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SCHWARZENBACH -> GERMANY
Illustrations for Zeit Magazin N°25
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---> More on https://www.instagram.com/clementthoby/
---> Prints : https://artazart.com/artiste/clement-thoby/
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Bavarian Jungle
Office building at Edenstrasse 20 (former Philips AG headquarters) Wiedikon - Kreis 3, Zürich, Switzerland; 1957-58
André E. Bosshard, architect Schubert & Schwarzenbach, engineers (photographs by Gemmerli)
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via “(Das) Werk, 45” (1958)
SCHWARZENBACH -> SWITZERLAND
“Ella Maillart, Au Sommet du Monde (Suisse)” documentaire de Nathalie Plicot et Valériane Cariou dans la série “Une Maison, Une Artiste", août 2025.
Mopsa vor St. Germain des Prés, Paris, ca. 1930. Fotografie von Thea Sternheim Quelle: Die Fotografin – thea-sternheim.org
Dorothea „Mopsa“ Sternheim
Dorothea „Mopsa“ Sternheim (geboren als Elisabeth Dorothea Löwenstein am 10. Januar 1905 in Oberkassel bei Düsseldorf; gestorben am 11. September 1954 in Paris) war eine deutsche Bühnenbildnerin, Kostümbildnerin und Widerstandskämpferin in Frankreich. In den 1920er Jahren vor ihrer Emigration nach Paris entwarf sie Kostüme und Bühnenbilder für Stücke von Carl Sternheim und Klaus Mann. Wegen ihrer Zugehörigkeit zur Résistance war sie im KZ Ravensbrück inhaftiert.
Leben
Kindheit
Dorothea Löwensteins leibliche Eltern waren der Dramatiker Carl Sternheim (1878–1942) und die Schriftstellerin Thea Sternheim (1883–1971), die zur Zeit von Dorotheas Geburt mit Artur Löwenstein verheiratet war, der das Kind anerkannte. Bei der Ehescheidung der Löwensteins 1906 blieben „Mopsa“ und ihre ältere Schwester Agnes[Anm. 2] zunächst bei ihm, bei dessen Wiederverheiratung kam Mopsa 1912 zur Mutter,[1] die inzwischen Sternheim geheiratet und den Sohn Klaus Sternheim (1908–1946) geboren hatte. Die Familie bezog 1913 die Villa „Clairecolline“ im Brüsseler Vorort La Hulpe. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wich sie in die neutralen Niederlande aus, 1919 ging sie nach Uttwil in die Schweiz, von 1922 bis 1924 lebten die Sternheims im Waldhof in Wilschdorf bei Dresden.
Mopsa Sternheim erhielt von Hauslehrern und ihrer Mutter Schulunterricht. Sie las schon als Kind Kleist, Dostojewski, Tolstoj und Schiller. Nach den Recherchen von Lea Singer habe ihr Hauslehrer sie als zwölfjähriges Mädchen mit der Intelligenz einer 50-jährigen Frau beschrieben, „also ein ungeheuer präzise blickendes, analysierendes Kind“. In ihrem Elternhaus habe es, so Singer, „jede Art von Verwöhnung und großbürgerlichem Luxus gegeben“, jedoch keine Geborgenheit und Kontinuität. In der Zeit nach Kriegsende stellte Carl Sternheim seiner Tochter sexuell nach, während ihre an Depressionen leidende Mutter bemüht war, die Ehe formal zu retten.
