Und ein weiterer Abend bei Festival Theaterformen klingt zauberhaft aus; heute mit: SOPHIA KENNEDY
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Und ein weiterer Abend bei Festival Theaterformen klingt zauberhaft aus; heute mit: SOPHIA KENNEDY
Was geht mich das an? (zur Diskussion „Was geht das Braunschweig an?“ am 9.6.2018) | Ein Selbstgespräch
– see English version below –
Feststellung: Unsere Gegenwart ist geprägt von kolonialen Kontinuitäten, also den Nachwirkungen der kolonialen Ideologie, des kolonialen Systems und der kolonialen Praxis, die sich historisch entwickelt haben, zusammenwirken – und zwar bis in die Gegenwart hinein.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Der Kolonialismus, so zeigt Joshua Kwesi Aikins an vielen Beispielen, beeinflusst noch immer unseren unmittelbaren Alltag. Er nennt es die »Echos des Kolonialismus«. Ein schöne, eine zu schöne Formulierung für das, was dahintersteht. Oftmals versuchen wir, diese verblassenden und verzerrten Echos zu ignorieren. Doch ihr Nachhall ist real. Und wir müssen über ihn sprechen.
Ich werde nie wieder unbedarft in den Edeka um die Ecke gehen. »Edeka« (E. d. K.), das heißt Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler. Ich werde noch mehr als eh schon auf die Massen- und Überproduktion von Nahrungsmitteln aufmerksam machen. Denn das damit verbundene Wegwerfen (täglich tonnenweise Brot beispielsweise) zieht marktwirtschaftlich noch viel weitere Kreise: Als in Großbritannien die BSE-Krise ausbrach, gab es plötzlich eine Dosen-Cornbief-Schwemme in Ghana. Es war jenes Fleisch, das infolge gesundheitlicher Bedenken in Großbritannien und Europa vom Markt genommen wurde. Es sind nur zwei von unzähligen Beispielen, die belegen: Der Kolonialismus ist nach wie vor Teil von Deutschland, Braunschweig und unser aller Leben.
Feststellung: Rassismus ist eine strukturelle Diskriminierungspraktik, bei der ein beliebiges Merkmal, wie beispielsweise Rasse, Genetik, Religion, etc., benutzt wird, um Menschen zu vergruppen. Subjektive Identitäten werden ignoriert, um eine kollektive Minderheit zu erzeugen.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Ich habe Möglichkeiten die Zustände zu ändern. Ich bin kein passives Wesen. Ich kann Widerspruch einlegen und eingefahrene Haltungen, Meinungen und Positionen dekonstruieren, indem ich in Diskussion und auf Konfrontation gehe. Beispielsweise ist die Einteilung der Menschen in Rassen überholt. Europäer, Afrikaner, Asiaten, Latinos – alles eigene Rassen? Veraltet! Neueste Genomentschlüsselungen zeigen, dass es keine menschlichen Rassen außer der Rasse Mensch gibt. Zwei Menschen zweier vermeintlich unterschiedlichen »Rassen« können genetisch mehr gemeinsam haben als zwei Menschen derselben »Rasse«. Ich kann an meiner eigenen Position zur deutschen Geschichte arbeiten: Erinnern ja, denn vergessen ist keine Option.
Die übliche Erinnerungspraxis aber zementiert Sichtweisen, vermeintliche Fakten und allgemein Geschichte. Umso mehr ist es daher notwendig, aus einer sinnvollen, reflektierten Perspektive heraus neu zu erinnern, die Erinnerungspraxis selbst zu ändern und damit neue Betrachtungsweisen zu eröffnen. Der Blick auf Geschichte und Gegenwart, der sich daraus ergibt, wird ein gänzlich neuer sein. Ich habe die Möglichkeit meine Sprache zu ändern: »Versklavte« statt »Sklaverei«, »Menschenhandel« statt »Sklavenhandel« zu sagen und damit Begriffe zu verwenden, die zeigen, dass es aktive Vorgänge waren, die von Menschen (Europäern) durchgeführt wurden; die zeigen, dass es Menschen, Personen, Individuen wie du und ich waren, die wie Objekte behandelt, bewertet und verkauft wurden, über die verfügt wurde als hätten sie kein Recht auf Selbstbestimmung.
Noch eine sprachliche Falle, die ich vermeiden kann: Ich spreche künftig von »Neokolonialismus« statt von Postkolonialismus. Das lateinische Präfix »post« in Postkolonialismus verleitet zu der falschen Annahme, der Kolonialismus sei überwunden. »Neokolonialismus« hingegen zeigt sprachlich viel mehr die Echos, Nachwirkungen und Transformationen kolonialer Ideologien und Praktiken, die bis ins Hier und Jetzt reichen. Denn die Spuren des Kolonialismus im Jetzt sind der Neue Kolonialismus.
