Tag 130 bis 134 (Big Lake Youth Camp bis Timberline Lodge, 101,9 Meilen)
Nach einem opulenten Frühstück verlassen wir das Youth Camp - und treffen wenig später auf Steve. Steve hat uns vor einiger Zeit vom Trailhead nach Etna gefahren. Er bereist mit seiner Frau Steady all die einst gesperrten Gebiete, die sie bei ihrem Thruhike damals nicht durchwandern konnte. Das holt sie nun nach während ihr Mann an Straßenkreuzungen Trail Magic verbreitet. So bietet er auch uns Sandwiches, Softdrinks, Kuchen und Süßigkeiten an und wir sagen nicht nein. Ein Mann aus Montana gesellt sich für eine Weile zu uns und berichtet, wie schlimm die ganzen Brände in Washington seien. Selbst im Westen Montanas sei alles verraucht. Nicht die besten Nachrichten also...
Wir verabschieden uns von Steve und empfehlen ihm, seine Verköstigungsstation im Lavafeld weiter südlich aufzuschlagen statt direkt hinter dem Youth Camp.
Dann geht es weiter - aber nicht lange: bei der 2000-Meilen-Marke halten wir einen Moment inne. 2000 Meilen, das sind rund 3200 Kilometer! Wir fühlen uns gut und sind ein bisschen stolz, es ist doch ein ganzes Stück Weg.
Das Gebiet, das wir nun durchqueren, ist vor zwölf Jahren abgebrannt. Der Blick in die Ferne offenbart abertausende grau-bleiche Pfähle die rindenlos und kahl in den Himmel ragen. Jeder See, jeder Tümpel ist zwischen dem nackten Gehölz deutlich zu erkennen - oft sind es nicht viel mehr als halbverdorrte Wasserlöcher. Doch zwischen dem skelettierten Wald rankt sich langsam neues Grün empor und wird in einiger Zeit alles wieder lebendig aussehen lassen. So oder so: diese Ödnis ist ein sehr interessanter Anblick.
Als wir den einstigen Brandherd durchquert haben verändert sich die Gegend: gelb-braunes Gras, rote Büsche, wenige Bäume, ein weiter Blick ins Land und im Hintergrund stets der schneebedeckte Mount Jefferson. Nachts spielen die Rehe verrückt und springen wie wahnsinnig ums Zelt. Ob es am Vollmond liegt?
Einige der Flüsse, die wir überqueren müssen, sind reißend und milchig-trüb vom Gletscherwasser. Bei einem von ihnen schaffen wir es nicht einmal trockenen Fußes an die andere Seite.
Am Olallie Lake Resort machen wir eine kurze Pause und treffen Steves Frau wieder: entgegen ihrer üblichen Taktik hat sie beschlossen, dieses Mal nicht zurückzugehen sondern sich am Resort von ihrem Mann abholen zu lassen. Sie habe diese Botschaft bereits zwei nach Süden gehenden Hikern mitgegeben und warte nun auf ihn. So funktioniert also die Trail-Post! Und so haben wir sie also sabotiert! Schließlich hat Steve sich auf unseren Rat hin mehrere Tagesmärsche weiter südlich postiert. Bis die Nachricht zugestellt ist wird es also weit länger dauern als gedacht... Gerade bekommen wir ein schlechtes Gewissen da gestattet es der Empfang am Resort Steady glücklicherweise, eine SMS zu ihrem Mann durchzustellen. Er wird sie abholen.
In den folgenden Tagen werden wir zunächst eingenieselt, dann vollkommen durchgeregnet. Wir machen Bekanntschaft mit einem der überaus frechen und selbstgerechten Streifenhörnchen, das sich zunächst emsig über Ls verschüttetes Couscous hermacht, dann S attackiert und schließlich K einen halben Taco Shell stiehlt. Damit setzt es sich - nachdem es das quasi übermannshohe Diebesgut stolpernd aber dennoch behände von dannen geschleppt hat - an den Timothy Lake, isst und schaut auf die Wellen. Ein guter Tag! Und es genießt ihn in vollen Zügen.
