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Schiller-Oper: Wo in Altona der Eisbär steppte
Altona im Jahr 1892: Eisbären stampfen durch die Manege, Akrobaten fliegen durch die Luft. In Scharen strömen die Besucher in den runden Wellblech-Zirkus. Gleiches Gebäude, ein paar Jahre später: Wilhelm Tell trifft auf der Bühne ins Schwarze und Hans Albers hat seine ersten Auftritte. Dann schmettern Tenöre schmalzige Arien in der Rotunde. Die Schiller-Oper – erst Zirkus, dann Theater, später Opernhaus. Und heute? Ein Schrotthaufen unter Denkmalschutz, mitten in Hamburg. NDR.de erzählt in drei Teilen das tragische Auf und Ab der Schiller-Oper.
Die Schiller-Oper in Hamburg: Das Gebäude steht seit mehr als 120 Jahren, dahinter steht ein tragisches Auf und Ab. Die Geschichte beginnt als hoffnungsfrohes Start-Up im 19. Jahrhundert.
1889 beantragt Paul Busch bei der Stadt Altona die Erlaubnis zur Errichtung eines „Circus mit Stallgebäuden und Restauration“. Ihm schwebt ein zwölfeckiger Bau aus Stahl und Wellblech vor.
Das Hauptgebäude misst dreißig Meter im Durchmesser. Es soll 3.000 Zuschauern Platz bieten. Das Gerüst baut die Firma Hein Lehmann. Sie ist auch für die Wellblechverkleidung der Wände zuständig.
1892 feiert der Zirkus Busch in Altona Eröffnung.
Direktor Paul Busch ist ein erfolgreicher Unternehmer. Er hat auch in Berlin ein festes Zirkusgebäude. Für seine Shows werben bunte Plakate.
Die Aushänge stellt damals der bekannte Hamburger Lithograf Adolph Friedländer her. Seine Druckerei befindet sich in der Nachbarschaft des Zirkus.
Ob die phantastischen „Wasser-Pantomimen“ des Zirkus-Busch auch in Altona liefen, ist ungewiss. Hartnäckig hält sich jedoch der Bericht, dass damals 120 Eisbären über eine Rutsche ins Zirkusrund rodelten.
Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts geht auch die Zirkusgeschichte des Gebäudes zu Ende. 1899 gibt Busch den Standort in Altona auf. Er siedelt in den von ihm aufgekauften Bau des Konkurrenz-Betriebes Renz in Hamburg um. Sein alter Zirkus wird 1905 zum Schiller-Theater umgebaut.
Die bisherige Manege wird jetzt auch als Zuschauerraum genutzt.
Den Namen erhält das Theater in Anlehnung an Friedrich Schiller. Dessen Stück „Wilhelm Tell“ läuft 1905 zur Eröffnung.
Regelmäßig erscheint die Zeitschrift „Die Volksbühne“, in der die Theaterleitung damals über das Geschehen auf und hinter der Bühne informiert.
Geboten werden neben klassischen Theaterstücken auch volkstümliche Programme in niederdeutscher Sprache, Liederabende – und handfeste Auftritte. 1909 wird dem Publikum zum Beispiel ein „Internationaler Ringkampf“ angekündigt.
Das Ensemble von 1913: In diesem Jahr elektrisiert das skandalträchtige Stück „Die Schiffbrüchigen“ von Eugène Brieux das Publikum. Es handelt von der Syphilis. In Altona wird die Aufführung von der deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten gesponsert.
Im Ersten Weltkrieg geht das Theater pleite. 1918 gibt es einen Neustart. Der neue Leiter Hans Pichler lässt das abgewirtschaftete Haus renovieren. Hier ist der Kassenbereich um 1920 zu sehen. Doch auch Pichler geht 1921 das Geld aus
Das Theater liegt in einer ärmlichen Gegend. Viel Geld haben die Menschen nicht für Kultur übrig. Kinder dürfen kostenlos in die Vorstellungen. Sie machen stets einen großen Teil der Besucher aus. Oft wirken die Nachbarskinder auch selbst auf der Bühne mit.
Auch im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre hat das Schiller-Theater schwer zu kämpfen. Hier ist das angeschlossene Restaurant zu sehen. 1930 lässt die Baupolizei den Betrieb schließen.
