Tag 35 / Liebe Suchtberaterin,
Liebe Suchtberaterin, heute war unser letzter gemeinsamer Termin, bevor in ein paar Tagen meine ambulante Entwöhnung beginnt. Diese wird voraussichtlich drei Monate dauern. Vielleicht haben wir uns heute das letzte Mal überhaupt gesehen. Sie haben mir angeboten, dass ich die ambulante Nachsorge auch bei Ihnen in der Suchtberatungsstelle machen kann. Es sei aber meine Entscheidung. Ich solle es mir nach der Reha überlegen. Zwar habe ich Ihnen bei unserer Verabschiedung herzlich gedankt, doch vier Stunden später in einem AA-Meeting realisierte ich erst, dass ich hätte mehr sagen wollen. Vor den mir teils bekannten, teils unbekannten Menschen in der Gruppe habe ich dann eine Dankesrede für Sie gehalten. Sie haben mich nun fast ein Jahr begleitet. Dank Ihnen habe ich mehr und mehr ein Verständnis für meine Suchtkrankheit entwickelt. Unser gemeinsamer Weg war ergebnisoffen. Dadurch habe ich mich nicht gedrängt und unter Druck gesetzt gefühlt. Sie haben sehr oft die richtigen Worte gefunden, waren behutsam. Sie wussten, dass ich sofort wegrennen würde, wenn Sie mir sagen: "Sie sind Alkoholikerin und müssen ab sofort aufhören, Alkohol zu trinken". Ich bin froh, dass ich mit Ihnen arbeiten durfte. Wenn ich verweifelt war, haben Sie mir vor Augen geführt, was ich im Kampf gegen die Sucht schon alles erreicht habe. Das Wichtigste war, dass ich mir professionelle Hilfe gesucht habe und sie annehmen konnte. Zunächst war es mein Anliegen, die Trinkmenge und die Konsumfrequenz zu reduzieren. "Kontrolliertes Trinken" - ich wollte das schaffen. Vor einem Jahr, vor einem halben Jahr und auch noch Ende 2014 war es für mich unvorstellbar, abstinent zu leben. Als ich Naltrexon nahm und auch dies nicht zum erwünschten Erfolg führte, empfahlen Sie mir eine Entgiftung. Sie hatten das richtige Gespür, welche Einrichtung für die Entgiftung zu mir passen könnte. Zu einer anschließenden Entwöhnung war ich damals nicht bereit. Jetzt bin ich bereit. Sie haben mich auch darin bestärkt, nicht überstürzt, nicht mit mangelnder Überzeugung in eine Entwöhnung zu starten. 100%ig bin ich immer noch nicht vom abstinenten Leben überzeugt. Aber ich bin jetzt bereit, es zu versuchen. Sie wurden nicht müde, mir die AA-Gruppen zu empfehlen. Alle paar Wochen legten Sie mir nahe, dass AA eine wertvolle Unterstützung sein könnte. Irgendwann im Spätherbst letzten Jahres ging ich an einem Samstag das erste Mal in ein Meeting. Jetzt ist AA nicht aus meiner Abstinenz herauszudenken. AA könnte mich ein Leben lang begleiten - egal, wo ich wohnen werde. Die Betreuung der Suchtberatung endet leider an diesem Punkt. Ich weiß, dass ich wieder anklopfen darf, dass ich zur Akkupunktur willkommen bin, dass eine Nachsorge möglich wäre. Und ich danke Ihnen auch, dass Sie mich heute noch mal darauf hingewiesen haben, dass eine Erhöhung eines Psychopharmakas zu allererst auch meine Entscheidung ist. Sie gaben zu bedenken, dass es mich ähnlich "abpuffern" könne wie Alkohol und Therapie erschweren könne. Herzlichen Dank für die gemeinsame Zeit, für Ihre Geduld und Ihr Einfühlungsvermögen.

















