hope in a handful of life
1922 erschien das Gedicht „Das Wüste Land“ von T. S. Eliot, 433 unerbittliche Zeilen, schwer verständlich, mühsam, zerstückelt – ein Bild des modernen Menschen, traumatisiert vom Krieg (in dem Fall dem Ersten Weltkrieg, der mit seinen perfiden Gasangriffen ein neues Maß an Unmenschlichkeit definiert hat), orientierungslos und entfremdet, ein lebender Toter auf der Suche nach Zugehörigkeit.
Ein unkonventioneller Dozent hat mich im Englischstudium damit bekannt gemacht.
Vieles, was mich bis heute begleitet, nahm damals seinen Anfang: mein Faible für Briten mit blassrosa Haut, schlechten Zähnen und sehr blauen Augen, ein Barbie-Puppen-Tick und meine Liebe zur Poesie. Besagter Lehrer hat nur letzteres zu verantworten.
„Haben Sie es gelesen?“ fragte er mich im Seminar.
„Ja.“ Das entsprach der Wahrheit.
„Und?“
„Ich habe kein Wort verstanden.“
„Bravo“, sagte er. „Damit sind wir bei der Quintessenz des Textes, wir können Schluss machen für heute.“
In dem Moment begriff ich, dass man Gedichte nicht verstehen muss. Man muss nur wissen, was man fühlt. Das gilt auch sonst sehr häufig.
Der Dozent hat es dann richtig gemacht und sich klug verpisst aus dem akademischen Schlangenpfuhl missgünstiger Eitelkeiten. Dort, wo man großgezogen wird, wächst man nur bis zu einem gewissen Punkt, will man darüber hinaus, muss man woanders neu anfangen, wie eine Pflanze, die umgetopft werden muss.
Auch ich bin weitergereist. Von Zeit zu Zeit schlage ich „Das Wüste Land“ auf.
Eins der berühmtesten Zitate daraus lautet: „Ich zeige Dir Angst/ In einer Hand voller Staub“.
Für mich ist der letzte Satz, die letzte Zeile immer das beinahe Wichtigste an einem Text. Das sind die Worte, die die Lesenden verabschieden und über das Gefühl bestimmen, mit dem man das Buch zuschlägt und zurückkehrt in seine Wirklichkeit.
Hier lauten sie „shantih shantih shantih“. Ein Sanskrit-Wort, es bedeutet so etwas wie „ruhige Erfülltheit“. Als Mantra dreimal hintereinander, meint es den vollkommenen Frieden: den Frieden mit sich selbst, den Frieden mit anderen Menschen, den Frieden aller Menschen der Welt.
Zum 100. Geburtstag des Textes betrachte ich erneut einige meiner fotografischen Illustrationen von damals. Die Hyazinthe spielt eine Rolle; sie ist nicht Symbol eines erwachenden Frühlings, sondern eine schemenhafte Erinnerung an eine erkaltete Liebe.
Shantih shantih shanti.








