7. Januar 2021 (aber eigentlich seit 1975)
Ich möchte Notizen über den Stromverbrauch der Heizung machen, komme aber 46 Jahre zu spät
Die Stadtwerke wollen eine Gasleitung in der Straße verlegen, in der meine Mutter wohnt, und haben daher angefragt, wer alles einen Hausanschluss möchte. Seitdem denkt die Mutter über den Einbau einer Gasheizung nach. Die vorhandenen Elektro-Nachtspeicherheizungen machen ihr das Haus nicht warm genug, und das zusätzliche Heizen mit dem Kachelofen ist ihr angesichts ihres Alters und der Mühen beim Holzschleppen zu wenig zukunftssicher.
Ich schreibe diesen Beitrag auf einer niedrigen Nachtspeicherheizung am Fenster liegend, auf der ich insgesamt Jahre meines Lebens verbracht habe. Der Heizkörper ist so breit wie ich und 1 Meter 25 lang. Früher habe ich ganz drauf gepasst. Später musste der Heizkörper am Kopfende durch ein Schubladenschränkchen verlängert werden. Mein Kopf ist seitdem ungeheizt. Ich würde mich ungern von diesem Liegeplatz trennen und bin schon deshalb gegen jede Umbaumaßnahme.
Die Nachtspeicherheizungen sind wahrscheinlich nur zu sparsam eingestellt. Ich vermute, dass man sie so einstellen kann, dass sie sich auch tagsüber noch mal erwärmen und ein Leben ohne Holzschleppen möglich machen. Zu Lebzeiten des Vaters hätte man einen solchen Plan nicht laut aussprechen dürfen, denn nur nachts wird die Heizung mit billigerem Niedertarifstrom erwärmt. Knapp fünfzig Jahre Ehe haben diesen Sachverhalt auch der Mutter eingeprägt, TAGSTROM IST FREVEL.
Der reguläre Strom (Tarif “Haushalt ET ‘Treuepreis’”) kostet in diesem Haushalt 20,6 Cent pro Kilowattstunde zuzüglich 2,05 Cent Stromsteuer. Der Heizstrom (Tarif “Sondervereinbarung Heizung getr. Messung”) kostet tagsüber (”Wirkarbeit Hochtarif”) 18,28 Cent und nachts (”Wirkarbeit Niedertarif”) 13,88 Cent, ebenfalls zuzüglich 2,05 Cent Stromsteuer. Für diesen Heizungserwärmungsstrom hat die Mutter im Jahr 2019 insgesamt 1.625 Euro bezahlt.
Ich habe den Verdacht, dass der Einbau einer Gasheizung sich zu langsam amortisieren und außerdem monatelang Grund zu Beschwerden über Handwerker und Störung des geregelten Haushaltsbetriebs geben wird. Außerdem hat die Mutter bereits die besonders schreckliche Absicht angekündigt, nur manche Räume auf Gasheizung umrüsten zu lassen. Hinterher hätte man ein Haus mit drei verschiedenen Heizungssystemen und damit auch die Fehlermöglichkeiten von drei verschiedenen Heizungssystemen, von denen zwei sich mit ihren Thermostaten in unentwirrbare Regelkreis-Verschwörungen verwickeln würden.
Deshalb wüsste ich gern, was es konkret kosten würde, ohne Rücksicht auf Tag- und Nachtstrom mehr elektrisch zu heizen. Dazu plane ich erst herauszufinden, was die Heizung eigentlich im bisherigen Betrieb innerhalb sagen wir einer Woche verbraucht, dann eine Anleitung für Heizungssteuersystem zu finden, für eine weitere Woche testhalber alle Regler auch tagsüber nach rechts zu drehen und den Unterschied auszurechnen.
Beim Abschreiben der aktuellen Zählerstände finde ich unter dem Zähler ein kleines Buch mit Goldschnitt und dunkelrotem Plastikeinband.
Ich weiß, was mein Vater für ein Mensch war und ahne daher schon vor dem Aufschlagen, dass dieses Buch demselben Zweck dient, für den ich gerade eine Notizen-App auf dem Handy heranziehe.
