Nachlese: Hate.
Da steht ein Pferd auf der Bühne und es macht nix. Die Performerin daneben dafür ziemlich viel. Der Versuch einer Begegnung auf Augenhöhe.
Es wäre möglich, neben dem Pferd zu stehen. Neben dem Pferd zu sitzen. Neben dem Pferd einzuschlafen. Auf das Pferd zu achten, dem Pferd zuzuhören, sich auf das Pferd einzulassen. Laetitia Dosch macht nichts von alledem. Das einzige, was sie tut, um eine Begegnung auf Augenhöhe zu erreichen, ist, sich auszuziehen. Du bist weiß und nackt, ich bin weiß und nackt, jetzt sind wir gleich. Manchmal geht diese Rechnung auf. Nur leider weiß das Pferd nichts von seinem Nacktsein und der Scham oder es weiß es und lässt uns nicht daran teilhaben. Schade. Also fängt Laetitia einfach gleich an, uns ihre Geschichte zu erzählen, eine romantische Geschichte von einer in der Welt der Menschen nicht fündig gewordenen Suchenden, die ihr Verlangen nun erweitert und in die Tierwelt einmarschiert. Das ist ja alles schön und gut, bliebe da noch etwas für uns übrig. Oder für das Pferd. Denn da ist ein Pferd auf der Bühne und das ist eine Sensation. Da ist ein Pferd auf der Bühne und es macht nix. Da ist ein Pferd auf der Bühne und ich habe ein Poster davon in meinem Zimmer aufgehangen und das Poster ist toll und auf dem Rücken des Pferdes sitzt Laetitia, die weiße Amazone (naja, nicht wirklich, sie hat noch beide Brüste und ein Schwert statt eines Bogens). Und sie ist nackt und ihre Hüfte umschnallt eine lila-glitzernde Bauchtasche und darin sind Karotten für das Pferd, damit es tut, was sie sagt und in ihrer linken Hand hält sie ein Plastikschwert, so wie es sich gehört: Erhoben. „Ach, toll“, scheint sie zu denken, „ein Pferd! Ich mochte Pferde ja schon immer! Voll gut, dass ich auch Performerin bin und dass ich das Pferd einfach mitnehmen kann auf die Bühne, damit alle sehen, wie toll das Pferd ist und wie super meine Idee, es auf die Bühne zu stellen. Ein Pferd auf der Bühne, das ist eine Sensation!“ Nur leider kommt gar nichts davon rüber. Und das muss auch erstmal geschafft werden: All das Mystische, Kraftvolle, Starke, was ein lebendiges Pferd auf einer Weide ausmacht, und mich auch jetzt noch, mit 28, bei jeder Autofahrt „GUCK MAL DA SIND PFERDE!“ brüllen lässt, geht hier im Scheinwerferlicht verloren. Mindestens einer Person im Raum ist das übrigens so richtig egal: Dem Pferd.
Dem Pferd ist alles egal, es will nur Karotten und seine Ruhe. Ihm ist es auch egal, ob es jetzt auf der Bühne steht oder auf einer Weide, es erträgt alles, stoisch, so sieht es zumindest aus. Was im Pferd vorgeht, weiß keiner. Obwohl, da gab es doch mal diese Sendung auf SuperRTL: Der Pferdeflüsterer. Dauernd diese Werbung mit diesem Typen und seinem Cowboyhut und seinem Gesicht so nah an dem vom Pferd. Und der war nicht nur Pferdeflüsterer, sondern auch Frauenversteher. Der Mann, dem sich die Pferde öffnen, auch der Mann, dem die Frauen vertrauen, normal.
