Dieser Text erschien ursprünglich zum 30.Jubiläum von Sam Raimis Debütfilm “Tanz der Teufel” in der Ausgabe 5/2011 des Filmmagzins “Celluloid”. Hier erscheint er, nur leicht überarbeitet, zum Anlass der Aufhebung der Beschlagnahme des Films in Deutschland, die es seit 1984 unmöglich macht, den Film auf legalem Wege zu sichten. Der Verleih Sony konnte das Verbot des Films nach über 25 Jahren lang andauernden Rehabilitierungsbestrebungen aufheben lassen.
Vor etwas mehr als 30 Jahren schlug sich eine Gruppe von Studenten in die düsteren Wälder Michigans, ausgestattet mit nicht viel mehr als ein paar tausend Dollar, ihrer Vorliebe für Horror- und Slapstick-Filme und einer selbstgebastelten shaky cam - einer Kamera, die sie auf zwei Metallplanken geschraubt hatten. Das Ergebnis der wenigen, chaotischen Drehtage war ein Kurzfilm von etwa 30 Minuten mit dem Titel ″Within The Woods″, mit dem die Freunde hofften, Geld für ihren ersten vollständigen Spielfilm ″Book of the Dead″ aufzutreiben. Längerfristig betrachtet allerdings war dieser amateurhafte Kurzfilm der Stein des Anstoßes für eine Erfolgsgeschichte wie sie in der Geschichte des Horrorfilms ihres Gleichen sucht: Der bald darauf in ″The Evil Dead″ (dt. Titel: ″Tanz der Teufel″) umgetaufte folgende Debütfilm, der unter nicht weniger improvisierten Umständen entstand, avancierte trotz oder gerade wegen seiner comicartigen Gewaltexzesse zum Meilenstein des Horrorgenres, beeinflusste eine ganze Generation von Filmschaffenden und Fans und machte Hauptdarsteller Bruce Campbell zu einer Ikone des Genres. Regisseur Sam Raimi hat sich seitdem konstant als feste Größe in Hollywood etabliert, und ist spätestens seit seiner Arbeit am millionenschweren ″Spiderman″-Franchise auch in dem Horrorgenre fernen Zuschauerschichten präsent. Die beschleunigten, wackeligen Kamerafahrten aus ″Dämonenperspektive″, die die Crew mit der shaky cam aufnahm, werden bis heute in jedem zweiten Genrefilm zitiert und gelten als unverkennbares Markenzeichen des Films. In einer Zeit, als an Horrorfilmen, die die Grenze des Zeigbaren konstant erweiterten, keineswegs Mangel herrschte, gelang es Raimi, aus der schieren Masse an billig produzierten Genrefilmen herauszustechen und ein im besten Sinne postmodernes Amalgam aus verschiedensten Einflüssen, von Buster Keaton bis H.P. Lovecraft, zu kreieren.
(c) Sony Pictures Home Entertainment
Rückblickend betrachtet nimmt ″The Evil Dead″ eine Übergangsposition in der Chronologie des Horrorfilms ein, man mag gar von einer entscheidenden Weichenstellung sprechen. Dass Raimi der gerade verebbten Welle an zynischen, politisch aufgeladenen Splatterfilmen wie ″The Hills Have Eyes″ oder ″The Texas Chainsaw Massacre″ von späteren Starregisseuren wie Wes Craven und Tobe Hooper in seinem Debüt Respekt bekundet, ist mehr als offensichtlich. Von diesen ″jungen Wilden des Gore″ (Frank Arnold) übernahm er vor allem die expliziten Gewaltdarstellungen, denen sich die mehr als dünne Story meist unterordnen musste. Dennoch läutete ″The Evil Dead″ auch einen regelrechten Paradigmenwechsel in der Kontextualisierung von filmischer Gewalt ein. Zweifellos beeinflusst durch seine Vorliebe für amerikanischen Slapstick, zelebriert Raimi die Verbindung von blutiger Gewalt und ironisch-gebrochenem Comic-Stil, der stilprägend für solche Splatter-Komödien wie Peter Jacksons ″Braindead″ und Stuart Gordons ″Re-Animator″ werden sollte. Im Quasi-Sequel ″Tanz der Teufel 2″ lotete Raimi die Verbindung zwischen Slapstik, Cartoon-Stil und Splatter noch weiter aus, indem er die Hauptfigur Ash zu einer Art Wile E. Coyote des Horror-Films stilisierte – Ashs Leiden sind hier bis zur völligen Absurdität überzogen, sodass seine körperlichen Versehrungen nur noch Belustigung hervorrufen. Ganz nebenbei sprengte die ″Tanz der Teufel″-Reihe mit ihrem männlichen Protagonisten auch das starre Geschlechterkonzept des Slasher-Films, das die Rolle des die Serie überdauernden Helden meist jungen, hübschen Frauen, den sogenannten ″Scream-Queens″, zugedacht hatte.