Feststellung: Unsere Erinnerungskultur erhält und konserviert, worauf unsere Vorfahren stolz waren; wir erinnern, worauf wir stolz sind. Doch die Erinnerungskultur ist regelmäßig einer Revision zu unterziehen. Sie steht nicht außerhalb der Geschichte und wahrt sie aus einer neutralen Position, sondern sie macht Geschichte. Warum haben wir nach wie vor Denkmäler, materialisierte Erinnerung, für die Nazi-Zeit, den 30-jährigen Krieg, die Kolonialzeit?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Die Erinnerungspraktiken und Aufarbeitungsversuche, mit denen wir die NS-Zeit zu bewältigen gedenken, haben die Kolonialschuld Deutschlands in Geschichtsunterricht und kollektivem Gedächtnis verdrängt. Man muss die Augen schon sehr bewusst öffnen, um die Spuren, die noch auf die Deutschen in Afrika hinweisen, in unserem alltäglichen Umfeld zu finden und (aus-)lesen zu können. Doch sie sind noch da, diese Spuren, die auch im 21. Jahrhundert noch – beispielsweise in Straßennamen – sogenannte „Eroberer“, „Entdecker“, also Kolonialherren ehren. Derartige Straßennamen, beispielsweise, umzubenennen, würde nicht bedeuten Erinnerung oder gar Geschichte dem Vergessen preiszugeben. Es würde vielmehr die Huldigung tilgen und die Geschehnisse würden dort konserviert, wo sie adäquat diskutiert und reflektiert werden: in Geschichtsbüchern. Aber wer könnte das veranlassen? Ich? Du? Wir Bürgerinnen und Bürger, von unten? Oder muss es eine Entscheidung von oben, aus der Politik sein? Macht es einen Unterschied, ob dieser neue Weg von Weißen oder von Schwarzen, Tätern oder Opfern geebnet wird?
Feststellung: Hochkultur und Leitkultur sind über die Jahrhunderte unreflektiert mitgeschleppte Begriffe. Zwar wurden sie aus theoretischer Perspektive in Frage gestellt, übersehen wurde dabei allerdings eine ganz andere Dimension: Auf welchen materiellen Grundlagen ruht eigentlich die sogenannte europäische Hochkultur?
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Das Geld, das auf den Erhalt einer weißen (und wie ich denke, fragwürdigen, überholten) Hochkultur verwendet wurde und wird, wurde zu Lasten Schwarzer Menschen erwirtschaftet. Heutzutage würde man sagen: Dieses Geld ist nicht sauber. Johann Wolfgang von Goethe beispielsweise bezahlte seine berühmte, wie auch kostspielige Italienreise – eine separate Kutsche nur für den Koch ließ er sich nicht nehmen – nicht aus eigener Tasche. Sein Ruf als einflussreicher, berühmter und geehrter Schriftsteller bescherte ihm ein großzügiges Sponsoring des Bankhauses Bethmann (Frankfurt/Main). Woher kam deren Geld? Das Bankhaus war erfolgreich im Menschenhandel tätig. Und das, was dank Goethe daraus hervorging, halten wir bis heute hoch – als weiße, deutsche Leitkultur.
Bis heute finden sich ähnliche Fälle, bei denen Unternehmen durch ihr rücksichtloses Agieren – gerade im Finanzsektor – ihr Geld mit Blut erwirtschaften. Sie privatisieren Gewinne und sozialisieren Verluste. Sind vor diesem Hintergrund Stiftungen und Mäzenatentum großer Konzerne nichts anderes als heuchlerische Versuche, das eigene Gewissen im Namen kultureller und humanistischer Werte reinzuwaschen? Zu lange her? Zu viele Ecken? Schuld lässt sich nicht abwaschen, nur weil sie durch mehrere Hände gegangen ist.
Feststellung: Kulturelle Herkunft und biologische wie auch sozial-historische Abstammung werden benutzt, um Gemeinschaft zu generieren: einen gemeinsamen Staat, eine kollektive Identität und damit verbunden die Stärke einer Gruppe.
Und was geht das Braunschweig an? Was geht mich das an?
Wenn ich so darüber nachdenke, stelle ich fest: Ja, Identität ist Gegenüberstellung – wir, die Gruppe, die Einheimischen, die Verbündeten vs. ihr, die Anderen, die Fremden. Dabei fällt mir dieser durchaus abgegriffene und doch wahre Spruch ein: »Fremd ist der Fremde nur in der Fremde«. Dann beginnen Schlagwörter in meinem Kopf aufzuploppen: Kolonialherren, Versklavte, Abgrenzung, Ausgrenzung, Identität, Individualität … ich gerate ins Stocken. Warum wird Individualität als Abgrenzung benutzt? Warum steht Identität im Zusammenhang mit Ausgrenzung? Warum funktionieren Puzzle-Spiele, wo sich einzelne, individuelle Teile klar voneinander abgrenzen und dabei doch in einer Gruppe sich perfekt ergänzen und gemeinsam etwas Größeres sind? Wie könnte man dieses Prinzip erfolgreich auf Menschen und Menschengruppen übertragen?
“What does this have to do with Braunschweig?” (discussion on 9th June) | A conversation with myself
Statement: Our present is marked by colonial continuities, so the after-effects of colonial ideologies, the colonial system and colonial practices, which developed historically, working together – lasting until the present day.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
Colonialism, as Joshua Kwesi Aikins demonstrates with many examples, still influences our immediate, everyday life. He calls it the “echoes of colonialism”. A lovely, much too lovely phrase for what it stands for. We often try to ignore these fading and distorted echoes. Yet their reverberation is real. And we have to talk about it.
I will never again be able to obliviously go shopping in the Edeka around the corner. “Edeka” (E.D.K.) stands for Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler in German, or Colonial Goods Merchants Shopping Cooperative. I will draw attention to the mass and surplus production of food more than ever. Because the amount of waste associated with that (tonnes of bread every day for example) is economically linked to much wider circles: when the BSE crisis broke out in the UK, there was suddenly a glut of tinned corned beef in Ghana. It was the same meat that had been taken off the market in the UK and Europe because of health concerns. These are just two of countless examples that prove: colonialism is still a part of Germany, Braunschweig and all of our lives.
