29.08.2018
25 Jahre Schreiblabor – Wie hat Technik mein Schreiben beeinflusst?
Die stärksten Veränderungen durch Technik liegen bei mir mehr als 25 Jahre zurück:
Ich habe 1960 mit dem Studium von Politikwissenschaft, Geschichte und Germanistik begonnen. Damals habe ich noch alles mit der Hand geschrieben und aus Büchern auf Karteikarten exzerpiert. Die Reinfassung der Arbeiten habe ich mit einer mechanischen Schreibmaschine getippt. Dafür habe ich mir das 10-Finger-System beigebracht. Tippfehler wurden mit Tipp-Ex korrigiert. Bis zu zehn Durchschläge waren möglich. (Ich habe noch einige Arbeiten aus dieser Zeit.)
Anfang der 70er Jahre bekam ich eine elektrische Schreibmaschine, mit der ich viel leichter und schneller tippen konnte. Weiterhin habe ich eine erste Fassung meiner Texte mit der Hand geschrieben und sie anschließend getippt. Wenn ich etwas am Text verändern wollte, habe ich die Seiten auseinandergeschnitten und Textpassagen eingeklebt. Die Rohfassung meiner Diss (1975) bestand aus langen Fahnen aneinander geklebter Passagen. Statt mit der Hand zu exzerpieren, konnte man nun aus Büchern Seiten kopieren. In Bibliotheken und Archiven bestand außerdem die Möglichkeit, Dokumente zu filmen, weshalb man ebenfalls weniger exzerpieren musste. Dies hatte Vor- und Nachteile: Man sparte enorm Zeit, machte sich das Kopierte aber längst nicht so intensiv zu eigen wie bei einem Exzerpt.
Die Belegexemplare meiner Diss habe ich mit Hilfe eines Kopierers produziert: die getippten Seiten verkleinert und so vervielfältigt, dass man sie zum Schluss in der Mitte durchschneiden und anschließend binden lassen konnte. Eine Denkaufgabe!
Wenn Texte vervielfältigt werden sollten, schrieb ich sie auf eine Wachsmatrize, von der Abzüge gemacht werden konnten.
Anfang der 80er Jahre ging ich dazu über, meine Texte zunächst in ein Diktiergerät zu sprechen und dann abzutippen. Das hat mir ganz wesentlich geholfen, meine Schreibhemmungen zu überwinden.
Mitte der 80er Jahre konnte ich einen Computer nutzen, um die Kursbescheinigungen für meine KollegiatInnen zu schreiben. Dafür schrieb mir mein Mann Werner Paarmann ein Computer-Programm auf eine Audio-Kassette. Die Texte schrieb ich auf einer Schreibmaschine, die an den Computer angeschlossen war. Der dazu gehörende Nadeldrucker konnte mehrere Durchschläge produzieren.
Bald hatte ich auch einen eigenen PC, der die Schreibmaschine ersetzte und ebenfalls an den Nadeldrucker angeschlossen werden konnte. Die Vorläufigkeit des Getippten, die Möglichkeit, jederzeit etwas zu verändern, zu verbessern, Textteile hin- und herzuschieben erleichterte mir die Textproduktion enorm. Während mir früher das Schreiben oft schwer fiel, macht es mir jetzt auch Spaß.
In den letzten 25 Jahren war für mich die E-Mail die wichtigste technische Neuerung. Sie ersetzt mir seither viele Briefe und Telefonate und beschleunigt viele Vorgänge. Allerdings wird mir die Erwartung, immer sogleich auf eingehende Nachrichten und Anfragen zu reagieren, oft auch zur Plage.
(Helga Jung-Paarmann)




