Gesellschaft in einer vermessenen Welt
Von Souveränität zu sozialer Kontrolle
„Wir nutzen Zahlen, wenn wir unser Auto tunen wollen, chemische Reaktionen analysieren, den Ausgang von Wahlen vorhersagen. Wir nutzen Zahlen, um Produktionsstraßen zu optimieren, Warum nutzen wir Zahlen nicht auch für uns selbst?“
Ein Zitat von Gary Wolf, dem Mitbegründer der 2007 in den USA entstandenen „Quantified-Self“ – Bewegung. Ihre Idee: „Self knowledge through numbers“ – also man lernt sich besser kennen, indem man sich selbst vermisst. Für die gegenwärtige Kultur scheint es zentral zu sein, Erkenntnis über sich selbst herzustellen.
Die Selbstvermessung als Praxis ist keineswegs neu. Bereits Benjamin Franklin führte detailliert Buch über seine eigenen Aktivitäten und Fortschritte in 13 verschiedenen Tugenden wie beispielsweise Sparsamkeit und Fleiß.
Als neu erscheinen jedoch drei Aspekte:
Erstens wird das Messen der Daten durch Sensoren erleichtert bzw. erst ermöglicht. Beispielsweise erkennen GPS-Sensoren und die Beschleunigungssensoren eines Smartphones automatisch die zurückgelegte Strecke. Die Sensoren können vermehrt im Alltag eingesetzt werden, da sie immer billiger und kleiner werden. Zweitens entstehen aufgrund der großen Datenmengen vielfältige Möglichkeiten der Darstellung und Visualisierung von Daten. Es geht nicht mehr um die Rohform der Daten, sondern um eine schnelle erfassbare Repräsentation. Dies wird beispielsweise durch Diagramme, Kurven, Fortschrittsanzeigen ermöglicht. Und Drittens ermöglichen die meist digital gespeicherten Daten eine Vergleichbarkeit. Die erhobenen Daten können nicht nur mit den eigenen früheren Daten verglichen werden, sondern auch mit anderen Individuen.
Doch warum strebt der Mensch nach mathematischer Berechenbarkeit?
Anhänger der QS-Bewegung sind davon überzeugt, dass es noch viel mehr über uns zu erfahren gibt, als die Körpergröße oder was wir am Tag so essen und trinken. Das Spektrum der Quantifizierung ist äußerst breit und reicht von täglichen Bewegungen über die Aufzeichnung der eigenen Stimmungslage bis hin zur Schlafqualität. All dies geschieht auf Basis von digitalen Sensoren. Somit helfen die neuen technologischen Möglichkeiten dauerhaft Wissen über den eigenen Körper zu erfassen.
Die fortlaufende Dokumentation des Lebens dient der Simulation von Kontrolle und stiftet Sinn, angetrieben durch die Angst, körperliche Entwicklungen nicht wahrzunehmen. Für einige geht es bei der Vermessung um reine Neugier, für andere wiederum geht es konkret darum, ihren Alltag, ihr Gewicht, ihre Fitness oder ihre Gesundheit zu optimieren. Zahlen helfen Ziele zu setzen und zu kontrollieren, ob Fortschritte gemacht werden.
Grenzen der Quantifizierung
Die Möglichkeiten der Protokollierung von Eigenschaften, Lebens- und Aktivitätsspuren auf individueller Ebene wachsen. So lassen sich beispielsweise Konsumgewohnheiten, Finanzen, Bewegung, Gesundheitszustände, Bildung, Arbeitsergebnisse und vieles mehr tracken. Es gibt nichts, das sich nicht quantifizieren lässt. Zumindest könnte man diesen Eindruck bei all den vorhandenen Möglichkeiten bekommen. Doch ganz so einfach ist es nicht. Irgendeine Grenze muss Quantifizierung doch haben, oder? Fest steht, dass es leichter fällt, an quantifizierbare Dinge zu denken, als an solche, die nicht quantifizierbar sind. Was erst einmal wichtig zu erkennen ist, ist, dass Quantifizierung die Möglichkeit zum Vergleich voraussetzt. Man braucht also mindestens zwei Vergleichsobjekte, denen ein Wert zugeordnet werden kann. Nach dem Philosophen Joseph Raz liegt Inkommensurabilität, also eine Unvergleichbarkeit, dann vor, wenn sich keine hierarchische Relation herstellen lässt oder keine Vergleichbarkeit erkennbar ist. Das können Dinge sein, die sehr komplex sind, wie z.B. persönliche Beziehungen wie Freundschaften, Familienverhältnisse oder Liebesbeziehungen. Dabei würde es schwerfallen, unterschiedliche Beziehungen miteinander zu vergleichen, ihnen einen genauen Wert zuzuordnen und sie somit zu quantifizieren. Das könnte daran liegen, dass in persönlichen Beziehung Emotionen und Gefühle eine Rolle spielen, die das rationale Denken und damit die Fähigkeit zum Vergleich einschränken. Aber auch bei gesellschaftlichen Werten wie Freiheit, Gleichheit oder Frieden ist es schwierig, über eine Rangreihenfolge zu entscheiden, da auch hiermit eine große Anzahl von rational nicht fassbaren Aspekten verbunden ist.