Statement: Racism is a structural practice of discrimination, in which a random trait, such as race, genetics, religion, etc. is used to categorise people into groups. Subjective identities are ignored to create collective minorities.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
I have the opportunity to change conditions. I am not a passive being. I can object to things and deconstruct fixed attitudes, opinions and positions, by entering into discussions and confrontations. For example, the division of people into races is out of date. Europeans, Africans, Asians, Latinos – all their own races? Out of date! The latest genome decoding tests show that there are no human races apart from the human race. Two people from two apparently different “races” can have more in common than two people of the same “race”. I can work on my own position regarding German history: remembering yes, because forgetting is not an option.
The standard practice of remembering cements views, alleged facts and general history. That’s why it’s even more necessary to re-remember from a logical, critically reflective perspective, to change the practice of remembering itself and thereby open up new ways of looking at things. The view of history and the present that is produced from that will be a completely new one. I have the possibility to change my language: to say “the enslaved” instead of “slavery”, “human trade” instead of “slave trade”, thereby using terms that show these were active processes that were carried out by people (Europeans); which show that it was humans, people, individuals like you and me who were treated like objects, calculated and sold, who were ruled as if they had no right to self-determination. One more linguistic trap I can avoid: from now on I will talk about “neo-colonialism” not “postcolonialism”. The Latin prefix “post” in postcolonialism gives the false impression that colonialism is over. In contrast, “neo-colonialism” far better linguistically reveals the echoes, after-effects and transformations of colonial ideologies and practices that still influence us in the here and now. Because the traces of colonialism today are the new colonialism.
Statement: Our remembrance culture maintains and conserves that which our forefathers were proud of. But remembrance culture must be regularly revised. It doesn’t exist outside of history and doesn’t preserve history from a neutral position, rather it makes history. Why do we still have memorials, materialised memory, for the Nazi time, the Thirty Years War, the colonial period?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
Practices of remembrance and attempts to work through the past, with which we think we deal with the Nazi period, have resulted in Germany’s colonial guilt being supressed in history class and in our collective memory. You really have to very consciously open your eyes to be able to find and read the traces that point to the Germans in Africa in our everyday environment. But they’re still there, these traces, which still honour the so-called “conquerors” and “explorers”, in other words colonial masters, in the twenty-first century – for example in street names. Renaming street names like that, for example, would not mean allowing memory or even history to be forgotten. Much rather, it would take away this homage and the events could be conserved in places where they can be adequately discussed and critically reflected upon: in history books. But who could initiate this? Me? You? We simple citizens, at a grassroots level? Or would it have to be a decision from the top, from politics? Does it make a difference whether the new way is paved by white people or black people, by the perpetrators or the victims?
Statement: High culture and dominant culture are terms we’ve dragged along without thinking about them for centuries. Although they have been questioned from a theoretical perspective, a whole other dimension was overlooked: what material foundation does so-called European dominant culture actually rest upon?
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
The money that went into and goes into to maintaining a white (and in my opinion questionable, out of date) high culture was obtained at the expense of black people. Today we would say: this is dirty money. Johann Wolfgang von Goethe for example, did not pay for his famous and rather expensive Italian journey – he would not compromise on a separate coach just for the cook – out of his own pocket. His reputation as an influential, famous and respected writer won him generous sponsorship from the Bethmann Bank (Frankfurt am Main). Where did the money come from? The bank was doing very well in the slave trade. And what came out of that, thanks to Goethe, we still revere today – as white, German dominant culture.
You can still find similar cases today, in which companies make their money from blood through their ruthless actions – especially in the financial sector. They privatise profits and socialise losses. Against this background, aren’t the big corporations’ foundations and patronage nothing but the hypocritical attempt to wash clean their own consciences in the name of cultural and humanist values? Too long ago? To complicated? Guilt cannot be washed off just because it has gone through many hands.
Statement: Cultural background as well as biological and social-historical ancestry are used to create communities: a shared state, a collective identity and consequently the strength of a group.
And what does that have to do with Braunschweig? What does that have to do with me?
When I think about it, I realise: yes, identity is generated from opposition – we, the group, the locals, the allied, versus you, the others the foreigners. And then this pretty worn-out yet true saying springs to mind: “A foreigner is only foreign in a foreign place”. Then buzzwords start to pop into my head: colonial masters, the enslaved, boundaries, exclusion, identity, individuality… I falter. Why is individuality used to create boundaries? Why is identity connected to exclusion? Why do puzzles work, where single individual pieces are clearly defined from each other and yet all work together perfectly in a group and in sum are something larger? How could we transfer this principle successfully to people and groups of people?
Text: Jacqueline Moschkau
Translation: Anna Galt (Bochert Translations)
Heute Abend! live on stage! bei Festival Theaterformen! We proudly present—nicht am Akkordeon, aber am Flügel—für Sie und nur heute: BABY DEE! 21.30 Uhr, Festivalzentrum
Tonight! live on stage! at festival Theaterformen! We proudly present—not with the accordion but playing the piano—for you and only tonight: BABY DEE! 9.30 p.m., festival center/courtyard -- Fotos: Charlotte Behr
Martine Dennewald (Jahrgang 1980) ist seit 2015 künstlerische Leiterin von Festival Theaterformen. Sie ist als gebürtige Luxemburgerin dreisprachig aufgewachsen und spricht neben Luxemburgisch, Deutsch, Französisch auch Englisch, Spanisch, Schwedisch und Japanisch. Sie hat Dramaturgie in Leipzig, Germanistik und Anglistik in Luxemburg und Kunstmanagement in London studiert. Wir treffen uns in der Holländischen Kakaostube in der Innenstadt von Hannover. Martine trinkt Kakao, denn hier wird er mit echter Sahne gemacht.
