführten Waren obliege zunächst dem Zoll und der Polizei, nicht dem Spediteur. Seine Aufgabe sei lediglich, seine Kunden deutlich auf die Gesetzeslage hinzuweisen. Tatsächlich gibt es einen Merkzettel, der Adigun zufolge jedem Kunden ausgehändigt wird. Zudem hänge auf dem Sammelplatz eine Liste verbotener, weil FCKW-haltiger Kühlschrankmodelle aus.
Das Gespräch mit Lawal Adigun, für dessen Auskunftsbereitschaft wir uns bedanken, hat uns einmal mehr gezeigt: Der Grat ist schmal zwischen dem Export legaler Second-Hand-Ware und dem Schmuggel von illegalem Schrott. Und die Beteiligten an der Wertschöpfungskette verfolgen nicht notwendigerweise böse Absichten. Wie es weitergeht, bald hier an dieser Stelle...
Von wo kommt wohl das nächste Signal?
Mit dieser Frage leben wir nun seit anderthalb Wochen. Immer wieder checken wir unsere Smartphones, schauen in der Viamon-App, ob einer der drei GPS-Fernseher, die wir bislang auf den Weg geschickt haben, seine Position verändert hat. Es ist und bleibt verdammt spannend. Immer wenn ein Gerät bewegt wird, wacht der zugehörige Sender auf und schickt uns ein Signal. Steht er länger still, meldet er sich alle vier Stunden, wenn auch nicht immer per GPS, sondern oft per GSM, also über die Funkzellen des Handynetzes. Wir haben entsprechend einen relativ genauen Überblick darüber, wo unsere Geräte sich befinden. (Bloß aus geschlossenen Containern funktioniert die Standortmeldung wie erwartet nicht.) Gerne würden wir Euch schon jetzt im Detail berichten, welchen Weg die Fernseher genommen haben und wo sie jetzt gerade stehen. Nur: Damit könnten wir unsere Recherche gefährden, denn noch ist keiner ganz sicher auf dem Weg nach Afrika. Aber so viel können wir verraten: Es sieht gut aus! Der erste Fernseher hat die Billstraße bereits durchlaufen. Er stand gerade einmal drei Stunden in einem der einschlägigen Import-Export-Läden, dann ging es schon weiter. (Zum Vergleich: Unser Testfernseher brauchte dafür fast drei Wochen.) Wohin verraten wir später. Der zweite Fernseher steht noch in der Billstraße und wartet auf einen Käufer. Der dritte drängelt sich mit dutzenden anderen in dem Container eines Recyclinghofs. Und der vierte wartet noch auf seinen Einsatz. Damit Ihr aber einen Eindruck davon bekommt, was wir gerade so treiben, hier ein kurzer Clip davon, wie Christian und Felix einem Signal aus der Billstraße hinterherjagen.
Warum gibt es eigentlich kein Pfand auf Elektrogeräte?
Gute Frage. Eingefallen ist sie nicht uns, sondern einigen engagierten Kinobesuchern in Halle an der Saale. Dort war Carolyn auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Luchs-Kino zeigte die Böll-Stiftung im Rahmen der Globale den ZDF-Film "Toxic City" von 2011. Im Anschluss gab es ein Filmgespräch, bei dem Carolyn als Expertin von Follow the Money über all das ausgefragt wurde, was wir so über illegale, halblegale und legale Elektroschrott-Entsorgung gelernt haben, seitdem wir das Projekt gestartet haben. Am Ende waren sich die meisten einig: Pfand funktioniert bei billigen Plasteflaschen, warum nicht auch beim teuren Flatscreen? Unseres Wissens ist ein solches Vorhaben zwar mal innerhalb der EU angeschoben, aber niemals geltendes Recht geworden. Warum? Vermutlich ist der Handel dagegen Sturm gelaufen. Warum und wie das genau ablief, berichten wir demnächst an dieser Stelle. Als nächstes erfahrt ihr hier aber erst einmal, wie weit es unsere Fernseher in einer Woche gebracht haben.
Genug getestet. Es geht los!