Ausbildung und Beruf
Mopsa Sternheim nahm 1923 eine Ausbildung im Zeichnen an der Kunstakademie Dresden auf. Durch ihren Vater erhielt sie den Auftrag für das Bühnenbild und die Kostüme einer Inszenierung seines Theaterstücks Der Nebbich in Berlin. 1924 begann sie eine Lehre zur Kostüm- und Bühnenbildnerin am Theater Köln. Sie schloss Freundschaft mit Klaus Mann, Erika Mann und Manns Verlobter, der Schauspielerin Pamela Wedekind. Die vier galten als die „Dichterkinder“, denen die Originalität abgesprochen wurde. Sternheim war 1925 für Kostüme und das Bühnenbild für Klaus Manns Anja und Esther verantwortlich und 1927 für die Revue zu Vieren. In beiden Inszenierungen unter der Regie von Gustaf Gründgens trat Pamela Wedekind auf. Bei den Kritikern kamen die Stücke nicht gut an. Für die Uraufführung von Carl Sternheims Lustspiel Die Schule von Uznach oder Neue Sachlichkeit am 21. September 1926 im Hamburger Schauspielhaus realisierte Mopsa Sternheim ohne die Zustimmung ihres Vaters das Bühnenbild, anschließend für die Inszenierungen in Köln und Mannheim. Ein Kritiker lobte in der Vossischen Zeitung ihre „hübschen und talentvollen“ Bühnenbilder der Hamburger Aufführung.
Mopsa, ca. 1922. Fotografie von Thea Sternheim
Beziehungen und Ehe
Mopsa Sternheim hatte mit 21 Jahren eine kurze intensive Affäre mit dem Dichter Gottfried Benn, einem Freund ihrer Eltern, den sie schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges kennengelernt hatte, als die Sternheims in Belgien lebten. Dass Benn keine Beziehung mit ihr eingehen wollte, verwand sie nie. Ein Suizid-Versuch ist bezeugt. In ihr Tagebuch notierte sie 1952 rückblickend: „Bis zum Wahnsinn geliebt habe ich nur Benn – die uneinnehmbare Festung, die Negation an sich.“ Durch Briefwechsel und die Korrespondenz ihrer Mutter mit Benn blieb sie mit Unterbrechung während des Zweiten Weltkriegs mit ihm lebenslang in Verbindung. Sie kommentierte auch Benns literarische Entwicklung in ihrem Tagebuch. Über seine Hinwendung zum Nationalsozialismus schrieb sie: „Und dann, so gegen 1932, tritt mit dem Rausch des Nationalsozialismus (dem er sofort erlag) die große Versuchung des Deutschen an ihn heran: das, was ich Virilismus nenne, diese teutsche Mannstollheit, der maskuline Größenwahn. […] Ja, ab 33 wird er einseitig ‚denkerisch‘ – trotz aller Gedichte, die folgen: Die sind oft formvollendete Philosophie in Reimen. Auch eine deutsche Spezialität.“
Ab 1926 lebte Mopsa Sternheim überwiegend in Berlin. Seit sie nach einem Motorradunfall 1927 mit dem Schmerzmittel Eukodal behandelt worden war, wurde sie von der Droge abhängig und blieb es trotz Entziehungskuren lebenslang. Nach kurzen Affären mit Frauen lebte sie eine Zeit lang mit der Schriftstellerin Ruth Landshoff-Yorck zusammen, die sie mit Annemarie Schwarzenbach bekannt machte. Ihre Freundschaft mit Pamela Wedekind endete, als diese sich 1927 mit Carl Sternheim verlobte, nachdem Carl und Thea Sternheim endlich geschieden waren. Im Januar 1928 lernte sie den homosexuellen surrealistischen Schriftsteller René Crevel kennen. Er machte ihr einen Heiratsantrag. Doch sie entschied sich für den österreichischen Maler Rudolph von Ripper. Crevel sollte mit ihnen in Berlin eine Wohnung teilen, sie malten sich „une belle vie à trois“ (dt. ein schönes Leben zu dritt) aus, wozu es jedoch nicht kam. Kurz vor ihrer Verheiratung 1929 widmete ihr Klaus Mann die Erzählung Abenteuer des Brautpaars. Durch die Ehe mit Ripper erhielt sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Sie verbrachte mit ihm mehrmonatige Aufenthalte in Österreich, bevor er nach England emigrierte. René Crevel blieb ihr Freund, bis er 1935 durch Suizid mittels Gas starb. Sie pendelte zwischen Marokko, Paris, Berlin, Salzburg und Wien, es hielt sie nirgendwo lange.