Die letzten äußerst nassen und kalten Meilen zur Timberline Lodge ziehen sich enorm in die Länge. Je höher wir kommen, desto schlimmer wird es. Über der Baumgrenze laufen wir nur noch durch eine einzige, dicke Nebelsuppe - bis sich wie aus dem Nichts ein großes Bauwerk aus dem trüben Weiß schält: die Timberline Lodge, endlich!
Diese Luxus-Lodge ist äußerst freundlich zu PCT-Hikern (wahrscheinlich trägt man zum abenteuerlichen Ambiente bei) und so lebt man hier für eine kurze Weile Seite an Seite mit outdoor-interessierten Nobelgästen. Bereit für Dusche und Waschmaschine betreten wir die Haupthalle und finden uns direkt neben einem frischvermählten Paar wieder. Neben so einer Braut in ihrem schönen weißen Kleid fühlt man sich gleich noch dreckiger und stinkiger. Zu unserer Enttäuschung ist der Gruppenraum für Hiker schon ausgebucht, aber wir bekommen ein eigenes Zimmer für nur zehn Dollar mehr - perfekt! Den Tag verbringen wir mit waschen, duschen und trocknen; inspizieren die gesamte Lodge, holen unsere Pakete ab und steigen in den Pool. Abends bekommen wir Kekse und Milch und ein paar hauseigene Energie-Riegel als kleine Aufmerksamkeit vorbeigebracht, schauen noch eine DVD und freuen uns riesig auf das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen.
Tag 105 bis 116 (Castella bis Ashland, 217, 7 Meilen)
Wir haben Glück und die Post ist noch nicht verlassen. Trotzdem sie bereits geschlossen hat übergibt uns die Postfrau unsere Pakete. Hinter der Post sind einige Pappen ausgebreitet auf denen wir im Schatten erträglichere Temperaturen abwarten um weiterzuziehen. Die andauernde Hitze hat ihren unerträglichen Höhepunkt erreicht. Zu Hause würde man bei diesem Wetter keinen Fuß vor die Tür setzen, auf dem Trail kämpft man sich die Berge hoch. Natürlich gibt es auch immer dann einen vergleichsweise heftigen Anstieg, wenn die Rucksäcke frisch beladen sind. Da die Hitze einfach nicht nachlässt setzen wir uns schließlich erst am späten Nachmittag in Bewegung.
Am Abend finden wir eine schöne Campsite im Wald, direkt an einer Quelle. Glattes Felsgestein zieht sich über Teile des Bodens und die Bäume tragen dicke Moos-Mäntel. Zwischen den Hügeln liegen kleine, klare Tümpel, die uns wie Oasen erscheinen - umwimmelt von großen blauen Libellen und bewohnt von einer Horde Wasserläufer. Leider sind diese Wasserlöcher auch Mückentempel. Das hindert uns aber nicht daran, uns hier etwas abzukühlen. Unserem zweiten Bären sind wir kurz vor der Quelle auch begegnet und außerdem einem Hiker, der uns fragt, ob wir einen pinken Kobold gesehen haben. In was für einem Zauberwald sind wir hier nur gelandet? Zumindest bei der Quelle mit dem aberwitzigsten Namen: Burst Arse Creek.
Auch am nächsten Tag fühlen wir uns wie im Regenwald, Schweiß läuft uns in Strömen vom gesamten Körper. Und dann regnet und windet es endlich etwas: was für eine Erlösung! Es wird aber auch zunehmend dunstig, die schöne Castle-Craigs-Felsformation ist kaum noch auszumachen. Einige Hiker überlegen, ob es vielleicht sogar brennt. Es riecht tatsächlich etwas verkohlt und ungewöhnlich viele Flugzeuge sind in der Luft. Auch die Natur zeigt sich ungewöhnlich dschungelartig und wir bemerken fleischfressende Pflanzen, die aussehen, als trügen sie Schnurrbärte. Als wir am Porcupine Lake vorbeikommen nutzt L diesen als Bademöglichkeit: der See ist so glasklar, dass man vergessen könnte, dass man im Wasser sitzt.
