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Xmas by Tim Walker.
Der Experimentierer
Sebastian Fischer, 2. August 2018, 18:45 Uhr
Tim Walter verließ die Bayern-Amateure, um Profitrainer zu werden. In Kiel müssen sie sich an seinen anspruchsvollen Fußball erst noch gewöhnen.
Wenn Tim Walter daran denkt, vor 60 000 Menschen im Volksparkstadion seine Anweisungen ins Spielfeld zu rufen, dann macht ihn das froh, aber das hat nichts mit Romantik zu tun. Natürlich hat er, der neue Trainer von Holstein Kiel, auf diesen Moment seit Jahren hingearbeitet: sein erstes Punktspiel als Profitrainer.
Natürlich liebt er die Anspannung, die Atmosphäre, das Flutlicht. Doch seine Vorfreude kann er pragmatisch erklären. "Je größer das Stadion ist, umso lauter wird's", sagt Walter, "und umso weniger hört man mich."
Er schreit ja immer so viel. Es ist ein Teil des Rufs, der ihm vorauseilt.
Für Holstein Kiel ist diese Saison, die an diesem Freitag gegen den HSV beginnt, eine Art Experiment. Nach einer herausragenden Spielzeit, die mit Niederlagen in der Relegation gegen Wolfsburg sowie dem Verlust von Trainer Markus Anfang und fast allen entscheidenden Spielern endete, muss der Klub von vorne anfangen.
Dafür hat er sich einen Trainer ausgesucht, der bislang nur Nachwuchsmannschaften trainiert hat; der im Sommer den FC Bayern verließ, um seine Karriere voranzutreiben; dem die Bayern-Fans Dankes-Transparente widmeten, obwohl er nur die U 23 in der Regionalliga trainierte; der lachend sagte: "Die Vereine suchen mich."
Walter, 42, sitzt vor dem letzten Test vor dem Zweitligastart im Schatten vor einem Münchner Hotel, Kiel wird später im Vorort Ismaning 2:3 gegen den spanischen Erstligisten Eibar verlieren. Er bestellt einen Espresso und lässt ihn zurückgehen, er ist ihm zu dünn.
Er sagt: "Mein Blick geht immer nach oben."
Walter, so viel steht fest, wird nicht an zu wenig Selbstbewusstsein scheitern. Die Frage, eine der spannenden dieser Saison, ist nun: Kann man davon vielleicht auch zu viel haben in diesem Geschäft?
Oder ist Walter einfach ein sehr guter Trainer?
Es ist längst keine Sensation mehr, kein erfolgreicher Profi gewesen zu sein und aus dem Nachwuchs zum Profitrainer aufzusteigen, Hamburgs Christian Titz ist das jüngste Beispiel. Walter kam als Spieler nicht über die Oberliga hinaus. Er studierte Sport, begann seine Trainerlaufbahn im Nachwuchs des Karlsruher SC. Er trainierte Hakan Calhanoglu, nun AC Mailand, und Sead Kolasinac, FC Arsenal. Er duellierte sich mit Julian Nagelsmann, als der noch Hoffenheims Jugend coachte.
Er machte sich einen Namen als Trainertalent.
Der FC Bayern bezahlte dem KSC rund 200 000 Euro, um Walter als B-Jugend-Trainer anzustellen, eine ungewöhnlich hohe Summe. Er wurde deutscher Meister und zum U 23-Trainer befördert. Bevor er in diesem Sommer nach drei Jahren ging, sagte er: "Der FC Bayern hat in der Jugend noch kein durchgängiges Konzept entwickelt, wo er hinwill." Als er sich zum Abschied mit Uli Hoeneß traf, bekam er den Hinweis, sich stets melden zu dürfen.
Und er bekam den Rat, ruhiger zu werden.
In Ismaning, gegen Eibar, steht Tim Walter am Seitenrand und schreit, die Arme in der Luft. Er fordert von seiner Mannschaft durchaus komplizierten Fußball: Der Spielaufbau soll schon mit anspruchsvollen Pässen des Torwarts beginnen. Er will mit hohem Gegenpressing spielen lassen -- direkter Ballgewinn nach Ballverlust.