Selbstvermessung als Grundlage für Glück
Selbstvermesser streben nach Optimierung. Sie haben das Ziel, mittels digitaler Daten, ihre Gesundheit, ihren Fitnesszustand und ihre Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu steigern. Aber kann Selbstvermessung auch wirklich zu einem höheren Glückspotential führen? Und wie wirkt sich dies auf die Zivilisationsentwicklung aus?
Das Hauptziel menschlicher Selbstverbesserung ist das persönliche Glück, auch wenn dies häufig von den Selbstvermessern nicht explizit geäußert wird. Entscheidend ist die Motivation des Selbstvermessers, denn diese bestimmt, ob Self-Tracking zu einem höheren Glückspotential führen kann.
Eine gesunde Selbstvermessung geht aus Eigenantrieb hervor. Es sollte der eigene Wunsch sein, sein Lebensstil aus z.B. gesundheitlichen Gründen zu verändern. In solch einem Fall kann Selbstvermessung motivieren, denn sichtbare gemessene Erfolge spornen an. Hierbei handelt es sich auch um eine Form der Selbsterkenntnis, z.B. die Erkenntnis eine fettreiche Ernährung wirkt sich negativ auf den Cholesterinspiegel aus. Es wird ein Selbstbewusstsein geschaffen und man lernt sich selbst besser kennen und lebt bewusster. Selbstoptimierung durch Self-Tracking kann einen Menschen also durchaus glücklicher machen. Dies wirkt sich auch positiv auf die Zivilisationsentwicklung aus, denn eine Person, welche mit sich selbst zufrieden ist, ist auch automatisch motivierter sich selbst zu verwirklichen und sich im Leben weiterzuentwickeln. Dadurch steigt auch die Arbeitsmoral einer Person, was zu einem größeren ökonomischen Erfolg führt. Des Weiteren ist eine gesunde und glückliche Person in einem bessern Gesundheitszustand und stellt somit eine zuverlässige Arbeitskraft dar. Zudem entstehen durch einen gesunden Lebensstil geringere gesundheitliche Kosten und der Staat wird entlastet.
Ab wann wird Selbstoptimierung durch Self-Tracking gefährlich? Selbstvermessung wird immer dann zur Gefahr, wenn sie durch Druck von außen erfolgt, um beispielsweise gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Heutzutage werden wir ständig mit dem Selbstbild und den Ansprüchen von uns selbst und anderen konfrontiert. Dies birgt die Gefahr, dass wir die Selbstoptimierung übertreiben oder sie gar zur Sucht oder zum Wahn wird. Wir wollen immer besser sein als andere und als man selbst noch vor kurzer Zeit war. Es wird somit eine Welt geschaffen, in der sich der Mensch kaum Fehler erlauben darf, wodurch ein starker Druck auf jedem einzelnen Individuum lastet. Der Mensch wird für seinen Zustand bzw. Glückspotential selbst verantwortlich gemacht. In der Folge wirkt sich dies negativ auf die Zivilisationsentwicklung aus, da die Individuen sich nur noch auf sich selbst fokussieren und sich ein Konkurrenzverhalten entwickelt. Es wird nicht mehr gemeinwohlorientiert gehandelt, sondern man arbeitet gegeneinander, um der Beste zu sein.
Selbstvermessung macht einen Menschen somit nicht zwingend glücklicher und kann in diesem Zusammenhang auch eine negative Zivilisationsentwicklung zur Folge haben.
Soziale Polarisierung als Folge von Digitalisierung
Selbstvermessung wurde erst durch die Digitalisierung ermöglicht, doch welche Konsequenzen entstehen durch die Macht digitaler Daten für die Gesellschaft.
Digitalisierung wird in der Gesellschaft oft als Chance gesehen, die Welt besser zu gestalten, jedoch bringt sie gleichzeitig auch neue Herausforderungen mit sich.
