2020-04-21
Ich gehe mit fünf Freunden ins Theater und wir lästern ununterbrochen
Am 18. April erhalte ich eine Mail von meiner Mutter mit dem Betreff "Wichtige Info vom Thalia". Enthalten ist ein Screenshot von der Webseite des Thalia-Theaters in Hamburg, das aktuell einige Bühnenaufnahmen in einer Art Mini-Mediathek vorübergehend verfügbar macht. Das Stück, auf das meine Mutter mich hinweist, ist Moby Dick, in einer Inszenierung von Antú Romero Nunes von 2013. Das Video wird am 21. April online verfügbar sein.
Ich lade einige Freund_innen ein, das Stück mit mir zusammen zu sehen. Zuerst frage ich vier Leute, mit denen ich mich in der Vergangenheit schon mal in irgendeiner Form über Moby Dick ausgetauscht habe. Nachdem ich ein paar Zusagen bekomme, frage ich weiter herum, ob noch jemand mitmachen möchte. Alle, die Interesse bekunden, erhalten von mir einen Jitsi-Einladungslink, damit wir uns am Abend des 21.4. um 20:00 Uhr treffen und zusammen das Video sehen können.
Kurz vor unserem Termin richte ich mir meinen Fernseher ein, der aktuell aus einer Leinwand und einem Beamer besteht. Über einen angeschlossenen Chromecast kann ich den Tab meines Browsers, in dem das Theater geöffnet ist, unkompliziert auf den Beamer streamen. Der Laptop (second screen) steht vor mir und zeigt die Videokonferenz an. Neben mir liegt mein Handy, auf das ich gelegentlich zwischendurch schaue (third screen?). Zusätzlich lege ich mir einen englischen Moby Dick und einen deutschen Moby Dick zurecht, falls ich mal was nachsehen möchte.
Ein Theaterselfie, das ich so bisher noch nie aufgenommen habe.
Wir sind zu sechst in der Videokonferenz. Zuerst unterhalten wir uns kurz darüber, wie es uns so geht und was wir so machen, aber die meisten wissen das von den meisten anderen schon, deshalb dauert dieser Teil nicht lange. Während wir warten, ob noch mehr Leute kommen, teile ich im Jitsi-Chat den Link zum Moby-Dick-Zusammenfassungs-Heft, das Kathrin Passig und ich 2019 zur re:publica erstellt haben. So bekommen diejenigen, die mit Moby Dick noch nicht vertraut sind, noch schnell eine kleine inhaltliche Einführung.
Dann beginnen wir, das Theaterstück zu sehen. Den Link zur Theater-Webseite teile ich im Jitsi-Chat. Jemand schlägt vor, das Video via Screensharing in Jitsi zu schauen, aber ich mag den Vorschlag nicht so, weil ich das in meinem Second-Screen-Konzept nicht eingeplant habe. Wir einigen uns, auf Kathrins Countdown hin alle gleichzeitig auf Play zu drücken. Sofort verzögere ich mich gegenüber allen anderen, weil mein Video nicht lädt und ich die Seite neu laden muss (etwa 6 Sekunden Zeitverlust). Der Anfang ist aber sowieso nicht sehr spektakulär. An einer Stelle, als gerade 7 identisch gekleidete Männer ausdruckslos in die Ferne gucken und zusammen hin und her schwanken, spule ich mein Video 6 Sekunden vor. Jetzt bin ich wieder synchron mit den anderen.
Dass ich synchron bin, weiß ich, weil wir uns seit dem Beginn des Theaterstücks im Jitsi-Chat unterhalten. Wenn etwas besonders Erstaunliches passiert, kommentieren alle gleichzeitig, was sie davon halten. Unsere Mikros und Kameras sind deaktiviert, nur eine Teilnehmerin schaltet zwischendurch kurz ihre Kamera wieder an, um uns ihr Essen zu zeigen, das sie während der Vorstellung in den Saal, naja, ins Wohnzimmer geliefert bekommt.
Hier sieht man, dass fünf von uns ihre Kameras deaktiviert haben. Links auf dem Laptopbildschirm läuft unser Chat.
Das Theaterstück selbst finden wir alle scheußlich. Umso mehr genießen wir es, nebenbei hemmungslos zu kommentieren und zu lästern. Wir sind uns einig, dass diese Möglichkeit, sich während der Aufführung ungestört und unstörend zu unterhalten, eine deutliche Verbesserung gegenüber dem klassischen Theatererlebnis darstellt.
Ein Teilnehmer der Konferenz hat das Theater schon nach wenigen Minuten ganz klein in irgendeine Ecke des Bildschirms geschoben, um nebenher was anderes zu machen. Eine Teilnehmerin hat nebenbei eine Nintendo Switch in der Hand und spielt Rätselspiele. Eine andere Teilnehmerin hat den Tab einfach im Hintergrund offen und sieht, so wie ich das verstehe, nur unseren Livechat.
Nach etwa der Hälfte des Stücks bin ich so reizunterflutet von der schmucklosen Bühne und dem Gebaren der Schauspieler, dass ich mir etwas Schöneres ansehen möchte, nämlich die Meise, die im Vogelhäuschen an meiner Hauswand schläft und brütet. Wie im letzten Jahr haben wir auch in dieser Saison wieder einen Livestream eingerichtet. Damit die anderen mit zugucken können, teile ich den Tab mit der Meise in Jitsi als Screenshare. Jetzt hören wir alle die Tonspur des Theaters, können aber jederzeit die Meise beobachten, statt uns die Kunstblut-Schlacht auf der Bühne anzugucken. Wenn im Stück gerade besonders wenig passiert, unterhalten wir uns über die Meise und ihre Ess- und Schlafgewohnheiten.
Zwanzig Minuten vor Schluss bekomme ich eine Nachricht von jemandem, der gerne dabeigewesen wäre, aber nie aufgetaucht ist: Das Vodafone-Netz in seinem Ort ist irgendwann am Nachmittag ausgefallen, sodass er sich uns nicht anschließen konnte. Die Nachricht kann er mir erst schicken, als seine Partnerin zuhause ist und ihn tethern kann, weil sie offenbar einen anderen Handyprovider hat. Ich informiere ihn, dass er theatermäßig nichts verpasst hat.
Nach dem Stück schalten wir unsere Kameras und Mikros wieder an. Es gibt ein kurzes Debriefing, dann zeigt eine Teilnehmerin uns ihre flauschigen Haustiere, inspiriert vom Meisencontent. Wir verabschieden uns bald. Dabei habe ich einen kleinen Gehirnkurzschluss: Jemand verabschiedet sich und alle winken in die Kamera. Weil sie dabei mich angucken, fühle ich mich ebenfalls verabschiedet und logge mich aus, ohne meinen Abgang noch einmal explizit anzukündigen. Ich hoffe, dass die anderen genauso verwirrt sind und mir mein plötzliches Verschwinden nicht übelnehmen.
(Esther Seyffarth)