1) Deine Lieblingsfarbe? Rot. Theaterformen rot. Sie lacht, sie weiß, dass es hier um mehr geht als um Selbstvermarktung. Sie will die Leidenschaft zeigen, zeigen, wie sehr sie hinter einem, dem eigenen Projekt stehen kann und muss.
2) Dein Lieblingstier? Eichhörnchen.
3) Wer trifft Deine Entscheidungen: Herz oder Kopf, Gefühl oder Verstand? Kopf.
4) Dein Teeny-Schwarm? Andreas Pietschmann (Link), Schauspieler in Bochum damals unter Leander Haußmann (Link). Sie kichert, heller als ihr Lachen zuvor, verzückt von der Erinnerung.
5) Dein Männergeschmack: George Clooney oder Brad Pitt? George Clooney. Das ist jetzt überraschend, Frau Dennewald. Pietschmann ist ja doch eher vom Kaliber Pitt. Aber Geschmäcker ändern sich ja bekanntlich.
6) Wann sieht Dein Terminkalender das nächste Treffen mit Deinem Mann vor? Sie lacht. Wird sie verlegen? Nein, Contenance, Professionalität, gefasst und ganz business-woman-like durchgeplant fährt sie fort: Donnerstagabend, wenn’s geht.
7) Mit Deiner Familie? Beim Festival.
8) Lassen sich Kinder mit Deinem Beruf vereinbaren? Schwerlich, aber es gibt Kolleginnen, die es schaffen. Projekte können ja auch wie Kinder sein, zumindest brauchen sie genauso viel oder gar mehr Aufmerksamkeit und Engagement. Jetzt ist erst mal die Vertragsverlängerung mit Festival Theaterformen im Gespräch. Zwei Jahre sind Martine noch sicher. Danach … wer weiß.
9) Wer putzt: Du oder Dein Mann? Ich. Das kam schnell, resignierend, aber mit einem liebevollen Lächeln.
10) Martine kocht: Was gibt's? Meistens Pasta. Und da war es wieder, dieses fröhliche Lachen mit dem leicht rauen Timbre.
11) Über was kannst Du lachen? Situationskomik.
12) Über was nicht? Rassistische Witze.
13) Dein wichtigstes Vorbild? Die Gründerinnen vom LIFT: Rose Fenton und Lucy Neal. Bei LIFT, dem London International Festival of Theatre, hat Martine ein Praktikum gemacht, als sie in London studierte.
14) Dein letzter Jetlag war wann? Vor zwei Monaten.
15) Was ist Heimat? Gibt es nicht.
16) Frankfurt, Hannover, Braunschweig – wo fühlst Du Dich zuhause? Martines Augen werden größer. Ist die Frage ein Schock? „Seit wann muss ich mich da entscheiden?“ scheint sie zu denken. Ein langes, schweigendes Nachdenken gefolgt von einem langen Mhmmm. In Deutschland. Wieder so ein fast hämisches Lachen, das sagt: “Jetzt hab ich Dich aber ausgetrickst mit meiner Antwort, oder?”
17) Riesenfrage: Was ist Kunst? Kunst ist etwas, das seine Regeln selber aufsetzen, sie dekonstruieren und neu zusammensetzen kann. Na, das haben wir doch irgendwo schon mal gehört?! Ach ja, hier: Martine im Gespräch mit H.E. Rybol, 2016 (Link). Scheint also ein Lebenscredo zu sein.
18) Braucht Theater Politik? abgeklärt und bestimmt: Unbedingt.
19) Braucht Politik Theater? Auch.
20) Was ist gutes Theater? Überlegen. Murmeln. Die Bitte um Bedenkzeit. Die Antwort scheint nicht ganz so einfach wie gerade eben. Man kann es nicht sagen. Gutes Theater ist je nach Kontext sehr unterschiedlich.
21) William Shakespeare oder Heiner Müller? Shakespeare. Die Antwort wird wieder gerahmt von ihrem dunklen Lachen.
22) Aus welchem Land kommen die besten Theaterstücke? Wieder eine schwierige Frage. Martine sucht nach „etwas Sinnvollem“ als Antwort. Sie schindet Zeit fürs Nachdenken. Sie kennt so viele Länder und Theaterstücke. Vor ihrer und für ihre Karriere bei Festival Theaterformen hat sie unzählige gesehen. Ihr Weg führte sie von LIFT, dem London International Festival of Theatre, für ein halbes Jahr zum Zeitgenössischen Dramenfestival nach Budapest. Dann arbeitete sie in Zürich am Schauspielhaus, später fünf Jahre bei den Salzburger Festspielen und anschließend zwei Jahre im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt. Die Suche nach Neuem für die Bühnen in Hannover und Braunschweig ist derzeit ihr Job. Mehr zu ihrem Lebenslauf im Gespräch mit Barbara Petsch, 2011 (Link). Die besten Theaterstücke kommen aus den Ländern, wo Theater eine gesellschaftliche Relevanz hat.
23) Was muss sich im deutschen Theater ändern? Ein skeptischer, fast verzweifelter Blick. Welches Fass machen wir jetzt auf, fragen ihre Augen. Sprechen wir über das Stadttheater- oder das Staatstheatersystem oder sprechen wir über Theater allgemein? Allgemein ist ein bisschen schwer. Gleicher Lohn für Männer und Frauen, mehr Repräsentanz unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen bis in die Leitungspositionen. Vielleicht fangen wir mal damit an – das ist ja schon einiges.
