"Der deutsche Target2-Saldo ist erstmals über die 800-Milliarden-Marke gestiegen. Die Forderung an das Eurosystem stieg im Februar um fast 20 Milliarden Euro auf 814 Milliarden Euro [..] Der aktuelle Stand liegt nun deutlich über dem auf dem Höhepunkt der Euro-Krise Mitte 2012, als der Target-Saldo in der Spitze 751 Milliarden Euro erreichte. Seit zwei Jahren steigt er wieder kräftig. Gegenüber Anfang 2015 ist der deutsche Saldo um 300 Milliarden Euro gestiegen. Umgekehrt sind die Salden der südeuropäischen Länder auf Rekordtiefs gefallen. Italien verzeichnete nach Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) ein Target-Minus von 364 Milliarden Euro per Ende Januar, Spaniens Target-Minus ist auf rund 350 Milliarden Euro gewachsen. [..] Über das Target-System werden grenzüberschreitende Zahlungen zwischen den Notenbanken abgewickelt. Grob gesagt hat ein Land eine Target-Verbindlichkeit, wenn Geld aus dem Land abfließt. Bis Ausbruch der Finanzkrise pendelten die Target-Salden um die Nulllinie. Danach, als die privaten Kapitalflüsse in die Euro-Peripherie austrockneten, wurde über Target Leistungsbilanzdefizite und schließlich Kapitalflucht aus der Peripherie finanziert. [..] Den neuerlichen starken Anstieg seit Anfang 2015 erklären die europäischen Notenbanken mit dem Anleihekaufprogramm. Dabei werden viele Anleihen, etwa italienische Papiere, von internationalen Banken abgekauft, die bei der Bundesbank ein Konto führen. Wenn die Banca d’Italia den Kauf mit Zentralbankgeld finanziert, steigt umgekehrt die deutsche Target-Forderung gegen das EZB-System. Bundesbank-Vorstand Thiele spricht von einem „rein technischen Effekt“. Allerdings deutet er auch an, dass hinter den sich aufbauenden Target-Ungleichgewichten noch mehr steckt: Denn die internationalen Banken und Anleger, die italienische oder spanische Anleihen abstoßen, legen ihr Geld nicht wieder in Italien oder Spanien an, sondern belassen es in Deutschland. [..] Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Marcel Fratzscher sagte dieser Zeitung, der Target-Anstieg sei zunächst nicht Zeichen einer „aktiven Kapitalflucht“, er könne aber mit einer Flucht in die Sicherheit in Deutschland zusammenhängen. [..] „Unser Basisszenario ist der Fortbestand der Währungsunion. In diesem Basisszenario sind die Target2-Salden nicht verlustträchtig“, sagte Weidmann auf der Bilanzpressekonferenz vor zwei Wochen. Und die Bundesbank gehe wie EZB-Chef Mario Draghi davon aus, dass Target-Verbindlichkeiten im Falle eines Austritts eines Landes beglichen würden. Er fügte aber hinzu: „Wie das dann in der Praxis aussieht, inwieweit eine Regierung dann willens und fähig ist, diese Forderung zu begleichen, steht auf einem anderen Blatt.“"