Lecture Reporting by Bettina Landl // TRIAL MODE #1 // Stephan Dillemuth //
The Academy and the Corporate Public // Forum Stadtpark // 28.03.2014 // 19:00
Fuck Research - A Journey into the Dark
Die Tücken einer Kritik am Strukturellen
Beredt ist die Stimmung; umtriebig, aber entspannt die Atmosphäre; gezwungenermaßen manieriert, doch lässt sich hinter der Inszenierung ein ehrliches Bemühen um Authentizität erkennen. Institutionskritik als oberstes Gebot – zuzüglich der Anstrengung nicht in genau denselben Jargon mit demselben Habitus zu verfallen, der an den viel gescholtenen Einrichtungen der Wissensakkumulation und -transformation gepflegt wird.
Schon Freitagabend wird während des Vortrags von Stephan Dillemuth zum Thema „The Academy and the Corporate Public“ klar, wie das Credo der folgenden Tage lautet: Akademie ja - Institution nein. Die Ausbildung soll frei und offen sein, die individuelle Entwicklung gefördert und die Findung einer jeweils eigenen und autonomen Sprache ermöglicht werden. Der optimistische Glaube an einen kulturellen Fortschritt wie auch an die vernünftige Ordnung der Wirklichkeit bildet hierfür die Basis. Dabei sind weder die Inhalte noch die Methode fremd. Es werden lediglich neue Akzente gesetzt. Mitunter erinnert das Bestreben an Kants Erläuterungen zu den Prinzipien des Denkens, dessen Transzendenz auf die Wahrnehmung folge, wobei Denken (Verstand) und Wahrnehmung (Sinnlichkeit) die Quelle der Erkenntnis ausmachen.(1)
Unzählige Glühbirnen, an der Decke installiert, scheinen zur Erinnerung an vergangene Zeiten zu gemahnen. Einst hatte die Avantgarde hier ihre Gedankenschmiede eingerichtet. Abwechselnd gehen Lichter an und aus. Mittels des dynamischen Spiels wird ein metaphorisches Bild erzeugt, das die Vorgänge still begleitet. Vereinzelt tauschen Personen immer wieder ihren Sitzplatz. Dadurch wird eine Bewegung im Raum simuliert und gleichzeitig Denkprozesse visualisiert. Auch die Initiatoren des ersten offenen Betriebs, der in Folge einer schon seit Jahrzehnten angedachten und ersehnten Kunststätte auf akademischem Niveau mit Blick auf internationale Standards und Systeme in Graz realisiert wird, verändern und formen den transparenten und von außen einsehbaren Raum durch ihre stete Wanderung durch denselben.
Der Probebetrieb mit seiner Absicht, zeitgenössische Kunst zu (ver)lernen, hat stets den Kollektivismus im Blick. Dieser meint eine dem kapitalistischen Egoismus und Individualismus entgegen gesetzte Denkweise und Gesinnung, womit er in den politischen Bereich vordringt.(2) Unter anderem geht es um die Faktoren und Funktionsweisen von Kontrolle und Autonomie, um den Einzelnen und die Masse, die Macht der Gruppe und um Zukunft, um die Potenz der Stadt als sozio-kultureller Ort sowie des „open mode" - im Sinne des programmatischen Ideals des Liberalismus, das nicht-geschlossene Staatsverfassungen und Gesellschaftsordnungen kennzeichnen, in welchen es möglich ist, soziale Missstände schrittweise zu mildern oder zu beheben.(3) Dabei scheint durchaus die Gefahr zu bestehen, der Betrieb könne dem kategorisch Neo-Hippiesken wie auch –Linken verfallen.