24) Nächste Riesenfrage: Was ist Feminismus? Feminismus ist, wenn man sich wehrt, wenn Männer und Frauen aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich behandelt werden.
25) Judith Butler oder Alice Schwarzer? Judith Butler. Das war zu einfach. Geht es hier um richtig oder falsch?
26) Frauenquote in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur – ja oder nein? Ja.
27) Noch eine Amtszeit für Merkel – ja oder nein? Nein. Diese Antwort kommt zu schnell. Als hätte sie drauf gewartet. Aber Martine spickt auch ab und zu auf den Zettel mit den Fragen. Afraid of what may come?
28) Müssen islamische Frauen befreit werden? Nein.
29) Highheels oder Sneakers? Sneakers. Sie lacht. Highheels trägt sie zu gesellschaftlichen Anlässen: Beim Tanzen sehr wahrscheinlich. Und vor der Pressekonferenz zum diesjährigen Festival hat sie noch schnell gewechselt. Beim Interview, an einem ganz normalen Bürotag, trägt sie Sneakers.
Ihre große Leidenschaft ist der Tango. Sie beschreibt ihn, den Tango, als eine Jahre andauernde Verliebtheit, als die Parallelwelt, die ihr eine Fluchtmöglichkeit, den Ausgleich zur Arbeit in Salzburg geboten hat. Sie strahlt und wirkt verzaubert, wenn sie übers Tangotanzen spricht.
30) Tango oder Theater? Sie überlegt wieder. Spätestens jetzt manifestiert sich in ihren feinen Gesichtszügen die Zwickmühle, in der sie sich nun wähnt. Sie überlegt lange, schaut nach rechts, nach links – als sähe sie auf der einen Seite den Tango, ihre Leidenschaft, und auf der anderen Seite das Theater, ebenfalls ihre Leidenschaft. Schokolade. Wir hinterfragen diese Antwort besser nicht.
31) Findest Du, persönliche Erfahrungen wie in Play Rape gehören auf die Bühne? Ja. Locker und mit einer Intonation, die sagt: “Selbstverständlich.”
32) Wann hast Du das letzte Mal "Ich liebe Dich." gesagt? Gestern. Sie bleibt ernst.
33) Thriller oder Komödie? Thriller.
34) Dein Verhältnis zu Deinem Vater? Ihr Vater ist Unternehmer in der Baustoffindustrie, ihre Mutter Französischlehrerin im Ruhestand. Belastet. Sie lacht.
35) Dein Lieblingsreiseziel? Japan, wenn ich das so grob sagen darf. Wo genau in Japan – da müsste ich länger überlegen.
36) Spitzentanz im Ballett: Qual oder Kunst? Eine Form von Kunst. Als Kind hat sie selbst Ballett getanzt und klassische Musik gemacht. Es gehörte dazu. Ihre Eltern fanden es wichtig, dass jedes Kind ein Instrument lernt, die Mädchen Ballett tanzten. Der Junge hat Fußball gespielt.
37) Dein Verhältnis zu Deinen Geschwistern? Sehr, sehr gut. Was soll man sagen? Sehr gut einfach. Martine hat drei jüngere Geschwister: zwei Schwestern und einen Bruder.
38) Wem würdest Du blind vertrauen? Meiner Schwester … meinen Schwestern … meinen Geschwistern, oh Gott, ich will hier keinen … Ihr fehlen die Worte. Sie kommt ins Trudeln.
39) Was ist Dein teuerstes Eigentum? Ein Flügel.
40) Die Rolle der Kunst innerhalb der Aufklärung über kulturelle Klischees? Enorm wichtig.
41) Dein absoluter Sehnsuchtsort? Japan – wiedermal. Sie lächelt. An was genau sie wohl denkt?
42) Ist Theater für alle? Ja?! Sie denkt sich wahrscheinlich gerade: “Was soll diese Frage?” Aber wir sprechen hier immer noch über eine Utopie. Das weiß auch Martine. In den letzten fünf Wochen vor dem Festival wird sie vornehmlich damit beschäftigt sein, jene Bürgerinnen und Bürger mit dem Festivalprogramm zu erreichen, für die es nicht selbstverständlich ist, ins Theater zu gehen. Publikumsakquise. Marketing. Werbung. Zielgruppe erweitern.
43) Ist das Medium Film auf der Theaterbühne okay? Klar. Ein Achselzucken.
44) Dein Traumberuf? Festivalleiterin. Sie lacht den Hauch der Selbstvermarktung wieder weg und wirkt ehrlich, erfüllt.
45) Eine Grundsatzfrage: Lieber die kleinen, neuen, innovativen und unbekannten Theaterkollektive fördern oder die etablierten Publikumsmagneten zu Theaterformen einladen? Sie nickt schon, da ist die Frage noch nicht zu Ende ausgesprochen. Die Kleinen, die Kleinen!
46) Was macht Dich glücklich? Tanzen, meistens. Ein sehnsüchtiger Unterton und ein verträumter Blick.
47) Welche Sprache sprichst und hörst Du am liebsten? Schwedisch. Nicht Japanisch? Nein, das könne sie noch nicht gut genug selbst sprechen.
48) Wie viele Mitglieder umfasst Dein Team beim Festival Theaterformen? Das Kernteam besteht aus fünf, ab Februar sind es jedes Jahr zwölf und ab Festivalbeginn mehrere Hundert inklusive Künstler_innen. Es scheint, als hätte sie alle Zahlen im Kopf, als könnte sie noch mehr aufzählen, wenn man danach fragen würde. Den Überblick zu behalten ist eine ihrer Stärken, sonst wäre sie wohl auch nicht so gut in ihrem Job.
