Figurenanalyse: Jill Lawrence in The Man Who Knew Too Much (1934)
Der Film The Man Who Knew Too Much aus dem Jahr 1934 ist eines der frühesten Werke des Regisseurs Alfred Hitchcock. Hitchcock betrachtete The Man Who Knew Too Much als Wendepunkt seiner Karriere (Chandler 2005, 131).
The Man Who Knew Too Much ist ein klassischer hitchcockianischer Thriller, dessen Spannungsaufbau, Figurengestaltung und dessen Narrativ sehr an andere Filme des sogenannten Masters of Suspense erinnert. The Man Who Knew Too Much behandelt die Themen Familie, Entführung, Heldentum, politischer Terrorismus und internationale Spionage; Themen, die auch in Filmen wie The Lady Vanishes, 39 Steps oder Sabotage aufgegriffen werden (Chandler 2005, 127).
In einem Interview aus „It’s Only A Movie” (Chandler 2005) ordnet Charles Bennett, der mit Hitchcock an mehreren Filmen, inklusive The Man Who Knew Too Much, gearbeitet hat, den Film in das aktuelle politische Geschehen aus dem Jahr 1934 ein. Er sagt, dass Filme effektiver seien, wenn sie die reale Welt und ihre Ereignisse widerspiegeln würden. Die Aussicht auf einen weiteren Krieg hätte Themen wie Spionage, Attentate und politische Intrigen daher zu idealem Material gemacht (129). Dass der Bösewicht, gespielt von Peter Lorre, ein Deutscher war, der noch kein Englisch gesprochen hat (130), ist wahrscheinlich kein Zufall.
In folgendem Text wird die Figur der Jill Lawrence (Edna Best) analysiert und aufgezeigt, inwiefern ihre Inszenierung als feministisch interpretiert werden kann. Insbesondere wird auf die Szene eingegangen, in der die Figur der Jill Lawrence eingeführt wird.
In The Man Who Knew Too Much (1934) wird Jill Lawrence mit diesem Austausch eingeführt: “Where is Jill?” “She’s working off the finals of the clay-pidgeon shooting” (00:4:14-00:04:18). Sofort etabliert sich das Bild von einer aktiven, handlungsmächtigen, starken Frau, die furchtlos und geschickt mit einem Gewehr umgehen kann. In der Einstellung, in der man sie zum ersten Mal sieht, steigt ihr Gegner Ramon (Frank Vosper) vor Beginn des Wettbewerbs zu ihr hoch. Sie ist also zunächst über ihm, er passt sich gelegentlich ihrer Höhe an. Ihr Aussehen ist typisch der goldenen Zwanziger: androgyn, kurzhaarig und burschikos. Sie trägt ein zum Hals geknöpftes Hemd und eine schwarze Jacke mit Kragen. Ihre Stimme ist relativ tief und selbstbestimmt.
Jill Lawrence spricht zuerst und wird von ihrem Gegner prompt komplimentiert: „You English have such a sense of humor“ (00:4:42-00:4:44). Als Ramon sagt, er sei sicher, sie würde siegen, sei sie doch wunderschön und clever, schwindet ihr Lächeln und sie lässt seine Hand los. Hat sie sich daran gestört, dass er sie auf ihr Aussehen reduziert hat? Man weiß es nicht, man kann nur mutmaßen. Jill Lawrence wechselt das Thema und bestimmt, dass der Wettbewerb nun beginnen möge. Auch hier sieht man: Sie ist vollkommen in Kontrolle. Sie bestimmt das Gesprächsthema, sie bestimmt den Start des Wettkampfs und beginnt auch als Erste. Als ihre Tochter sie kurz vor ihrem Schuss unterbricht, ist sie freundlich, aber bestimmt. Sie wirkt nicht wie eine stereotypische Mutter aus den frühen 1930ern, sondern wie eine selbstbestimmte Frau, wenn sie ihre Tochter liebevoll „You little wretch“ (00:5:20) nennt, ihr eine Brosche schenkt und sie wegschickt. Schließlich hat sie ein Turnier zu gewinnen. Ihre Karriere scheint in dieser Situation im Fokus zu stehen. Eine Eigenschaft, die einer Frau aus den 1930ern wahrscheinlich nicht häufig und auch nicht gerne zugeschrieben wird.