Emigration, Widerstand und KZ-Inhaftierung
Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten emigrierte sie Anfang 1933, wie schon zuvor ihre Mutter, nach Paris. Sternheim engagierte sich in der kommunistischen Flüchtlingshilfe. Sie schrieb antifaschistische Zeitungsartikel, die sie im britischen Manchester Guardian veröffentlichen konnte, wobei ihr die Kontakte ihres Freundes Edy Sackville-West halfen, und arbeitete mit Willi Münzenberg am Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror. Nach dem Anschluss Österreichs Anfang 1938 galt sie in Frankreich als Reichsdeutsche und bekam nur noch eine zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 zog Mopsa Sternheim zu ihrer Mutter, da sie sich mit Gelegenheitsübersetzungen finanziell nicht mehr über Wasser halten konnte, auch infolge ihrer Drogenabhängigkeit. Im Januar 1941 wurden „Rudolf Carl von Ripper und Dorothea von Ripper, geb. Löwenstein“ aus dem Deutschen Reich ausgebürgert, was Mopsa Sternheims Aufenthalt im deutsch besetzten Frankreich zusätzlich erschwerte, da sie nun als staatenlos galt.
Anfang 1942 schloss sie sich einer Widerstandsgruppe der Résistance an, die mit der britischen Special Operations Executive (SOE) zusammenarbeitete, um ihrem französischen Freund Michel Zimmermann, der als Jude verfolgt wurde, die Flucht nach England zu ermöglichen. Am 2. Dezember 1943 verhaftete die Gestapo Sternheim, folterte sie und schlug ihr auch Zähne aus. Doch sie verriet nichts. Anschließend wurde sie im Gefängnis Fresnes inhaftiert, kam 1944 zunächst ins Sammellager Compiègne und wurde von dort am 31. Januar 1944 in das KZ Ravensbrück überstellt. Da sie unter den deportierten Französinnen eine Deutschsprechende war, wurde sie Blockälteste im Krankenrevier für 200 bis 400 Häftlinge, die an Typhus, Scharlach oder Ruhr litten. Ihr Einsatz für die Kranken, den nach dem Krieg Mithäftlinge bezeugten, und ihr widerständiges Auftreten gegenüber der Lager-SS hatten ihre Degradierung in ein Arbeitskommando zur Folge. Am 23. April 1945 evakuierte das Schwedische Rote Kreuz im Rahmen der „Aktion Bernadotte“ etwa siebentausend Frauen aus dem Lager und brachte sie nach Schweden, darunter Sternheim.
Nachkriegszeit in Paris
Nach Kriegsende war sie ab Juni 1945 wieder bei ihrer Mutter in Paris, wo die beiden unter großen Geldnöten litten. Aus einem Erholungsurlaub 1946 bei einem Freund in Italien schrieb sie ihrer Mutter: „Ich denke immerzu an Ravensbrück seit ich hier bin u. frage mich etwas ängstlich, welchen Grad an Kontrasten das Leben mir noch zugedacht hat. Weil das fast unfassbar ist für ein selbes Gehirn.“[16] 1948 wurde sie als Zeugin im vierten der Ravensbrück-Prozesse, gegen Benno Orendi und Martha Haake, in die britische Zone Deutschlands geladen.
Die folgenden Jahre waren für sie eine Zeit der Enttäuschungen. Ripper wollte die Ehescheidung, um sich neu zu verheiraten. Sternheim verdiente etwas Geld mit Übersetzungen und arbeitete an einem autobiografischen Roman. Der Kunsthistoriker Gert Schiff bot das Manuskript dem Rowohlt Verlag an, der es „als interessant, aber zu fragmentarisch für eine Veröffentlichung“ ablehnte. Das Manuskript gilt als verschollen. Die von ihr erhofften Aufträge für Filmskripte blieben aus. Einzig 1951 bekam sie einen Auftrag für das Bühnenbild für die Komödie Der Snob, inszeniert von Gert Weymann am Nürnberger Theater.
