Tag 3497 / Eben dieses Déjà-vu beim Betrachten der Kategorien, unter welchen das Buch Nummer eins ist
Ich weiß gar nicht mehr, um wessen Buch es beim ersten vu ging. Das von Stuckrad-Barre? Das von Daniel Schreiber? Eins, was gar nichts mit Suchtliteratur zu tun hat, aber in dieser Kategorie geführt wird? Jedenfalls sind viele der Aspekte, die sie nennt, zumindest auf der kostenfreien Lesevorschau, wenig neu. Die Frage ist, ob Menschen überhaupt etwas Neues lesen wollen oder ob sie sich eben in dem Gelesenen wiedererkennen wollen, ob sie möchten, dass jemand das zu Papier bringt, was sie eh schon alle denken. Vielleicht ist das der Schlüssel zum Erfolg. Dann ist es sprachlich aber nicht so, das ich sage, wow, das will ich wirklich lesen, tolle Formulierungen, so wie zum Beispiel im Buch Nachtlichter. Wunderschöne Formulierungen, bei denen ich die Seite umknicke, sprachlich schöne Bilder wie in dem Buch von der Iranerin. Das fehlt. Es werden englische Worte reingeworfen und ich finde, es wird ziemlich leicht offenbar, dass sie nicht so sehr gebildet, ihr Vokabular begrenzt ist, dass vielleicht viele Worte aus ihr rausfließen, dass sie Dinge analysiert, aber dass das eben an der Grenze zu umgangssprachlich bleibt. Als ich anfing, da gab es keinen Abstinenzblog. Ich hab das gegoogelt und wahrscheinlich auch heute noch gibt es keinen Blog, der täglich irgendwas von sich gibt, weil darum geht, einen Tag an den anderen zu hängen, trocken zu bleiben, keine Pause zu machen, selbst, wenn ich jetzt schon eine Lücke von vier Monaten aufgebaut habe. Aber ich reihe weiterhin einen Tag an den andern. Frau Rescue und die Suchtberaterin, meine Mutter, einige haben gesagt, dass das sprachlich sehr gut ist, was ich schreibe. Sie sind natürlich beeinflusst, weil sie mich kennen, weil sie mich mögen. Aber ich denke einige, der Beiträge sind wirklich toll geschrieben. Dieses Tolle, dieses sprachlich Schöne, das hab ich größtenteils verloren. Vielleicht ist es irgendwo in mir. Vielleicht schlummert es. Aber ich glaube, dass es auch oft mit seelisch beklemmenden Zuständen zusammenhing. Manchmal konnte ich auch Dinge, die wirklich schön waren, toll beschreiben. Doch dieser Druck zu schreiben, der war eben eine Kompensationsstrategie. Vielleicht muss ich mir das auch noch mal rausholen. Nicht nach Hause kommen, Eis essen, sondern, nach Hause kommen, schreiben, alles rausschreiben. Schreiben, was mir auf die Nerven geht.
Mein Blog wurde weiterempfohlen und einige sind der Empfehlung gefolgt. Ich kenne die nicht. Es hat einigen Leuten geholfen. Es hat nicht 100.000 Leuten geholfen. Es hat nicht einer Million Menschen geholfen. Das ist ja auch das Prinzip von AA: Du sprichst ehrlich über irgendwas, was dich bewegt und jemand anderem hilft es. Und dass es auch das Prinzip von AA: Du machst es nicht für Geld. Man könnte von meinem Blog etwas publizieren, wurde mir gesagt. Ich hatte damals die Idee, man kann wie in so dünnen Mangabüchern einfach jeden Tag abdrucken. Aber die Sache, mit seiner Nüchternheit Geld zu machen, das ist das, was mir nicht behagt. Vielleicht traue ich mir auch immer noch nicht, dass es so bleibt oder ich schäme mich, dass es so kam oder ich denke, ich bin noch nicht fertig. Ich liebe diesen Körper noch nicht. Ich liebe mein Leben noch nicht 100 %, weil das Kind fehlt, weil der Mann fehlt. Es gibt Tage, da denke ich, es ist alles gut. Hier ist meine Katze, mein Bett, mein Baum, in den ich gucken darf. Das ist die erste Arbeit, bei der ich immer mit den anderen Mittag esse. Ich hab noch nie gesagt: Ich setze heute aus oder ich geh mal spazieren. Oder ich hab noch nie gedacht: Ich nehme mir jetzt was zu essen mit, damit ich nicht mit denen essen muss. Wie toll müssen diese Leute sein? Ich hab doch sonst immer irgendwelche Wege gesucht, wie ich ausbreche, wie ich meine Ruhe habe. Ich brauch meine Ruhe irgendwie nicht. Die sind alle sehr angenehm.