49) Wofür hast Du zuletzt um Verzeihung gebeten? Oh. Pause Oh. Pause Ja. Es ist zwar eine Lappalie, aber es war zeitlich das letzte Mal: Ich hatte vergessen einer Gruppe Studierenden die Hausnummer der Künstler zu geben, wo sie sich einfinden sollten. Und dann riefen sie bei Wolfram an und beschwerten sich, aber Wolfram wusste gar nichts davon. Ich hätte ihnen die Hausnummer einfach gleich geben sollen. Und dann habe ich Wolfram um Verzeihung gebeten. Wolfram ist der Produktionsleiter bei Festival Theaterformen.
50) Kennst Du das Gefühl verzweifelt zu sein – heulen oder machen? Das Gefühl kenne ich durchaus. Aber dennoch: immer machen!
Und jetzt macht sie – wieder – ein Festival. Theaterformen17 beginnt heute. Eröffnung: 18.30 Uhr im Schauspielhaus, Hannover.
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Interview: Jacqueline Moschkau
Die elektrischen Leitungen zirpen. Licht kämpft sich durchs Dunkel, während die Musiker_innen vom Orchester im Treppenhaus kontemplativ die Schwingungen im Raum aufsaugen und in ihre Bögen übertragen. Die Improvisation um Mitternacht flammt als letzte von sechs über den Abend verteilten Nachtkerzen auf, flackert, leuchtet. Der Tag, die Halbzeit, das Bergfest von Festival THEATERFORMEN zieht noch einmal an den Zuhörer_innen vorbei. Ein Tag mit vielen verschiedenen Impressionen. Das barock anmutende Setting und die modern abstrakten Klänge bieten die Möglichkeit sich in die vertraute Sozialisation zurückzuziehen und das zuvor gehörte, intensive Klagelied von MARE NOSTRUM mit ein wenig Abstand und in gefühlter Sicherheit verarbeiten zu können. Geigen (Moritz Ter-Nedden und Henriette Otto), Viola (Ruth Kemna) und Cello (Thomas Posth) erzählen vom Nachtwind, der die Stadt in den Schlaf küsst und von Fensteraugen, die sich müde schließen; von der Dunkelheit, die die Ängste vor TIGERN und anderem verschlingt und von einem neuen Tag, der neue Chancen bringt. Die Improvisation erlischt. Das Licht dimmt runter. Das Zirpen verhallt. Und: Aus.
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Text: Jacqueline Moschkau Fotografie: Charlotte Behr
Sneak Preview
Mare Nostrum
des Teatro en Código
Heute, 13.06.2017 Einführung um 18.30 Uhr Vorstellung um 19 Uhr im Schauspielhaus
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Fotografie: Charlotte Behr
(La Zimbabwéenne) NORA CHIPAUMIRE questionne la condition nègre
Dans un titre à succès, “Trenchton Rock”, le reggae brother number one Bob Marley disait un jour : « One thing about music is that when it hits you, you feel no pain. Hit me with music!». C’était pour dire combien la musique lui paraissait importante dans la vie ordinaire. Un avis qu’aurait pu partager son contemporain Fela, le pape de l’Afro Beat, pour qui la musique n’était rien d’autre qu’une arme. Hier soir à Hanovre, la chorégraphe zimbabwéenne Nora Chipaumire a prolongé l’écho du Nigérian dans une pièce, intitulée «Portrait Of Myself As My Father», riche en sensations sur une thématique des plus problématiques de l’heure actuelle. C’est quoi en effet «être noir aujourd’hui» ? Une question des plus complexes dans un monde globalisé et globalisant, où une identité unique semble écarter toute velléité de variété ; où la pensée et la vision uniques, plus qu’hier, refoulent dans l’abîme les peuples de la périphérie du monde où il ne leur reste plus qu’un souffle de vie, d’ailleurs en sursis, et où le référent imposé est le centre. Cette question, le penseur camerounais Achille Mbembe, basé en Afrique du Sud, que la chorégraphe connaît bien, y est allé de son grain de sel il y a quelques années avec son essai «Critique de la raison nègre». Où il défendait la thèse suivant laquelle le nègre est une représentation actuelle de tous les opprimés de la terre. Nora, elle, continue de circonscrire celui-ci dans une approche de couleur. Ce Blackness à qui elle donne une représentation tonitruante mais assez claire : c’est un homme noir en proie à des convulsions que lui impose un monde dans lequel il n’est qu’un pion, une marionnette à la solde de grands manitous non identifiés, tapis dans l’ombre et animés de ce sadisme malsain qui, en plus de décoiffer, chosifie l’humain et corrompt l’humanitude. Dans un ring, accrochés à des cordes qui enrégimentent les mouvements, deux protagonistes sont ainsi en quête de liberté ; sous fond de musique tonitruante. Ce chaos, Nora l’a voulu pour en quelque sorte présenter une situation qu’elle dénie et tente de boxer pour une meilleure affirmation de soi. Non que l’Africain ne sache pas qui il est (elle dit volontiers que «l’Africain a toujours su ce qu’il était, ce qu’il valait») mais pour amener les sceptiques à résipiscence, leur faire comprendre qu’il n’y a pas de situation stationnaire. Et donc que l’heure de la bataille pour une existence digne est arrivée. Pour ce faire, en plus des éléments de mise en scène sus-évoqués, elle recourt au physique du nègre. Qu’elle met en exergue jusqu’à épuisement, avec un aplomb déconcertant. Des idées s’entrechoquent avec des propos sur les figures de la conscience noire. L’atmosphère est pesante et sonne comme un coup de pied dans la fourmilière bienpensante. Le spectateur est choqué, parfois transi de peur mais toujours imprégné de cette réalité d’une situation noire qui fait la part belle à l’exubérance et à la jouissance sauvages, renforçant ce cliché malsain que traîne le nègre comme une deuxième peau. C’est en cela que le propos esthétique de Nora est fort. Tant il choque et rassure, déconstruit pour mieux construire. D’aucuns pourraient y voir du nihilisme. Il n’en est rien. Cette esthétique débouche au contraire sur un optimisme, pas une ferveur. Sur cette invitation à prendre conscience, aujourd’hui plus qu’hier, de ce que c’est à soi que revient de rechercher le salut en faufilant ou en zigzaguant entre les limbes d’une confusion savamment entretenue sur une condition nègre toujours avilie.