1932 erfolgt der Umbau zur Schiller-Oper.
Auch der Zuschauerraum und die Bühne werden umgestaltet. Es gibt nach dem Umbau 1.250 Klappsitze und 100 Stehplätze.
Die Foyerräume erstrahlen nach dem Umbau ebenfalls in neuem Glanz. Am 4. September 1932 wird Eröffnung des Opernhauses gefeiert. Intendant Hanns Walther Sattler erklärt, er wolle das Haus in der Tradition eines Volkstheaters pflegen.
Auf den Eintrittskarten bleibt der alte Name Schiller-Theater zunächst noch erhalten. Gunhild Ohl-Hinz vom St. Pauli-Archiv zeigt ein Original-Ticket von 1933.
Der Sozialdemokrat Sattler stemmt sich lange gegen die „Nazifizierung“ des Betriebes. Doch die Nationalsozialisten drücken mehr und mehr ihr Programm und ihre Leute in die Schiller-Oper. Sattler setzt auf unpolitische Stücke, doch die Besucherzahlen gehen zurück.
1939 kommt das Aus. Dabei beginnt das Jahr mit der Aufführung von Franz Léhars Operette „Giuditta“ noch recht vergnüglich. Der Komponist dirigiert bei der Premiere sogar selbst. Doch im August ist Feierabend für die Schiller-Oper – angeblich wegen mangelnder Luftschutz-Vorkehrungen.
Den Krieg übersteht die Schiller-Oper mit lediglich leichten Schäden. In den nächsten Jahrzehnten wird der Aufführungsraum praktisch nicht mehr genutzt und verfällt. Heute darf das Herzstück des Gebäudes aus Sicherheitsgründen nicht mehr betreten werden.
Doch auch die Anbauten, in denen in den 1990er-Jahren Asylbewerber wohnten, können schon lange nicht mehr genutzt werden.
Was aus dem maroden Bau werden soll, ist seit Jahrzehnten umstritten. Die Stahlkonstruktion steht unter Denkmalschutz, weil sie „die Zirkusarchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts gut dokumentiert und die Ingenieurbauweise des Industriezeitalters hervorragend bewahrt“.
1. Akt: Zirkus Buschs Tempel der Versuchung
Im August 1889 stellt der aufstrebende Zirkusbetreiber Paul Busch ein Baugesuch bei der Stadt Altona, die damals noch nicht zu Hamburg gehört. Ein „Circus mit Stallgebäuden und Restauration“ schwebt ihm vor. Es entsteht ein zwölfeckiger Kreisel aus Stahl und Wellblech. Das Hauptgebäude misst dreißig Meter im Durchmesser. Es soll 3.000 Zuschauern Platz bieten. Herzstück ist die Arena, die von einem riesigen Kronleuchter beschienen wird. Im Mai 1892 ist Eröffnung. Busch verspricht auf bunten Plakaten sensationelle Unterhaltung: „Engel im Löwenkäfig“ und „Tempel der Versuchung“ heißen seine Shows. Sie drehen sich um tollkühne Artisten, exotische Tänzerinnen, dressierte Hengste und wilde Tiere.
„Zwischen harten Kämpfen zeigten unsere Springpferde ihr Können“
Ein Stück heißt „Klondike“. Es thematisiert den Goldrausch in Kanada. Paula Busch, Tochter des Zirkusdirektors, schreibt später darüber:
„Im ersten Akt soffen und schossen die Desperados, die Goldsucher und ihre Hyänen, in wüsten Hafenkneipen herum. Dann folgte ein veritabler Indianer-Sketch, und am Klondike-River zeigten bei harten Kämpfen zwischen Gut und Böse, zwischen Weiß und Braun, unsre Springpferde ihr Können.“
Als Höhepunkt sei eine große Platte von der Zirkuskuppel heruntergelassen worden, auf der eine indianische Tempelhöhle nachgebaut war.
„In diesen Felsendom aus purem Gold legt der Graue Wolf reumütig einen entführten Knaben der Weißen nieder und entflieht. Das in einer magischen Strahlenaureole ruhende Kind wird nun umtanzt von den Elfen des Glücks. Also kurzum: das große Ballett tritt in Aktion.“
Aufwendige Zirkus-Shows haben Konjunktur im ausklingenden 19. Jahrhundert: Unweit von Buschs Neubau residiert seit Jahren am Rande der Reeperbahn der Zirkus Renz in einem festen Gebäude. Auf dem Heiligengeistfeld stehen fast ständig Zirkuszelte. Und auch ein Raubtierdompteur namens Willy Hagenbeck findet sein Publikum.