Schließlich wird es immer diesiger und rauchiger auf dem Trail. Ein Hiker berichtet uns, dass es vor einer Woche gebrannt hat. Das merkt man: die Luft fühlt sich sehr ungesund verraucht an, was besonders L zu schaffen macht. Direkt vor Etna wird es endlich besser und wir verbringen die Nacht direkt an der Straße mit dem Plan, am nächsten Morgen in die Stadt zu fahren. In dem kleinen Örtchen verbringen wir schließlich einen ganzen Tag, kaufen ein, waschen Wäsche, hängen rum und zelten im Park (und schaukeln auf dem Spielplatz). Außerdem essen wir so viel, dass K und S ganz schlecht wird...
Auf dem Trail geht es zunächst zurück in verbranntes Gebiet das erst beim Abstieg ins Seiad Valley grüner und lebendiger wird. Der Ort sieht sehr einladend aus, wir ziehen aber schweren Herzens daran vorbei um noch am Abend etwas von dem Aufstieg in die Berge zu bewältigen (4500 ft auf acht Meilen). Wenigstens einige Äpfel und Brombeeren frisch von Baum und Strauch können wir im Vorüberziehen abstauben. Letztlich ist auch der Aufstieg zurück in die Berge nicht so schlimm und kommt vor allem ohne die sonst üblichen 99 Serpentinen aus. Die letzten Meilen in Californien fühlen wir uns wie auf der Alm: überall stehen Kühe mit großen bimmelnden Glocken um den Hals im Wald. Die Landschaft wird nochmal richtig schön, aber dann ist es endlich soweit und wir erreichen die Grenze. Wir sind froh, in Oregon anzukommen und das langezogene Californien hinter uns zu lassen.
Die Gegend erscheint uns gleich verändert, die Berge weniger bewaldet. Begrüßt werden wir von einem Buchautoren, der PCT-Hiker interviewt und etwas später auch von einem Willkommens-Cache mit Getränken und Snacks. Hallo Oregon! Die letzten Meilen nach Ashland fühlen sich sehr gedehnt an, endlich am Highway angelangt bekommen wir dann recht schnell einen Ride und sausen auf der offenen Pick-up-Ladefläche zwischen lauter Werkzeug sitzend über die Interstate. Was für ein Spaß!
Tag 95 bis 104 (Belden bis Castella, 214,2 Meilen)
Als wir am Morgen erwachen finden wir uns in einer Burg aus Zelten wieder. Überall um uns herum schlafen Hiker, einige auch nur auf oder neben den Picknickbänken. Wir gehören zu den ersten, die weiterziehen. Uns steht ein steiler Anstieg bevor, bereits am Vortag konnten wir sehen, wie sich der Trail den Berg hinaufschlängelt (5000 Fuß auf 14 Meilen). Wie schon beim Kearsarge-Pass kurz vor/hinter Indepence graut es uns davor. Aber dann sind wir plötzlich oben und es war mal wieder halb so schlimm. Unterwegs denken wir immer häufiger darüber nach, was uns auf dem Trail so fehlt - es sind weder Bett noch Dusche, vielmehr würden wir lieber mal wieder einen Film schauen, ein Computerspiel spielen oder durch einen Supermarkt schlendern. Und so entstehen ganze Listen von Spielen, die spielenswert oder Filmen, die sehenswert sind und Essen, das wir nach dem PCT essen wollen. Die Freuden der Zivilisation...
Wenige Tage nach Belden erreichen wir den Mittelpunkt unseres Weges: 1321 Meilen liegen jetzt hinter uns und nochmal genau so viele vor uns. Während wir am Midpoint-Monument sitzen und darüber nachdenken (der eigentliche Mittelpunkt liegt nach aktuellen Berechnungen allerdings einige Meilen weiter) schleicht ein neugieriges Reh um uns herum und beäugt uns von allen Seiten. Ein nettes Begrüßungskomitee. Einige Stunden später haben wir erneut Grund zur Freude: Trail Magic! Hinter einem Highway steht eine gut gefüllte Truhe mit kalten Getränken und weiteren Schätzen. Wir erfreuen uns an Coke und Ginger Ale, bis K aus heiterem Himmel von einer Wespe gestochen wird - ein unerfreulicher Auftakt, mit Wespen haben wir ab jetzt öfter zu tun.