Portrait of Myself as my Father de Nora Chipaumire ; avec Nora Chaupaumire, Pape Ibrahima Ndiaye et Shamar Watt ; chorégraphie, 75 mn
– Text: Parfait Tabapsi
“Nur weil der Kommunismus tot ist …” – Ein Interview mit Gudrun Gut (GUT UND IRMLER)
—see English version below—
Die 1957 in Celle geborene Musikerin, DJane und Künstlerin Gudrun Gut gilt als Institution der Berliner Musikszene und ist es leid, nur auf ihrer Zeit bei den Einstürzende Neubauten angesprochen zu werden. Seit den 80er Jahren erfindet sie sich kontinuierlich neu, sei es mit ihrem Label Monika Enterprise, das dieses Jahr sein 20-jähriges Jubiläum feiert oder mit ihrem Projekt Gut und Irmler, eine Kooperation mit dem Faust-Organisten Hans-Joachim Irmler. Ein Gespräch über Frauen im Musikbusiness, politischer Kunst und die alte Liebe zu Hannover.
Marvin Dreiwes: Hand aufs Herz, hast du von Hannover schon vor der Expo 2000 gehört?
Gudrun Gut: Lacht. Auf der Expo hatte ich damals sogar aufgelegt. Ursprünglich komme ich aus Celle und hatte früher einen Freund in Hannover und war öfters hier. Und damals 1980 haben wir mit Mania D. als Vorgruppe von DAF gespielt. Aber das war der einzige Hannover-Gig für mich. Also endlich mal wieder Hannover.
MD: Wenn nicht mit Gut und Irmler mit welchem Projekt wärst du sonst gern zu den theaterformen gekommen?
GG: Mit der Monika Werkstatt unserem neuesten Projekt. Dort arbeiten wir mir mit vier bis fünf Künstlerinnen aus dem Monika/Moabit-Umfeld zusammen. Wir spielen Stücke von unserem Solo-Programm aber erarbeiten auch gemeinsam neue Ideen. Solo würde ich natürlich auch gern in Hannover spielen, aber das hat sich noch nicht ergeben. Meine Gage ist wahrscheinlich zu hoch. Lacht.
MD: Was war das letzte Theaterstück, das du mit Begeisterung gesehen hast?
GG: Oh, was von René Pollesch, das finde ich ganz gut. Obwohl ich nicht so oft ins Theater gehe. Eine Freundin von mir arbeitet bei der Volksbühne, die mich immer zu Stücken einlädt. Nur leider habe ich zu selten Zeit dafür. Dabei finde ich es spannend, wie das Theater eine Kunstform ist, bei der mehrere Künstlerinnen so intensiv für einen begrenzten Zeitraum zusammenarbeiten, wo Musik, Bild und Sprache aufeinandertreffen. Und wenn schließlich die ganzen Parts stehen und die Dekoration aufgebaut wurde ist schon wieder alles vorbei. Theater hat da etwas unheimlich Flüchtiges.
MD: Hast du jemals gefunden, wonach du als Künstlerin suchst?
GG: Immer mal wieder. Das sind dann Stücke, die ich heute noch gut finde. Zum Beispiel Garten. Da finde ich den Text klasse und ich wusste schon als ich ihn geschrieben habe, dass er genau passt, dass ich den richtigen Twist gefunden habe.
MD: Welche Bedeutung hat für dich der Wechsel zwischen Solo-Projekten und Kollaborationen?
GG: Das ist für mich ganz wichtig. Ich will nicht sagen, dass Soloprojekte egomanisch sind, aber es ist schon sehr demanding an einen selbst. Bei Kollaborationen gibt es ein Feedback, da passiert mehr. Man wird immer wieder gekickt und bekommt Inspirationen. So war es auch mit Joachim Irmler. Bei meiner Arbeitsweise werkele ich eher lange an Stücken und versuche sie wirklich fertig zu machen. Joachim dagegen ist da ganz der freie Improvisator.
MD: Der Titel eures nächsten Albums soll „10 Prozent“ oder „90 Prozent“ lauten. Damit spielt ihr auf den Umstand an, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung 90 Prozent des Weltvermögens besitzen. Wie kam es zu dem Titel?
GG: Nur weil der Kommunismus tot ist, heißt das nicht, dass wir diese Ungleichheit hinnehmen müssen, da hab ich einen kurzen Text für einen Track geschrieben. Ursprünglich sind auf dem Album viele Stücke rein instrumentell. Aber da habe ich gedacht, „jetzt reicht’s“.
MD: Dabei würdest du dich selber nur ungern als politische Künstlerin bezeichnen.