Den Umschaltfußball, den gerade alle spielen, kann er nicht leiden. Walter will, dass sein Team den Ball laufen lässt, sich zudem nur in der Rückwärtsbewegung streng an Positionen hält. "Mit Ball kann es sein, dass der linke Defensive auf der Zehn spielt."
Gegen Eibar klappt das noch nicht immer so richtig. "Mehr Geduld", ruft Walter auf den Platz, "bleib ruhig", schreit er. "Bleib doch mal entspannt!" In der Regionalliga Bayern gab es nur manchmal vierte Schiedsrichter als Aufpasser für die Coaching-Zone. Meistens hat er sich mit ihnen angelegt.
Kiel spielte in der vergangenen Saison unter Markus Anfang mit einer simpleren Organisation. Die junge Kieler Mannschaft kombinierte sich jedoch oft in einen Rausch, der Aufsteiger war eine Attraktion in einer eher biederen Liga. Die Protagonisten hießen Rafael Czichos, Dominick Drexler oder Marvin Ducksch. Czichos, Kapitän und Innenverteidiger, ist wie Drexler dem Trainer zum 1. FC Köln gefolgt. Top-Scorer Ducksch spielt nun bei Fortuna Düsseldorf.
Insgesamt sind fünf Stammspieler gegangen, viele waren nur ausgeliehen. Mittelfeldspieler Alexander Mühling gehört zu jenen, die geblieben sind. "Es war eine schöne Saison", sagt er.
Der Aufstieg?
"Schade, dass es nicht geklappt hat. Aber es geht immer weiter." Das neue System sei schwierig, aber gut. "Es hat diesen Überraschungseffekt. Der tut uns gut."
Und der Trainer?
"Er redet mit uns sehr viel."
Nach Kiel hat Walter der Sportdirektor Ralf Becker geholt. Sie kennen sich lange, haben früher in Karlsruhe zusammen Skat gespielt. Doch auch Becker ist nun weg -- zum HSV.
Entsprechend kompliziert war die Kaderplanung, der neue Sportdirektor Fabian Wohlgemuth, zuvor Nachwuchsleiter beim VfL Wolfsburg, kam erst Anfang Juni. Die meisten Zugänge sind sehr jung, es sollen noch ein paar dazukommen.
In der vergangenen Woche gelang Wohlgemuth und Walter jedoch ein Coup, als sie für weniger als eine Million Euro den Südkoreaner Jae-song Lee verpflichteten, einen Mittelfeldspieler, der bei der WM Deutschland besiegte.
Kiel soll sich gegen Konkurrenz aus der Bundesliga und dem Ausland durchgesetzt haben.
Martin Rose/Getty Images
Und nun?
Man müsse ein paar Erwartungen relativieren, ein Neuanfang brauche Zeit, sagt Wohlgemuth. In Kiel wird gerade das Stadion umgebaut, der Aufstieg wäre nur mit Ausnahmegenehmigung möglich gewesen, die Bedingungen sollen an den Profifußball angepasst werden. "Mein Ziel ist es, dass die Leute gerne Fußball gucken. Ich möchte eine Vorfreude schaffen, ohne großartig Erwartungen zu schüren", sagt Walter.
Er sagt allerdings auch: "Ich will die Mannschaft dazu bringen, dass sie glaubt, jedes Spiel gewinnen zu können."
Die Kieler Nachrichten bereiten ihre Leser vorsorglich auf eine Saison im Kampf gegen den Abstieg vor. Wohlgemuth versichert, der Verein werde auch bei ein paar womöglich wackligen Spielen zu Beginn die Ruhe bewahren.
Walter sagt, er könne sich natürlich auch anpassen.
Tim Walter hat in diesem Sommer übrigens zweimal mit Uli Hoeneß telefoniert, es ging um Adrian Fein und Maxime Awoudja, zwei Spieler aus der U 23 des FC Bayern. Walter hätte sie gerne. Hoeneß sagte Nein.
Manchmal ist es im Fußball eben nicht so einfach.
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