Elefanten und Pygmäen als Attraktion in Altona
Der inzwischen verstorbene Filmemacher und NDR Redakteur Horst Königstein hat um 1980 mit betagten Hamburgern gesprochen, die diese Zeit selbst miterlebten. Lilli Rober und ihr Bruder Max wohnten als Kinder neben dem Zirkus.
Lili: „Entsinnst Du, wie der Elefant gestorben ist?“ Max: „Ja. Da habe ich dagestanden, wie sie ihn auseinandergeschnitten haben, damit sie ihn aus dem Hof rauskriegten.“
Lili erzählt, wie sie als Vierjährige im Zirkusballett mittanzte. Und sie berichtet von einem Pygmäenpärchen aus der Show, das bei ihrer Familie zur Untermiete wohnte.
„Ein richtiges kleines Paar, so groß wie Champagnerflaschen.“ Max erinnert sich an die Musik, die man ständig auf den Straßen hörte: „Tsching – Tsching – Tschingdarassabumm.“
Wie ein Kohlenhändler an Tiger und Löwen kam
Altona ist damals eine ärmliche Stadt und völlig überbevölkert. Handwerker leben dort, Angestellte und Arbeiter. Wer überhaupt einen Job hat, kann froh sein – Altona hat zu der Zeit in ganz Deutschland die meisten Arbeitslosen. Für die Kinder ist es eine Sensation im tristen Alltag, dass plötzlich wilde Tiere aus Afrika durch ihre Gassen brüllen. „Bubi“, der Sohn des Kohlenhändlers Schwartau, erzählt, dass nach der Zirkus-Vorstellung immer eine große Bühnen-Leiter bei ihnen untergestellt wurde.
„Sie wurde mit einem Elefanten zu uns rübergefahren.“ Und es wurde noch aufregender: Weil es im Zirkus Platzprobleme gab, kamen mitunter Raubtiere beim Kohlenhändler unter: „Löwen und Tiger. Die mussten dann bei uns nachts im Lager abgestellt werden.“
Im angrenzenden Hamburg wütet in jenen Jahren die Cholera.
Die fabelhafte Revue mit 120 Polarbären
Es gibt Berichte über spektakuläre Tiernummern damals bei Zirkus Busch: „Ludwig XIV. und seine Abenteuer“ heißt eine Show und eine andere: „Nach Sibirien“. Sie soll darin gegipfelt haben, dass der Boden der Manege abgesenkt und mit Wasser gefüllt wurde. 120 Eisbären sollen dann über eine Rampe von der Zirkuskuppel aus in das Becken gerutscht sein. Das klingt unglaublich und ist es auch. Die Hamburger Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Anke Rees hat jahrelang über die Geschichte der Schiller-Oper geforscht. Sie diese Schilderung der legendären Eisbärnummer für deutlich übertrieben. Die Arena sei für so viele Tiere zu klein gewesen. Und es habe dort wohl kein derartiges hydraulisches Wasserbecken gegeben. Dafür allerdings in anderen Busch-Zirkussen – in Berlin und auch in dem Gebäude an der Hamburger Reeperbahn, in das Busch später übersiedelte. „Immer wieder ranken sich Mythen um die Schiller-Oper“, meint Rees.
Nach einigen Jahren endet die aufregende Zirkuszeit in Altona. Grund ist allerdings kein Misserfolg – im Gegenteil: Paul Busch ist so erfolgreich, dass er 1899 den Konkurrenten Renz aufkauft. Busch zieht mit seinem Zirkus in dessen Gebäude am Millerntor um.
Lesen Sie morgen und übermorgen bei NDR.de, wie die Geschichte der Schiller-Oper weitergeht!
2. Akt: Schmierentheater, Syphilis und Gesang – zu lesen ab Samstagmittag gegen 12 Uhr
3. Akt: Gefangene, Verfall und ungewisse Zukunft – zu lesen ab Sonntagmittag gegen 12 Uhr
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