Stephan Dillemuth öffnet mit seiner Rede die "society of control" und knüpft an die schon Mitte der 1990er Jahre geführten Debatten zur "Akademie" an. Überlegungen und Kritik an der "society" und deren "privatization" sind eben nichts Neues. Es fallen Begriffe wie "therapy", die an das Scheitern des schon des Öfteren unternommenen Versuches, hier eine Akademie zu initiieren und zu installieren, erinnern. Eine leise Ernüchterung, ja, ein Misstrauen an der Realisierbarkeit dieses Vorhabens? Doch möchte man sich nicht von bisherigen Fehlversuchen aufhalten lassen. Laut Dillemuths Erfahrung ist es zweifellos eine Tatsache, dass solcherart Initiativen am System scheitern. Gleichzeitig zieht er den historischen Strang bis zurück in die griechische Antike, bis zu Platos Akademie und definiert das Wesen eines „Systems“, das der Verlust der Unterschiede sowie der Kommunikation und des fruchtbaren Austauschs charakterisieren. Die Akademie fungiere als ein "Forum", das Daten erfasst und verifiziert, sei zeitlich limitiert und deshalb unter Druck. Doch plädiert Dillemuth dennoch für die Selbstorganisation.
Am Beginn stehe immer eine konkrete Frage, denn "first of all: We need a Problem". Dabei erklärt Dillemuth, was Forschung überhaupt bedeutet und welche Frage nach deren Beantwortung drängen. Schlagworte wie "Neo-Liberalismus" und "Neue Globalisierung" fallen. Auch die "Angst“ der Öffentlichkeit wird angesprochen, dass man diese aushandeln solle, eine "more fashioned idea of the public sphere" benötige und dass Untersuchung keine Forschung sei. "Don't work with stuff, which already exist“, so Dillemuth.
Experimente seien erforderlich, die dann evaluiert werden, worauf weitere Experimente folgen, die wieder evaluiert werden und so fort. Erst dann bestehe die Möglichkeit etwas zu entdecken, dass man noch nicht kennt.
Verkopfung sei abzulehnen und Theoretisierung anzuzweifeln. Forschung sei eine Reise ins Ungewisse. Ein Künstler ist laut Dillemuth ein selbstbestimmter Mensch, wobei die Gleichung "artist = researcher" gilt und an Joseph Beuys' Aussage "Jeder Mensch ist ein Künstler" erinnert. Die Kontrollgesellschaft sei "out of control", dabei sei Forschung ein Mittel zur Entmündigung und wirke der Ermächtigung unserer grundsätzlichen Mündigkeit entgegen. Ratsam wäre eine
"I give a fuck"-Attitüde. Es solle damit begonnen werden, Grenzen auszutesten, ähnlich wie wir es als Kind getan haben. So heißt es beispielsweise in Friedrich Schillers Ausführungen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“: „Der Mensch, wissen wir, ist weder ausschließend Materie, noch ist er ausschließend Geist. Die Schönheit, als Konsummation seiner Menschheit, kann also weder ausschließend bloßes Leben sein, wie von scharfsinnigen Beobachtern (...) behauptet worden ist und wozu der Geschmack der Zeit sie gern herabziehen möchte; noch kann sie ausschließend bloße Gestalt sein, wie von spekulativen Weltweisen (...) und von philosophierenden Künstlern (...) geurteilt worden ist: sie ist das gemeinschaftliche Objekt beider Triebe, das heißt, des Spieltriebs.“(4)
Dillemuth fordert "Don't limit yourself" und ruft zum Verlassen der Komfortzone auf. Es solle in Gruppen gearbeitet werden, die sich an Traditionen wie etwa den Surrealisten oder Situationisten orientieren. Die Universität sei hingegen ein Feld der Reproduktion - diese will aber vermieden werden - eher gilt "lifelong learning" im Sinne eines "open knowledge" sowie "open source".
Daran anknüpfend ist Shuruq Harbs Vortrag zu „ArtTerritories“ zu verstehen, in dem es um Wissensproduktion und dessen konstanten Austausch geht. Harb empfiehlt, sich selbst, entgegen tradierter Kategorien, in immer andere Kontexte zu setzen. "Displace yourself and transfer ideas into another." Im Sinne von call and response und mit dem Wissen, dass Partizipation die Grundlage der politischen Gemeinschaft bildet, heißt es: Connect! Communicate! Discuss!