"Die Flüchtlingsfrage mit der Terrorabwehr zu verknüpfen, wie es gerade wieder getan wurde, ist genau so ein unprofessionelles Gerede, das den ersten Anschein für die Sache selbst hält. Zweifellos sind einige, die in Deutschland Anschläge geplant oder verübt haben, 2015 im Strom der Flüchtlinge gekommen. Die Verknüpfung geht aber von der Annahme aus, dass keine Terroristen gekommen wären, wenn man keine Flüchtlinge hereingelassen hätte. Das aber heißt, den "Islamischen Staat", der auf irgendeine Weise mit fast allen Anschlägen der letzten Zeit in Verbindung steht, sträflich zu unterschätzen. Vor allem lenkt es von der Frage ab, warum der IS seine Aktivisten in den Flüchtlingsstrom eingebettet hat, obwohl er, wie die Anschläge in Belgien und Frankreich zeigen, auch über andere Möglichkeiten verfügt, seine Leute in Westeuropa zu platzieren. Ging es ihm womöglich gerade darum, dass die Verbindung zwischen Terroristen und Flüchtlingen hergestellt wurde? Dann wären die schnell redenden Parteipolitiker nichts anderes als Gelenkstellen in der Strategie des IS. Je mehr Menschen ohne Grund unter Terrorismusverdacht gestellt und dementsprechend behandelt werden, desto breiter die Unterstützung und Rekrutierungsbasis für Attentäter. Effektive Terroristenbekämpfung müsste aber damit beginnen, die Aktivisten von deren potenziellen Unterstützern zu trennen beziehungsweise dafür zu sorgen, dass beide voneinander getrennt bleiben. [..] Auch die Debatte über Obergrenzen für Flüchtlinge war im Hinblick auf die sicherheitspolitische Herausforderung bloß vertane Zeit. Sie hat nämlich von dem abgelenkt, worüber man wirklich hätte nachdenken müssen – von der veränderten Struktur terroristischer Attacken bis zu den Konstellationen, in denen junge Männer besonders versucht sind, sich zu radikalisieren. Hätte man sich stärker darauf konzentriert, hätte manches verhindert werden können."