Jill Lawrence trifft nicht, weil sie vom Bösewicht des Films abgelenkt wird. Sie denkt jedoch, ihre Tochter sei schuld an dem störenden Geräusch gewesen und sagt: „Let that be a lesson to you: Never have any children“ (0:5:55). Diese Aussage lässt vermuten, dass Jil Lawrence ihre Karriere mindestens genauso wichtig ist, wie ihre Familie. Eine für die Zeit sehr ungewöhnliche Charakterisierung einer Frau. Auch, dass sie fröhlich neckend zu ihrem Mann sagt: „You know your child’s going to cost me the match, don’t you?“ (00:6:00-00:6:03), ist eine ungewöhnliche Darstellung der Gender-Relation beider Eltern. Es wirkt, als wäre sie die Person, die auf die Karriere fokussiert ist, während der Vater primär mit dem Kind assoziiert wird: „Well, if I loose this game, I’ll disown her forever“ (00:06:05-00:6:07), sagt Jill Lawrence.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hitchcock zu Beginn des Films mit Jill Lawrence eine eigenständige, aktive, handlungsmächtige, selbstbestimmte und selbstbewusste Karrierefrau inszeniert, die ihren Erfolg ihrer Familie nicht unterstellen würde. Jill Lawrence ist eine androgyne, burschikose Frau, die männlich-konnotierte Eigenschaften, wie einen Karrierewunsch, ein Konkurrenzdenken, Humor, und Selbstbewusstsein vereint, und auch vor dem männlich-konnotierten Gewehr nicht zurückschreckt – im Gegenteil.
Kann man also sagen, dass Hitchcock in The Man Who Knew Too Much eine durchaus feministische Darstellung der weiblichen Hauptfigur geleistet hat? Die Antwort fällt ambivalent aus. Denn, obwohl Jill Lawrence in ihrer ersten Szene so überaus aktiv, selbstbestimmt und handlungsmächtig dargestellt wird, verliert sie diese Eigenschaften (größtenteils) im Laufe des Films. Für die Analyse ihrer Wandlung wird die Szene beschrieben, in der sie den Brief erhält, in dem steht, dass ihre Tochter entführt wurde. In dieser Szene ist von dem anfänglichen Ehepaar Lawrence – zuvor auf Augenhöhe – nicht mehr viel übrig. Jills Ehemann, Bob (Leslie Banks), ist hier der aktive Part. Er überbringt Jill, trotz Einschreitens der Polizei, den Brief, woraufhin Jill Lawrence fällt in Ohnmacht - drei Männer im Raum eilen ihr zur Hilfe. Die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern scheinen sich umgekehrt zu haben. Jill ist nun hilflos und muss sich komplett auf die Handlungsmacht ihres Mannes verlassen. Trotz ihrer Fähigkeiten und ihrer Kämpfernatur rückt sie in den Hintergrund und macht Platz für den männlichen Helden.
Auch das Auftreten von Jill hat sich in dieser Szene gewandelt, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass sie kein Wort mehr spricht. Ihre Verwandlung ist aber auch schon an ihrer Kleidung zu erkennen. Aufgrund ihres weichen Kleides mit einer großen Blume am Dekolleté wirkt sie weich, weiblich und stark mütterlich. Der schwarze Gürtel um ihre Taille betont ihre Figur. Verschwunden ist die Androgynität, die Willensstärke und die Selbstsicherheit von Jill Lawrence. Zurück bleibt lediglich eine Frau, die sich auf ihren Mann verlassen muss, um ihr Kind zu retten. Die starke Karrierefrau, die mit einer Waffe umgehen kann, wird zu einer hilflosen Frau und Mutter. Jegliche Handlungsfähigkeit, die Jill Lawrence besessen hat, wurde völlig entwertet und bis zur Non-Existenz gebracht, wodurch sie nun eine übermäßig emotionale, passive, traditionelle, mütterliche und weibliche Geschlechterrolle verkörpert.
Zum Schluss des Films ist es jedoch Jill, die durch einen präzisen Schuss den letzten Bösewicht erschießt und ihre Tochter rettet. Sie stellt dadurch eine Seltenheit der Filme des frühen 20. Jahrunderts dar: Sie ist eine der ersten Frauen mit einer aktiven Rolle in einem Thriller-Film. Trotzdem ist die Figur der Jill als uneindeutig zu beschreiben. Es lässt sich nicht klar sagen, ob Jill Lawrence eine feministische Inszenierung ist, verliert sie doch zeitweise die Charaktereigenschaften, die eine starke Frauenfigur ausmachen: Aktivität, Selbstermächtigung und Handlungsmacht. Dennoch lässt sich sagen, dass Hitchcock mit der Figur der Jill Lawrence eine komplexe Frauenfigur erschaffen hat, die in den frühen 1930ern gewiss nicht gewöhnlich war.
Hitchcock hat den Film The Man Who Knew Too Much in 1956 erneut verfilmt. Dort hat er neue Figuren, neue Orte, und eine veränderte und verlängerte Storyline hinzugefügt. In meiner zweiten Analyse dieses Seminars werde ich die Figur der Jo McKenna, gespielt von Doris Day, von einer feministischen Perspektive aus analysieren, da McKenna ebenfalls eine umstrittene Figur der feministischen Filmtheorie ist.
Chandler, Charlotte. It’s Only A Movie: Alfred Hitchcock, a personal biography. Simon & Schuster, 2005.
The Man Who Knew Too Much. Regie von Alfred Hitchcock. Gaumont British Picture Corporation, 1934.