Betrachtet man in diesem Zusammenhang das Medium Internet, welchem zu Beginn ein großes Demokratisierungspotential zugeschrieben wurde, stellt man fest, dass es zu einer sozialen Spaltung beiträgt. Das World Wide Web sollte für eine Verknüpfung sorgen, sodass alle Menschen nun leichten Zugang zu umfassenden Informationsressourcen hätten. Aus diesem Grund, so wurde angenommen, könnten sich dann zuvor ausgegrenzte Gruppen beispielsweise im öffentlichen Diskurs stärker für ihre Interessen einsetzen. Aber auch hier sind es Menschen, die ökonomisch und bildungsmäßig über höhere Ressourcen verfügen, die leichteren Zugang zum Internet haben und es deshalb gewinnbringender in ihrem Alltag zum Einsatz bringen können.
Hierbei ist es wichtig die Forschung zum „Digital Divide“ zu betrachten. Diese stellte nämlich fest, dass die Wissensaneignung im Internet mit höheren Anforderungen einhergeht als beispielsweise die Zeitungslektüre oder das Anschauen der Fernsehnachrichten. Im Netz fehlt vielfach die Gatekeeper-Funktion des Journalismus, weshalb die Ansprüche an Selektions- und Verstehensfertigkeiten steigen. Heute kommen noch die Mechanismen des Social Web hinzu: Die Algorithmen in sozialen Netzwerken arbeiten ökonomisch und sorgen nicht für eine möglichst adäquate Wissensübermittlung, sondern fördern eher die Produktion von Aufregung und Polarisierung.
Abbildung 1: Digital Divide
Machtmissbrauch durch Social Scoring
Die Quantifizierung durch Self-Tracking wird erst durch das Sammeln persönlicher Daten ermöglicht. Hierbei rückt die Thematik Datenschutz immer weiter in den Vordergrund.
Anders als im europäischen Raum, versteht man in China unter dem Begriff Datenschutz in erster Linie, die Gemeinschaftsdaten aller Chinesen vor anderen Ländern zu schützen und dafür zu sorgen, dass die Sicherheit der Gesellschaft gewahrt bleibt. Dabei geht es weniger um die Individualdaten. China arbeitet bereits seit 2014 an einem Social Credit System, welches auch als Bonitätssystem bezeichnet wird. Laut chinesischer Regierung nehmen bereits über fünfzig Prozent der Bevölkerung und Unternehmen freiwillig teil. Es handelt sich hierbei um ein Punktesystem, welches die Bürger*innen zu regelkonformem Verhalten anregen soll. Enorme Datenmengen aus den verschiedensten Quellen, die der Regierung zur Verfügung stehen, werden zur Berechnung der Punkte verwendet. Diese Quellen sind Informationen aus Kreditbewertungen, Strafregistern oder Schulzeugnissen. Aber auch Daten aus digitalen Speichern können eingesehen werden, wie etwa der private Suchverlauf im Internet oder Kommentare, die auf Social Media veröffentlicht werden. Hinzu kommt eine Gesichtserkennung, wodurch Verkehrssünder live identifiziert werden und daraufhin ihre Sozialkredite abgewertet werden können. Der letztendliche individuelle Punktestand wird über eine künstliche Intelligenz (KI) bestimmt. Die Pflege älterer Familienangehöriger oder Blut zu spenden, wird als „Wohlverhalten“ vermerkt und führt zu mehr Punkten. Im Gegenzug verliert man durch Fehlverhalten wieder Punkte. Unter diesem Verhalten versteht die Regierung, betrunken Auto fahren oder bei Rot über die Ampel zu gehen. Wer über einen hohen Punktestand verfügt, wird entsprechend belohnt. Die Belohnungen können sehr unterschiedlich ausfallen, von Vorrängen bei Schulzulassungen bis hin zum leichteren Zugang zu Krediten. Chinesen mit sehr niedrigem Punktestand haben teils einen deutlich schwierigeren Zugang zu Krediten oder Flügen. Kann solch ein Überwachungssystem auch in Europa eingeführt werden? Nein. Grund dafür sind die derzeitigen geltenden DGSVO Regelungen. Ziel, Art und Weise des Social Credit Systems, wie es in China umgesetzt wird, ist mit den deutschen Grundsätzen nicht vereinbar. Hierzu fehlt es den Behörden an geeigneten Rechtsgrundlagen. Dennoch haben wir auch bereits in Deutschland ein Social Scoring System, welches die Bonität berechnet bzw. die Kreditwürdigkeit einer Person. Dafür stehen dem SCHUFA System Daten von tausenden Vertragspartnern zur Verfügung. Dazu zählen unter anderem Leasing Firmen, Banken und Sparkassen. Auf Basis dieser Daten werden positive und negative Einträge berechnet. Die Werte liegen zwischen null und hundert, je höher der Score, desto höher die Kreditwürdigkeit. Solche SCUHA Einträge haben auch für uns entscheidende Konsequenzen. Bei niedrigem SCHUFA Wert werden uns zwar keine Flüge nach Asien verwehrt, dennoch kann es auch für uns zu entscheidende Konsequenzen führen, wie die Verweigerung eines Mietvertrags oder weiteren Verträgen.
