Schade um den FC Hollywood
von Sebastian Heinrich
Am 1. Juli 1998 war Helmut Kohl deutscher Bundeskanzler, ein Liter Benzin kostete etwa 1,50 Mark. Fußballfans auf der ganzen Welt redeten sich den Mund fusselig über einen 18-Jährigen namens Michael Owen, der am Abend zuvor mit einem spektakulären Tor bei der WM in Frankreich die ganz große Fußballbühne betreten hatte - und Bastian Schweinsteiger begann, für den FC Bayern München zu spielen. 17 Jahre lang war Schweinsteiger ein Roter, reifte vom ungestümen Jungprofi zum Weltstar. Seit über einem Jahrzehnt ist Schweinsteiger die Identifikationsfigur für Bayern München. “Mein Herz schlägt rot", sagte er bei seiner letzten Vertragsverlängerung im Advent 2010. Schweinsteiger war auf dem Weg zu einem Uwe Seeler der Neuzeit, zum bayerischen Francesco Totti.
Doch es kam anders. Der Wechsel des 30-Jährigen zu Manchester United ist ein Stich ins Herz vieler Bayern-Fans. Nicht, weil Schweinsteiger unverzichtbar wäre für das galaktisch starke Team von Trainer Pep Guardiola. Sondern, weil ihrem Klub der nächste Brocken Urtümlichkeit wegbricht. Uli Hoeneß, der Manager-Übervater, sitzt als verurteilter Steuerbetrüger im Gefängnis. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, das Klubarzt-Urgestein, ist weg von der Seitenlinie. Unter Trainer Guardiola, das ist der Eindruck vieler Bayern-Fans, kommt ihrem Klub nach und nach der Charakter abhanden: Der streitbare FC-Hollywood-Charme, der seit Jahrzehnten Fußball-Deutschland spaltet, weicht dem Image eines durchorganisierten Fußball-Großkonzerns.
Freilich, de facto ist der FC Bayern genau das seit Jahren. Hoeneß selbst hat ihn seit den 80er Jahren dazu gemacht, hat erst die Vermarktung und das Merchandising optimiert, dann die Erlöse durch Sponsoren und Fernsehgelder vervielfacht. Aus der Profifußball-Abteilung ist längst eine Aktiengesellschaft geworden - an der mittlerweile Audi, Adidas und Telekom Anteile im Wert dreistelliger Millionenbeträge halten. Doch FC Bayern, das bedeute trotzdem immer auch: Trapattoni-Wutrede, Oliver-Kahn-Ausraster und Benefizgesten für den FC St. Pauli. Kurz gefasst: Es menschelte. Jetzt, so scheint es, funktioniert es nur noch. Das ist schade. Nicht nur für Bayern-Fans.