Tod und Nachlass
Im Winter 1953/1954 erkrankte Sternheim an Krebs. Die Schmerzmittel schlugen nach der jahrzehntelangen Gewöhnung an Morphinpräparate nicht mehr an. Sie starb mit 49 Jahren. Gottfried Benn schrieb am 14. September 1954 an ihre Mutter: „Seltsames Leben hatte unsere kleine Thea [Dorothea], ein Leben der Nerven, der Unruhe, vielfach des Missgeschicks – und nun einen Tod früh und voll von Schmerzen […] Ihre Haltung und ihre Tapferkeit, die sie ein Leben lang hatte, behielt sie […] bis zum Schluss – wunderbar ist das u. ich bin tief gerührt und bewegt, daß ich ihr einmal nahe stehn durfte.“
Nach zahlreichen Prozessen, die Mopsa Sternheim um eine Entschädigung für ihre Internierung im KZ Ravensbrück geführt hatte, trafen die deutschen Wiedergutmachungszahlungen erst nach ihrem Tod bei ihrer Mutter ein.
Mopsa Sternheim schrieb ab ihrem dreizehnten Lebensjahr bis zum Lebensende Tagebuch. Auszüge daraus und Briefe wurden erstmals 2004 veröffentlicht. Ihre Tagebuchaufzeichnungen über Ravensbrück, zum Teil auf Französisch verfasst, sind erhalten sowie auch ein Porträt, das sie von der internierten jüdischen Résistance-Kämpferin Odette Fabius gezeichnet hat. Testamentarisch hatte sie verfügt, dass Briefe an sie mit Ausnahme jener von René Crevel vernichtet werden. Von den Briefen Gottfried Benns an Mopsa Sternheim ist bis auf eine Widmung von 1949 in seinem Gedichtband Trunkene Flut nichts mehr vorhanden.
Trivia
In dem Fernseh-Mehrteiler Die Manns – Ein Jahrhundertroman aus dem Jahr 2001 spielte Anna Thalbach die Mopsa Sternheim.
Mopsa Sternheim – Wikipedia
Mopsa und Klaus, ca. 1916, DLA
Ehrsam, Thomas
„Aber mich selbst anzulügen gelingt mir nicht“. Mopsa Sternheim, Versuch eines Porträts
Gescheitert – so hat sich Mopsa Sternheim, ihr Leben bilanzierend, immer wieder gesehen. Gescheitert vor allem deshalb, weil es ihr, die lebenslang in deutschen und französischen Künstlerkreisen verkehrte, nicht gelang, ein Werk zu schaffen, ihren Roman zu vollenden. Trotz dieser Selbsteinschätzung lohnt sich ein Blick auf diese Frau und ihr Leben. Dabei soll es weniger um ihre zahlreichen Affären und Bekanntschaften als um ihr intellektuelles Profil gehen, ihren Mut (und Hochmut), mit dem sie auch in verzweifelten Lagen immer an einem trotzigen Dennoch festgehalten hat.