Hinter dem Highway beginnt die Landschaft sich allmählich zu ändern, vor allem wird es nun wieder sehr staubig. Der Wald den wir durchqueren wirkt seltsam, ständig kündigen Schilder an, dass es sich hier um Besitz bestimmter Privatpersonen handelt. Tatsächlich wechselt es aber nur zwischen zwei Parteien hin und her - so eine Vetternwirtschaft! Nach einigen kalten Morgenden mit Raureif erleben wir nun eine drückend heiße Zeit. Bald erreichen wir das erste richtig abgebrannte Gebiet (2012), in dem wir auch zelten - zwischen toten Bäumen, die wie schwarze übergroße Zahnstocher grotesk in den Himmel ragen. Kurz vor Old Station geraten wir in ein Pferde-"Rennen". Etwa 50 bis 70 Teilnehmer treiben ihre Pferde (äußerst gemächlich) durch Hitze und Staub - und wir mittendrin. Mehrmals müssen wir den Tieren gut zureden, damit sie sich an uns vorbeitrauen und immer hinterlassen sie uns in einer großen Wolke aufgewirbelten Sandes. Wir fürchten uns schon beinahe vor einer Staublunge.
Old Station überrascht uns: wir hatten soetwas wie eine Pferdekoppel mit fünf Häusern erwartet, aber es ist ein relativ großer, einigermaßen gut ausgebauter RV-Park. Im kleinen Geschäft decken wir uns mit einer zusätzlichen Wasserflasche ein (eine längere, wasserlose Strecke steht auf dem Plan) und holen unsere Pakete von der Post. Wir haben einige Extrameilen pro Tag eingelegt um die Post-Öffnungszeiten nicht zu verpassen - dann müssen wir aber eine Ewigkeit warten, weil erst die Ausgangspost sortiert wird... Wir entspannen uns den Rest des Tages, verbringen die Zeit mit packen und Gesprächen mit anderen Hikern. Am nächsten Morgen statten wir JJ's Café einen Besuch ab und essen ein günstiges, überaus leckeres Frühstück. Sehr empfehlenswert!
Mit stetigem Blick auf den schneebedeckten Gipfel des Mount Shasta geht es weiter, der Boden über den wir laufen besteht aus Lavagestein, das Wetter wird immer heißer. Castella rückt immer näher und wir kommen an einer Fischfarm vorbei, bei der es sehr zu unserer Bestürzung zwar "Kaugummiautomaten" mit Fischfutter gibt aber keinen Getränkeautomaten. Einige Meilen später werden wir aber ausreichend entschädigt: Trail Magic vom Feinsten! Die Trailangel Randy und Kathy haben mitten im Wald eine wahre Oase errichtet. Es gibt eine Solardusche, eine Ladestation, Sitzbänke, einen gut gefüllten Vorratsschrank, einen Kocher und sogar eine Dartscheibe.
Der nächste Tag ist einer der für uns erinnerungswürdigsten auf dem Trail: gleich morgens begegnen wir unser ersten "richtigen" Klapperschlange. S hält sie zunächst für raschelndes Laub am Wegesrand, tatsächlich hat sie ihn aber direkt angeklappert. Am selben Abend, wir ruhen gerade für zehn Minuten unsere Füße aus, kommt ein riesiger Hund (so zumindest Ks und S' erster Gedanke) um die Ecke getrottet. Nein, natürlich ist es kein Hund sondern ein Braunbär. Und ein Angsthase noch dazu: der Bär und wir starren uns eine Sekunde lang an, dann gibt er Fersengeld und prescht den Abhang hinab. In der Nacht schließlich schleichen etliche Rehe um unser Zelt herum. In einem Plumpsklo entdecken wir zu guter Letzt noch eine Fledermausmeute. Die Tierparade scheint erstmal komplett. Direkt vor Castella beginnt für uns das Brombeerparadies und wir können außerdem endlich mal wieder in einem ansehnlich großen Fluss baden. Wir bleiben eine Nacht auf dem Castle-Craigs-Campground und schlafen mal so richtig aus: und kommen viel zu spät zur Post, die hat schon eine halbe Stunde lang geschlossen!