Performerin und Regisseurin Laetitia Dosch ist es jedenfalls egal, ob das Pferd was will. Sie zieht ihre Story durch. Was romantisch sein soll, muss romantisch bleiben, auch wenn das vielleicht nie war. Der Wunsch, sich mit dem Pferd zu paaren, gar ein Kind zu kriegen, ist eine Eben, die sich einfach nicht erklärt. Wäre vielleicht anders gewesen, hätte Laetitia ihre Lust langsam als Reaktion auf den immer und immer wieder und von welchem Rhythmus oder Stimulus auch immer getriebenen ausfahrenden Pferdepenis entwickelt. Aber da ist zuerst die Lust, dann das Glied. Nun ja, manchmal ist das eben so, aber worum geht es hier dann? Um eine respektvolle Auseinandersetzung mit einem gleichberechtigten Gegenüber oder um das Reiben der eigenen Bedürfnisse an unschuldiger (weicher, kuscheliger, schmusiger) Pferdehaut? Ist ja alles nachvollziehbar, inhaltlich: Das Verlorensein in einer sich selbst zerstörenden Klimakrisengesellschaft, die Suche nach Heimat und einem Gefühl, das erdet, einem Grund, am Leben zu sein, tief und sicher, der Wunsch, sichtbar zu sein und unbedingt einen Theaterpreis gewinnen zu wollen. Nur leider verpufft jede dramatische Bemühung der Performerin, diese Wünsche mit dem Tier auf der Bühne in einen Zusammenhang zu bringen, im trockenen Präriestaub.
Da gibt es diesen einen Moment: Plötzlich, irgendwo zwischen Anfang und Mitte des Stückes beginnt das Pferd zu sprechen. Also leider nicht wirklich, denn das wäre wahrhaftig eine Sensation und vielleicht die Auferstehung des Pferdeflüsterers, aber nein: Laetitia Dosch spricht jetzt auch das Pferd, mit tieferer Stimme. Das ist zwar lustig, wenn das Pferd nicht macht, was es soll und LD ihm die Worte ins Maul legt, z.B.: „Ich such nur grad meinen Schlüssel“, wenn es mit der Schnauze über den Boden wischt oder „Ich dreh hier noch kurz ‘ne Runde und komm dann ganz elegant zu dir“, wenn das Pferd unnötigerweise nochmal im Kreis geht. Momente, in denen sich die Performerin mit all ihrem Menschsein in die Gedankenwelt des Tieres beamte und versucht, ihm eine Stimme zu geben. Jedenfalls nachdem sie schon ca. zwanzig Minuten um einander herum spaziert sind, lässt LD jetzt das Pferd fragen, ob es ihr mal am Hintern riechen könne. Darf es. Und umgekehrt genauso. Das ist lustig und bescheuert, das zeigt charmant die absurde Unmöglichkeit und liebenswerte Naivität des Versuchs, einem Pferd auf Augenhöhe zu begegnen. Es wäre interessant gewesen, genau das zum Ausgangspunkt des Stückes gemacht zu haben und auf dem Rücken des Pferdes buchstäblich über Macht und Freiheit und Power und Ermächtigung und Freiheit und Grenzen und Beherrschen und Beherrschtwerden zu sinnieren. Denn wer sich auf Augenhöhe begegnen will, ist es meistens nicht. Wer sich auf Augenhöhe begegnen will, hat Bauchschmerzen mit der eigenen Machtposition. Das ist ja erstmal gut! Diese Tatsache anzuerkennen könnte dann eben der Schlüssel für ein echtes Miteinander sein, für den respektvollen Umgang zweier Arten, die unterschiedlich sind. Aber darum geht es hier offenbar gar nicht.
An oberster Stelle, so betont die Pferdeflüsterin übrigens im Nachgespräch, stehe das Wohlbefinden des Pferdes. Klaro. Sein Sensationsversprechen löst es jedenfalls nicht ein, obwohl doch alle ganz aufgeregt dafür sorgen, dass niemand zu früh klatscht, um ja das Pferd nicht aufzuschrecken, sodass man langsam das Gefühl bekommt, man würde den Raum mit einer tickenden Zeitbombe teilen und nicht mit einem Lebewesen. Oder vielleicht ist das das Gleiche. Am Ende steht der vom klatschenden Publikum sichtlich unbeeindruckte wohlstandsverwahrloste Wallach genauso stumpf wie die vergangenen 60 Minuten auf der Bühne, auf die er im Laufe des Stückes gekackt, gepinkelt und (leider nicht) ejakuliert hat und gibt genau eines: Zero fucks.