Mopsa Sternheim war die uneheliche Tochter des Dramatikers Carl Sternheim und seiner Geliebten Thea Löwenstein. Sie wurde am 10. Januar 1905 als Elisabeth Dorothea Löwenstein geboren: Der Mann der Mutter, Arthur Löwenstein, erkannte das Kind als sein eigenes an. In der Familie wird es Moiby, später Mopsa genannt, und Mopsa hieß auch die erwachsene Frau für alle ihre Freunde. Nach der Scheidung 1907 und der Heirat der Mutter mit Sternheim muß das Kind mit seiner älteren Schwester Agnes bei Löwenstein bleiben und darf erst 1912 zu seinen Eltern. Sie erlebt den Ersten Weltkrieg in Belgien und wird von ihrer Mutter und Hauslehrern, darunter dem belgischen Dadaisten Clemens Pensaers, unterrichtet. Nach dem Krieg zieht die Familie in die Schweiz nach Uttwil am Bodensee und im Sommer 1922 aufgrund der Inflation nach Dresden. Schon als Kind liest Mopsa Kleist, Dostojewski, Tolstoj und Schiller; Pensaers sagte von der Zwölfjährigen: »Sie hat den Verstand einer Fünfzigjährigen. Was denkt sie? Keiner weiß es. Wen liebt sie außer der Mutter?« (Tagebuch Thea Sternheim, 21. April 1917) Diese Liebe zur Mutter begleitete sie lebenslang und ging weit über das übliche Maß hinaus: Später hat sie bedauert, kein Mann zu sein, da Thea so auf Männer fixiert gewesen sei, und gelegentlich sogar Briefe an die Mutter mit »Dein Gatte MIP« unterzeichnet. Das hat die Beziehung zwischen beiden natürlich nicht vereinfacht.
In Dresden besucht Mopsa 1923 die Kunstschule und geht ein Jahr später nach Köln, um sich bei dem Bühnenbildner Carl Pillartz ausbilden zu lassen. Unter Gustav Hartung und an weiteren Theatern gestaltet sie mit Erfolg Bühnenbilder und Kostüme für einige Sternheim-Aufführungen. Aber Sternheims große Zeit ist bald vorbei, und für andere Inszenierungen wird Mopsa nicht engagiert. Das mag an der Zeit gelegen haben, die von einer Sternheim-Tochter nichts mehr wissen will, wahrscheinlich hat es ihr aber auch an Durchsetzungskraft gefehlt.
Thea Sternheim Pamela Wedekind, Mopsa Sternheim, Erika Mann, Uttwil, 1926
1925 hat sie eine kurze, intensive Affäre mit Gottfried Benn (einem Freund ihrer Mutter), die mit einem Selbstmordversuch endet und Mopsa bleibend prägt. Noch Jahrzehnte später nennt sie jedesmal Benn, wenn sie sich in ihrem Tagebuch fragt, wer ihr in ihrem Leben etwas gegeben habe. Außerdem noch Sternheim, den surrealistischen Dichter René Crevel und den Verleger Walter Landauer – Frauen werden dabei nicht erwähnt, obwohl sie immer wieder kürzere oder längere lesbische Affären hat, etwa mit Annemarie Schwarzenbach. Der letzte Brief an ihre Mutter endet mit dem Nachsatz: »Sage Gottfried dem Grossen einmal, wie sehr ich, dreissig Jahre lang – etc – – ja sag es ihm doch einmal. Immerhin hat er EINE grosse, von allen äusseren Belangen unabhängige Passion hervorgerufen. Weiss er das wohl – vielleicht ist’s ihm egal?«
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre gehört sie mit Pamela Wedekind (der späteren Frau Carl Sternheims!), Erika und Klaus Mann (mit dem sie bis zu seinem frühen Tod befreundet bleibt) zu den ›Dichterkindern‹ und zur Jeunesse dorée Berlins, nimmt Drogen und frequentiert schwul-lesbische Lokale. Für Mopsa ist der Drogenkonsum mehr als Episode und Experiment: Seit einem Motorradunfall 1927, nach dem man sie mit dem Morphium-Präparat Eukodal behandelt hat, ist sie süchtig und bleibt es (wie ihr jüngerer Bruder Klaus) mit Unterbrechungen lebenslang. Daran scheitert auch die geplante Ménage à trois mit dem homosexuellen französischen Schriftsteller René Crevel und dem Wiener Abenteurer und Graphiker Carl Rudolf von Ripper: Aufgrund der Drogensucht Mopsas und Rippers zieht sich Crevel zurück. In der Folge heiratet Mopsa Ripper (mit Benn als Trauzeuge) – der Beginn eines jahrelangen Absturzes in Drogen, Entziehungskuren, dadurch bedingte Krankheiten und Geldnöte, was 1936 schließlich zu einem erneuten Selbstmordversuch führt. Angewidert von den Intrigen und Lügen des Paares bricht Thea Sternheim zeitweise den Kontakt zur Tochter ab. Auf ihre Vorhaltungen antwortet Mopsa am 27. Juli 1936: »Gewiss hast Du in vielen Dingen recht (…). Ich weiß es besser als irgendwer. Ich lüge viel, ich lüge gut, aber mich selbst anzulügen gelingt mir nicht.« Das Tagebuch, von dem noch die Rede sein wird, legt davon das beste Zeugnis ab.