Abbildung 2: Live Gesichtserkennung im Straßenverkehr in China
Souveränität im digitalen Zeitalter
Wenn man dem zukünftigen digitalen Zeitalter optimistisch gegenübersteht, dann vor allem wenn man darin eine positive Unterstützung im Leben sieht. Menschen, die sich mithilfe der Technologien dafür einsetzen, Situationen zu verbessern, sorgen für Förderung von Wohlstand, Menschenrechten, sozialer Gerechtigkeit, Bildung und Selbstbestimmung. Dieser Meinung sind zumindest Eric Schmidt (CEO von Google) und Jared Cohen (CEO Google Denkfabrik). Sie sagen auch, dass Ungleichheit und Machtmissbrauch nicht zu beseitigen seien, aber mit Zugang zu neuen Technologien bieten wir Menschen neue Macht, und man kann sich darauf verlassen, dass sie diese zu nutzen wissen. Hierbei ist es jedoch wichtig, zu hinterfragen, inwiefern es uns wirklich ermöglicht wird, unsere digitale Souveränität zu behalten. Wenn fast alle dieser Medien zu Unternehmen gehören, die von reichen, weißen Männern gesteuert werden, die im Endeffekt nur ihre eigenen Interessen verfolgen und mit jeder neuen Entwicklung uns maßgeblich zu ihrem Gunsten beeinflussen können.
„Jeder sollte sich Gedanken um die Zukunft machen, denn wir werden den Rest unsres Lebens dort verbringen“ - Charles F. Kettering
Fest steht, dass jeder von uns in der Lage ist mitzuentscheiden, in welche Richtung sich unsere Zukunft entwickeln soll.
Wir können mitentscheiden, ob wir weiter eigenständig handeln und denken wollen, unsere Souveränität also behalten, ohne schwerwiegende soziale Konsequenzen zu erfahren oder ob wir uns einer Kontrolle von Staat und Wirtschaft unterwerfen wollen, aber dann mit diesen Konsequenzen zurechtkommen müssen.
Literaturverzeichnis
Bünte, C. (2020): Die chinesische KI-Revolution: Konsumverhalten, Marketing und Handel: Wie China mit künstlicher Intelligenz die Wirtschaftswelt verändert, Springer Fachmedien Wiesbaden, ISBN 978-658-29794-7 Horst, J. (2015): Die Selbstvermesser. Online verfügbar unter: spektrum.de URL: https://www.spektrum.de/news/die-selbstvermesser/1334103. letzter Zugriff 1. Mai 2022 Mau, S. (2017): Das metrische Wir. Über die Quantifizierung des Sozialen. Berlin: Suhrkamp Verlag. Meißner, S. (2016): Selbstoptimierung durch Quantified Self? In Selke, S. (Hrgs.), Lifelogging: Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung zw. Disruptiver Technologie und kulturellem Wandel, Wiesbaden, Springer VS, S.217-234. Schmidt, E., & Cohen, J. (2013): Die Vernetzung der Welt: Ein Blick in unsere Zukunft. Rowohlt Verlag GmbH Schock, A. (2021): Digitale Ungleichheit zementiert soziale Ungleichheit: Online verfügbar unter: magazin.hiv: URL: https://magazin.hiv/magazin/digitale-ungleichheit-zementiert-soziale-ungleichheit/. Selke, S. (2016): Ausweitung der Kampfzone. In Selke, S. (Hrgs.), Lifelogging: Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung zw. disruptiver Technologie und kulturellem Wandel, Wiesbaden, Springer VS, S.310-336. Staab, P., & Prediger, L. J. (2019): Digitalisierung und Polarisierung: Kurzfassung einer Metastudie zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf Sozialstruktur und Betriebe. FGW-Impuls Digitalisierung von Arbeit, 19. Fuchs, T.-K.: „SCHUFA-Score: Was bedeutet er und wann ist er gut?“ Online verfügbar unter: vergleich.de URL: https://www.vergleich.de/schufa-score.html Wiedemann, L. (2016): Datensätze der Selbstbeobachtung – Daten verkörpern und Leib vergessen?. In Selke, S. (Hrsg.), Lifelogging: Digitale Selbstvermessung und Lebensprotokollierung zw. disruptiver Technologie und kulturellem Wandel, Wiesbaden, Springer VS, S. 65-90.











