Da ist diese Sehnsucht in mir, mal stärker, mal schwächer, aber immer irgendwie präsent. Manchmal überfällt sie mich ganz unerwartet und packt mich am Kragen. Dann bin ich sprachlos, fühle mich machtlos, ihr hilflos ausgeliefert. Habe das Gefühl, es nicht aushalten zu können, dieses Sehnen, diesen Ziehen, das von meinem Innersten ausgeht und sich ausbreitet, so intensiv, dass ich es körperlich spüren kann.
Dann fange ich an, mit dem Verstand dagegen zu arbeiten, versuche, es zu erfassen, zu verstehen...
Wodurch wird es ausgelöst? Durch eine Begegnung - real oder virtuell. Begegnung mit einem Menschen, einer Seele, die sich so vertraut anfühlt, als wären wir immer schon verbunden, als wären wir Teile eines Ganzen, die sich irgendwie verloren hatten, und nun plötzlich wieder aufeinander treffen.
"Da bist du ja endlich!" - möchte ich voll Freude rufen, aber mein Mund bleibt stumm. Gefangen in den Zwängen dieser Welt, dieses Daseins, schließe ich meine Gefühle in mir ein. Für eine Weile meine ich, ich müsste ertrinken an den Emotionen, die mich überschwemmen, ersticken an den nicht gesagten Worten. Manchmal dauert es nur Stunden, meist aber Tage, bis es nachlässt.
Freude und Schmerz in einem! Tiefste Freude über das Wiedererkennen und unendlicher Schmerz über die Erkenntnis, dass ich es nicht zeigen darf. Weil niemand es verstehen würde, wahrscheinlich schon gar nicht der Mensch, in dem diese Seele wohnt. Dabei würde so vieles zerstört, was mir wert und teuer ist. Und aus Freude würde Leid.
Ich muss damit fertig werden, irgendwie. Ich dachte, es würde leichter, mit den Jahren. Doch das war ein großer Irrtum! Das muss es sein, was so mancher unter "Fegefeuer" versteht. Zumindest ist es das, was für mich diesem Begriff am nächsten kommt. Wann bin ich endlich gereinigt? Vielleicht ist es dann nicht mehr nötig, dieses persönliche Fegefeuer... man sagte mir schon als Kind: "Du spürst zu viel!". Jetzt weiß ich, was damit gemeint war. Aber den Knopf zum Ausschalten, den suche ich seit vielen Jahren vergeblich.