Florentina Holzinger: Ophelia’s Got Talent
Das Auftreten der sechsköpfigen Mädchengruppe in Florentina Holzingers Ophelia’s Got Talent berührt auf gewisse Weise. In Holzingers Arbeiten wird man meist in eine Welt voller Brutalität, Schmerz, Gewalt, Nacktheit und Körperlichkeit geworfen. Es ist ein so deutlicher Bruch vom Alltag, dass man in ihren Stücken zu verschwinden vermag. Das Auftauchen der Kinder im letzten Akt des Stückes, das bisher mit Sex, Blut, Fäkalien, Vergewaltigungsberichten und körperlichen Schmerzen gearbeitet hat, bekommt ab dem Auftritt der jüngeren Generation eine neue Ebene. Meine erste Reaktion war, dass ich den Kindern am liebsten die Augen verschließen wollte, ob der Blutlachen und Nacktheit auf der Bühne. Aber sobald man realisiert, dass die Kinder sich wohl fühlen, das Ganze gewohnt sind, sogar Spaß haben und fröhlich zu Ed Sheerans „Shape of You“ tanzen, setzt eine innere Ruhe ein. Es ist eine Leichtigkeit, die Holzinger durch diese Gruppe fröhlich tanzender und spielender Mädchen kreiert, die sich bis zur Schlussverbeugung zieht.
Holzinger erzählt in einem Interview mit dem Magazin profil, dass ihr ihr gesamtes Umfeld davon abgeraten hat, Kinder mit auf die Bühne zu nehmen. Aber ihr war deren Teilhabe wichtig, was sie einerseits damit begründet, dass Kinder doch die Zukunft repräsentieren würden, und andererseits wollte sich Holzinger, auch angesichts ihres Alters, auf diesen Austausch, auch mit Blick auf die Klimakatastrophe, einlassen (profil 2023). Weiter berichtet sie, dass die Kinder mithilfe von Coaches über das Bühnengeschehen aufgeklärt wurden und sie somit auf Augenhöhe mit den anderen Performerinnen standen. Auch, dass die Kinder nicht in einem „lächerlichen Stück“ mitspielen wollten, sondern ganz speziell in Holzingers, zeigt die Symbiose beider Parteien. Die Zusammenarbeit der Kinder mit Holzinger war fließend. So waren es auch die Mädchen, die sich den Ed Sheeran Song ausgesucht hatten (profil 2023). Den sechs Kindern wird somit ein Raum gegeben, den sie eigenmächtig einnehmen können. Eine eher ungewöhnliche Geste; sind doch Kinder in Theaterstücke mit kontroversen Themen meist nonexistent. In einem Interview mit dem TQW sagt Holzinger zudem, dass auch Themen wie Vergewaltigung mit Expert*innen besprochen wurden und es für alle Beteiligten ein großer Lernprozess war (TQW 2023).
Diese Gleichberechtigung von Generationen sowie das Stärken autonomer und eigenständiger Persönlichkeiten bereits im Kindesalter, erinnern an die utopische Vision von Shulamith Firestone, eine radikale Feministin geboren im Jahr 1945, die in ihrem Buch The Dialetic of Sex (1970) eine gleichberechtigte Welt zwischen den Geschlechtern, sowie auch zwischen verschiedenen Generationen imaginiert. Firestone spricht davon, dass sowohl Kinder als auch Frauen vom Patriarchat und der Kernfamilie unterdrückt werden (1970, 72). Sie sagt, dass Frauen nicht frei sein können, wenn Kinder nicht frei sind, und vice versa (72). Firestone erklärt, dass das Konzept von Kindheit nicht seit jeher existiert. Im Mittelalter waren Kinder einfach kleine Erwachsene (76), die den fertigen Erwachsenen dienten (77). Mit dem Entstehen der Bourgeoise entstand auch das Konzept der Kindheit und die moderne Kernfamilie (78). Plötzlich wurde es erstrebenswert, das Kind so lange wie möglich Teil dieser Kernfamilie zu lassen und psychologisch, finanziell und emotional an diese zu binden, bis sie selbst eine Kernfamilie gründen (86). Dadurch entstand eine Zeitperiode, in der Kinder auf spezielle Art und Weise behandelt werden: das Kindesalter. Kinder spielten nicht länger dieselben Spiele wie Erwachsene, waren nicht auf denselben Festlichkeiten, sondern bekamen gesonderte Spiele und gingen zu gesonderten Veranstaltungen, sprachen eine eigene Sprache, lasen auch eigene Bücher. Vor allem gingen sie in die Schule, die ihnen Disziplin und Struktur beibringt, und die sie von anderen Altersklassen segregiert (87). Kinder wurden als mental unterentwickelt angesehen und nicht ernst genommen, sie durften nicht an Diskursen für Erwachsene teilnehmen (88), sondern wurden lediglich als „süß“ wahrgenommen (89) und waren gezwungen, ewig zu lächeln (90). Schlussendlich kategorisiert Firestone Kinder als eine niedere Klasse, die vollkommen abhängig von ihren Erziehungsberechtigten ist (90). Firestone plädiert dafür, dass Kinder Gleichberechtigung erfahren sollten (96). Kinder sollten wie Erwachsene sein können, und Erwachsene wie Kinder (96). Sie sollten frei sein und nicht ständig um Erlaubnis bitten müssen (103). Sie sollten als fertiger Mensch betrachtet werden (104).
Die Repräsentation von verschiedenen Generationen in Holzingers Ophelia’s Got Talent scheint dieses Ideal zu verfolgen. Durch die Inklusion von Kindern in Stücken mit Altersbeschränkung, das Mitspracherecht in diesen Stücken, das Mitwirken in diesen Stücken, das Erklären dieser Stücke, begegnen sich Holzinger und die jüngere Generation, und alle anderen Teilnehmenden, wie auch das Publikum, auf Augenhöhe. Die Kinder in Ophelia’s Got Talent werden nicht paternalistisch vor den Schrecken der Realität, vor Sex, Blut und Tod „behütet“, im Gegenteil, sie werden aufgeklärt, inkludiert und somit ermächtigt. Denn Wissen konstituiert Macht. Und wissende Kinder sind somit handlungsmächtig und unabhängig.
Quelle:
Cerny, Karin. 2023. „Choreografin Florentina Holzinger: Kinder an die Macht“ in profil,https://www.profil.at/choreografin-florentina-holzinger-kinder-an-die-macht/402392606, zugegriffen am 23.01.2025
Firestone, Shulamith. 1970. The Dialectic of Sex: The Case for Feminist Revolution. New York. Morrow.
TQW, 2023. „Ich hoffe, dass ich unerklärliche Dinge zustande bringen kann“: Florentina Holzinger im Interview im TQW Newsblog, https://tqw.at/interview-florentina-holzinger/, zugegriffen am 23.01.2025.