Tag 84 bis 94 (South Lake Tahoe bis Belden, 157,7 Meilen)
Der Aufbruch aus South Lake Tahoe gestaltete sich träge. Zum einen, weil die Rucksäcke mit in einer Stadt erworbenem Essen immer besonders schwer sind, verglichen zu unserem vorab zubereiteten Essen. Zum anderen ist ein Zero in der Stadt kaum erholsam, wenn man den Resupply tätigen muss - eigentlich bräuchte man danach noch einen zweiten Tag Auszeit, an dem man wirklich mal entspannen kann. So saßen wir noch einige Stunden vor dem Outfitter herum. Und schließlich bekamen wir einfach keinen Ride, wie bereits mehrfach in größeren Orten erlebt. Daher griffen wir auf eine Liste mit Trail Angels zurück, die wir halb abtelefonierten, bis wir mit einem sehr netten, wanderfreudigen Ehepaar Glück hatten.
Wieder zurück auf dem PCT führte der Weg erst durch lichten Wald. An einem Feldweg war das Schild “Highway 50” angebracht. Ganz stimmte das nicht, der Highway kam kurz danach… Wenig später erreichten wir Echo Lake; ein malerischer See, der uns eine Weile linkerhand begleitete und immer wieder ein schönes Motiv bot. Auch danach wurden wir von der Landschaft überrascht. Die Desolation Wilderness hielt bemerkenswerte Aussichten und frische Umgebungen bereit. Besonders der Aloha Lake wusste uns zu gefallen: der klare, von schroffen Felsen umrahmte See erschien uns fast unwirklich. Die nächsten Abschnitte waren durchzogen von Wanderwegen und perfekt für Mehrtageswanderer. Einmal kam uns eine aus 14 Rentnern bestehende Gruppe entgegen - nach und nach tröpfelten sie den Berg hoch und jeder hatte einen anderen lustigen Satz für uns parat. Später kreuzten wir ein Skigebiet, der Jahreszeit entsprechend gänzlich schneefrei, was S ganz wehmütig werden ließ. Kurze, knackige Anstiege lockerten den Trott auf. Schutz vor allzu heftigem Schneefall bietet die Peter-Grubb-Hütte, ein einladendes Holzhäuschen mit Kamin, Gitarre und Trail-Register.
Wenig später wurden wir erneut überrascht: an einem Baum war ein Warnschild mit der Aufschrift “Trail magic ahead” angebracht. Drei lustige Wanderer hatten ihren Spaß am Beschenken von PCT-Hikern gefunden, bereiten uns ein frisches Käsesandwich zu und fragten uns über alles aus: unsere Wasserfilter, Gaiters, Meilen pro Tag, womit man uns Hikern am meisten Freude machen kann… Sie lernten viel an diesem Tag und wollen nächstes Jahr noch besser ausgerüstet wiederkommen. Unser nächster Resupply-Ort war Sierra City. Vor dem sehr steilen Abstieg graute es S, den ebenso gearteten Aufstieg danach verfluchte K. Aber auch das war zu bewältigen, im Ort selbst holten wir nur kurz unser Paket. Es gibt dort genau einen Punkt, der für Hiker interessant ist: der Laden mit WiFi, daneben Toiletten und eine Wiese, auf der man zelten darf. Wie bekannt, dauerte es nur wenige Minuten, bis wir einen Ride hinein bekamen, doch raus mussten wir laufen - was bei 1.4 Meilen diesmal kein Problem darstellte. Der folgende Aufstieg zog sich erst über Switchbacks durch Nadelwald, ehe es exponiert an einem Berghang über faustgroße Steine und durch Manzanita-Gestrüpp weiterging.