Mopsa, Paris, Dreißigerjahre
Seit 1933 lebt Mopsa, meist getrennt von ihrem Mann, in Paris. Bald ist sie in deutschen Emigrantenkreisen wie in französischen Künstlercliquen zuhause. Hier wohnt auch ihre Mutter, die Berlin bereits 1932 aus Abscheu vor dem Nationalsozialismus verlassen hat. Mopsa, der es trotz ihrer Drogensucht nie an Mut fehlt, kämpft gegen den Faschismus, schreibt für den »Manchester Guardian « antifaschistische Artikel und arbeitet mit dem kommunistischen Verleger Willi Münzenberg am »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror« (1933). Ripper verteilt 1934 die Braunbücher in Berlin, wird geschnappt und kommt für einige Monate ins berüchtigte Columbia-Haus und ins KZ Oranienburg. Mopsa setzt sofort alle Hebel zu seiner Befreiung in Bewegung; schließlich wird er auf Vermittlung der österreichischen oder französischen Gesandtschaft (die Quellen sind nicht eindeutig) entlassen. 1938 publiziert er eine beeindruckende Folge großformatiger antifaschistischer Kaltnadelradierungen unter dem Voltaire-Titel »Écrasez l’Infâme« (Zermalmt das Niederträchtige). Das amerikanische »Time Magazine« veröffentlicht im Januar 1939 ein Blatt daraus, das Hitler an der Totenorgel zeigt, unter dem Titel »Man of 1938. From the unholy organist a hymn of hate« als Cover. Das führt 1941 zu Rippers und Mopsas Ausbürgerung. Sie ist nun staatenlos, was ihre ohnehin schwierige Situation als Exilantin und Tochter des Halbjuden Sternheim zusätzlich erschwert. Sie bekommt keine Identitätskarte mehr, sondern nur ein papier d’éloignement, also eine Ausweisungsbescheinigung, die alle zwei Wochen, später alle zwei Monate verlängert werden muß. Um nicht aufzufallen, wohnt sie seit Kriegsausbruch im kleinen Studio ihrer Mutter.
Mit der Absicht, ihrem jüdischen Freund Michel Zimmermann die Flucht nach England zu ermöglichen, nimmt sie Anfang 1942 Kontakt zur Résistance auf und arbeitet für diese, ohne Wissen der Mutter, unter Sidney Jones als Sous-Lieutenant mit der Funktion eines Verbindungsoffiziers im Agentennetz (Réseau) Inventor, das zu den Réseaux Buckmaster des britischen Geheimdienstes SOE in Frankreich gehört. Am 2. Dezember 1943 wird sie im Haus einer Freundin von der Gestapo verhaftet und an der Avenue Henri Martin gefoltert, auch Zähne werden ihr ausgeschlagen. Sie bleibt standhaft und verrät nichts. Anschließend kommt sie ins Gefängnis Fresnes und im Januar 1944 ins Lager Compiègne, das Abschiebelager nach Deutschland. Am 31. Januar wird sie mit 958 Französinnen ins Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Weil sie deutsch spricht, wird sie Blockowa (Blockälteste) in Block 8 im Krankenrevier und ist für Ordnung und Sauberkeit sowie die Essensverteilung zuständig. In ihrem Block finden sich zwei- bis vierhundert Kranke, die an Typhus, Scharlach oder Ruhr leiden. Sie stellt sich, ihr eigenes Leben aufs Spiel setzend, ganz in den Dienst der Häftlinge und rettet mehrere von ihnen, indem sie sie als verstorben von der Deportationsliste streicht und im Krankenblock im oberen Teil der Stockbetten versteckt. Der Einsatz für ihre Schützlinge (den mehrere Affidavits von Mithäftlingen nach dem Krieg bezeugen) und ihr arrogantes Auftreten gegenüber der SS führen dazu, daß sie zur Stubenältesten degradiert und in Block 5 des Industrieblocks versetzt wird, wo Häftlinge Uniformen schneidern und flicken müssen.