Das gesamte Ausmaß der väterlichen Zählerablesefreude war mir allerdings nicht klar. Die Aufzeichnungen beginnen im Oktober 1975.
Von 1975 bis 1979 hat der Vater täglich den Zählerstand notiert. Danach ist er etwas nachlässig geworden und nur noch alle zwei bis fünf Tage in den Keller hinabgestiegen. Vermutlich immer zur selben Uhrzeit, sonst könnte man ja schlecht vergleichen. Ob er gleich morgens nach dem Aufstehen an den Zählerstand gedacht hat? Oder abends auf dem Weg ins Bett?
Für jemanden mit solchen Veranlagungen muss es schwer gewesen sein, mit einer Familie zusammenzuleben, in der niemand auch nur einen Anflug solcher Superkräfte besitzt. Wir können froh sein, wenn es uns gelingt, uns einmal im Jahr an etwas zu erinnern, das eigentlich spätestens im Vorjahr fällig gewesen wäre. Natürlich gab es auch im Auto ein solches Buch, in dem er bei jedem Tankvorgang die Füllmenge und den Tachostand notiert hat.
Nur auf den rechten Seiten des Buchs ist der Zählerstand dokumentiert. Die linken Seiten sind leer oder enthalten vereinzelte Notizen und Berechnungen. Manchmal hat der Vater relevante Ereignisse aus der Welt um den Stromkasten herum am Rand der Aufzeichnungen notiert: “starker Frost”, “viel Schnee”, “neue Badheizung”, “seit 6 Tagen Nachtfrost”.
Der letzte Eintrag in seiner Handschrift ist vom 3. September 2015, Zählerstand 103847. Im Dezember desselben Jahres haben die Mutter und der Bruder noch ein paar unordentliche Notizen gemacht. Damit enden die Aufzeichnungen.
Auf den letzten Seiten enthält das Buch wie meine Kalender in den 1990er Jahren ein kleines Internet für die Hosentasche: Übersicht über die gesetzlichen Feiertage, Vorläufige Termine der Sommerferien 1974–1978, Uhrzeiten in der Welt, DIN-Formate für Papier (beschnitten), Postleitzahlen, Kraftfahrzeug-Kennzeichen, Vorwahlen und Einwohnerzahlen der Städte in ganz Deutschland (BRD und DDR), Neupreise für Personenkraftwagen, “Was kostet mein Fahrzeug?” (im Betrieb, pro Jahr), Europäische Entfernungen in Bahn- und Straßenkilometern, Geschwindigkeitstabelle (zur Umrechnung von Meilen in Kilometer), Bremsweg in Metern, Goldgewichte, Innerdeutsche Flugpreise ...
... Fernsprechgebühren, “Die wichtigsten Postgebühren”, Bundesbahntarife im Personenverkehr und Expreßgutverkehr, Rentenversicherung der Arbeiter und Angestellten, Maße und Gewichte, Römische Ziffern, Griechisches Alphabet, Zinsdivisoren-Tabelle, Zinseszinsberechnung, Deutsche Fußball-Meisterschaften der letzten 18 Jahre und Erste Hilfe bei Unglücksfällen.
Mein Plan zur Ermittlung der Kosten von Tagstrom-Frevel ist damit überflüssig geworden. Eine Heizungsnacht kostet je nach Außentemperatur zwischen 5 und 16 Euro. Und weil ich für diesen Beitrag die letzte Stromabrechnung aus einem Aktenordner herausgesucht habe, weiß ich jetzt zumindest größenordnungsmäßig, was es kosten würde, auch tagsüber weiter mit Strom zu heizen. Jetzt muss sich nur noch die Mutter einen Kostenvoranschlag für den Einbau einer Gasheizung unterbreiten lassen, dann wird dabei hoffentlich herauskommen, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Das Buch habe ich wieder unter den Zähler gelegt.
(Kathrin Passig)