Stets an der Grenze des guten Geschmacks taumelnd, gelingt es ″The Evil Dead″ gar, die ausgewalzten Vergewaltigungsszenen von zeitgenössischen Schockern wie ″The Last House On The Left″ oder ″I Spit On Your Grave″ zu persiflieren, in dem er in einer der berüchtigsten Szenen den männlichen Aggressor durch eine dämonische Rankenpflanze ersetzt. Die Mischung aus Komik und Verstörung, die dieser und andere Momente beim Zuschauer hervorrufen, haben an Wirkung bis heute nicht verloren. Neben dem großen Erfolg des Films, vor allem in Europa, wurden Raimi, Campbell und Co für diese heutzutage vollständig im Mainstream etablierte Fusion von Blut und Humor allerdings hauptsächlich mit dem flächendeckenden Zorn der Zensurbehörden bedacht, ganz besonders in Deutschland. Ausgerechnet Raimis ironisches Spiel mit der Horrorikonographie wurde in der Bundesrepublik in Medien und Politik zu einem Paradebeispiel für den jugendgefährdenden Einfluss von ″Gewaltvideos″ erklärt und in einen Topf mit eher stumpfen Exploitation-Filmen geworfen. Wo in vielen Filmen der Zeit die sexualisierte Verstümmelung von (weiblichen) Körpern in den Vordergrund gestellt wurde, erfreuten sich Raimi und seine Mitstreiter an vergleichsweise unschuldigen Ekel-Momenten, wie etwa der in die Länge gezogenen Schluss-Sequenz, in der sich ein Dämon mittels liebevoll animierter Stop-Motion-Technik in einen Berg aus neongrünem Schleim verwandelt. Trotz solch offensichtlicher Albernheiten attestierten die Jugendschützer dem Film nicht nur jugendgefährdende Tendenzen und setzten ihn folglich auf den Index, das Amtsgericht Berlin erkannte Raimis überdrehtem Dämonen-Spektakel letztendlich gar den künstlerischen Wert ab und ließ den Film nach §131 (Gewaltverherrlichung) beschlagnahmen. Trotz mehrerer Gegenklagen des Verleihs bleibt es also bis heute in Deutschland strafbar, ″The Evil Dead″ in diversen Schnittfassungen aufzuführen oder zum Kauf anzubieten.
Dabei ist ″The Evil Dead″ von bitterbösen, gänzlich humorlosen Splatterorgien, wie sie uns auch heute wieder etwa in Gestalt französischer Extremfilme wie ″Frontier(s)″ oder ″A L'Interieur″ begegnen, meilenweit entfernt. Viel mehr stellt der Film eine ausgelassene Liebeserklärung an jene schwer zu beschreibende Kategorie der Kunst dar, die Susan Sontag als ″Camp″ (in etwa: Kitsch) beschrieben hat. In ihrem berühmten Essay ″Notes On Camp″ erläutert Sontag: ″die Quintessenz von 'Camp' ist dessen Vorliebe für alles Unnatürliche, für Künstlichkeit und Übertreibung.″ Nicht die ″naturalistische Darstellung grauenhafter Szenen″ steht bei Raimi im Vordergrund, wie es der Katholische Filmdienst einst in seinem vernichtenden Verriss behauptete, sondern vielmehr die offensichtliche Stilisierung der selbigen; ein essenzieller Unterschied, der möglicherweise erst dreißig Jahre danach auf breite Anerkennung und Wertschätzung treffen kann. Der Filmwissenschaftler Dr. Fritz Göttler erkannte jedoch auch schon zur Zeit der Veröffentlichung des Films: ″In Evil Dead ist die Verfremdung bis zur Parodie getrieben. Bei der Abwandlung aller Genremotive weist der Film dadurch eine erhebliche Unbekümmertheit und Frische auf.″ Wem es nicht gelingt, hinter die harte Splatter-Schale um den weichen Kern der Persiflage des Films zu blicken, dem entgeht zweifellos ein Großteil eben jener Stimmung, die ″The Evil Dead″ als Kultfilm auszeichnet. Um noch einmal Susan Sontag zu zitieren: ″das grundlegendste Element [des 'Camp'] ist Ernsthaftigkeit – eine Ernsthaftigkeit, die scheitert.″
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Raimi, der die ″Evil Dead″-Trilogie 1992 mit ″Armee der Finsternis″, einer Hommage an den Stop-Motion-König Ray Harryhausen, beschloss, wandte sich erst 2009 mit ″Drag Me To Hell″ wieder dem Subgenre der Horrorkomödie zu – und lieferte damit erneut einen eindrucksvollen Beweis seines Gefühls für Timing und das Verhältnis zwischen Komik, Grusel und Ekelattacken ab. Mehr als das, ″Drag Me To Hell″ lieferte in seiner bunten, Geisterbahn-ähnlichen Optik eine zeitgenössische Aktualisierung eben jener Atmosphäre, mit der ″The Evil Dead″ noch bis heute junge Horrorfans fasziniert – und bot ganz nebenbei erneut einen spannenden Kontrast zum vorherrschenden Trend im Horrorgenre: Wie schon im Jahre 1981 offerierte Raimi wiederum eine ironische, bunte Alternative zum bierernsten Hardcore-Horror, diesmal in Form der sogenannten ″Torture-Porn″-Welle mit Vertretern wie ″Saw″ und ″Hostel″, indem er die Fixierung dieser Filme auf die Zersetzung und Zerstörung von Körpern für seine eigenen, anarchisch-komischen Intentionen nutzbar machte.
Passend zum Jubiläum ergeht es ″The Evil Dead″ nun wie schon beinahe jedem anderem Horrorklassiker zuvor: Unter der Produktion von Raimi geht spätestens im nächsten Jahr eine Neuverfilmung des Originals in die Mache. Dieses Remake dürfte das Produktionsbudget des Erstlings von ungefähr 8000 Dollar dann allerdings wohl deutlich überschreiten.
verfasst von Tim Lindemann. Zuerst erschienen in “Celluloid” 5/2011