Ich weiß nicht ob ich die erste trockene Alkoholikerin bin, die diese Ausbildung macht. Der Weg ist schon ziemlich beeindruckend von Hartz IV, Empfehlung, zwei Stunden im alten Beruf arbeitsfähig kommend. Es gab alles schon mal. Es war alles schon mal da. Warum ist das so wichtig, dass man was Einzigartiges macht? Warum ist das so wichtig für mich, dass ich sage, niemand hat so einen Blog? Warum arbeite ich nicht daran, dass meine Bilder in einer Galerie hängen? Warum arbeite ich daran, ein Kind zu haben? Warum arbeite ich daran, immer eine andere Arbeit zu bekommen? War das jetzt die Arbeit, wo ich immer hinwollte, wo man nicht mehr ausbricht, weil man jetzt vereidigt ist, wo man keine Stellenanzeigen mehr liest, wo man angekommen ist? Ich denke, für mich ist es schon wichtig, dass ich neben dem neben dem, was mich am Leben hält, neben dem Trockensein noch dieses Leben habe.
Am Anfang der Abstinenz war meine Mutter noch näher oder ich hab mir mehr Unterstützung gewünscht oder sie hat mir mehr gegeben, sie hat verstanden, dass ich irgendwo rausmuss, weil es nicht geht, weil’s laut ist oder weil mich irgendwas triggert. Diese Unsicherheit, dass alles fragil ist, dass ich diese Welt wie sie neu war, erst mal überhaupt nicht aushalten konnte. Denn das unterscheidet mich auch von diesem Glücksgefühl ihres ersten Sommers. Mein erster Sommer war nicht der Hammer-Sommer. Ich würde sagen, der dritte Sommer, 2017, war schön. Da habe ich angefangen mit Dating. Diese Glücksgefühle mit dem Wind, der um die Beine spielt beim Fahrradfahren. Das kam bei mir erst später. Und so ist es eben. Man kann niemandem ein Bild vorsetzen: So ist Trockensein. Wenn du das loslässt, bekommst du dafür das geschenkt. Du kannst erstmal ganz tief fallen. Es kann noch viel schlimmer werden, als in den ersten Tagen der Saufzeit. Dir kann was fehlen. Dir wird was fehlen. Es gibt die, die kennen keinen Suchtdruck und die, die kämpfen sich anderthalb Jahre durch Suchtdruck. Wir haben gelernt, dass wir von uns sprechen. Bei mir ist es so. Ich spreche von mir und ich hatte auch diese Phase, wo ich die Gesellschaft angriff, wo ich Dinge verurteilte. Aber dieser Druck in mir, dass ich alle Väter und alle Mütter bekehren muss, der ist weg, einfach auch weil sie so gigantisch ist, diese Aufgabe. Vielleicht ist es gut, dass so viel Suchtliteratur rauskommt. Je mehr rauskommt, desto bewusster wird es der Gesellschaft. Ich bin auf jeden Fall die, die mit diesem Mann bei der Arbeit vertraulich über AA spricht. Vielleicht bin ich die erste, die offen ist das sagt, dass sie zu den Anonymen Alkoholikern geht. Vielleicht ist es deshalb auch so wichtig, dass ich dabei bleibe. Man kann als trockene Alkoholikerin dort anfangen und man kann verbeamtet werden, auf Widerruf, auf Probe und dann auf Lebenszeit. Eine Abstinenz ist auch zuerst auch eine auf Probe, eine, die ich widerrufen kann oder die widerrufen werden könnte. Und tritt dann nicht auch in der Abstinenz erst mit den Jahren die innere Festigkeit ein, so wie bei mir jetzt. Ich kann jetzt auf Partys. Es ist jetzt eine Abstinenz auf Lebenszeit. Das wirft mich nicht um, was die da machen. Es löst noch nicht mal Anspannung in mir aus. Ist das nicht die wahre Befreiung?