GG: Ich finde, dass politische Kunst gerade im Kontext der Musik etwas besetzt ist. Das geht dann schnell in Richtung Singer-Songwriter, wo die Texte gleich weltverbesserisch werden und sagen: „Du musst jetzt auf die Straße gehen“. Natürlich kann man mit guten Texten eine politische Message bringen, doch Musik hat so viel mehr zu bieten. Sie kann dem Publikum einen Anreiz geben, weiterzudenken oder einfach nur eine Energie geben. Sie hat eine emotionale Stärke, wie kaum eine andere Kunst.
MD: Wie schätzt du gegenwärtig die Situation für Frauen in der Musikindustrie ein?
GG: Im Augenblick liegt die Frauenquote in der Musikindustrie bei ungefähr zehn Prozent. Das ist ein Ungleichgewicht, was ich nicht akzeptieren kann.
MD: Gegen diesen Missstand hast du immer wieder angekämpft. Hast du das Gefühl, dass deine Bemühungen in dieser Richtung etwas bewirkt haben?
GG: Ich bin ja nicht die Einzige, die sich unwohl fühlt. Wenn sie jung sind, denken viele Künstlerinnen in der Musikszene noch, dass alles okay sei. Dann merken sie, dass eben gar nichts okay ist. Wenn du dir die Line-ups von Festivals anschaust, siehst du nur Männer. Inzwischen ist das etwas besser geworden, weil vielmehr pressure zu spüren ist. Die Transmediale zum Beispiel hat letztes Jahr die 50-Prozent-Quote eingeführt. Das hat einen großen Unterschied gemacht, es war plötzlich ein anderes Feeling – auch beim Publikum.
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“Just because communism is dead…” Interview with Gudrun Gut (GUT UND IRMLER)
_Gudrun Gut, a musician, DJane and artist born in Celle in 1957, is considered an institution of the Berlin music scene and is fed up of only being asked about her time in the famous German industrial band, Einstürzende Neubauten. Since the ‘80s, she has continually reinvented herself, whether that be with her label Monika Enterprise, which celebrates its twentieth anniversary this year, or with her project Gut und Irmler, a cooperation with the organist player from the band Faust, Hans-Joachim Irmler. _
A conversation about women in the music business, political art and her old love for Hannover.
Marvin Dreiwes: Hand on your heart, had you heard of Hannover before the Expo 2000?
Gudrun Gut: Laughs. Actually I DJed at the Expo back then. I originally come from Celle and I used to have a boyfriend who lived in Hannover, so I was here quite a lot. And back in 1980, we played as support to DAF with my band Mania D. But that was the only Hannover gig I played. So I’m finally back in Hannover.
MD: If you hadn’t come with Gut und Irmler, which project would you have liked to come to Theaterformen with?
GG: With the Monika Werkstatt, our latest project. We work with four or five women artists from the Monika/Moabit circle there. We play pieces from our solo repertoire, but work on new ideas together too. Of course, I’d love to play solo in Hannover, but it hasn’t happened yet. I’m probably too expensive. Laughs.
MD: What was the last play you saw that you really liked?
GG: Oh, something by René Pollesch, I think he’s really good. Although I don’t go to the theatre that often. A friend of mine works at the Volksbühne, she’s always inviting me to shows. Unfortunately, I rarely have time to go. Even though I think it’s so interesting how theatre works as an art form, where so many artists work together so intensely for a certain period of time. And then in the end when all the parts are finished and the set is built, it’s all over. Theatre has something unbelievably fleeting about it.
MD: Have you ever found what you were looking for as an artist?
GG: Now and again. They’re the pieces that I still think are good today. Like Garten. I think the lyrics are great and when I wrote it I already knew that it fit perfectly, that I’d found the right twist.
MD: How important is it for you to switch between solo projects and collaborations?
GG: It’s very important for me. I don’t want to say that solo projects are egomaniacal, but they are very demanding on you. In collaborations, you get feedback, more happens. You keep getting pushed and you get inspiration. That’s how it was with Joachim Irmler too. The way I work is that I tend to tinker away quite a long time at pieces and really try to finish them properly. Unlike me, Joachim is very much a free improviser.
MD: The title of your next album is supposed to be “10 Prozent” (ten percent) or “90 Prozent” (ninety percent). This is a reference to the fact that ten percent of the world’s population owns 90 percent of global wealth. How did you come up with the title?
GG: Just because communism is dead, it doesn’t mean we just have to accept inequality, so I wrote some lyrics for a track. Originally, many of the songs on the album were purely instrumental. But then I thought, “It’s enough.”
MD: Even though you don’t like to describe yourself as a political artist.
GG: I think that political art, especially in the music scene, is a bit overdone. It can quickly go in the direction of singer-songwriters, where the lyrics are all bleeding-heart idealism and say: “You have to go out onto the streets now.” Of course, with good lyrics you can deliver a political message, but music has so much more to offer. It can inspire the public to think differently or just give them a kind of energy. It has an emotional strength that almost no other art form has.
MD: What do you think of the situation for women in the music industry today?
GG: At the moment, the quota of women in the music industry is around ten percent. That’s a level of inequality I can’t accept.
MD: You’ve fought against this terrible situation again and again. Do you feel like your efforts have made any difference?
GG: Well, I’m not the only who feels this is wrong. When they’re young, lots of women artists in the music scene still think everything’s fine. Then they realise that nothing is actually fine. If you look at the line-ups of festivals, you only see men. It’s gotten a bit better by now, because there’s a lot more pressure. _Transmediale _festival, for example, introduced a 50 percent quota last year. That made a big difference, there was suddenly a different feeling – with the public too.
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Text/Interview: Marvin Dreiwes Foto: Kamaldeep Übersetzung: Bochert Translations (Anna Galt)