schuld & sühne 2.0
Wir betreten die Welt unseres Helden in Stuttgart-Botnang. Dort wächst er in der Souterrain-Einliegerwohnung der despotischen Großmutter auf, zusammen mit einer Mutter, die sich deren Schikanen mit einem masochistischen Verständnis von einem Schwiegertochterdasein ergibt, und einem nahezu unsichtbaren Vater, der alles tatenlos mitansieht. Schon früh macht sich der Ich-Erzähler also Gedanken über Bestrafung.
Er heißt Justus Hartmann, aber das weiß man eigentlich gar nicht. Ein derart sprechender Name für einen Jurastudenten, der Gerichtsurteile allgemein als zu lasch und damit unbefriedigend für die Geschädigten empfindet, würde vermutlich eher stören, deshalb hat der Autor ihn lediglich in drei, vier kleinen Hinweisen versteckt und drumherum ein üppiges Buch geschrieben, in dem alles so geschmeidig, mühelos und unterhaltsam ineinanderfließt, dass man sein ernstes Thema darüber nahezu vergisst.
Nach einer verpickelten Pubertät, angefüllt von Beobachtungen, Notizen und Audio-Aufzeichnungen, beginnt unser Protagonist ein Jura-Studium in Freiburg. Anders als die meisten seiner Mitstudierenden, interessieren ihn weder Geld noch Prestige, er beschäftigt sich mit der philosophischen und gesellschaftlichen Dimension von Schuld und Sühne. Ein Verbrechen, so stellt er fest, betrifft nicht nur die unmittelbar Geschädigten, sondern zieht auch in deren Umfeld weite und zuweilen höchst zerstörerische Kreise.
Die an seiner Universität von einer Star-Professorin vehement vertretene Lehre der défense social scheint ihm grundsätzlich zu mild mit den Tätern zu verfahren und den Opfern keine ausreichende Erleichterung zu verschaffen. Also macht er sich daran, einen Gegenentwurf zu erstellen, auf der Suche nach nichts Geringerem als einer allgemein gültigen Anleitung zur Schaffung einer tröstenden Gerechtigkeit.
Schnell wird klar: diese erhabene Gerechtigkeit hat zwei hässliche Schwestern, Rache und Selbstjustiz.
Und vielleicht geht es dem Erzähler damit wie mit den drei Weber-Girls, die in seiner Schulzeit eine gewisse Rolle spielten: wenn man die Schönste nicht haben kann, entdeckt man die Qualitäten der anderen.
Die Geschichte endet - vermutlich - in einem Todestrakt in Bangkok, das darf hier getrost verraten werden, denn auch die Leserschaft erfährt es gleich zu Beginn.
Aus einer schummrigen Souterrain-Wohnung in Botnang in eine finstere Zelle in Bangkok – das klingt nicht nur ähnlich, die Hauptperson hat auf beides den gleichen, unbeteiligt-analytischen Blick. Schließlich tragen wir unser dunkelstes Gefängnis ohnehin in uns selbst.
Auf der langen Reise von dem einen Ort zum anderen gibt es eine sehr traurige Beerdigung, ein wertvolles Möbel mit Geheimfach, Pizza mit Metaxa-Sahne-Soße, ein paar Wochen auf einem Thunfischfänger in Papua-Neuguinea, einen Vulkanausbruch, ein Heino-Konzert, ein Schaufenster voller rosafarbener Brillengestelle, eine weitere Beerdigung, diesmal höchst makaber, Muay Thai Kampftraining, Mangosaft und Singapore Slings, ein geheimes Doppelleben mit tragischem Ende, und als wäre das noch nicht genug, immer wieder jede Menge Sex und explizite Gewalt, an der manchmal, aber nicht immer, unser Protagonist Schuld ist.
Ist es schlimm, dass wir diese Hauptfigur mögen? Die Frage werden wir uns wohl stellen müssen.
Rasant, skrupellos und durchtrieben. Ein Wahnsinns-Vergnügen.
Simon Urban, Wie alles begann und wer dabei umkam, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2021










