Das lange Leben der Unsummendose
Ich telefoniere (soweit ich mich zum Aufschreibezeitpunkt 2021 erinnere), auch während meiner Pubertät schon nicht besonders gern oder lang. Für meinen sparsamen Vater ist es trotzdem zu viel, und da der Fernsprechwandapparat 791 (farngrün) neben dem Esstisch an der Wand hängt und so die ganze Familie jedes Gespräch mit anhören kann, spüre ich die elterliche Missbilligung während jedes Telefonats. Irgendwann wird es mir zu blöd. Ich grundiere den Deckel einer blechernen Bonbondose mit Tipp-Ex (grau, da es sich um Tipp-Ex speziell für ungebleichtes Umweltschutzpapier handelt) und beschrifte sie mit Bleistift:
Man kann es jetzt nicht mehr gut erkennen, aber die beiden S im Wort UNSUMMENDOSE waren einmal Dollarzeichen.
In diese Dose lege ich jetzt nach jedem Ortsgespräch 23 Pfennig. Bei Ferngesprächen muss ich die Kosten schätzen, einen Einheitenzähler hat das Telefon nicht.
2021 existiert diese Dose immer noch, sie steht auch noch am selben Ort, auf dem Fensterbrett neben dem längst abgeschafften farngrünen Wandapparat. (An dessen Ort hängt ein neueres Telefon, das aber nicht mehr funktioniert und nur noch da ist, weil an dieser Stelle sonst nackte Kabel aus der Wand kämen.)
Die Unsummendose gibt in letzter Zeit Anlass zum Ärger, weil der Münzgeldnachschub coronabedingt weitgehend versiegt ist. Ich habe seit einem Jahr fast alles bargeldlos bezahlt. Die Mutter geht einmal pro Woche auf den Markt, wo sie nicht einmal dann bargeldlos bezahlen könnte, wenn sie wollte, was nicht der Fall ist. Das Wechselgeld, das sie dort bekommt, ist die letzte Münzgeldquelle des Haushalts.
Aus der Unsummendose müssen aber drei Transaktionen weiterhin bar bestritten werden: Der Kauf von Eiern auf einem Bauernhof (10 Stück 3 Euro). Die Bezahlung des Pfarrbriefs, der alle 14 Tage an die Haustür gebracht wird (je 50 Cent, wobei dieser Sachverhalt von meiner Mutter als “geh, a Markl brauchma!” durchs Haus gerufen wird. Erst beim Aufschreiben dieses Beitrags wird mir klar, dass es sich dabei um eine korrekte Umrechnung handelt und nicht, wie ich bisher dachte, um einen umgangssprachlichen Ausdruck für “einen Euro”.) Drittens die Bezahlung von Lebensmitteln, die die Nachbarn mitbringen, wenn zwischen unseren Einkäufen etwas fehlt. Da das nur Ergänzungskäufe vom Umfang von “eine Milch und ein Becher saure Sahne” sind, handelt es sich um sehr kleine Beträge, und weil die Mutter keine offenen Rechnungen mit den Nachbarn haben möchte, steht auch eine Vorauszahlung mit Scheinen nicht zur Debatte. Münzgeld ist erforderlich.
Alle Hosentaschen, Manteltaschen, Jackentaschen, Autoablagen und sonstigen traditionellen Kleingeldverstecke sind inzwischen geleert. Die Unsummendose enthält nur noch einen fast nutzlosen Bodensatz:
Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal im Netz gesucht, ob es vielleicht Münzwechselautomaten in Deggendorf gibt. Also solche, die aus Scheinen Münzen machen und an öffentlichen Orten manchmal dort stehen, wo Münzen gebraucht werden, zum Beispiel ... ich weiß es nicht mehr, denn ich habe schon lange keinen solchen Automaten mehr benutzt. Gab es sie nicht manchmal in Parkhäusern oder neben Bahnhofsschließfächern?
Aber entweder hat so etwas in Deggendorf noch nie existiert, oder es gibt jetzt keine solchen Automaten mehr, oder es gibt sie zwar vielleicht noch, sie werden aber von keiner Suchmaschine erfasst. Den Begriff “Münzwechselautomat” deuten DuckDuckGo und Google jedenfalls ausschließlich als “Automat, in den man Kleingeld einwirft, um Scheine oder ein Guthaben zu bekommen”, nicht als “Automat, in den man Scheine stecken kann, um Münzen zu bekommen”. Das ist ein bisschen absurd, weil ich diese erste, neuere Automatensorte oft vermisst habe und weiterhin für großartigen neumodischen Luxus halte. Aber jetzt gerade fehlt eben das Gegenteil.