Oben angelangt, überraschte uns der abrupte Wechsel von der kargen Südseite zur feuchten, nun wieder bewaldeten Nordseite. Und wie viel angenehmer lief es sich auf weichem Waldboden! Damit einher ging auch der Staub. Dieser Abschnitt (Sektion M) war einer der staubigsten, abends schrubbten wir unsere schwarzen Beine und Füße. Seit Sierra City sollte man wieder den Wasserreport beachten. Zwar waren keine längeren Engpässe zu erwarten, aber Pausen wurden zumeist von Wasserquellen bestimmt und man rechnet zwischendurch öfter nach, für wie viele Meilen man beim nächsten Bach Wasser mitnehmen muss und wo man zelten sollte, um möglichst wenig Wasser für das abendliche Kochen und das Frühstück schleppen zu müssen. Umso erfrischender waren größere Flüsse, in deren Whirlpools man sich hervorragend waschen konnte - sehr zu empfehlen ist hier der Middle Fork Feather River. Ebenfalls aus Schwimmsehnsucht wählten wir am Bucks Lake die Alternativroute, die gut zwei Meilen länger als der eigentliche PCT ist und durch eine Feriensiedlung direkt zum See führt. Nach einem kühlen Getränk, Pizza und Eis sprangen wir rein und waren uns einig, dass sich diese Detour lohnt.
Und wieder lag der nächste Ort in einem Tal. Der Abstieg nach Belden übertraf noch den vorherigen. 6000 Fuß ging es runter, davon knapp 2000 auf den letzten zwei Meilen. Unsere Knie wimmerten, die Luft stand vor Hitze und zudem musste man Poison Oak umgehen. Endlich angekommen, wurden wir von Müll begrüßt. Belden ist ein heruntergekommener Ferienort mit… interessanten Gestalten. Immerhin konnten wir unsere Kleidung waschen (sobald wir Berge von Getränkedosen überwunden hatten, um zur Waschmaschine vorzudringen) und in einer Bar mit angeschlossenem Laden eine neue Gaskartusche erwerben. Engel in der Nähe dieses Nestes war die Familie Braaten. Leider war ihr Haus schon voll besetzt mit Hikern, aber Frau Braaten brachte uns unser Resupply-Paket zum Belden Resort. Sehr, sehr nett! Außerdem gab sie uns den Tipp, alternativ bei einem Picknickbereich, nahe einer historischen Bergwerksmühle zu zelten. So geschah es.
Tag 74 bis 83 (Tuolumne bis South Lake Tahoe, 147,8 Meilen)
Nach den herrlich entspannten Zeros benötigten wir einige Zeit, um wieder ins Wandern zu kommen. Der Rucksack kam uns mit dem 1,2 kg schweren, in Yosemite obligatorischen, Bärenkanister vor wie eine schwere Bürde, unsere Knie knackten und wir waren ständig müde. Bald jedoch hatten wir wieder unseren Rentnerrhythmus drin: Frühstück spätestens um 6 Uhr, erstes Mal kochen gegen 11, dann snacken (statt Kaffee und Kuchen), Abendessen um 20 Uhr und anschließend schnell ins Bett.
Der PCT verläuft nicht allzu lange durch Yosemite und unserer Ansicht nach nicht durch den schönsten Teil des Nationalparks. Tatsächlich beeindruckte uns erst die Gegend um Sonora-Pass wieder: eine karge Marslandschaft mit lavagesteinsartigen Felsen und vereinzelten Pinien. Im Anschluss konnten wir uns vor farbenfrohen Blumenwiesen kaum retten; beinahe jeden Tag entdeckten wir eine neue Pflanze. Weitere, eher flache Pässe galt es zu überwinden und viele Flüsse mit Whirlpool-Bademöglichkeiten boten sich uns.
Mehr noch als unter den gefürchteten Mücken litten wir in diesem Abschnitt unter Unwettern. Es donnerte, dass es uns in den Beinen rumpelte, murmelgroßer Hagel prasselte auf uns ein und unsere Schuhe wurden gar nicht mehr trocken. Wir versuchten es positiv zu sehen, dass wir unter diesen Umständen viele Meilen schaffen - da mag niemand lange Pause machen -, aber vor dem angeblich immer so nassen Washington graut uns nun etwas. Morgens in nasskalt-matschige Schuhe zu schlüpfen gehört nicht zu den Trail-Highlights…
Umso mehr wussten wir die unverhoffte Trailmagie im Carson Pass Visitor Center zu schätzen, wo wir am Ofen von freundlichen, älteren Volunteers mit Keksen, Getränken und Obst verwöhnt wurden. K kaufte sich dort auch ein gewichtiges Buch über den Mountaineering Man Kit Carson. Dies wurde anerkennend quittiert, da unter Hikern eine solche Anschaffung eher unüblich ist… Von drei Japanern wurden wir noch gleich als Sehenswürdigkeit enttarnt - ehe wir es uns versahen, standen sie neben uns und wollten mit sich ein Foto haben!
