Ausweglose Depression? - Bov Bjerg: Serpentinen
Unter den letzten Sendungen von Denis Scheck vor dem Corona-Lockdown waren zum einen ein Gespräch mit Lutz Seiler zu seinem Roman Stern 111 am 30.3.2020 und mit dem Kabarettisten und Autoren Bov Bjerg (ein Pseudonym nach einer dänischen Stadt) zu seinem zweiten Roman Serpentinen am 23.2.2020. Zudem waren die beiden Romane Lektüren seines lesenswert-Quartetts im März 2020. Bov Bjerg ist mit seinem 2015 erschienenen Roman Auerhaus einem breiten Publikum bekannt geworden, 2019 folgte die Verfilmung des Romans und 2020 ist mit Serpentinen eine indirekte Fortsetzung dieses Erstlingserfolgs erschienen, leider inmitten der Krisensituation. In Auerhaus erzählt Bjerg die Geschichte einer ungewöhnlichen Schüler-WG, welche sich mit dem Ziel zusammenfindet, den depressiven Frieder nach seinem Selbstmordversuch am Leben zu erhalten. Sie sind keine engen Freunde, sondern ziehen alle unterschiedlichen Nutzen aus diesem Zusammenleben. Nur eine kurze, stürmisches Zeit bleibt der Gruppe. Alle werden sie schlagartig erwachsen und müssen an nahezu unlösbaren Lebensaufgaben wachsen. Am Ende steht der niemals in Frage gestellte erfolgreiche Suizid Frieders und die endgültige Auflösung der Zwangsgemeinschaft in einem provinziellen Dorf. Der Erzähler flüchtet nach Berlin und ihm scheint eine Zukunft voller Möglichkeiten vor Augen zu stehen.
In Serpentinen begegnen wir diesem hoffnungsvollen jungen Mann in späteren Jahren auf einer Reise mit seinem Sohn. Trotz eines erfolgreichen Soziologiestudiums in Berlin und einer scheinbaren Vorzeigefamilie leidet er unter Depressionen und massiven Selbstzweifeln, alles beherrscht von der Angst wie sein Vater und Großvater Suizid zu begehen und seinen Sohn ohne Vater groß werden zu lassen. Die Reise durch die Serpentinen und in der eigenen Vergangenheit entlang ist kein Urlaub, sondern der Versuch diesem Familienfluch zu entgehen und ein guter Vater zu sein. Das er dafür seinen Sohn de facto entführt hat zeigt die Fragilität seiner Lage an. Dier Erfolgsaussichten dieser Zielsetzung ist immer offen und bildet somit die Grundspannung der Erzählung. In sprunghaften Sequenzen wechselt der Erzähler zwischen Vergangenheit, gegenwärtiger Reise und Selbstreflexionen der eigenen Depression. Um seine eigene Krankheit für sich greifbar zu machen schafft er den „Dunklen Mann“, eine Personifizierung der Krankheit, welche auch das Leben seines Sohnes bedroht.
„Ich konnte doch nur drum herumreden. Ich musste den Schwarzen Gott von ihm fernhalten, und ich wusste nicht wie.“ (S. 85)
Stilistisch ist in Bjergs Werk seine Vergangenheit als Kabarettist zu erkennen. In minimierten und dabei äußerst prägnanten Sätzen setzt er sich mit umfassenden Themen auseinander und schafft dadurch sehr konkrete Bilder für komplexe Gefühle, wie das Beispiel des Schwarzen Manns zeigt. Doch unter diesen oberflächlich wirkenden Bildern sind grundlegende Themen verborgen. Daher erhalten die Situationen tiefer reichende Bedeutungen und lassen zur Selbstbetrachtung verführen. So fasst Bjerg die charakterliche Verhärtung des Protagnisten in einer einzigen Moment-Handlung zusammen. Ein verletzter Vogel wird von ihm kaltblütig und eigenhändig getötet, natürlich um sein Leiden zu beenden. Der Bruder Frieders (Mischa) kommentiert diese Tat mit: „Brutal wie ein alter Bauer. Du warst mal so sensibel.“ (S. 104). Der Erzähler reagiert erläuternd, er sei vernünftig geworden. Damit benennt er die Entwicklung seines Denkens sehr treffend und ganz frei von Verklärung. Wie bereits in Auerhaus findet Bjerg durch diesen Stil einen ganz besonderen und direkten Zugang zu dem Thema Depression, ohne den Betroffenen zu bevormunden oder das Krankheitsbild auf einfache Motive und Folgen zu reduzieren. Frieder und der Erzähler seiner beiden Romane werden von ihm ernst genommen. Ihre Welt ist keine finstere, ausweglose Welt. Auch Lichtblicke bereichern diese Welt, so erlebt einige schöne Momente auf seiner Reise mit seinem Sohn. Ein weiteres spannendes Thema Bjergs sind familiäre Legenden und deren Fragwürdigkeit, wofür er den wunderbaren Begriff „Familienbla“ einführt.
„Ich wollte die Legenden nicht mehr hören, den Selbstbetrug, das Familienbla.“ (S. 155)
Psychische Erkrankungen sind ein großes Thema der Gegenwartsliteratur. Allerdings nehmen viele Jugend- wie Erwachsenenautoren dabei eine problematische Perspektive ein. Einfache Lösungen und Ursachen werden in solchen Romanen gesucht und wunderhafte Heilungen gelingen. Dadurch wird die Krankheit marginalisiert und erschreckend vereinfacht. Zudem täuschen viele Autoren ohne jegliche reale Erfahrung mit dem Empfinden eines depressiven Menschen vor, einen Einblick in deren Denken und vor allem Empfinden zu haben. Bov Bjerg hat dafür einen direkten Weg gefunden ohne die Krankheit als logisches Resultat der Suizidfolge in seiner Familie darzustellen und damit erheblich zu vereinfachen. Bjerg ist damit einfühlsam, auf eine sehr pragmatische Weise. Die kurzen Sätze bezeichnen etwas grundsätzlich konkretes und darüber hinaus auch eine ganz abstrakte Gedankenwelt, welche damit verbunden ist. So werden allgemein die Generationenkonflikte mit den Vätern thematisiert. Auch die deutsche Vergangenheitsbewältigung von Nazizeit und der Teilung Deutschlands werden geschickt eingeflochten, ohne in den Vordergrund zu rücken.
„Diese Scheißwut der Scheißväter. Gegen sich, gegen alle. Die Kinder mussten für die Kinder ihrer Väter büßen. Ich war auch nur ein Scheißvater.“ (S. 53)
„Unsere Eltern hatten alle einen Dachschaden, doch das wussten wir, als wir noch Kinder waren, nicht.“ (S. 201)
Und solche Phrasen bleiben im Gedächtnis haften und regen das Nachdenken über die eigene familiäre Vergangenheit direkt an. Leider resultiert aus diesem Schreibstil auch ein geringer Umfang des Textes, weswegen die Lektüre leider sehr kurzweilig ausfällt, das Nachdenken darüber reicht aber natürlich weit über den Leseprozess selbst hinaus. Ohne Eleganz und Sprachgewalt kann auch sprachliche Schönheit und Themenvielfalt wie Tiefe erreicht werden, wie Bov Bjerg nun zum wiederholten Mal beweist.