Eure Fernseher sind auf die Reise gegangen, hoffentlich auf eine weite. Diese Woche haben wir sie in Hamburg ausgesetzt. Nun gibt es kein Zurück mehr: Egal, wo sie wieder auftauchen, wir werden da sein.
Mit im Team arbeitet ab sofort Andrzej vom NDR, der uns bei jedem Schritt beobachten und mit uns einen Film für Panorama, einen unserer Medienpartner, produzieren wird. Willkommen im Team!
Zum ersten Mal war er in Kaiserslautern dabei, bei der Firma Viamon, wo wir die Fernseher mit Hochleistungssendern präpariert haben.
Einige von euch werden sich fragen, warum das so lange gedauert hat, warum arbeiten die jetzt mit dieser Firma und nicht mehr mit GPS Vision zusammen und vor allem, was ist eigentlich aus unserem Testfernseher geworden?
Die schlechte Nachricht: Wir haben ihn in Afrika verloren! Die gute: Wir wissen, woran es lag. Aufgrund „von Schwierigkeiten im Betriebsablauf“, wie es so schön bei der Bahn heißt, hat er sich nicht mehr gemeldet. Das lag vor allem an der SIM-Card, die wir verwendet hatten und an der Akkulaufzeit. In den Geräten sind nun so genannte Machine-to-Machine-Cards eingebaut und vor allem Akkus, die bis zu zwei Jahre halten.
Inzwischen können wir den Weg bis nach Ghana oder Nigeria dank der aufwendigen Testphase ziemlich genau nachzeichnen. Wir wissen, dass die Händler in der Billstraße etwa 3-4 Euro für ein Gerät verlangen, dass auf den Märkten in Tema & Co. noch 40-50 Euro wert ist. Dazwischen verdienen vor allem Speditionen, Reeder und ein paar afrikanische Familien, die sich auf den Schrottexport spezialisiert haben, prächtig.
Warum Afrika noch immer auf Röhrenfernseher steht? Die halten länger als Flatscreens made in Asia, die schon nach wenigen Wochen vor den Stromschwankungen in Afrika kapitulieren.
Was wir sonst noch gelernt haben? Dass Spediteure ihre Kunden in einer Hamburger Kirche akquirieren, indem sie dem Pfarrer Geld dafür bieten, dass er ihren Firmennamen in seiner Predigt unterbringt. Dass es Männer gibt, die es mit bloßer Muskelkraft schaffen, bis zu fünf Autoreifen ineinander zu stülpen. Wir haben das nachgemacht und schafften gerade mal zwei. Weil die Neureifen aber eine schlechtere Qualität haben als Gebrauchtreifen aus Deutschland, werden etwa in Nigeria bevorzugt diese über die grüne Grenze mit Ghana geschmuggelt. Wir haben erfahren, dass Afrikaner eine Perfektion beim Packen und Stapeln von Containern entwickelt haben, auch, weil in Hamburg ein Merkblatt der Umweltbehörde im Umlauf ist, das – eigentlich für Zoll und Polizei bestimmt – beschreibt, wie Container gepackt sein müssen, damit sie nicht auffallen. Dumm nur, dass auch Händler und Spediteure diese Anleitung in die Finger bekommen haben. So bleibt es für die Behörden schwierig, legaler von illegaler Ware zu unterscheiden. Immerhin hat die Wasserschutzpolizei, wenn sie denn mal kontrolliert und einen Container beschlagnahmt, eine Trefferquote von 5o Prozent.
Ändert sich daran etwas, wenn sich demnächst die Beweislast umkehrt und dann die Exporteure nachweisen müssen, dass ihre Ware noch funktioniert? Daran glaubt keiner. Im Gegenteil, die neue Regel macht Platz für ein weiteres Glied in unserer Wertschöpfungskette, für einen „unabhängigen“ Prüfer, der dann bestätigt, dass die Ware noch taugt. Nur muss der weder vom TÜV noch von einer staatlichen Stelle bestellt sein.
Also drückt die Daumen, dass unsere Technik taugt und bleibt uns gewogen.
Carolyn, Christian, Felix und Marcus