So angetrocknet liefen wir gleich in den nächsten Regenschauer und entschlossen uns, in Tahoe im Motel 6 abzusteigen, uns und unsere Sachen zu trocknen und einen Fresstag auf dem Bett einzulegen. So ein Raum mit Badezimmer und Fernseher, direkt gegenüber von einem Supermarkt, kommt uns gerade herrlich luxuriös vor!
Auf Tuolumne haben wir uns besonders gefreut, denn hier haben wir zwei Zeros eingeplant verbunden mit einem Besuch von Ks Schwester. Aus zwei wurden dann schließlich 2,5 Tage und eine ganze Menge von Erlebnissen und Eindrücken.
Mit dem Auto schauten wir uns das Yosemite-Valley an, das man vom Trail aus gar nicht richtig zu sehen bekommt und waren beeindruckt von der Einmaligkeit dieser Landschaft. Incognito in Alltagskleisung gehüllt fühlten wir uns auch eher als Touristen denn als Hiker. So bestaunten wir das über 100 Jahre alte Ahwahnee-Hotel, Mammutbäume, die wir selbst im Sequioa National Park vom Trail aus nicht sahen, Halfdome und El Capitan von allen Seiten sowie den großen “Mono Lake”-Salzsee.
Höchst interessant war auch unser Ausflug nach Bodie, eine verlassene Goldgräberstadt (eigentlich eher “Silbergräberstadt”). Eine einst große Wild-West-Metropole mit über 10000 Einwohnern, von denen eine Zeit lang jeden Tag einer durch eine Schießerei starb. Jetzt stehen die Häuser wie gestern erst schlagartig verlassen da, die Inneneinrichtung teils zerwühlt aber ebenso gut erhalten wie die Fassaden: durch die große Höhe verrottet hier nichts. Eine echte Geisterstadt!
Das beginnende Unwetter verlieh dem ganzen die passende Atmosphäre und war außerdem das ideale Wetter für unser letztes Ausflugsziel: die heißen Quellen bei Bridgeport. Hier hatten wir die Wahl zwischen Matschlöchern verschiedener Hitzegrade und genossen das schlammige Nass.
Ein wenig nach einer Mischung aus faulen Eiern und Wildschwein stinkend beendeten wir den zweiten Tag auf dem Campingplatz in Tuolumne. Hier verbrachten wir auch noch einen Großteil des nächsten Tages, um Salat, Melone, Brot und andere Köstlichkeiten raupengleich zu verschlingen, bevor es zurück auf den Trail und der damit verbundenen “Trockenkost” ging.
Tag 61 bis 70 (Independence bis Tuolumne, 153,6 Meilen)
Schwer beladen mit Essen für gut neun Tage traten wir den Rückweg über den 7, 5 Meilen langen Kearsage-Pass an. Zurück auf unseren PCT, den wir hier in der Sierra über längere Abschnitte mit Tageswanderern und John-Muir-Trailhikern teilten. So vielen Menschen begegneten wir bisher selten! Und diese Fremdlinge waren leicht zu enttarnen: nach frischer Wäsche duftend, schleppen sie sich und ihre zentnerschweren Rucksäcke die Serpentinen hinauf. Tatsächlich merkten wir hier erstmals, dass sich das tagelange Wandern, kombiniert mit dem Höhentraining, offenbar auszahlt: wir zogen fröhlich an den schnaufenden Gestalten vorbei.
Wie es sich für die Sierra gehört, überwanden wir nun einige Bergpässe, in diesem Abschnitt waren es neun an der Zahl. Die Meinung innerhalb der Hobbitgemeinschaft spaltete sich an ihnen. Für K ist jeder Pass der schrecklichste und er “sehnt” sich nach Flachland - oder einem Tunnel -, während S jeden Pass genießt und den Aufstieg mit einem Gipfelstürmer-Gefühl verbindet. L mag alles.