Annemarie_Schwarzenbach: Thea“Mopsa” Sternheim, June 1933,
In letzter Minute, am 23. April 1945, wird sie als eine von etwa siebentausend Frauen vom schwedischen Roten Kreuz im Rahmen der Aktion Bernadotte aus dem völlig überfüllten und immer chaotischeren Lager, in dem das Morden weitergeht, gerettet und nach Schweden gebracht. Hier wird sie aufgepäppelt und schließlich nach Paris geflogen, wo sie am 26. Juni 1945 eintrifft. In den ihr verbleibenden neun Lebensjahren versucht sie, zunehmend von Krankheiten geplagt, im Alltag wieder Fuß zu fassen. Sie betreibt Wiedergutmachungsprozesse für sich und ihre Mutter und kämpft um das Erbe ihres 1942 verstorbenen Vaters. Die Früchte dieser Bemühungen kann sie nicht mehr ernten, wohl aber die geliebte, im Krieg völlig verarmte Mutter. Im Frühsommer 1948 fährt Mopsa nach Hamburg, um im 4. Ravensbrück-Prozeß als Zeugin gegen den Lagerarzt Benno Orendi und die Schwester Martha Haake auszusagen.
An einer unglücklichen Liebe zu dem Geschäftsmann Henri Taourel leidet sie in den späten vierziger Jahren so sehr, daß sie im Rückblick sogar Ravensbrück weniger schlimm findet. Ständig in Geldnöten, hält sie sich mit Filmszenarien über Wasser; einmal noch, 1951, kann sie ein Bühnenbild für Sternheims »Snob« in Nürnberg machen, aber der Erfolg nützt ihr nichts: Weitere Pläne scheitern nicht an ihr, sondern daran, daß geplante Inszenierungen nicht zustande kommen. In all den Jahren versucht sie, ihren Roman zu vollenden – vergeblich. Im Winter 1953 / 54 erkrankt sie an Krebs, am 12. September stirbt sie qualvoll, noch nicht fünfzigjährig, umsorgt von Freundinnen und Freunden: Die Morphiumpräparate zur Linderung der Schmerzen schlagen bei der Süchtigen nicht mehr an. Kurz vor ihrem Tod gelingt ihr endlich so etwas wie eine Versöhnung mit ihrem Leben, das sie immer wieder an den Abgrund geführt, in dem sie aber auch viel Mut gezeigt hat. In einer Nacht schrecklicher Schmerzen notiert sie in ihr Tagebuch: »Und trotz diesem Albtraum-Leben, das das meine ist seit so langer Zeit, / ist eine tiefe Bejahung oder sogar eine glühende Verehrung des ›Lebens an sich‹ in mir. / Nicht des meinen, sicherlich, das nicht mehr ist als Vergeudung, obwohl sogar in diesen schrecklichen Momenten etwas bleibt wie ein ›JA‹, das stärker ist als ich, UNABHÄNGIG vom Ich – Doch in dieser Nacht wünschte ich sehr demütig EINE RUHEPAUSE.« (5. April 1954, Original auf französisch)
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Thomas Ehrsam :: „Aber mich selbst anzulügen gelingt mir nicht“. Mopsa Sternheim, Versuch eines Porträts :: SINN UND FORM