Erschwert wurden die ersten Tage durch unser vieles Essen; da der Weg zur nächsten gut erreichbaren Resupply-Möglichkeit in der Sierra so lang ist und wir unser Tempo etwas anziehen wollten, ließen wir einige mögliche Stationen aus. Die meisten Hiker legen Zwischenhalte am Vermillion Valley Resort und bei Red’s Meadow ein.
Diese Sektion hält unzählige Bachüberquerungen bereit. Meist muss man nur über Steine tippeln, zwei Mal stand uns das Wasser etwas über dem Knöchel. Ein Vorteil des geringen Schneefalls - sonst kann es hüfthoch sein. Gleichzeitig können wir uns unsere Wasserquellen fast aussuchen, mindestens alle drei Meilen hat man Gelegenheit zum Nachfüllen.
Und ebenso mit dem Wasser verbunden sind die Mücken. Auch wenn die wahre Mosquitohölle erst nach Tuolumne kommen soll - hier konnte man schon mal ausrasten! Sogar S, der die Tierchen anfangs nur sanft fortpustete, freute sich schließlich mit Genugtuung, wenn er drei Biester mit einem Schlag loswerden konnte.
Abgesehen davon gefiel uns dieser Abschnitt unglaublich gut. Die Seen, Bergmassive, Schluchten mit Flüssen, Pinienwälder und Wiesen boten ständig neue Panoramen. Wir sind gespannt, wie uns der bekannte Yosemite-Nationalpark bald noch mehr begeistern kann!
Tag 53 bis 61 (Kennedy Meadows bis Independence, 94,5 Meilen)
Endlich liegt die Wüste endgültig hinter uns und wir tauchen in eine völlig neue Welt ein - die Sierra Nevada. Eine Welt schneebedeckter Berggipfel (wobei in anderen Jahren deutlich mehr Schnee liegt), grüner Wälder und weiter Wiesen voll Streifenhörnchen, Murmeltieren und manchmal größeren Wildtieren. Flüsse und Seen durchziehen die Landschaft und beenden die Zeit aufwändiger Wasserplanungen. Dafür gibt es Bären und die Pflicht zu schweren Bärenkanistern, in denen man sein Essen verstauen muss. Bären sehen wir noch keine, aber einige Rehe und auch junge Hirsche. Sie laufen nicht weg, sondern schreiten majestätisch die Hänge hinauf, uns offenkundig neugierig beobachtend.
Wir planen einen Extratag ein, um Mount Whitney, den höchsten Berg der USA außerhalb Alaskas, zu erklimmen. Nachts um 2 beginnt unser Aufstieg, unter der Milchstraße zeichnen sich schwarz einige Seen und hellgraue Berggipfel ab. Der Anstieg ist nicht so anstrengend wie bei Mt. Baden-Powell, die Aussicht besser. Wir verbringen einige Zeit auf der Spitze, vormittags machen wir uns auf den Rückweg zur Crabtree Ranger Station (hier steht auch das seltsamste Plumpsklo, das wir je gesehen haben - eine Angelegenheit für echte Exhibitionisten).
Nur einen Tag später finden wir uns auf dem höchsten Punkt des eigentlichen PCT wieder (Mt. Whitney ist ein Nebentrail): Forester Pass mit 4000 m Höhe. Die Aussicht ist gigantisch und entschädigt für einen weiteren, langwierigen Aufstieg. Auch hier wieder, sehr zu S’ Enttäuschung: nahezu schneelos. Bei der Reise ins Tal offenbart sich uns der blaueste und klarste See, den wir je gesehen haben. Jeder Kiesel ist auf seinem Grund zu erkennen und L und S lassen es sich nicht nehmen, in dem eisigen Gewässer zu baden.
Unsere nächste Station, Independence, erreichen wir über den sieben Meilen langen Kearsage-Pass und schon beim Abstieg gruselt es uns vor dem Aufstieg beim Rückweg. Es wird sicher einen ganzen Tag dauern, diese gefühlt 100 Serpentinen wieder hochzukraxeln… Independence ist eine winzige Stadt mit einer Post, bei der unsere Pakete warten, einem Subway und einer Tankstelle - und das war’s an Einkaufsmöglichkeiten. Und mit etwa 45°C ist es beinahe heißer als in der Wüste - also bloß schnell zurück in die Sierra!